Maleficent: Mächte der Finsternis (2019)

Seit Donnerstag ist Maleficent: Mächte der Finsternis im Kino, die Fortsetzung des seltsamen, unvollkommenen und düsteren, aber dennoch sehr interessanten Maleficent – Die dunkle Fee aus dem Jahr 2014, mit dem Disney seine eigene Dornröschen-Variation komplett neu erzählt hat.

Der neue Film, wieder mit Angelina Jolie in der Titelrolle, wird derweil fröhlich rechts und links verrissen, auch wenn eine einzelne Stimme darin so etwas wie eine Hoffnung auf die Zukunft der Disney-Filme sehen möchte. Und während ich den meisten Kolleg_innen zustimmen muss, dass Maleficent 2 kein wirklich herausragender Film ist und vor allem daran leidet, dass die meisten Figuren viel zu eindimensional und stellenweise leblos sind und speziell Elle Fannings Aurora von einer viel zu naiven Lieblichkeit.

Elle Fanning is Aurora, Angelina Jolie is Maleficent and Sam Riley is Diaval in Disney’s live-action MALEFICENT:  MISTRESS OF EVIL

Und natürlich ist es in diesem Film nicht mehr so originell, dass Maleficent nicht die gefährliche Böse ist, als die sie dargestellt wurde, sondern eben unter dieser Oberfläche ein Wesen von komplexer Emotionalität. Jolie verkörpert sie durch und durch und mit jeder Faser auch ihrer Star Persona verkörpert, majestätisch und so kühl-distanziert wie herrisch, die scharf konturierten künstlichen Wagenknochen machen ihr weiß geschminktes Gesicht mit vollen, grellrot geschminkten Lippen noch kantiger, noch kontrastreicher – ein bewusst gesetzter, harscher Kontrast zu Fannings rundem, weichem, rosigem Antlitz.

Das beschreibt im Detail, wie gekonnt der Film mit seinen Bildern umgeht, vor allem mit Farben: Hier die magische Welt der Moore, mit leuchtenden Blüten und bunten Fabelwesen, dort die graue Welt der Menschen, dicht gepackte, krumme Häuser, mitten drin der Schlosspark und vor allem das Schloss, wo alles sauber ist und aus geraden, meist aufstrebenden Linien besteht.

Angelina Jolie is Maleficent, Sam Riley is Diaval, Jenn Murray is Gerda, Harris Dickinson is Prince Phillip, Elle Fanning is Aurora, Robert Lindsay is King John and Michelle Pfeiffer is Queen Ingrith in Disney’s live-action MALEFICENT:  MISTRESS OF EVIL.

Die Kontraste sind immer da, und natürlich sind sie relativ plump – aber in den beiden Figuren von Maleficent und Königin Ingrith dann auch zu einem stacheldrahtbewehrten Dialog aufgefahren, der ganz am Anfang des Films steht, aber eigentlich Höhepunkt des Films ist. Ohne Michelle Pfeiffer und Jolie in diesen beiden Rollen wäre der Film ganz und gar aufgeschmissen, aber Pfeiffer holt selbst aus ihrer doch recht eindimensionalen Figur als böse Schwiegermutter in spe das meistmögliche heraus.

Maleficent: Mächte der Finsternis ist reich an visuellen wie erzählerischen Anspielungen auf das Original-Disney-Dornröschen, vor allem eine Spielerei mit den Farben des Hochzeitskleides ganz am Schluss hat mir sehr gut gefallen; die eigentliche Qualität des Films ist aber, dass er noch einmal thematisiert, wie eigentlich das Narrativ der Bösen Fee in die Welt kam: von Ingrith als Geschichte platziert, eine von langer Hand vorbereitete politische PR-Initiative, wenn man so will. In ihr wird die starke Frau zur bösen Figur umstilisiert, wird der Weg vom Meta-Märchen, das Maleficent – Die dunkle Fee war, zurück zur regressiven Form in Dornröschen vollzogen.

Elle Fanning is Aurora in Disney’s live-action MALEFICENT:  MISTRESS OF EVIL

Die Märchen mit ihren bösen Hexen, Feen und Schwiegermüttern als politisch aufgeladene Erzählungen zur Unterdrückung der Frau – das ist am Anfang des 21. Jahrhunderts zwar beileibe keine besonders aufregend neue Perspektive (und in dieser Schlichtheit natürlich auch zu platt), aber für einen Film aus dem Konzern, der einen wesentlichen Teil seiner Marktmacht normierten Prinzessinnen verdankt, ist das ja fast schon revolutionär. Dass Jolie passend dazu in der Modezeitschrift Elle einen Essay veröffentlicht hat, der im Kern ruft: We need more wicked women!, das ist dann schon auch wieder gute PR.

Denn – so viel Ehrlichkeit muss sein – die interessante politische Botschaft, die durch das sehr versöhnliche Ende auch schon wieder teilweise ausgehebelt wird, kann eben nicht verstecken, dass Maleficent: Mächte der Finsternis letztlich halt doch nur ein mittelmäßiger Film ist. (Für das Kinder- und Jugend-Filmportal habe ich eine ausführliche Kritik geschrieben, die auch noch auf einige weitere Motive im Film eingeht. Bitte hier entlang.)

Maleficent: Mächte der Finsternis (Maleficent: Mistress of Evil). USA 2019. Regie: Joachim Rønning, 118 Min. FSK 12, empfohlen ab 13 Jahren. Kinostart: 17. Oktober 2019.

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Meine an Kinder und Jugendliche gerichtete Besprechung des Films ist auf kinderfilmwelt.de erschienen.

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(Fotos: Disney)

Kurzfilm zum Wochenende: Vergissmeinnicht (2019)

Der alte Mann und der Troll: Ein herbstlich-traurig-schöner Film über Sterblichkeit und Freundschaft. Regisseurin Katarina Lundquists Forglemmegei setzt allerdings stillschweigend voraus, was in nordischen Ländern wohl mythologisches Grundwissen ist (Tolkien wusste das freilich auch): Dass Trolle im Tageslicht zu Stein erstarren, als letzte, endgültige Metamorphose.

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Schönes Wochenende!

Lino – Ein voll verkatertes Abenteuer (2017)

Indoorspielplätze sind so etwas wie hochspezialisierte Großfolterkammern, in denen besuchende Eltern in großen Stückzahlen durch die Geräusche, Gerüche und Bedürfnisse des von ihnen selbst verschuldeten Nachwuchses (und dem der anderen anwesenden Eltern) in den Wahnsinn getrieben werden. Es sind geschlossene Räume voll mit Geräten in grellen Plastiktönen, die durch viel Schaumstoff abgesichert wurden; dreidimensionale Labyrinthe, an deren tontechnisch zentral gelegenen Orten Essen und Getränke gereicht werden, die mit viel Fett und Zucker nicht nur Geld, sondern auch Lebenszeit kosten, als wäre das Gebrüll rundherum, für das man auch noch Eintritt gezahlt hat, noch nicht genug.

In einer solchen Vorhölle beginnt Lino – Ein voll verkatertes Abenteuer, und es ist auch für Nicht-Eltern unmittelbar evident, warum der Titelheld kreuzunglücklich ist. Er steckt in einem großen Plüschkatzenkostüm, wird von den Kindern angeschrien und angesprungen; als wäre das nicht genug, nehmen auch alle Erwachsenen rundherum ihn als Witzfigur wahr. Er lebt allein in einer trostlosen Wohnung, verdient nicht genug Geld für die Miete, und nebenan wohnt der gleiche Typ, der ihn schon in der Schule immer herumgeschubst hat.

Ein Film wie ein Indoorspezialist: Meine detaillierte Besprechung auf kino-zeit.de.

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Lino – Ein voll verkatertes Abenteuer (Lino: Uma Aventura de Sete Vidas). Brasilien 2017. Regie: Rafael Ribas, 93 Min. FSK 0, empfohlen ab 7 Jahren. Kinostart: 17. Oktober 2019.

(Foto: Little Dream Entertainment)

Neu im Kino: 17. Oktober 2019

Soweit es Kinoneustarts gibt, stelle ich sie hier zuweilen vor – fast immer mit Trailer und in der Regel mit einer kurzen Einschätzung – entweder verweisend auf meine eigene ausführliche Kritik oder auf die Einschätzung einer Kollegin oder eines Kollegen.

Das Geheimnis des grünen Hügels

Heidi Strobel sah in der Verfilmung eines kroatischen Kinderbuchs viel Nostalgie durchschimmern – der Kinderkrimi mit Gruselelementen eröffnet einen Blick auf eine Zeit, in der noch vieles einfacher schien. Und zugleich werden aber doch Vorurteile und Vorannahmen reihenweie durchbrochen:

Černićs meisterhafte Feriengeschichte kann man als subtile Antwort auf manchen lautstark und geradezu hysterisch daherkommenden Kinderfilm der Gegenwart verstehen, auf den sie anfangs anspielt.

(FSK 6, empfohlen ab 9 Jahren)

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Maleficent 2: Mächte der Finsternis

Christopher Diekhaus fand die Fortsetzung noch düsterer als den ersten Film und sah ein visuelles Spektakel mit großen inhaltlichen Schwächen:

Im Kern will das Drehbuch […] davon erzählen, dass unterschiedliche Spezies und Kulturen friedlich zusammenleben können. […] Gute Ideen wie diese werden jedoch nur halbherzig weitergedacht und fügen sich zu einem etwas beliebigen, die Figuren häufig aus dem Blick verlierenden Flickenteppich zusammen.

(FSK 12, empfohlen ab 12 Jahren)

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Lino – Ein voll verkatertes Abenteuer

Ein Kinderfilm wie ein Indoor-Spielplatz, und ich meine das nicht als Kompliment. You have been warned.

(FSK 0, empfohlen ab 7 Jahren)

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(Foto: Kinorama/Der Filmverleih)

Dr. Pyckle und Mr. Pryde (1925)

Wie versprochen, bespreche es hier jetzt jeden Mittwoch bis Halloween einen Gruselfilm für Kinder aus meiner Liste – weitere Vorschläge werden gerne angenommen! #horrorctober

Was mich gerne mal aufregt, wenn ich gerade nichts anderes zum Echauffieren herumliegen habe, ist die meine Kindheit so prägende Benamsung von Stan Laurel und Oliver Hardy als “Dick & Doof”. Nicht nur, dass das herablassende, nachgerade diskriminierende Adjektive sind, sie reduzieren die beiden Ausnahmekomiker auch auf jeweils eine Eigenschaft, lassen alle Komplexität und Feinheiten verschwinden – und die beiden Personen dahinter sowieso.

Die Bezeichnung verdeckt auch, dass Laurel und Hardy beide, insbesondere vor Beginn ihrer Zusammenarbeit, natürlich auch jeweils allein als Komiker gearbeitet haben. (Ihre späten Jahre wurden gerade erst in dem Biopic Stan & Ollie zum Thema gemacht. [amazon])

Dr. Pyckle und Mr. Pryde von Scott Pembroke und Joe Rock ist nur wenig länger als 20 Minuten (was noch dadurch verschärft wird, dass das eigentliche Ende des Films wohl verschollen ist), und ist schon in dieser knackigen Kürze eine ziemlich vollständige Adaption von Robert Louis Stevensons Novelle Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde aus dem Jahr 1886 – einer der Klassiker der Schauerliteratur, wie meine Leser_innen vermutlich alle wissen. (Man sollte diese Erzählungen, wie auch Frankenstein und Dracula, unbedingt einmal gelesen haben, das liest sich ja rasch mal weg, aber das nur am Rande.) Dabei ist der Film eigentlich ja primär eine Parodie auf andere Verfilmungen, von denen es schon zu diesem Zeitpunkt mindestens sechs gab, eine auch von F.W. Murnau.

Stan Laurels Dr. Pyckle arbeitet sich, wie Fritzi Kramer herausarbeitet, wahrscheinlich am meisten an John Barrymore ab. Der spielte den Dr. Jekyll in John S. Robertsons Verfilmung aus dem Jahr 1920 mit vielen großen Gesten. Man muss den Film jedoch nicht kennen, um diesen kleinen, minimal gruseligen Edelstein genießen zu können. Durch die Bezüge zu anderen Filmen wird Dr. Pyckle und Mr. Pryde nur noch ein wenig lustiger.

Pyckle also, eingeführt als “the most respected man in town – Heaven knows why – -” hat die Idee, das Gute und Böse im Menschen zu trennen. Seine Bemühungen haben schließlich den Effekt, dass er zwischen seinem “guten” Ich Pyckle und einem “bösen” Alter Ego Pryde wechselt. Der Weg dorthin, unter Hilfe seiner ihn anhimmelnden Gehilfin (Julie Leonard) ist von allerlei Slapstick gezeichnet (Hosen und Säure vertragen sich schlecht), und als Pryde auf die Welt losgelassen wird, wird es natürlich nicht besser.

Es ist allerliebst, wie Pryde dann furchtbar böse Dinge tut: einem Jungen sein Eis klauen, Leute mit einem Erbsenblasrohr beschießen, Polizisten hinters Licht führen… Das sind lauter Kleinigkeiten, die die bürgerliche Bevölkerung direkt in große Aufregung bringen und zu zahlreichen Verfolgungsjagden quer durch die Stadt führen, als habe er mörderische Untaten vollbracht. Der Film spießt da den Spießbürger auf, der sich über jeden kleinsten Verstoß gegen die Konventionen aufregt. Dabei verkörpert Pryde eher spielerischen, kindlichen Anarchismus, der mit der albernen Ernsthaftigkeit von Pyckles Nachdenklichkeit kontrastiert.

Die Verwandlung ist für kleine, filmunerfahrene Kinder womöglich ein wenig gruselig. Ansonsten ist dieser Film aber eine sehr, sehr lustige Geschichte, die langfristig als Vorbereitung auf erhabenen Blödsinn wie Mel Brooks’ Frankenstein Junior dienen kann. Falls man auf die Fassungen mit englischsprachigen Texttafeln zurückgreift, muss man diese für den jüngeren Nachwuchs womöglich kurz übersetzen. Da die Zwischentitel zum Teil recht lang sind und mit Wortspielen hantieren, empfiehlt es sich, den Film einmal vorab anzusehen und das gute Dutzend Einblendungen rasch schriftlich ins Deutsche zu übertragen.

Dr. Pyckle und Mr. Pryde ist in Deutschland in der DVD-Box Laurel & Hardy – Auf dem Weg zum Ruhm (amazon) enthalten, die entsprechende DVD gibt es als Stan Laurel – Filmedition 1 (amazon) auch einzeln. Da der Film aber in den USA anscheinend in der Public Domain liegt, findet man ihn in der englischsprachigen Fassung auch ohne großen Suchaufwand (*hust*) auf vielen Videoplattform zur Ansicht.

Dr. Pyckle und Mr. Pryde (Dr. Pyckle and Mr. Pryde). USA 1925. Regie: Scott Pembroke/Joe Rock, 21 Min. FSK 0, empfohlen ab 6 Jahren.

(Foto: Elevate)

Kurzfilm zum Wochenende: Um die Welt in einem Atemzug (2019)

Mit One Breath Around The World geht es unter die Wasseroberfläche – vielleicht einmal um die Welt, auf jeden Fall in einzigartige Bilder hinein. Regisseur Guillaume Néry ist mit seiner Kamera- und Ehefrau Julie Gautier getaucht, ohne Atemgeräte. Zehn Minuten Luft anhalten, so schön ist es dort. Zehn Minuten staunen über unsere Welt, die wir so wenig kommen.

Werft die Bilder am besten auf den größten Bildschirm, den ihr habt, setzt Kopfhörer auf oder schmeißt die guten Lautsprecher an.

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Schönes Wochenende!