Deine Stimme ist nichts wert: Kinderrechte im Kinderfilm

Pequeñas voces – Stille Stimmen kann anfangs einlullen mit einer gewissen Niedlichkeit. Kinder erzählen davon, wie es bei ihnen zuhause früher war: Schabernack mit den Geschwistern, das Leben auf dem Land. Wär’s nicht in spanischer Sprache, es könnte auch die Szenerie eines deutschen Kinderfilms sein: Viel heile Welt, ein paar handzahme Konflikte. Doch die Friedlichkeit am Anfang ist Konzept, dann bricht die Grausamkeit des kolumbianischen Bürgerkriegs in die Erzählungen ein. Mit Familien, die auf einmal mitten in der Kampfzone unter ihren Betten liegen, mit mörderischen Erlebnissen bei der Zwangsrekrutierung neuer „Soldaten“.

Jairo Eduardo Carrillo wählt einen quasi-dokumentarischen, nur oberflächlich einfach wirkenden Zugang auf die sehr komplizierte Frage: Wie soll man Filme machen über das Leid, welches Kindern oft widerfährt? Wie den Bruch von Kinderrechten filmisch thematisieren, wenn man es nicht rein dokumentarisch, mit erhobenem Zeigefinger und/oder nur für Erwachsene machen möchte? Oder sind das einfach kindertaugliche Geschichten über allgemeines Unrecht? Kinderrechte sind, das sollte nicht untergehen, schlicht Menschenrechte, nur präziser auf eine bestimmte, besonders verletzliche Gruppe hin interpretiert.

Zum Internationalen Kindertag am 1. Juni hatte ich mir auf kino-zeit.de Gedanken darüber gemacht, wie Kinderrechte und deren Bruch in Filmen wie Pequeñas voces, Der Junge und die Welt, Horizon Beautiful oder Der Krieg der Knöpfe thematisiert werden. Das ist zwar schon eine Weile her, aber der Text ist deswegen ja nicht weniger aktuell geworden.

(Foto: Roman Film)

Willkommen in Gravity Falls (2012-2016)

Fernsehserien für Kinder haben nicht unbedingt den besten Ruf. Ich selbst sollte das gewissermaßen aus professioneller Perspektive differenzierter sehen und tue mich schon schwer damit, so stark drängt sich auf den Bildschirmen der Eindruck auf, da gehe es viel zu laut, viel zu bunt und viel zu schreiend zu. Und nun gibt es ausgerechnet vom Unterhaltungsgiganten Disney, dessen Fernsehsender man geradezu als Verkörperung meiner negativen Vorurteile ansehen kann (laut, grell, viel zu schnell für meine alten Augen, ach, diese Jugend von heute!), eine Serie, die alles Großartige vereint, was man sich vom TV der Gegenwart nur wünschen mag – sie ist sogar schon ein paar Jährchen alt, aber jetzt mit allen zwei gloriosen Staffeln auf Netflix verfügbar. (Alternative: Amazon Video.)

Die Trickfilmserie Willkommen in Gravity Falls verbindet einen mainstream-tauglichen Mystery-Plot mit sehr nerdigen, aber liebenswerten Figuren, cleveres serielles Erzählen, das von der ersten Folge in Staffel 1 bis zum großen Finale am Ende von Staffel 2 immer dichter und komplexer wird, und brillant versteckte popkulturelle Anspielungen zu einer einzigartigen Melange. Was leicht so düster hätte werden können wie Stranger Things ist stattdessen eher (der Titel lässt es erahnen) schräg und mysteriös wie Twin Peaks, aber zugleich eine hell leuchtende, sehr, sehr witzige Serie für etwas ältere Kinder und begeisterungsfähige Erwachsene. Mit Zombies.

Meine lobpreisende Ode auf Willkommen in Gravity Falls gibt es schon seit ein paar Wochen drüben bei kino-zeit.de; sie wäre nicht möglich gewesen, wenn mich nicht Spinatmädchen auf die Serie aufmerksam gemacht hätte. Danke!

(Foto: Disney XD)

Der bessere Avatar: Drachenzähmen leicht gemacht

Als ich seinerzeit, im im Frühjahr 2010, in Paris Drachenzähmen leicht gemacht gesehen hatte (der dort etwas knapper und eleganter einfach Dragons hieß), saß der Gedanke in meinem Kopf schon fest: All das, was Avatar – Aufbruch nach Pandora hatte zeigen wollen und unter einem großen Berg technischer Kunstfertigkeit, vieler visueller Effekte und inhaltlicher Belang- und Einfallslosigkeit begraben hatte, das hatte dieser Film jetzt gerade gezeigt.

Und ich weiß nicht genau, warum ein Kinderfilm kann oder vielleicht einfach macht, was ein James Cameron-Behemoth nicht kann – außer vielleicht: Dass er eben leichtfüßiger agieren kann, die Erwartungen niedriger hängen. Und Verlogenheit im Kinderfilm oft noch einen extra schmierigen Geschmack hat.

Für kino-zeit.de habe ich das jedenfalls in meiner jüngsten Kolumne aufzudröseln versucht: Warum Drachenzähmen leicht gemacht der bessere Avatar ist.

(Foto: Paramount)

Mehr Freiheit, mehr Ruhe, zum Donnerdrummel!

Ich neige über Weihnachten und zum Jahreswechsel zur Nachdenklichkeit. Das ist gewiss nichts, was mich besonders aus der großen Masse heraushebt, auch wenn die Gedanken – die sich gerne in Vorsätzen für das neue Jahr und schmalzigen Filmabenden äußern – vermutlich sehr häufig in Geschäftigkeit ertränkt werden. Jedenfalls hat es bei mir, glaube ich wenigstens, nicht einmal besonders viel mit den konkreten Feiertagen zu tun, die begangen werden, sondern eher damit, dass ich endlich einmal Zeit habe, Gedanken überhaupt ein wenig im Gehirn hin- und herschaukeln zu lassen.

Eltern wissen, vielleicht noch genauer als andere Menschen, wovon ich rede. Vielleicht ist es aber natürlich auch die Jahreszeit: Man kann einfach weniger unternehmen, ist durch Sturm oder Schnee vielleicht sogar im Heimischen gefangen. So wie die Mattis-Räuber in Ronja Räubertochter, den wir heuer zwischen den Jahren mit den Kindern angesehen haben. Als der Winter einbricht und die Wolfsklamm, der Weg zur Burg, nicht mehr passierbar ist, fragte das jüngere Kind: Und was machen sie dann die ganze Zeit?

Zur Antwort sieht man sie in der nächsten Szene essen, tanzen und (nicht immer ganz perfekt) singen, aufs Beste unsere Antwort untermalend: Sie müssen sich halt unterhalten. Ronja Räubertochter ist ein beglückender Film, und diese Sichtung mit Kindern war eine sehr erhellende Erinnerung daran, was ihn so besonders macht und von vielen anderen Kinderfilmen überdeutlich absetzt.

Was das genau ist, habe ich in meiner Kolumne für kino-zeit.de genauer aufgeschrieben.

(Foto: Jugendfilm)

Sequelitis und Mutlosigkeit: Eine Art Rückblick auf den deutschen Kinderfilm 2017

Das ist noch nicht meine Top/Flop-Liste, aber am Jahresende habe ich mir für kino-zeit.de darüber Gedanken gemacht, was sich im deutschen Kinderfilm 2017 so getan hat. Und man könnte, mit Blick auf Conni & Co 2 – Das Geheimnis des T-Rex, einigermaßen erleichtert sagen: Na, Gott sei Dank, es war dann doch nicht alles so schlimm wie dieser Film. Natürlich ist das einerseits richtig, andererseits beleuchtet Conni & Co 2 schon einige der Probleme, die man im Kinderfilm hierzulande (und nicht nur dort, aber das ist eine andere Geschichte) immer wieder beobachten kann.

Namentlich: Sequelitis, grassierende Literaturverfilmungen und eine generelle Mutlosigkeit, mal etwas anders zu machen als 08/15. Bitte lesen Sie hier meine unterhaltsame Hintereinanderreihung von Flüchen über den deutschen Kinderfilm 2017.

(Das Bedauerliche: Der Text schließt auf gewisse Art nahtlos an mein Geheul von April 2016 an.)

(Foto: Warner Bros. Entertainment)

Goldene Zeiten im Animationsfilm

Vielleicht war es der Moment, als die Gruppe Waisenkinder beim Winterausflug plötzlich stehenblieb. Alle blickten der Mutter nach, die mit ihrem Kind spricht, und in ihren großen Augen spiegelt sich Sehnsucht und Traurigkeit und Verzweiflung und Hoffnung. Vielleicht war es das aufregende Erlebnis, als sich Kubos Origami-Papierchen, von seiner Musik getrieben, zu Figuren falten und eine Geschichte ausagieren, vom tapferen Kämpfer und gefährlichen Monstren.

Diese zwei Szenen aus Mein Leben als Zucchini und Kubo – Der tapfere Samurai gehören zu den größten Augenblicken im Animationskino der vergangenen Monate. Und die beiden Filme stehen exemplarisch für die Pole, zwischen denen Animationsfilme pulsieren könne: Der eine ein ruhiges Drama, so melancholisch und ernsthaft wie lebensbejahend, der andere ein actionreiches Abenteuer mit phantastischen Figuren, Magie und Schwertkämpfen. Beide erzählen in wunderschönen, poetischen Bildern komplexe Geschichten mit Stop-Motion-Animation auf dem Stand der Zeit.

Ich durfte am Sonntag das zehnte Türchen des diesjährigen Adventskalenders auf kino-zeit.de befüllen und habe dafür ein Loblied auf den Animationsfilm im frühen 21. Jahrhundert geschrieben.

(Foto: Polyband)