Thilda & die beste Band der Welt (2018)

Einmal quer durchs Land, stets Musik im Ohr, den Fahrtwind im Haar, und weite Landschaften ziehen vorbei – das sind die Grundbausteine jugendlich-bewegter Roadmovies, und Thilda & die beste Band der Welt macht aus diesen Bausteinen nicht nur einen witzigen Film, sondern setzt dabei auch die Landschaften Norwegens so wunderschön ins Bild, dass man sogleich aufbrechen möchte zur Norwegischen Rockmeisterschaft in Tromsø.

Dorthin sind Grim, Aksel, Thilda und Martin unterwegs mit ihrer Band Los Bando Immortale. Eigentlich besteht die Band nur aus Grim (Tage Johansen Hogness) und Aksel (Jakob Dyrud) – aber dann haben sie nach einem Bassisten gesucht und auf den Aufruf, mit dem sie ihre ganze Kleinstadt tapeziert hatten, meldete sich nur Thilda (Tiril Marie Høistad Berger). Mit 9 Jahren noch einmal 3 Jahre jünger als die beiden Jungs. Sie spielt Cello, nicht Bass, allerdings so gut, dass sie gerne mit ins Wohnmobil springen darf, und dann geht es los.

Ein Roadmovie (nicht nur) für Kinder, fast ohne Platitüden und nicht immer ganz gerade gesungen… hach! Meine Kritik steht drüben bei kino-zeit.de. (Altersempfehlung: ab 8 Jahren)

THILDA & DIE BESTE BAND DER WELT – Trailer HD

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(Foto: farbfilm Verleih)

Ein paar Absätze zum deutschen Kinderfilm

An diesem Donnerstag beginnt in Weimar eine kleine, sehr feine Tagung, auf die ich mich jetzt schon seit Monaten freue: „Zukunft Kinderfilm“, organisiert vom Kuratorium junger deutscher Film. Die Tagung steht unter dem Motto „Lasst uns die Zukunft des Kinderfilms gemeinsam gestalten!“ und lässt, hurra, das Ergebnis wirklich sehr, sehr offen.

Dass die Tagung dennoch eine bestimmte Richtung nehmen könnte, lässt sich schon aus der ersten Pressemitteilung ablesen:

Alles ist möglich! – betrachtet man die Welt aus Kinderaugen. Auf der Kinoleinwand hingegen sehen Kinder seit Jahren hauptsächlich bekannte Bücherhelden, ein Sequel jagt das nächste. […] Kindern im Kino ein breites Spektrum an Filmen zu präsentieren und sie mit unterschiedlichsten Themen und visuellen Macharten für das Kino zu begeistern, kann ein Schlüssel sein, um das Kinopublikum von morgen zu gewinnen.

Daher fragen wir uns:

  • Was möchten Kinder unterschiedlicher Altersgruppen im Kino sehen?
  • Wie und wo sind die einzelnen Zielgruppen zu erreichen?
  • Was sind Erfolgs- und Qualitätskriterien für Kinderfilme?
  • Wie lassen sich die Erfolgschancen des deutschen Kinderfilms optimieren?

Die Ausschreibung spricht – Leser_innen dieses Blogs ahnten es sicher schon – in vielem tief aus der Seele. Ich freue mich auf den Austausch und werde hier im Blog auf jeden Fall berichten.

Vorab aber vielleicht, auch zum Ordnen meiner Gedanken, ein paar Absätze zu Gegenwart und Zukunft des deutschen Kinderfilms. Keine Thesen, originell ist das auch nicht, was ich zusammentrage, sondern eher eine Bestandsaufnahme mit Fragen:

Im Kontext des deutschen Films schneidet der Kinderfilm wirtschaftlich relativ gut ab.

Sieht man sich die Zahlen der Filmförderungsanstalt (FFA) an – falls ich hier etwas falsch interpretiere, bitte ich erfahrenere Statistikleser_innen um Korrektur –, entfallen in den letzten Jahren mit Schwankungen etwa 25% der Kinobesuche in Deutschland (und damit 20-25% des Umsatzes) auf Filme, die zumindest mit deutscher Beteiligung entstanden sind. (In Frankreich und Großbritannien ist der Anteil der „heimisch“ gesehenen Filme mit etwa einem Drittel noch einmal deutlich höher). Unter den Top 20 der deutschen Filme waren dabei sieben (2017) bzw. acht Kinderfilme (1. Halbjahr 2018).

Deutsche Kinderfilme sind fast immer Verfilmungen und/oder Fortsetzungen.

Darüber beschwere ich mich heute nicht zum ersten Mal. Sowohl 2017 und 2018 waren jeweils ein Viertel der Filme in den Top 100 Kinderfilme – darunter befanden sich in beiden Jahren zusammengenommen insgesamt vier Filme, die nicht auf einer (meist) literarischen oder (selten) anderweitigen Vorlage beruhen. In stark absteigender qualitativer Reihenfolge: Königin von Niendorf, Auf Augenhöhe, Amelie rennt, Überflieger – Kleine Vögel, großes Geklapper. (Grenzfälle sind vielleicht Die Pfefferkörner, die auf der TV-Serie basieren, und Hilfe, ich habe meine Eltern geschrumpft – allerdings die Fortsetzung von Hilfe, ich habe meine Lehrerin geschrumpft, welches wiederum auf einem Buch basiert.)

Die deutsche Filmförderung ist an diesem Elend wohl mitschuldig.

Gerade erst im vergangenen Jahr gab es (wieder einmal) sehr lange Diskussionen zu der Frage, wie eigentlich die Filmförderung in Deutschland sich zu verstehen habe – primär als Wirtschafts- oder primär als Kulturförderung? Die Praxis (und neue Richtlinien der FFA) deuten eher in die erste Richtung, aber natürlich gibt es genug Stimmen, die sich (mit zum Teil sehr konkreten Ideen) für eine kulturelle Ausrichtung aussprechen. Oder man schlägt den Bogen noch weiter – erst im April dieses Jahres hat sich eine Tagung in Frankfurt an den ganz großen Wurf gewagt.

Das Problem mit der Filmförderung ist da, wenn man Edgar Reitz folgt, der sich dazu erst kürzlich wieder geäußert hat, dass die Bewerbungen bei verschiedenen Institutionen dazu führen, dass alle Filme sich in einem alltäglichen Mittelmaß zusammenfinden:

Es entsteht sozusagen eine nationale Filmästhetik, die durch dieses System zustande kommt. Das Ergebnis ist, um es auf einen einfachen Begriff zu bringen: In den deutschen Filmen spielt Relevanz, also „diskutierbarer Inhalt“, der als relevant empfunden oder definiert wird, eine entscheidende Rolle.

Mittelmaß kann es ja nicht sein, aber was wollen wir denn eigentlich?

Das ist in der Tat die spannende Frage, die allen anderen vorangestellt sein will: Was sind eigentlich die Kriterien, die einen „guten“ Kinderfilm ausmachen? Welche Begriffe gibt es da – Originalität? Authentizität? Ästhetik? Politische Bedeutung? -, oder gehen wir doch zum (bitte nicht) „lehrreichen“ Kinderfilm zurück? Oder zählt nur gute Unterhaltung? Und wenn ja, was sollte das genau sein?

Die Frankfurter Tagung hat in ihren „Frankfurter Positionen zur Zukunft des deutschen Films“ auch noch weitergegriffen, in Richtung Marketing und Filmbildung – auch diese beiden wären meiner Meinung nach wichtige Themenfelder, über die man sich für die Zukunft des Kinderfilms (für mich muss er keineswegs Deutsch sein – Europäisch, International, nehme ich alles) Gedanken machen sollte. Denn wo, wenn nicht im Kinderfilm, beginnt die Filmbildung?

(Foto: LUPA Film)

Deine Stimme ist nichts wert: Kinderrechte im Kinderfilm

Pequeñas voces – Stille Stimmen kann anfangs einlullen mit einer gewissen Niedlichkeit. Kinder erzählen davon, wie es bei ihnen zuhause früher war: Schabernack mit den Geschwistern, das Leben auf dem Land. Wär’s nicht in spanischer Sprache, es könnte auch die Szenerie eines deutschen Kinderfilms sein: Viel heile Welt, ein paar handzahme Konflikte. Doch die Friedlichkeit am Anfang ist Konzept, dann bricht die Grausamkeit des kolumbianischen Bürgerkriegs in die Erzählungen ein. Mit Familien, die auf einmal mitten in der Kampfzone unter ihren Betten liegen, mit mörderischen Erlebnissen bei der Zwangsrekrutierung neuer „Soldaten“.

Jairo Eduardo Carrillo wählt einen quasi-dokumentarischen, nur oberflächlich einfach wirkenden Zugang auf die sehr komplizierte Frage: Wie soll man Filme machen über das Leid, welches Kindern oft widerfährt? Wie den Bruch von Kinderrechten filmisch thematisieren, wenn man es nicht rein dokumentarisch, mit erhobenem Zeigefinger und/oder nur für Erwachsene machen möchte? Oder sind das einfach kindertaugliche Geschichten über allgemeines Unrecht? Kinderrechte sind, das sollte nicht untergehen, schlicht Menschenrechte, nur präziser auf eine bestimmte, besonders verletzliche Gruppe hin interpretiert.

Zum Internationalen Kindertag am 1. Juni hatte ich mir auf kino-zeit.de Gedanken darüber gemacht, wie Kinderrechte und deren Bruch in Filmen wie Pequeñas voces, Der Junge und die Welt, Horizon Beautiful oder Der Krieg der Knöpfe thematisiert werden. Das ist zwar schon eine Weile her, aber der Text ist deswegen ja nicht weniger aktuell geworden.

(Foto: Roman Film)

Willkommen in Gravity Falls (2012-2016)

Fernsehserien für Kinder haben nicht unbedingt den besten Ruf. Ich selbst sollte das gewissermaßen aus professioneller Perspektive differenzierter sehen und tue mich schon schwer damit, so stark drängt sich auf den Bildschirmen der Eindruck auf, da gehe es viel zu laut, viel zu bunt und viel zu schreiend zu. Und nun gibt es ausgerechnet vom Unterhaltungsgiganten Disney, dessen Fernsehsender man geradezu als Verkörperung meiner negativen Vorurteile ansehen kann (laut, grell, viel zu schnell für meine alten Augen, ach, diese Jugend von heute!), eine Serie, die alles Großartige vereint, was man sich vom TV der Gegenwart nur wünschen mag – sie ist sogar schon ein paar Jährchen alt, aber jetzt mit allen zwei gloriosen Staffeln auf Netflix verfügbar. (Alternative: Amazon Video.)

Die Trickfilmserie Willkommen in Gravity Falls verbindet einen mainstream-tauglichen Mystery-Plot mit sehr nerdigen, aber liebenswerten Figuren, cleveres serielles Erzählen, das von der ersten Folge in Staffel 1 bis zum großen Finale am Ende von Staffel 2 immer dichter und komplexer wird, und brillant versteckte popkulturelle Anspielungen zu einer einzigartigen Melange. Was leicht so düster hätte werden können wie Stranger Things ist stattdessen eher (der Titel lässt es erahnen) schräg und mysteriös wie Twin Peaks, aber zugleich eine hell leuchtende, sehr, sehr witzige Serie für etwas ältere Kinder und begeisterungsfähige Erwachsene. Mit Zombies.

Meine lobpreisende Ode auf Willkommen in Gravity Falls gibt es schon seit ein paar Wochen drüben bei kino-zeit.de; sie wäre nicht möglich gewesen, wenn mich nicht Spinatmädchen auf die Serie aufmerksam gemacht hätte. Danke!

(Foto: Disney XD)

Die Unglaublichen 2 (2018)

Gerade eben hatte sich die Familie Parr wieder zusammengerauft, da bebt die Erde – und mit einer riesigen Bohrmaschine taucht der maulwurfartige „Tunnelgräber“ auf. Zeit also, die Masken aufzusetzen und den Bösewicht einzufangen, der es auf sehr, sehr viel Gold abgesehen hat. Ich verrate aber wohl nicht zu viel, wenn ich sage, dass der Gangster samt seiner Beute entwischt und bei der wilden Jagd mitten durch Municiberg so einiges zu Bruch geht – eine Hochbahn ebenso wie Häuser, Autos und mehr.

Das Szenario, mit dem Die Unglaublichen 2 beginnt, schließt nahtlos an die letzten Sekunden von Die Unglaublichen (amazon) an, der 2004 als ziemliche Überraschung auftauchte. Natürlich hatten sich die Menschen von Pixar mit den beiden Toy Story-Filmen und Findet Nemo schon einen Namen gemacht, aber mit einem so großartigen Film über Superheld_innen hatte wohl kaum jemand gerechnet. Zumal zu diesem Zeitpunkt zwar Sam Raimi schon seinen ersten Spider-Man gemacht hatte, das „Cinematic Universe“ von Marvel aber allenfalls eine vage Möglichkeit erschien.

Die Unglaublichen 2 ist alles mögliche, vor allem aber einer der elegantesten, spannendsten und am wenigsten verdrucksten Superheld_innen-Filme der letzten Jahre – mit außerdem der niedlichsten Laserpistole der Filmgeschichte. Meine ausführliche Kritik steht bei kino-zeit.de.

(Foto: Disney/Pixar)

Mary und die Blume der Hexen (2017)

Ihre Eltern haben viel zu tun, deshalb wurde Mary schon einmal zu ihrer Großtante Charlotte in das große Haus vorausgeschickt. Da hat sie nicht viel zu tun, und bei der Hilfe in Haus und Garten stellt sie sich leider recht ungeschickt an. Bei einem Spaziergang im benachbarten Wald führen sie zwei Katzen aus dem Dorf zu einer geheimnisvollen blauen Blume; der Gärtner ihrer Großtante erkennt in ihr die „Flieg-bei-Nacht“, die der Legende nach von Hexen wegen ihrer magischen Kräfte geschätzt und gesucht wird.

Bald darauf, dichter Nebel liegt über dem Wald, findet Mary im Wald, von einem Baum fast umwachsen, einen alten Besen; als sie versehentlich mit einer Blüte der „Flieg-bei-Nacht“ dagegen stößt, gibt diese eine blau leuchtende Substanz ab, die den Besenstiel mit magischer Kraft versieht – und eh sie sich’s versieht, fliegt sie auf dem Besen durch die Wolken und zu einer großen Gebäudeanlage im Himmel: der Endor-Universität für Magie.

An diesem Punkt könnte man meinen – Mary bekommt eine ausführliche Führung der Schule durch die Direktorin Madam Mumblechook, und erst einmal sieht alles schön und aufregend aus –, man habe es bei Mary und die Blume der Hexen mit einem Abklatsch von Harry Potter zu tun. Was natürlich schon allein deshalb nicht stimmt, weil Mary Stewart ihr Kinderbuch The Little Broomstick, auf dem der Film beruht, bereits 1971 veröffentlicht hat. Es stimmt aber auch deshalb nicht, weil die magische Universität und ihre Leiterin hier sehr schnell eine dunkle Seite zeigen: Mary braucht ihren Besen nicht für Quidditch, sondern um sich selbst und andere zu retten.

Der schöne Film von Hiromasa Yonebayashi kommt am 13. September 2018 in die deutschen Kinos; meine ausführliche Besprechung dazu findet sich drüben bei kino-zeit.de.

Mary und die Blume der Hexen Trailer Deutsch German (2018)

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(Foto: Peppermint Anime)