Land aus Glas (2018)

Nicht unbedingt ein Wochenende nach Jas’ Geschmack: Sein Vater muss eine Extratour mit dem Lastwagen machen und wird erst spät am Sonntag zurückkehren, sein bester Freund Isak spielt mit Freund_innen Videospiele, auf die Jas keine Lust hat, und das alles im ländlichen Dänemark. Auf der Exkursion in ein Wolfsreservat findet Jas rote Betäubungspfeile, aber daheim erwartet ihn eine noch größere Überraschung: In der Scheune verstecken sich eine alte Frau und ein junges Mädchen, und der 13-jährige (Albert Rudbeck Lindhardt) weiß zunächst nicht ganz genau, wie er mit ihnen umgehen soll. Zumal Neia (Flora Ofelia Hofmann Lindahl) und Alva (Vigga Bro) mehr als nur ungewöhnlich sind.

Der Titel des dänische Spielfilms Landet af Glas bezieht sich auf die gläsernen Gewächshäuser, die Jas’ Eltern vor dem Tod der Mutter betrieben haben, in der Hoffnung, dass dort wirklich etwas wachsen werde; inzwischen ist es eine halb heruntergekommene Brache, in der ein kleines Schiff dem Jungen ein Refugium bietet. Schon diese Welt trägt einen Hauch von Magie in sich, nicht minder die Wälder rund herum.

Die Autor_innen und Regisseur_innen Marie Rønn und Jeppe Vig Find erzählen die Geschichte von Jas und Neia mit ruhiger Hand; es geht um Verlust, Trauer und Hoffnung, aber alles ohne jede Sentimentalität. Es geht um Magie und eine Welt jenseits dessen, was wir als normal wahrnehmen, aber ohne jedes Effektgewitter. Es ist ein mitreißendes Drama, aber in ganz und gar stillen Tönen. Der Blick bleibt dabei stets bei Jas, bei seiner (nie ausgesprochenen) Suche nach Heilung, nach einem Ende für diese Trauer, nach etwas jenseits von Trostlosigkeit, die am Anfang sein Leben zu bestimmen scheint.

Zugleich ist das natürlich eine Abenteuergeschichte, mit fragwürdigen Helfern und düster daherkommenden Geheimagent_innen, in der ein bester Freund wie Isak (Arien Takiar) sich beweisen kann – und selbst Verfolgungsjagden aber auf einem Niveau bleiben, das die Grenzen der Wahrscheinlichkeit nicht überschreitet. Wenn man schon ignoriert, dass man es hier mit Elfen zu tun hat.

Land aus Glas lief im vergangenen Jahr bereits auf den Nordischen Filmtagen Lübeck und ist jetzt auf dem Lucas Filmfestival in Frankfurt a.M. zu sehen.

Land Of Glass – Trailer

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Land aus Glas (Landet af Glas). Dänemark 2018. Regie: Marie Rønn/Jeppe Vig Find, 87 Min. Empfohlen ab 10 Jahren. (Die dänische Fassung mit engl. Untertiteln ist auf amazon erhältlich.)

(Pädagogisches Begleitmaterial zum Film)

Foto: Sine Vadstrup Brooker/Nordische Filmtage Lübeck

Shaun das Schaf – Der Film: Ufo-Alarm (2019)

Shaun und seine Schafe treffen auf ein Alien: LU-LA ist sehr niedlich und will eigentlich nur nach Hause. Ein Abenteuer steht bevor.

Kornkreise. Wer auch immer damit begonnen hat, komische Figuren mit kreisförmigen Mustern in Kornfelder zu legen – ob es Außerirdische waren, Spaßköpfe oder freakige Wind-Anomalien: Die Muster haben inzwischen ihren festen Platz im kulturellen Gedächtnis, und kein spaßig gedachter Film mit Aliens kann mehr auf irgendeinen Witz dazu verzichten. Kinderfilme inklusive: Zuletzt sah man sie in Luis und die Aliens, nun tauchen sie in dem ganz und gar klobig betitelten Shaun das Schaf – Der Film: Ufo-Alarm auch wieder auf.

Shaun ist eigentlich ja immer ein Grund zur Freude: Die Serie mit den kurzen Filmchen, die hierzulande vor allem durch die Sendung mit der Maus wandern, gehört nach wie vor zu meinen liebsten TV-Spektakeln für jüngere Kinder; schon beim ersten Film war aber natürlich die große Frage, wie diese Miniaturen sich auf ein längeres Format übertragen ließen: mit größerem, längerem Spannungsbogen, mit einer fast zwangsläufig komplexeren Geschichte.

Das Ergebnis war ambivalent: Während der grundlegende Charme erhalten blieb, tat es Shaun und seinen Mitschafen (nebst Hund Bitzer und Bauern) nur teilweise gut, die Mossy Bottom Farm zu verlassen. In meiner Wahrnehmung lag das vor allem daran, dass die recht konventionelle dramaturgische Entscheidung getroffen wurde, den Hauptfiguren einen Antagonisten (in Form des städtischen Tierfängers) gegenüberzustellen. Damit zieht ein Element von Bedrohlichkeit in die Geschichte ein, die den kurzen TV-Episoden fremd ist – und den Film für kleinere Kinder auch schwierig macht. (Das gleiche Problem hatte der ansonsten ja wirklich sehr fulminante Paddington-Film, wie ich hier beschrieben hatte.)

Im zweiten Film (im Original etwas knapper Shaun the Sheep Movie: Farmageddon genannt) bleibt das Geschehen zwar etwas stärker auf dem Bauernhof, dafür wird eine neue Hauptfigur eingeführt bzw. eingeflogen: LU-LA fällt wortwörtlich vom Himmel, ein kleines, putziges Alien, das, wie sich bald herausstellt, auch noch sehr, sehr jung ist und eigentlich nur nach Hause will. Und wie es aber die Stereotypen des Alienfilms will, gibt es dann eben doch böse Antagonisten in Form von Angestellten der Regierung, allen voran „Agent Red“, eine strengst gekleidete und schauende Frau, die ein Kindheitstrauma mitbringt, und ihre in gelbe Schutzanzüge gekleideten Helferchen, die gelegentlich so quatschig herumlaufen wie die ähnlich gelben Minions, nur nicht mit dem gleichen Sinn für anarchischen Humor.

Die Antagonistin in Shaun das Schaf: Ufo-Alarm wird nie als besonders bedrohlich inszeniert, zumal der Film schon relativ früh andeutet, dass hinter ihrer ruhelosen Aktivität auf der Suche nach Aliens eine unerwartete Vorgeschichte lauert; und die gruseligen Momente, die der Film bietet, orientieren sich ästhetisch und in der Spannung eher an den für heutige Sehgewohnheiten vergleichsweise harmlosen Science-Fiction-Filmen und generell B-Movies der 1950er, 1960er Jahre. Das, man ahnt es schon, öffnet die Tür für zahlreiche Anspielungen, die eher die Eltern als die Kinder ansprechen werden (es fängt mit „H.G. Wheels“ an, irgendwann tritt – brillante, sehr britische Idee – Doctor Who aus einem blauen Dixie-Klo, und zwischendrin wird wild zitiert aus 2001: Odyssee im Weltraum, E.T. – Der Außerirdische, Unheimliche Begegnung der dritten Art und Nummer 5 lebt! Um nur ein paar Beispiele zu nennen).

Das ist alles sehr witzig und, wie der ganze Film, in Animation wie Timing perfekt gemacht, das junge Publikum bleibt dabei allerdings außen vor. An dieses richtet sich, scheint es, eher der großflächig verteilte Slapstick – die Schafherde ist da viel zu selten beteiligt, nur Bitzer und der Bauer spielen aus der Stammbesetzung nennenswerte Rollen. Der Film strahlt durch dieses Tempo ein Gefühl von unterschwelliger, stetiger Aufregung aus, auch das ein Unterschied zu den kaum fünfminütigen Episoden, die bei allem Chaos stets von einer grundsätzlich entspannten Haltung zur Welt getragen zu sein scheinen.

Ein leichtes Fremdeln stellt sich für mich auch dadurch ein, dass das Character Design leicht, aber spürbar verändert zu sein scheint; ein paar andere Bewegungen hier, etwas anderes Verhalten da. Bitzer wirkt wesentlich strenger und stellt überall Verbotsschilder auf; wie ich auch insgesamt das Gemeinschaftsgefühl auf der Farm etwas vermisst habe – womöglich weil die anderen Schafe so wenig zu sehen sind.

Dafür ist der Bauer wie gewohnt ahnungslos und tölpelhaft; immerhin beweist er den richtigen Riecher, als in Mossingham auf einmal Alien-Sucher_innen en gros auftauchen und baut sich schnell den Vergnügungspark „Farmageddon“ auf eins seiner Felder. Der ist eine Augenweide, wirklich witzig und charmant, und für‘s dramatische Finale außerdem absolut unersetzlich.

Für welches Alter: Das ganz junge Publikum, das Shaun das Schaf in der Sendung mit der Maus genießen kann, ist von dem Film eventuell noch etwas überfordert. Ab sechs Jahren sollte das aber (mit geringem Angstpotential) passen.

SHAUN DAS SCHAF – DER FILM: UFO ALARM Trailer 2 Deutsch | Ab 26. September 2019 im Kino!

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Shaun das Schaf – Der Film: Ufo-Alarm (Shaun the Sheep Movie: Farmageddon). Großbritannien/USA/Frankreich 2019. Regie: Will Becher/Richard Phelan, 86 Min. FSK 0, empfohlen ab 6 Jahren. Kinostart: 26. September 2019.

(Fotos: Studiocanal)

Ikingut – Die Kraft der Freundschaft (2000)

Bóas glaubt zuerst, er habe ein seltsames Tier in weißem Fell gesehen, ein seltsamer Eisbär, ein Monster vielleicht; aus der Erzählung des 11-jährigen Jungen wird im kleinen Dorf im abgelegenen Norden Islands allerdings schnell ein Monster, womöglich ein Dämon daraus. Der Winter ist außergewöhnlich hart und will nicht enden, die Fischer haben womöglich eh nichts besseres zu tun – das Wasser ist zugefroren – und machen sich auf die Suche nach dem Wesen. Als Bóas allerdings neben den plötzlich endenden Spuren die kleine Figur eines geschnitzten Eisbären findet, ahnt er schon, dass sich da womöglich falsche Vorstellungen in den Kopf gesetzt haben.

Ikingut – Die Kraft der Freundschaft beginnt geradezu altmodisch bedächtig, ein Film der noch keine zwanzig Jahre alt ist und doch aus der Zeit gefallen zu sein scheint, so wenig interessiert er sich für Hektik, Action und Effekte. Stattdessen erzählt er eine einfache Geschichte von Freundschaft und Aberglauben aus dem späten 17. Jahrhundert, reduziert auf wenige Figuren und einfache Themen, dadurch aber umso klarer herausgearbeitet.

Das seltsame Wesen, das Bóas (Hjalti Rúnar Jónsson) gesehen hat, entpuppt sich dann schnell als kleiner Inuit-Junge (Hans Tittus Nakinge), ganz in einen Anzug aus Eisbärfell gekleidet. Eines Nachts weckt er das halbe Dorf auf – die Männer ziehen los, nach ihm zu suchen, alle anderen sind wach und aufgebracht … und so gibt es bei der Lawine, die kurz darauf auf den Ort niedergeht, keine Toten. Nur Bóas ist verschwunden, verschüttet vom Schnee – und der Inuit-Junge, den sie fortan “Ikíngut” nennen, weil er das immer sagt (das Wort bedeutet eigentlich “Freund”), wird ihn ausgraben und nach Hause bringen.

Bóas’ Familie (der Vater ist Pfarrer) nimmt den Retter des Sohnes natürlich auf, aber verwundert sind sie doch – seine Haut ist dunkel und lässt sich auch nicht reinigen, seine Gesichtszüge sind fremdartig. Im Schnelldurchlauf werden so rassistische Stereotype abgehakt – es scheint etwas unrealistisch, dass man hier noch nie von Menschen mit anderer Hautfarbe gehört haben soll -, ohne dass diese allerdings im geistlichen Haushalt dazu führt, dass er nicht gut behandelt würde. Die Dorfbewohner allerdings sind skeptisch, und der Dorfvorsteher nutzt das Gerede und den Aberglauben um sich herum, um seine Animositäten mit dem Pfarrer an Ikingut auszuagieren.

An der Oberfläche ist Ikingut – Die Kraft der Freundschaft ein Abenteuerfilm auf kindlicher Augenhöhe und mit viel Schnee: Immer wieder fährt die Kamera über schneebedeckte Weiten in all ihrer Wandelbarkeit (die Unerbittlichkeit der Kälte wird etwas heruntergespielt), über Eisschollen und weiße Berge. Darunter liegt allerdings eine Geschichte von Kommunikation und Empathie. Denn Bóas und “Ikíngut” verstehen sich sehr schnell, auch ohne dass sie einen gemeinsamen Wortschatz haben; die Dorfbewohner_innen aber, die nicht bereit sind, sich auf den Fremden einzulassen, jene die trotz gemeinsamer Sprache nicht wirklich miteinander, sondern nur gegeneinander sprechen, verstehen sich nicht.

Am Ende sind es die Kinder, die mit so mutigem wie gefährlichem Handeln den Konflikt lösen und Bewegung in die Sache bringen – bis hin zum unvermeidlichen, so tröstlichen wie traurigen Ende.

Ikingut – Die Kraft der Freundschaft (Ikíngut). Island/Norwegen/Dänemark 2000. Regie: Gísli Snær Erlingsson, 87 Min. FSK 6, empfohlen ab 8 Jahren. (amazon)

(Fotos: absolut Medien)

Chihiros Reise ins Zauberland (2001)

Chihiro hat wirklich keine Lust auf diesen Umzug. Mit ihren Eltern ist sie im Auto unterwegs an den neuen Wohnort, die Eltern zeigen ihr im Vorbeifahren ihre neue Schule, aber das 10-jährige Mädchen grummelt nur, die alte Schule sei viel schöner. Auf der Straße zu ihrem neuen Haus taucht aber auf einmal ein seltsames Hindernis auf, und Chihiros Eltern beschließen, einem Gang zu folgen, der anscheinend direkt in den Berg hineinführt.

Auf der anderen Seite finden Sie eine weite Landschaft mit einzelnen Häusern, die Chihiros Vater als Reste eines alten Vergnügungsparks zu erkennen meint; da sie inzwischen Hunger haben, tun sie sich am Essen gütlich, das an einem der Stände anscheinend unbewacht bereitsteht. Chihiro aber will damit nichts zu tun haben, drängt ihre Eltern zum Aufbruch und erkundet dann die Gegend ein wenig weiter; als die Sonne untergeht, tauchen Geister und Gestalten aus den Schatten auf. Ein Junge namens Haku warnt sie, sie müsse sofort zurückkehren, sonst sei sie in dieser Welt gefangen – doch Chihiros Eltern, noch immer gierig über das Essen gebeugt, haben sich inzwischen in Schweine verwandelt, und auch für Chihiro ist es nun zu spät. Im Badehaus der Hexe Yubaba muss sie Arbeit finden, sonst wird sie, als Mensch unter Geistern unerwünscht, gefangen.

Hayao Miyazaki hat Chihiros Reise ins Zauberland 2001 fertiggestellt, nach Prinzessin Mononoke wieder ein etwas kindertauglicherer Film, auch wenn der Anfang unheimlich, stellenweise gruselig ist, als für die Protagonistin die Welt des Badehauses noch fremd ist. Die Rußmännchen aus Mein Nachbar Totoro tauchen hier wieder auf, aber viele andere seltsame Gestalten und Figuren, das riesige Baby von Yubaba allein ist schon ein Erlebnis, nicht minder in seiner verwandelten Form als kleines, sehr niedliches Tierchen.

Yubabas Badehaus ist ein Ort der Erholung für die Götter und Geister, die die Welt, um es etwas platt zu sagen, nach shintoistischer Vorstellung bevölkern, aber es ist keineswegs alles fremd in diesem Wunderhorn animierter Phantasie. Miyazaki baut Elemente ein, die europäischen Zuschauer_innen womöglich aus Homers Odyssee und anderen Mythen bekannt vorzukommen scheinen; das alles eingewoben in jene Welt von Geistern, Dämonen und Zusammenhängen, in denen „Gut“ und „Böse“ jedenfalls nicht als eindeutige Zuordnungen vorkommen, nur als Punkte eines Spektrums, auf dem sich alle Figuren bewegen: Eine Phantasiewelt, in der selbst die Antagonistin Yubaba sich an Regeln hält und womöglich gar nichts Böses will. Gruselig, auch angsteinflößend, und dennoch vor allem: in sich stimmig, bevölkert von Leben und Widersprüchen und Glück.

Natürlich ist das auch eine Geschichte vom Erwachsenwerden; Chihiro muss im Badehaus Arbeit suchen, nur so kann sie dort bleiben und (vielleicht) ihre Eltern erlösen. Ohne jede Vorbereitung muss sie selbständig Entscheidungen treffen, findet neue Freundinnen und Freunde, auch wenn nicht immer klar ist, wer ihr wohlgesonnen ist. Denn ist Haku, der ihr anfangs half, nicht vor allem ein Handlanger von Yubaba? Und ist der spinnengleiche Kamaji viellicht doch mehr als nur ein grantiger alter Mann an den Schalthebeln der Heizung des Badehauses?

In einzelnen Figuren verdichten sich kleine und große Botschaften: Ein Monstrum, dass als Faulgott nur widerwillig im Badehaus Eintritt bekommt, entpuppt sich nach einem ausführlichen Bad und heilenden Eingriff von Chihiro als verletzter und vor allem: mit Abfall der Menschen verschmutzter Flussgott. Und die gespenstische Gestalt Ohngesicht tritt erst ganz harmlos, wortlos bittend auf; Chihiro gewährt ihm arglos Zugang zum Badehaus, wo er zunächst bemüht ist, ihre Wünsche zu erfüllen, ihr zu helfen. Er beginnt dies dann auch bei anderen Bediensteten im Badehaus zu machen und verschlingt diese dabei, übernimmt aber dann auch deren maßlose Habgier. Erst als er dank einer magischen Kräuterkugel von Chihiro geheilt wird, kehrt er zu seinem ruhigen, eher beobachtenden Wesen zurück.

Niemand ist so einfach, wie er oder sie auf den ersten Blick erscheint; Chihiros Reise ist für uns als Film ein Eintauchen in eine Welt voller Farben, phantastischer Gestalten und oft bis zum Ende ungelöster Rätsel. Ein Meisterwerk von atemberaubender Schönheit, eine Traumreise, in der am Ende nicht ganz klar ist, ob sie sich wirklich ereignet hat – wären da nicht Staub, Laub und ein glitzerndes Haarband.

Chihiros Reise ins Zauberland – Trailer (deutsch/german)

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Chihiros Reise ins Zauberland (Sen to Chihiro no kamikakushi/Spirited Away). Japan 2001. Regie: Hayao Miyazaki, 125 Min. FSK 0, empfohlen ab 10 Jahren. (amazon)

(Fotos: Universum/Constantin)

Pachamama (2018)

Es gibt nicht besonders viele Filme – von Kinderfilmen zu schweigen –, die wir in Deutschland regulär zu sehen bekommen, die eine spezifisch südamerikanische Sicht auf die Welt bringen. Interessanterweise hat sich das mit dem Wachstum von Netflix ein wenig geändert, wo es nun immer wieder Produktionen aus unterschiedlichen Teilen der Welt zu sehen gibt, die es sonst nie zu einem größeren Publikum in Deutschland geschafft hätten. (Aktuell ist dem Vernehmen nach zum Beispiel auch eine afrikanische Animationsserie in Vorbereitung, auf die ich mich freue.)

Mit Pachamama zeigt der Streaming-Anbieter nun eine Französisch-Kanadisch-Luxemburgische Koproduktion, entstanden allerdings aus einer Idee des argentinischen Regisseurs Juan Antin, der darin im Kern die Frage stellt: Wie haben es die Menschen zur Zeit der Inkas eigentlich erlebt, als die spanischen Conquistadores auf einmal in ihre Welt einfielen? Dafür begibt sich Antin auf eine ganz grundlegende Blickhöhe: Die Perspektive eines Jungen, wohl kurz vor der Pubertät, der aber wegen seiner auf sich selbst bezogenen Lebensperspektive im Konflikt mit seiner Dorfgemeinschaft steht.

Als ein Abgesandter des Inkas sich über die Opfergaben des Dorfes an „Pachamama“, Mutter Erde, lustig macht, und dann nicht nur ihre restlichen Essensvorräte, sondern auch noch ein Dorfheiligtum mitnimmt, um sie dem Herrscher zu präsentieren, macht Tepulpai sich auf den Weg – und erlebt dann Dinge, mit denen er wirklich nicht gerechnet hatte.

Pachamama versucht die Kultur und die religiöse Welt seiner Protagonist_innen in den Fokus zu rücken und ernst zu nehmen; dass es dabei gelegentlich ins Phantastische geht, verstärkt diesen Eindruck noch. Die Animation, eine Mischung aus 2D- und 3D-Techniken, nimmt sich, wie der Regisseur beschrieben hat, präkolumbianische Kunst der Andenregion als ästhetisches Vorbild, was sich sowohl in der Darstellung der Welt als auch im Design der Figuren deutlich niederschlägt. Ergänzt wird das durch entsprechende Musik, die beim Erscheinen der spanischen Eroberer auf einmal Klänge aus der Europäischen Renaissance ertönen lässt.

Ein bisschen schade ist es gleichwohl, dass trotz aller ästhetischen wie inhaltlichen Bezüge zu südamerikanischer Kultur die Story dann doch eher sehr bekannten Grundstrukturen folgt und weitgehend überraschungsfrei bleibt; ob das am Europäischen Einfluss in der Produktion liegt, insbesondere von Seiten des französischen Produzenten Didier Brunner, lässt sich dabei nicht klar sagen, zumal Brunner durchaus mit großem Feingefühl für kulturelle Unterschiede zum Beispiel die Kiriku-Filme, Brendan und das Geheimnis von Kells oder Ernest & Célestine produziert hat.

Was trotzdem bleibt: ein wunderschöner, mit 72 Minuten angenehm straff-kleiner Film, der große Weltgeschichte auf konkretes Erleben eindampft, so dass auch jüngere Grundschulkinder damit gut klarkommen werden. Dass die Spanier bei dieser Angelegenheit nicht besonders gut wegkommen, ist aus Sicht der Andenbewohner_innen auch sicher die historisch zutreffende Beobachtung.

Pachamama Film Trailer | Netflix

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Pachamama. Frankreich/Kanada/Luxemburg 2018. Regie: Juan Antin, 72 Min. FSK 6, empfohlen ab 6 Jahren. (Jetzt bei Netflix.)

Spider-Man: A New Universe (2018)

Ich bespreche hier in der Regel ja die großen Superheld_innenfilme von Marvel und DC nicht. Die großen Blockbuster unter ihnen richten sich vor allem an ein Publikum von Jugendlichen bis Erwachsenen und tragen ihre FSK-Freigabe ab 12 Jahren völlig zu Recht, so deutlich (wenn auch meist blutarm) fallen Gewalt und Actionszenen darin meist aus. Damit fallen diese Filme für mich, wie ja auch die Star Wars-Filme, nicht in den Bereich „Kinderfilm“, auf den ich mich hier gerne beschränken will.

Für Spider-Man: A New Universe möchte ich eine kleine Ausnahme machen. Ein richtiger Kinderfilm ist das freilich nicht, aber doch ein Superheld_innen-Streifen, der schon für Zehnjährige zugänglich ist – allenfalls etwas überfordernd in seiner ästhetischen wie narrativen Informationsdichte, aber das ist in diesem Fall (ähnlich wie bei The Lego Movie) eher ein Grund, den Film noch öfter anzusehen, oder später einmal mit größerem Verständnis für viele Details, die man übersehen haben mag.

Ich habe diese Variation auf den Spider-Man-Filmkosmos erst jetzt sehen können, nachdem ich schon zahlreiche Besprechungen und Lobpreisungen vor allem in Bezug auf seine Animationstechnik gelesen hatte und er den Oscar als bester Animationsfilm längst (und ich möchte sagen: zurecht) gewonnen hatte; aber Spider-Man: A New Universe ist ein wirklich in jeder Hinsicht bemerkenswerter, hochkomplexer Film, der viele der großen Marvel-„Realfilme“ in ihre Schranken verweist, einfach deshalb, weil er sich enger an ihr Ursprungsmedium, den Comic anschmiegen kann und will.

Der Spider-Man von Regisseur Sam Raimi war 2002, noch drei Jahre vor Christopher Nolans Batman-Trilogie, im Grunde der Auftakt zur Wiedergeburt der Superheld_innen im Kino: Weg von den albernen Schlafanzug-Trägern à la Batman hält die Welt in Atem (ein allerdings in seiner Unernsthaftigkeit durchaus großartiger Film von 1966, der sich auch als großes Vergnügen mit Kindern sehen lässt) hin zu einer Geschichte, die so gut aussah, wie es der Zeit entsprach, und zugleich Spider-Man ernsthaft als Coming-of-Age-Geschichte mit Superkräften erzählte, mit einem zweifelnden, unsicheren Helden, der immer zuallererst mit sich selbst zu kämpfen hat – im Grunde die Blaupause für solche Figuren bis heute (und strukturell zum Beispiel für Kinder in Antboy nachgebildet).

Inzwischen gab es schon zwei Reboots dieser Reihe gab – auf Tobey Maguire folgte erst Andrew Garfield, bevor in Spider-Man: Homecoming der Held Peter Parker in Gestalt von Tom Holland seinen Weg ins „Marvel Cinematic Universe“ fand. (Dass es so lange dauerte, den Spinnenmann ins MCU zu integrieren, hat mit Lizenzfragen zu tun, die z.B. auch die Figuren der X-Men, Deadpool und die Fantastic Four betreffen; nachlesen kann man das z.B. hier oder hier.) Quasi parallel zu diesen Filmen – deren neuester, Spider-Man: Far From Home, seit dieser Woche im Kino läuft – erzählt Spider-Man: A New Universe eine Geschichte aus dem Multiverse, in dem die Comic-Geschichten von Spider-Man oft lokalisiert sind: Eine Welt von Paralleluniversen, in denen Spider-Man in unterschiedlichen Inkarnationen existiert, so dass sich strukturell ähnliche Geschichten in verschiedenen Kontexten erzählen lassen. (Oder so habe ich es zumindest verstanden.)

In der Ursprungswelt von Spider-Man: A New Universe wird der junge Miles Morales, Kind eines schwarzen Polizisten und einer puerto-ricanischen Krankenschwester, bei einem nächtlichen Sprayer-Ausflug von einer radioaktiven Spinne gebissen. Während er verwirrt feststellt, dass er die gleichen Fähigkeiten entwickelt wie Spider-Man, erlebt er, wie eben dieser – in Miles‘ Welt sowohl Held aus Comicheften wie auch real existierendes Alias von Peter Parker – vom Green Goblin ermordet wird. Zugleich hat Superbösewicht Wilson Fisk, für den der Goblin arbeitet, einen Teilchenbeschleuniger gebaut, der ein Tor zu Paralleldimensionen öffnet. Schon bald darauf begegnet Miles verschiedenen anderen Spider-Man-Inkarnationen: einem leicht untersetzen Peter Parker mitten in der Midlife Crisis, Spider-Woman Gwen Stacy, einem schwarz-weißen Spider-Man in Trenchcoat und Hardboiled-Detective-Habitus aus den 1930er Jahren, ein im Manga-Stil erscheinendes Mädchen aus dem New York der Zukunft und Spider-Ham, einem sarkastischen Cartoon-Schwein.

Ja, das ist ein bisschen bekloppt, aber auf die allerbeste Weise, und wird im Film so elegant erzählt, dass es keine Verwirrung gibt (zumal die Detailfragen, was da bitteschön warum und wie genau passiert ist, ebenso elegant überspielt werden). Entscheidend ist aber, in was für Bildern der Film erzählt. Denn Spider-Man: A New Universe ist ein Comic-Film, der auf der Leinwand nachahmt, was das Medium auf dem Papier kann – und es mit spezifisch Filmischem zum Laufen, zum Flirren bringt.

Da wird das Bild in mehrere Panels aufgeteilt, die unterschiedliche Perspektiven oder Orte zeigen – damit wird das Geschehen wahlweise dynamischer gemacht oder Getrenntes miteinander verbunden; die Wahl der Ästhetik greift immerzu auf unterschiedliche Comicstile zurück, insbesondere sind die Spider-Protagonist_innen in unterschiedlichen Stilen gezeichnet und so noch stärker differenziert. Für erwachsene Augen fühlt sich manche Szenenfolge womöglich überfordernd an, aber den Regisseuren Bob Persichetti, Peter Ramsey und Rodney Rothman gelingt es, das so zu gestalten, dass man auch folgen kann, wenn man nicht alles erfolgreich zuordnen kann – das ist bei zum Teil fünf bis sechs Bildern gleichzeitig auch zuviel verlangt.

Und dann bremst der Film aber eben auch ab, für wahrhaft kinematographische Momente, Breitwandformate von atemberaubender Größe und Schönheit.

Ob Kinder den Verwicklungen folgen wollen und können, hängt wahrscheinlich auch davon ab, ob und wie sehr sie mit den Spider-Man-Comics vertraut sind oder zumindest die Grundzüge des Genres verstehen; denn das Universum an sich, in dem sich Miles bewegt, wird hier weder erklärt noch besprochen, sondern nur gezeigt. Ob man diese vielen zusätzlichen, nicht weiter erklärten Ebenen als angedeutete Komplexität hinnehmen mag oder einfach nur genervt ist von den vielen Fragezeichen, die diese furiose, womöglich beste Spider-Man-Kino-Inkarnation aufwirft und stehen lässt, ist womöglich eine Charakter-, wenigstens eine Haltungsfrage. Ein aufregender, wunderschöner Riesenspaß, in dem auf einmal Große und Kleine, Mädchen und Schweine ebenso Superheld_innen werden können wie der All-American White Boy Peter Parker, ist Spider-Man: A New Universe auf alle Fälle.

SPIDER-MAN: INTO THE SPIDER-VERSE – Official Trailer (HD)

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Spider-Man: A New Universe (Spider-Man: Into the Spider-Verse). USA 2018. Regie: Bob Persichetti/Peter Ramsey, 117 Min. FSK 6, empfohlen ab 10 Jahren. Kinostart: 13. Dezember 2018. (Bei amazon bestellen.)

(Fotos: Sony Pictures)