Zu weit weg (2019)

Seien wir ehrlich, ein Umzug ist für etwas ältere Kinder meistens richtig scheiße. Auf einmal sind die Freund_innen alle weg, an der Schule kennst du niemanden, und selbst im Fußballverein nimmt dich, den Starstürmer aus Niederkirchbach, erst einmal niemand für voll.

Logo des Schlingel-Filmfestivals Ben kriegt wirklich das volle Programm. Eigentlich dachte der 11-Jährige doch, er habe noch Glück gehabt: Sein altes Dorf wird für den Kohlebergbau plattgemacht und umgegraben.

F-Rated

Double F-Rated
Aber während alle seine Kumpel nach Niederkirchbach Neu umziehen, wagt seine Familie einen Neuanfang in Düren. Ben freut sich auf den besseren Verein, der sogar einen Kunstrasenplatz hat, und geht ziemlich selbstbewusst in die neue Schule. Und natürlich geht das alles schief… und dann ist da noch Tariq.

Sarah Winkenstette verbindet in ihrem wunderbaren Kinderfilm die Geschichte einer Jungsfreundschaft mit einem emotional offenen Blick auf Abschied, Verlust und Neuanfang. Für kino-zeit.de habe ich ein wenig genauer aufgeschrieben, was den Film so großartig macht.

Zu weit weg. Deutschland 2019. Regie: Sarah Winkenstette, 89 Min. FSK 0, empfohlen ab 9 Jahren. Kinostart: 12. März 2020.

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(Foto: farbfilm Verleih/Weydemann Bros. GmbH, Monika Plura)

Berlinale 2020: Mignonnes (2019)

Berlinale-Logo Diese Filmkritik gehört zu meiner Berichterstattung von der Kinder- und Jugendfilmsektion Generation Kplus der Berlinale 2020. Alle Filmbesprechungen und sonstigen Berichte von diesem Festival gibt es hier im Blog unter dem Tag #berlinale.

Die elfjährige Amy (Fathia Youssouf) ist gerade mit ihrer Mutter Mariam (Maïmouna Gueye) und ihrem kleinen Bruder in eine neue Wohnung in Paris eingezogen; der Vater ist noch im Senegal. Relativ bald wird offenbar, dass das schöne große Schlafzimmer, das zwar vorbereitet wird, jedoch immer verschlossen bleibt, für ihn und seine neue Zweitfrau vorgesehen ist. Mariam nimmt das hin, mit Verzweiflung, Tränen und dann stoischer Fassade.

Freunde hat Amy hier noch nicht; aber sie ist fasziniert von einer Gang von vier Mädchen, die ihr in der Schule immer wieder mit kleinen, rebellischen Aktionen auffallen. Deren Anführerin Angelica (Médina El Aidi-Azouni) wohnt zufällig in ihrem Haus; Amy beobachtet sie dabei, wie sie sich die Haare mit dem Dampfbügeleisen plättet. Die Mädchen, die sich als Tanzgruppe bei einem Talentwettbewerb beworben haben und sich „Mignonnes“ nennen (auf Deutsch „Die Süßen“ oder „Die Niedlichen“), hänseln Amy zuerst, aber nach und nach kann sie sich ihre Sympathien erarbeiten und darf schließlich sogar mittanzen. Ein von ihrem Cousin gestohlenes Smartphone spielt eine nicht geringe Rolle dabei.

Die Grundkonstellation von Mignonnes, dem Langfilmdebüt von Maïmouna Doucouré, ist weder besonders komplex noch besonders originell: Hier die traditionell strukturierte Familie, in der eine ältere Tante dafür sorgt, dass Amy lernt, wie sich ein Mädchen, eine Frau zu benehmen und zu verhalten habe – ganz auf das Ziel der Ehe abzielend. Dort das aufregende Leben der Gegenwart, die tanzenden Mädchen, die (allerdings etwas ziellose) Freiheit von solchen Zwängen.

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Berlinale 2020: Mugge og vejfesten (2019)

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Mugge, eigentlich Morgen, ist ein übermütiges Kind mit einem positiven Blick auf die Welt: „Heute war zu 1000 Prozent perfekt und morgen wird sogar noch besser!“ Nur dass am nächsten Morgen sein Vater apathisch vor dem Haus im Sandkasten liegt, weil Kirsten, Mugges Mutter, ihn verlassen hat, für einen CrossFit-Enthusiasten. Wer sich nicht unterkriegen lässt: Mugge. Das geplante Straßenfest ist doch der perfekte Rahmen für eine hingebungsvolle Liebeserklärung seines Vaters an seine Frau, da muss doch noch was möglich sein!

Mugge og vejfesten (Mugge und das Straßenfest) ist der erste Animationslangfilm, bei dem Mikael Wulff und Anders Morgenthaler gemeinsam Regie führen; ich kannte die beiden vorher primär als Wulff+Morgenthaler aka „Wumo“, als Autoren hinter einem, sagen wir freundlich, respektlos-zynischen Comicstrip, der immer böse und manchmal sehr treffend die moderne Gesellschaft aufs Korn nimmt.

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Berlinale 2020: H is for Happiness (2019)

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Das „H“ steht für Happiness, was man hier vorzugsweise mit Lebensfreude oder Glück übersetzen möchte; Candice Phee, zwölf Jahre alt und möglicherweise etwas seltsam, bekommt diesen Buchstaben vorgestellt und soll bei einer Schulaufführung dazu etwas Mitreißendes auf die Bühne bekommen. Glücklicherweise kann das „H“ allerdings auch für etwas anderes stehen, denn mit dem Glück ist das so eine Sache, es lässt sich schwer zwingen.

Aber Candice, mit offenen Augen und offenem Gesicht grandios gespielt von Daisy Axon, wird es jedenfalls versuchen. Ihre Eltern (Emma Booth und Richard Roxburgh) haben sich seit dem Plötzlichen Kindstod von Candices Schwester Sky weitgehend zurückgezogen – die Mutter in ihr Schlafzimmer, der Vater an seinen Schreibtisch, wo er immerzu schreibt und programmiert. Und weil es irgendeinen Streit zwischen den Brüdern gab, den sie nicht mehr ansprechen wollen, hat auch ihr Onkel „Rich Uncle Brian“ (Joel Jackson) nur noch mit Candice Kontakt.

Dass ich immer noch keine ausführliche Besprechung von Rocca verändert die Welt hier im Blog veröffentlicht habe, von diesem eigentlich sehr schönen und vor allem sehr unterhaltsamen Film von Katja Benrath, hat vor allem damit zu tun, dass es mir noch nicht so richtig gelungen ist, meine ambivalenten, gar widersprüchlichen Gefühle zu diesem Film und zur Rolle seiner Hauptfigur richtig in Worte zu fassen. Interessanterweise erlaubt H is for Happiness es mir, diese meine Gefühle etwas klarer zu fokussieren.

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Cats – Ein schnurriges Abenteuer (2018)

Es gehört ein gerüttelt Maß an Chuzpe dazu, so kurz nach dem ästhetisch, musikalisch und wirtschaftlich wohl recht desaströsen Cats (dem mit Judi Dench als Furry) einen Film unter dem gleichen Titel herauszubringen, der zugleich in seiner Animationsoberfläche offenbar dem ähnlich einsilbig betitelten Pets nachgeformt ist – aber im Hause EuroVideo publiziert man neben viel Durchschnitt und zum Teil bemerkenswert großartigen, herausragenden Perlen oder wenigstens wirklich ungewöhnlichen Filmen (z.B. Mary und die Blume der Hexen, Paper Planes oder Louis & Luca – Das große Käserennen, und das sind nur die Kinderfilme) gerne mal solche Huckepack-Streifen. Ob sie dabei aus dem berühmt-berüchtigten Shlock-Studio The Asylum kommen (das den hilariös-bekloppten Sharknado in die Welt gebracht hat) oder aus China, spielt dabei keine größere Rolle.

Cats also kommt ganz auf dem Rücken besserer Filme daher, greift sich Motive aus Pets, Madagascar und ein wenig Kung-Fu Panda und rührt das Ganze durch einen defekten Mixer. Die Handlung wird wenigstens teilweise von einem reinen MacGuffin motiviert, einem Anhänger, den Kätzchen Cape von seinem Vater bekommen hat und den ein irr gewordener Künstler unbedingt zurück haben will. Ein reiner MacGuffin ist er, weil am pseudophilosophisch noch einmal aufgedrehten Schluss klar wird: Er ist wirklich schon immer total egal gewesen.

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Als Hitler das rosa Kaninchen stahl (2019)

In diesem Jahr möchte ich als eine mehr oder minder regelmäßige Einrichtung in jedem Monat (mindestens) einen Kinderfilm besprechen, bei dem eine Frau Regie geführt hat; den Hashtag dazu nenne ich #12FilmsByWomen, eine provisorische Filmliste gibt es hier, weitere Vorschläge sind stets willkommen.

Wir haben Als Hitler das rosa Kaninchen stahl im Kino gesehen, in einer ganz normalen Sonntagsvorstellung, es war für Fuldaer Verhältnisse bemerkenswert gut besucht, außer uns waren noch einige weitere Familien da, auch mit kleineren Kindern. In etwa gleicher Zahl wie die Familien waren aber auch und vielleicht sogar vor allem grauhaarige Menschen anwesend, vor allem Frauen.

Das muss nicht wundern, der Stoff ist ja nun etwas, mit dem vor allem unsere Generation und die vor uns aufgewachsen ist – Judith Kerrs Buch ist 1971 erstmals erschienen, 1973 auf Deutsch. Und der Name Caroline Link verspricht jedenfalls eine Verfilmung, die auch die ungeübten Kinogänger_innen nicht vor den Kopf stößt. Christel Strobel zitiert sie mit dieser Perspektive auf die Buchvorlage:

Man kann finden, dass dieser subjek­tive Blick auf Vertrei­bung harmlos erscheint, aber ich denke, gerade das zeichnet Judith Kerrs Buch aus. Kinder und Jugend­liche müssen sich vor dieser Geschichte nicht fürchten. Es ist keine Holocaust-Geschichte, die man jungen Menschen nicht zumuten mag.

Relativ dicht hinter saßen alte Damen, die sich gegenseitig befragten, ob die anwesenden Familien wohl womöglich im falschen Film gelandet seien oder ahnungslos seien ob des Inhalts. “Die haben vielleicht nur ‘Rosa Kaninchen’ gelesen, gleich merken sie womöglich, dass das kein Kinderfilm ist!”

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