bayala – Das magische Elfenabenteuer (2019)

Falls Sie Kinder haben, die gerne mit den kleinen, starren Plastikfiguren der Firma Schleich spielen, haben Sie vielleicht schon einmal von “bayala” gehört – das ist gewissermaßen die Untermarke, unter der das Unternehmen seine Fantasy-Figuren zusammengefasst hat, eine nur vage beschriebene Welt, in der Einhörner, Drachen und Elfen friedlich miteinander leben. bayala – Das magische Elfenabenteuer soll diese Welt nun, vermutlich nach dem Vorbild von The Lego Movie, auf die große Leinwand bringen und den ganzen Figürchen noch so etwas wie eine Hintergrundgeschichte geben.

Gerade erst diesen Sommer sind zwei Versuche, Spielzeugmarken ins Kino zu bringen, mehr oder minder lautstark krachend gescheitert. Playmobil: Der Film war einfach eine viel zu naheliegende Kopie des schon erwähnten (so gelungenen wie erfolgreichen) Lego-Films, und UglyDolls ein erbärmlicher Versuch, um die vermeintlich hässlichen Puppen gleichen Namens so etwas wie eine Art Anti-Beauty-Befreiungstheologie zu stricken.

In meiner Kritik von bayala – Das magische Elfenabenteuer für kino-zeit.de habe ich ganz vergessen, zu erwähnen, wie uninteressant und unmotiviert die Songs zu erwähnen, die an zwei oder drei Stellen in die Handlung eingebaut wurden. Ich musste leise in mich hineinweinen, weil ich an die Popglitterperlen denken musste, die mir in Trolls oder The Lego Movie begegnet sind. Nunja. Lest meine Kritik und spart Euch den Film.

bayala – Das magische Elfenabenteuer (bayala). Deutschland/Frankreich 2019. Regie: Aina Järvine/Federico Milella, 85 Min. FSK 0, empfohlen ab 6 Jahren. Kinostart: 24. Oktober 2019.

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(Foto: The Walt Disney Company Germany)

Casper (1995)

Wie versprochen, bespreche es hier jetzt jeden Mittwoch bis Halloween einen Gruselfilm für Kinder aus meiner Liste – weitere Vorschläge werden gerne angenommen! #horrorctober

Sucht man nach der niedlichstmögliche Form von Gruseligkeit, so landet man wahrscheinlich bei dieser Figur, die schon – noch lange vor Preußlers Das kleine Gespenst – in den 1930er Jahren als Casper the Friendly Ghost zunächst auf Papier entstand, später dann auch als Filmfigur in jeder Menge kleiner Cartoons. Insofern war Casper vor allem einem amerikanischen Publikum schon sehr geläufig, als er mit der Hilfe von reichlich Spezialeffekten in einen Realfilm implantiert wurde; George Lucas’ Spezialeffektschmiede Industrial Light & Magic hat hier die Integration von animierten Bildern mit realen Schauspielwelten, wie sie zuvor erstmals in Falsches Spiel mit Roger Rabbit so richtig gelungen war, neu mit reinen Computeranimationen ausprobiert; nicht zuletzt dank der semitransparenten Geister sieht das ganz gut aus.

Der Geister sind es (zunächst) vier: Casper, der niedliche Geist, der als Zwölfjähriger verstorben ist und sich nur vage an seine Familie erinnert, aber gerne mal ein richtiges Mädchen kennenlernen würde. Und seine drei nöligen Onkel, die alle Menschen aus dem gemeinsamen Haus vertreiben wollen und Casper als ihren Angestellten betrachten, der ihnen Frühstück machen muss hat und stets zu Diensten sein soll.

Das Haus hat Catherine “Carrigan” Crittenden (Cathy Moriarty) geerbt, die aber nur auf den Schatz aus ist, der angeblich im Haus versteckt sein soll; ihren etwas tumb hinterherlaufenden Assistenten Paul (Eric Idle) schickt sie immer dann los, wenn ihr irgendetwas unangenehm ist. Weil das Haus aber nun von Geistern bewohnt ist und sich auf die üblichen Weisen auch nicht von ihnen befreien lässt (für die Eltern gibt es u.a. ein kurzes Cameos von Dan Aykroyd als Ghostbuster Ray Stantz, der entsetzt aus dem Haus flieht), heuern sie einen abgehalfterten Psychologen an, der verspricht, Geister zu therapieren und so von ihrem „unfinished business“ zu befreien, so dass sie ins Totenreich überwechseln können.

Der Psychologe ist Dr James Harvey, von Bill Pullman in stetiger Überforderung von der Welt gespielt, der sich der Para-Psychologie (im doppelten Wortsinne) zugewandt hat – vor allem aber, weil er noch einmal Kontakt mit seiner verstorbenen Frau aufnehmen will. Vor allem ist er mit der Erziehung seiner so patenten wie ironisch-resignierten Tochter Kat überfordert – wieder Christina Ricci im zweiten #horrorctober-Film des Jahres und ihrer ersten eigenen Hauptrolle nach Die Addams Family.

Beim ersten Zusammentreffen der Geister mit den Harveys gibt es einige gruselige bis schreckliche Momente, bei denen die eigentliche Hauptfigur dieser ganzen Szenen schön ins Bild gesetzt wird: nämlich das prachtvolle, nur ziemlich verstaubte Haus, in dem sich das alles abspielt. (Wow. Kann das jemand für mich nachbauen?) In einer Szene verwandelt sich Bill Pullmans Gesicht, das ist der vielleicht gruseligste Moment des Films, in das Antlitz anderer Menschen (unter anderem sind kurz Clint Eastwood und Mel Gibson zu sehen – freundlicherweise hat Regisseur Brad Silberling ansonsten weitgehend darauf verzichtet, augenzwinkernde Spielereien für die Eltern einzubauen).

Die Geister sind so grotesk (im Falle von Stretch, Stinkie und Fatso) oder niedlich (Casper), dass man durchweg keine Angst haben muss; sie fügen sich fast organisch in die äußere Welt ein, obgleich ihre Physikalität keineswegs eindeutig ist: Mal können sie Menschen berühren, mal Gegenstände herumwerfen, mal fliegen sie durch Wände, mal müssen sie Türen öffnen, um sie passieren zu können…

Neben dem Plot um die gierigen Schatzsucher gibt es dann noch den Nebenplot um Kats neue Schulklasse, deren Halloween-Party nun auf einmal im Spukhaus stattfinden soll, und eine wichtigere Erzählung um die „Lazarus“-Maschine, die Casper wieder zum Leben erwecken soll und ihm die Zukunft geben, die er durch seinen frühen Tod nicht haben konnte. Natürlich kommt alles anders, und das letzte Drittel packt dann noch mal ein wenig Bedrohung, Tod, Tränen und schließlich sehr viel Herzschmalz und Happy End in einen großen Showdown, der alles zusammenführt und sogar einen Engel zur Stippvisite auf Erden veranlasst. Das ist eigentlich ein bisschen viel Gefühligkeit, aber da der Film sich vorher lange Zeit nicht allzu ernst nimmt (der Tischstaubsauger!), mag man ihm das verzeihen.

Casper. USA 1995. Regie: Brad Silberling, 100 Min. FSK 6, empfohlen ab 9 Jahren. Kinostart: 20. Juli 1995. (Casper auf Netflix, bestellen bei amazon.de)

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(Foto: Universal Pictures)

Invisible Sue – Plötzlich unsichtbar (2019)

“Meine Superkraft: Ich bin unsichtbar.” Susanne Hartmann meint das eher ironisch. In der Schule ist sie die einzige, die nicht zur großen Halloween-Party eingeladen wird, und sie wird sogar gelegentlich im Klassenraum eingeschlossen, weil die Lehrerin übersehen hat, dass sie an ihrem Pult eingeschlafen war. Sie träumt sich hinein in eine Welt mit echten Superkräften, wie “Super Moon”, ihre Comicheldin; in der realen Welt schafft sie es noch nicht einmal, ihre Mutter davon zu überzeugen, dass sie sie Sue und nicht Susanne nennen soll.

Logo des Schlingel-Filmfestivals Invisible Sue – Plötzlich unsichtbar schnappt sich das Konzept der Superheld_in-Origin-Story und kippt sie in ein europäisches Schulsetting: Ein diesmal weiblicher Nerd, der anschließend mit zwei Sidekicks (der sympathische und gut aussehende, aber schüchterne Junge für alles Tobi und Computernerd Kaya, die alle nur “App” nennen) eine Herausforderung bestehen muss – und sich mitten in einem, nunja, Wissenschaftsthriller wiederfindet.

Meine ausführliche Kritik von Invisible Sue – Plötzlich unsichtbar, der zuletzt auch auf dem Schlingel-Filmfestival in Chemnitz zu sehen war, findet Ihr drüben bei kino-zeit.de.

Für das Kinder- und Jugendfilmportal habe ich noch eine zweite Kritik geschrieben, die einen etwas anderen Schwerpunkt wählt.

Invisible Sue – Plötzlich unsichtbar. Deutschland/Luxemburg 2019. Regie: Markus Dietrich, 95 Min. FSK 6, empfohlen ab 9 Jahren. Kinostart: 31. Oktober 2019.

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(Foto: farbfilm Verleih)

Maleficent: Mächte der Finsternis (2019)

Seit Donnerstag ist Maleficent: Mächte der Finsternis im Kino, die Fortsetzung des seltsamen, unvollkommenen und düsteren, aber dennoch sehr interessanten Maleficent – Die dunkle Fee aus dem Jahr 2014, mit dem Disney seine eigene Dornröschen-Variation komplett neu erzählt hat.

Der neue Film, wieder mit Angelina Jolie in der Titelrolle, wird derweil fröhlich rechts und links verrissen, auch wenn eine einzelne Stimme darin so etwas wie eine Hoffnung auf die Zukunft der Disney-Filme sehen möchte. Und während ich den meisten Kolleg_innen zustimmen muss, dass Maleficent 2 kein wirklich herausragender Film ist und vor allem daran leidet, dass die meisten Figuren viel zu eindimensional und stellenweise leblos sind und speziell Elle Fannings Aurora von einer viel zu naiven Lieblichkeit.

Elle Fanning is Aurora, Angelina Jolie is Maleficent and Sam Riley is Diaval in Disney’s live-action MALEFICENT:  MISTRESS OF EVIL

Und natürlich ist es in diesem Film nicht mehr so originell, dass Maleficent nicht die gefährliche Böse ist, als die sie dargestellt wurde, sondern eben unter dieser Oberfläche ein Wesen von komplexer Emotionalität. Jolie verkörpert sie durch und durch und mit jeder Faser auch ihrer Star Persona verkörpert, majestätisch und so kühl-distanziert wie herrisch, die scharf konturierten künstlichen Wagenknochen machen ihr weiß geschminktes Gesicht mit vollen, grellrot geschminkten Lippen noch kantiger, noch kontrastreicher – ein bewusst gesetzter, harscher Kontrast zu Fannings rundem, weichem, rosigem Antlitz.

Das beschreibt im Detail, wie gekonnt der Film mit seinen Bildern umgeht, vor allem mit Farben: Hier die magische Welt der Moore, mit leuchtenden Blüten und bunten Fabelwesen, dort die graue Welt der Menschen, dicht gepackte, krumme Häuser, mitten drin der Schlosspark und vor allem das Schloss, wo alles sauber ist und aus geraden, meist aufstrebenden Linien besteht.

Angelina Jolie is Maleficent, Sam Riley is Diaval, Jenn Murray is Gerda, Harris Dickinson is Prince Phillip, Elle Fanning is Aurora, Robert Lindsay is King John and Michelle Pfeiffer is Queen Ingrith in Disney’s live-action MALEFICENT:  MISTRESS OF EVIL.

Die Kontraste sind immer da, und natürlich sind sie relativ plump – aber in den beiden Figuren von Maleficent und Königin Ingrith dann auch zu einem stacheldrahtbewehrten Dialog aufgefahren, der ganz am Anfang des Films steht, aber eigentlich Höhepunkt des Films ist. Ohne Michelle Pfeiffer und Jolie in diesen beiden Rollen wäre der Film ganz und gar aufgeschmissen, aber Pfeiffer holt selbst aus ihrer doch recht eindimensionalen Figur als böse Schwiegermutter in spe das meistmögliche heraus.

Maleficent: Mächte der Finsternis ist reich an visuellen wie erzählerischen Anspielungen auf das Original-Disney-Dornröschen, vor allem eine Spielerei mit den Farben des Hochzeitskleides ganz am Schluss hat mir sehr gut gefallen; die eigentliche Qualität des Films ist aber, dass er noch einmal thematisiert, wie eigentlich das Narrativ der Bösen Fee in die Welt kam: von Ingrith als Geschichte platziert, eine von langer Hand vorbereitete politische PR-Initiative, wenn man so will. In ihr wird die starke Frau zur bösen Figur umstilisiert, wird der Weg vom Meta-Märchen, das Maleficent – Die dunkle Fee war, zurück zur regressiven Form in Dornröschen vollzogen.

Elle Fanning is Aurora in Disney’s live-action MALEFICENT:  MISTRESS OF EVIL

Die Märchen mit ihren bösen Hexen, Feen und Schwiegermüttern als politisch aufgeladene Erzählungen zur Unterdrückung der Frau – das ist am Anfang des 21. Jahrhunderts zwar beileibe keine besonders aufregend neue Perspektive (und in dieser Schlichtheit natürlich auch zu platt), aber für einen Film aus dem Konzern, der einen wesentlichen Teil seiner Marktmacht normierten Prinzessinnen verdankt, ist das ja fast schon revolutionär. Dass Jolie passend dazu in der Modezeitschrift Elle einen Essay veröffentlicht hat, der im Kern ruft: We need more wicked women!, das ist dann schon auch wieder gute PR.

Denn – so viel Ehrlichkeit muss sein – die interessante politische Botschaft, die durch das sehr versöhnliche Ende auch schon wieder teilweise ausgehebelt wird, kann eben nicht verstecken, dass Maleficent: Mächte der Finsternis letztlich halt doch nur ein mittelmäßiger Film ist. (Für das Kinder- und Jugend-Filmportal habe ich eine ausführliche Kritik geschrieben, die auch noch auf einige weitere Motive im Film eingeht. Bitte hier entlang.)

Maleficent: Mächte der Finsternis (Maleficent: Mistress of Evil). USA 2019. Regie: Joachim Rønning, 118 Min. FSK 12, empfohlen ab 13 Jahren. Kinostart: 17. Oktober 2019.

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Meine an Kinder und Jugendliche gerichtete Besprechung des Films ist auf kinderfilmwelt.de erschienen.

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(Fotos: Disney)

Lino – Ein voll verkatertes Abenteuer (2017)

Indoorspielplätze sind so etwas wie hochspezialisierte Großfolterkammern, in denen besuchende Eltern in großen Stückzahlen durch die Geräusche, Gerüche und Bedürfnisse des von ihnen selbst verschuldeten Nachwuchses (und dem der anderen anwesenden Eltern) in den Wahnsinn getrieben werden. Es sind geschlossene Räume voll mit Geräten in grellen Plastiktönen, die durch viel Schaumstoff abgesichert wurden; dreidimensionale Labyrinthe, an deren tontechnisch zentral gelegenen Orten Essen und Getränke gereicht werden, die mit viel Fett und Zucker nicht nur Geld, sondern auch Lebenszeit kosten, als wäre das Gebrüll rundherum, für das man auch noch Eintritt gezahlt hat, noch nicht genug.

In einer solchen Vorhölle beginnt Lino – Ein voll verkatertes Abenteuer, und es ist auch für Nicht-Eltern unmittelbar evident, warum der Titelheld kreuzunglücklich ist. Er steckt in einem großen Plüschkatzenkostüm, wird von den Kindern angeschrien und angesprungen; als wäre das nicht genug, nehmen auch alle Erwachsenen rundherum ihn als Witzfigur wahr. Er lebt allein in einer trostlosen Wohnung, verdient nicht genug Geld für die Miete, und nebenan wohnt der gleiche Typ, der ihn schon in der Schule immer herumgeschubst hat.

Ein Film wie ein Indoorspezialist: Meine detaillierte Besprechung auf kino-zeit.de.

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Lino – Ein voll verkatertes Abenteuer (Lino: Uma Aventura de Sete Vidas). Brasilien 2017. Regie: Rafael Ribas, 93 Min. FSK 0, empfohlen ab 7 Jahren. Kinostart: 17. Oktober 2019.

(Foto: Little Dream Entertainment)

Dr. Pyckle und Mr. Pryde (1925)

Wie versprochen, bespreche es hier jetzt jeden Mittwoch bis Halloween einen Gruselfilm für Kinder aus meiner Liste – weitere Vorschläge werden gerne angenommen! #horrorctober

Was mich gerne mal aufregt, wenn ich gerade nichts anderes zum Echauffieren herumliegen habe, ist die meine Kindheit so prägende Benamsung von Stan Laurel und Oliver Hardy als “Dick & Doof”. Nicht nur, dass das herablassende, nachgerade diskriminierende Adjektive sind, sie reduzieren die beiden Ausnahmekomiker auch auf jeweils eine Eigenschaft, lassen alle Komplexität und Feinheiten verschwinden – und die beiden Personen dahinter sowieso.

Die Bezeichnung verdeckt auch, dass Laurel und Hardy beide, insbesondere vor Beginn ihrer Zusammenarbeit, natürlich auch jeweils allein als Komiker gearbeitet haben. (Ihre späten Jahre wurden gerade erst in dem Biopic Stan & Ollie zum Thema gemacht. [amazon])

Dr. Pyckle und Mr. Pryde von Scott Pembroke und Joe Rock ist nur wenig länger als 20 Minuten (was noch dadurch verschärft wird, dass das eigentliche Ende des Films wohl verschollen ist), und ist schon in dieser knackigen Kürze eine ziemlich vollständige Adaption von Robert Louis Stevensons Novelle Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde aus dem Jahr 1886 – einer der Klassiker der Schauerliteratur, wie meine Leser_innen vermutlich alle wissen. (Man sollte diese Erzählungen, wie auch Frankenstein und Dracula, unbedingt einmal gelesen haben, das liest sich ja rasch mal weg, aber das nur am Rande.) Dabei ist der Film eigentlich ja primär eine Parodie auf andere Verfilmungen, von denen es schon zu diesem Zeitpunkt mindestens sechs gab, eine auch von F.W. Murnau.

Stan Laurels Dr. Pyckle arbeitet sich, wie Fritzi Kramer herausarbeitet, wahrscheinlich am meisten an John Barrymore ab. Der spielte den Dr. Jekyll in John S. Robertsons Verfilmung aus dem Jahr 1920 mit vielen großen Gesten. Man muss den Film jedoch nicht kennen, um diesen kleinen, minimal gruseligen Edelstein genießen zu können. Durch die Bezüge zu anderen Filmen wird Dr. Pyckle und Mr. Pryde nur noch ein wenig lustiger.

Pyckle also, eingeführt als “the most respected man in town – Heaven knows why – -” hat die Idee, das Gute und Böse im Menschen zu trennen. Seine Bemühungen haben schließlich den Effekt, dass er zwischen seinem “guten” Ich Pyckle und einem “bösen” Alter Ego Pryde wechselt. Der Weg dorthin, unter Hilfe seiner ihn anhimmelnden Gehilfin (Julie Leonard) ist von allerlei Slapstick gezeichnet (Hosen und Säure vertragen sich schlecht), und als Pryde auf die Welt losgelassen wird, wird es natürlich nicht besser.

Es ist allerliebst, wie Pryde dann furchtbar böse Dinge tut: einem Jungen sein Eis klauen, Leute mit einem Erbsenblasrohr beschießen, Polizisten hinters Licht führen… Das sind lauter Kleinigkeiten, die die bürgerliche Bevölkerung direkt in große Aufregung bringen und zu zahlreichen Verfolgungsjagden quer durch die Stadt führen, als habe er mörderische Untaten vollbracht. Der Film spießt da den Spießbürger auf, der sich über jeden kleinsten Verstoß gegen die Konventionen aufregt. Dabei verkörpert Pryde eher spielerischen, kindlichen Anarchismus, der mit der albernen Ernsthaftigkeit von Pyckles Nachdenklichkeit kontrastiert.

Die Verwandlung ist für kleine, filmunerfahrene Kinder womöglich ein wenig gruselig. Ansonsten ist dieser Film aber eine sehr, sehr lustige Geschichte, die langfristig als Vorbereitung auf erhabenen Blödsinn wie Mel Brooks’ Frankenstein Junior dienen kann. Falls man auf die Fassungen mit englischsprachigen Texttafeln zurückgreift, muss man diese für den jüngeren Nachwuchs womöglich kurz übersetzen. Da die Zwischentitel zum Teil recht lang sind und mit Wortspielen hantieren, empfiehlt es sich, den Film einmal vorab anzusehen und das gute Dutzend Einblendungen rasch schriftlich ins Deutsche zu übertragen.

Dr. Pyckle und Mr. Pryde ist in Deutschland in der DVD-Box Laurel & Hardy – Auf dem Weg zum Ruhm (amazon) enthalten, die entsprechende DVD gibt es als Stan Laurel – Filmedition 1 (amazon) auch einzeln. Da der Film aber in den USA anscheinend in der Public Domain liegt, findet man ihn in der englischsprachigen Fassung auch ohne großen Suchaufwand (*hust*) auf vielen Videoplattform zur Ansicht.

Dr. Pyckle und Mr. Pryde (Dr. Pyckle and Mr. Pryde). USA 1925. Regie: Scott Pembroke/Joe Rock, 21 Min. FSK 0, empfohlen ab 6 Jahren.

(Foto: Elevate)