Der Kinderfilm als neuer alter Heimatfilm?

“Karibik is‘ für Loser.” In der Welt von Conni & Co. 2 – Das Geheimnis des T-Rex sind die schönsten Sommerferien die, die auf der Kanincheninsel verbracht werden können, direkt vor den Toren von Neustadt, das auf den Luftaufnahmen allenfalls Kleinststadt ist und sicher nicht neu – alles schöne alte Häuser, feine Gassen und freundliche Menschen. […] Der Kitsch des friedlichen Neustadts und seiner glücklichen Bewohner ist nur einer der Gründe, warum der von Til Schweiger inszenierte Kinderfilm so grundlegend missraten ist. Zugleich aber ruft Conni & Co. 2 eine Konstellation auf, die der deutsche Kinderfilm sehr genau kennt: Das bedrohte Idyll. Genauer noch: Das Idyll von schönen, scheinbar unberührten Landschaften, das durch böse Geschäftemacher bedroht wird. […]

Viele der neuen Kinderfilme, auch deutlich über den Pferdefilm hinaus, wirken aber so, als wollten sie es sich in ihren Postkartenidyll-Landschaften so gemütlich einrichten wie einst der Kintopp zu Adenauers Zeiten mit Schwarzwaldmädel und Grün ist die Heide. Dass dabei die Schwerpunkte etwas verschoben werden, dem 21. Jahrhundert angepasst, muss nicht verwundern.

Vielleicht übertreibe ich ja, aber ich sehe in vielen Kinderfilmen des deutschen Kinos, von Ostwind bis natürlich Immenhof – Das Abenteuer eines Sommers, von Conni & Co. bis Hanni & Nanni Elemente eines neuen, im Geiste sehr alten Heimatfilms aufleuchten. Genauer habe ich das für kino-zeit.de zu beschreiben und zu kritisieren versucht.

Was denkt Ihr dazu? Eure Meinung würde mich sehr interessieren!

(Foto: Concorde)

“Outdated cultural depictions”

„This program is presented as originally created. It may contain outdated cultural depictions.“ Schon bald nachdem kürzlich der Streaming-Service Disney+ in den USA verfügbar wurde, fiel den ersten Nutzer_innen auf, dass die Inhaltsbeschreibungen zu einigen wenigen Filmen um diese kurzen zwei Sätze erweitert waren.

Die User fanden die Formulierungen unter anderem bei Peter Pan und Geliebter Haustyrann, aber auch in den Inhaltsangaben zu den Klassikern Das Dschungelbuch, Susi & Strolch, Aristocats sowie Dumbo, der fliegende Elefant. Da alle diese Filme Szenen enthalten, die schon seit längerer Zeit als rassistisch diskutiert und kritisiert werden, liegt die Vermutung nahe, dass die Sätze präventiv auf diese rassistischen Darstellungen hinweisen sollen. Sie sind jedoch so vage gehalten, dass sich dies eben nur indirekt ableiten lässt. Bei anderen Filmen, die wie z.B. Aladdin in ihren rassistischen Stereotypen ebenso umstritten sind, fehlt die Formulierung; ein offizielles Statement von Disney gibt es bis heute nicht dazu.

Für kino-zeit.de habe ich vergangene Woche darüber nachgedacht, warum Disney hier im Vergleich zu anderen Filmstudios so halbherzig herumdruckst und was das mit dem Film Onkel Remus’ Wunderland (Song of the South) zu tun hat.

Und bei der Gelegenheit konnte ich gleich auch noch darüber nachdenken, wie wir unsere Kinder dabei begleiten, wenn wir ältere Filme ansehen, die “outdated cultural depictions” zeigen – sprechen wir es an? Diskutieren wir darüber? Es geht ja schließlich nicht nur um Rassismus, sondern zum Beispiel auch um Rollenbilder und Geschlechterstereotype in Filmen wie Arielle, die Meerjungfrau. Oder nicht?

(Foto: Disney)

Auch Horror will angekündigt sein

Ein Anfang mit Schrecken: Nicht zum ersten Mal machte vor ein paar Wochen eine Meldung die Runde, in einem Kino in Großbritannien sei vor der Vorstellung eines Peppa-Wutz-Films „versehentlich“ u.a. die Vorschau zu dem Superhelden-Horrorfilm Brightburn gezeigt worden. Gleiche Geschichten hörte man aus anderen Ländern auch schon z.B. aus Vorstellungen von Peter Hase (als ob der nicht schon schrecklich genug wäre).

Was macht das mit meinem Kind? Nicht alle Kinder können mit Angstmomenten im Film (und noch dazu im alle Sinne überwältigenden Kino) gut umgehen; die Verstörung, die eine so unvorbereitete Konfrontation bewirken kann, ist anschließend unter Umständen nicht mit ein paar beruhigenden Gesprächen zu beseitigen.

Für kino-zeit.de habe ich mir Gedanken darüber gemacht, was passiert, wenn Kinder unvorbereitet mit Bildern aus Horrorfilmen konfrontiert werden. Ich habe dabei Motive und Fragen wieder aufgenommen, mit denen ich mich vor einiger Zeit schon einmal auseinandergesetzt hatte, als es darum ging, ab welchem Alter Kinder eigentlich welche Horror- oder Gruselfilme sehen und genießen können.

Photo by Annie Spratt on Unsplash

Deine Stimme ist nichts wert: Kinderrechte im Kinderfilm

Pequeñas voces – Stille Stimmen kann anfangs einlullen mit einer gewissen Niedlichkeit. Kinder erzählen davon, wie es bei ihnen zuhause früher war: Schabernack mit den Geschwistern, das Leben auf dem Land. Wär’s nicht in spanischer Sprache, es könnte auch die Szenerie eines deutschen Kinderfilms sein: Viel heile Welt, ein paar handzahme Konflikte. Doch die Friedlichkeit am Anfang ist Konzept, dann bricht die Grausamkeit des kolumbianischen Bürgerkriegs in die Erzählungen ein. Mit Familien, die auf einmal mitten in der Kampfzone unter ihren Betten liegen, mit mörderischen Erlebnissen bei der Zwangsrekrutierung neuer „Soldaten“.

Jairo Eduardo Carrillo wählt einen quasi-dokumentarischen, nur oberflächlich einfach wirkenden Zugang auf die sehr komplizierte Frage: Wie soll man Filme machen über das Leid, welches Kindern oft widerfährt? Wie den Bruch von Kinderrechten filmisch thematisieren, wenn man es nicht rein dokumentarisch, mit erhobenem Zeigefinger und/oder nur für Erwachsene machen möchte? Oder sind das einfach kindertaugliche Geschichten über allgemeines Unrecht? Kinderrechte sind, das sollte nicht untergehen, schlicht Menschenrechte, nur präziser auf eine bestimmte, besonders verletzliche Gruppe hin interpretiert.

Zum Internationalen Kindertag am 1. Juni hatte ich mir auf kino-zeit.de Gedanken darüber gemacht, wie Kinderrechte und deren Bruch in Filmen wie Pequeñas voces, Der Junge und die Welt, Horizon Beautiful oder Der Krieg der Knöpfe thematisiert werden. Das ist zwar schon eine Weile her, aber der Text ist deswegen ja nicht weniger aktuell geworden.

(Foto: Roman Film)

Willkommen in Gravity Falls (2012-2016)

Fernsehserien für Kinder haben nicht unbedingt den besten Ruf. Ich selbst sollte das gewissermaßen aus professioneller Perspektive differenzierter sehen und tue mich schon schwer damit, so stark drängt sich auf den Bildschirmen der Eindruck auf, da gehe es viel zu laut, viel zu bunt und viel zu schreiend zu. Und nun gibt es ausgerechnet vom Unterhaltungsgiganten Disney, dessen Fernsehsender man geradezu als Verkörperung meiner negativen Vorurteile ansehen kann (laut, grell, viel zu schnell für meine alten Augen, ach, diese Jugend von heute!), eine Serie, die alles Großartige vereint, was man sich vom TV der Gegenwart nur wünschen mag – sie ist sogar schon ein paar Jährchen alt, aber jetzt mit allen zwei gloriosen Staffeln auf Netflix verfügbar. (Alternative: Amazon Video.)

Die Trickfilmserie Willkommen in Gravity Falls verbindet einen mainstream-tauglichen Mystery-Plot mit sehr nerdigen, aber liebenswerten Figuren, cleveres serielles Erzählen, das von der ersten Folge in Staffel 1 bis zum großen Finale am Ende von Staffel 2 immer dichter und komplexer wird, und brillant versteckte popkulturelle Anspielungen zu einer einzigartigen Melange. Was leicht so düster hätte werden können wie Stranger Things ist stattdessen eher (der Titel lässt es erahnen) schräg und mysteriös wie Twin Peaks, aber zugleich eine hell leuchtende, sehr, sehr witzige Serie für etwas ältere Kinder und begeisterungsfähige Erwachsene. Mit Zombies.

Meine lobpreisende Ode auf Willkommen in Gravity Falls gibt es schon seit ein paar Wochen drüben bei kino-zeit.de; sie wäre nicht möglich gewesen, wenn mich nicht Spinatmädchen auf die Serie aufmerksam gemacht hätte. Danke!

(Foto: Disney XD)

Der bessere Avatar: Drachenzähmen leicht gemacht

Als ich seinerzeit, im im Frühjahr 2010, in Paris Drachenzähmen leicht gemacht gesehen hatte (der dort etwas knapper und eleganter einfach Dragons hieß), saß der Gedanke in meinem Kopf schon fest: All das, was Avatar – Aufbruch nach Pandora hatte zeigen wollen und unter einem großen Berg technischer Kunstfertigkeit, vieler visueller Effekte und inhaltlicher Belang- und Einfallslosigkeit begraben hatte, das hatte dieser Film jetzt gerade gezeigt.

Und ich weiß nicht genau, warum ein Kinderfilm kann oder vielleicht einfach macht, was ein James Cameron-Behemoth nicht kann – außer vielleicht: Dass er eben leichtfüßiger agieren kann, die Erwartungen niedriger hängen. Und Verlogenheit im Kinderfilm oft noch einen extra schmierigen Geschmack hat.

Für kino-zeit.de habe ich das jedenfalls in meiner jüngsten Kolumne aufzudröseln versucht: Warum Drachenzähmen leicht gemacht der bessere Avatar ist.

(Foto: Paramount)