Bamse – Der liebste und stärkste Bär der Welt (2014)

Meine eigene Erinnerung an die Figur “Bamse” beginnt mit einem meiner ersten (und wohl liebsten) Kinderbücher. Da steht Bamse, ein Teddybär, der seine Jacke anzieht, auf seinem Stuhl sitzt – und dazu gegenüber der passende Text: Das ist Bamse. Jetzt hat Bamse seine rote Jacke an. Undsoweiter, odersoähnlich.

Mit dem Bamse der schwedischen Cartoons hat das wohl nicht besonders viel zu tun, aber sic transit die Erinnerung an wichtige Kindheitsbücher. Nunja. Jetzt hat also dieser Cartoon-Bamse einen eigenen Kinofilm bekommen (wobei “jetzt” sehr relativ ist – wie bei Kinderfilmen aus Skandinavien nicht unüblich, hat es drei Jahre gedauert, bis Bamse – Der liebste und stärkste Bär der Welt auch in hiesige Kinos kommt). Der hat eine begrüßenswerte Länge von 66 Minuten, was sehr gut ist für einen Film, der explizit und primär kleine Kinder anspricht – leider bin ich trotzdem nicht wirklich überzeugt von dem Film. Was schmerzt, weil es so tolle Streifen aus Schweden gibt. Aber ach.

Weihnachten 2017: Das große Fest der Bären, die Gutes in die Welt bringen. Oder sich jedenfalls dem Bösen entschlossen entgegenstellen. Meine Kritik zu Bamse – Der liebste und stärkste Bär der Welt ist jetzt auf kino-zeit.de erschienen.

Bamse – Der liebste und stärkste Bär der Welt – Trailer 1 – Deutsch

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Bamse – Der liebste und stärkste Bär der Welt (Bamse och tjuvstaden), Schweden 2014. Regie: Christian Ryltenius, 66 Minuten. Kinostart: 28. Dezember 2017. FSK 0, empfohlen ab 5 Jahren.

(Fotos: MFA+)

Kurz vorm 4. Advent: Streams für’s Fest

Ich muss gestehen – und für einen Cinephilen ist diese Haltung aus verschiedenen Gründen sehr ambivalent -, dass die legalen Online-Streaming-Dienste ein Glücksfall waren. Stapel, Berge, Schlaraffenländer von Filmen “at my fingertips”, sofort verfügbar und – in vielen Fällen – dank Flatrate-Modellen auch extrem günstig. (Die Ambivalenz, für die, die fragen, kommt daher, dass zum einen sehr viele Filme – vor allem anspruchsvolle und vor allem etwas ältere bis alte – online nicht verfügbar sind, und zugleich Netflix und seine Nachahmer physische Videotheken, also gewissermaßen die Bibliotheken der Filmfreund_innen, jetzt schon praktisch ausgelöscht haben. Ein eigenes Thema für ein anderes Mal.)

In den zwei Jahren, seit Heiko Bielinski insgesamt acht verschiedene Flatrates verglichen und dabei den Fokus auf das Angebot an Kinder- und Familienfilmen gelegt hatte, haben sich zumindest die großen Plattformen auch deutlich um ihr Kinder- und Jugendangebot gekümmert und es beständig erweitert; allerdings sind natürlich auch die Preise gestiegen.

Für die Weihnachtsfeiertage habe ich eine kleine Auswahl schöner Kinderfilme aus dem Angebot der Streaming-Anbieter herausgesucht. Prinzipiell sind alle diese Filme digital verfügbar und damit insbesondere auf den großen Plattformen (iTunes, Google Play Store usw.) verfügbar. Meine Auswahl bezieht sich ausschließlich auf Filme, die aktuell in den Flatrate-Angeboten der jeweiligen Anbieter enthalten sind. (Diese können sich, das sollte man wissen, jederzeit ändern; drei Filme, die ich vor zwei Wochen bei meiner ersten Recherche hier eingetragen hatte, musste ich wieder streichen, weil sie inzwischen nicht mehr im Programm waren.)

Links zu amazon sind Affiliate-Links, d.h. bei Käufen über diese Links (oder z.B. Abschluss eines amazon Prime-Abos) werde ich mit einem kleinen Obulus entlohnt. Links auf den Filmtiteln führen zu meinen eigenen Besprechungen der jeweiligen Filme.

Die Großen: Amazon Prime und Netflix

Der Klassiker läuft zwar sowieso ungefähr achtmal über die Weihnachtszeit verteilt im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, aber Drei Haselnüsse für Aschenbrödel ist online auch jederzeit verfügbar (amazon Prime, Netflix). Vorstellen muss ich den Film vermutlich nicht, oder?

Der vielleicht beste Kinderfilm des abgelaufenen Jahres, Mein Leben als Zucchini, ist seit wenigen Tagen auf amazon Prime zu finden – wer ihn noch nicht kennt, sollte ihn sich unbedingt unbedingt unbedingt ansehen. Ein pures Glück.

Schon für ganz kleine Kinder ab 5 Jahren geeignet ist Der kleine Rabe Socke (amazon Prime), von Jan Delay gesprochen, allzeit frech und immer ein bisschen zu selbstbewusst. Die eher traditionelle Trickfilmtechnik ist wunderbar, die Geschichte großartig, die Figuren auch für Erwachsene eine Freude.

Dass Netflix nun gerade zum Fest Paddington ins Programm genommen hat, hat sicherlich auch mit der viel gepriesenen Fortsetzung zu tun, die aktuell im Kino läuft. Aber der Film ist schlichtweg großartig und ein fast perfekter Weihnachtsfilm, den sollte man mit seinen Kindern gesehen haben (Netflix). Kleine Warnung: Es gibt ein paar Szenen, die auf sensible Seelen recht bedrohlich wirken. Am besten vorher mal anschauen und prüfen.

Disney-Filme gehören für viele fest zu den Ritualen rund ums Weihnachtsfest herum, und diese liegen wenn, dann (noch) immer bei Netflix. Die schönsten Filme, die dort aktuell zu finden sind:

Aber es gibt ja auch schöne Animationsfilme jenseits der Disney-Ästhetik; zwei sehr schöne für etwas ältere Kinder sind Der fantastische Mr Fox von Wes Anderson (amazon Prime; ab 10 Jahren) oder der großartige Coraline (amazon Prime), der allerdings ziemlich gruselig ist – nichts für Kinder unter 12 Jahren, eigentlich.

Außerdem großartig, animiert und ab 8 Jahren: The Lego Movie (amazon Prime, Netflix) und Drachenzähmen leicht gemacht (Netflix).

Darf es ein Superheldenabenteuer sein? Antboy (amazon Prime; ab 10) ist witzig, clever und gerade eben so den entscheidenden Schritt neben den Standardstories des Genres. Genauso wie der Gangsterfilm Little Gangster (Netflix; ab 9) eben nicht so ganz kriminell daherkommt.

(Das weitere Kinderfilm-Angebot: amazon Prime und Netflix.)

Zwei Kleine: Realeyz und Netzkino

Die kleine Plattform Realeyz hat ein wunderbares Angebot vor allem an unabhängigen Produktionen; leider sind bislang praktisch keine Kinderfilme dabei. Gloriose Ausnahme auf Realeyz ist der sehr seltsame, laute und eigensinnige Reuber (ab 8 Jahren).

Netzkino bietet ein werbefinanziertes Streamingangebot an; die Qualität der Filme dort ist generell, sagen wir: sehr durchwachsen, aber dafür gibt es einige der Filme nicht nur auf der Plattform selbst, sondern auch auf YouTube. Das betrifft auch die wirklich schönen Kinderfilme Der große Bär (Netzkino, YouTube) und vor allem Johan und der Federkönig (Netzkino, YouTube), eine subtile Meditation über Tod und Sterblichkeit.

Frohe Feiertage!

(Fotos: Polyband, MFA+, Universum Film)

Lichtspiele: Kinderfilme nicht für Kinder, sondern von Kindern!

Ein Gastbeitrag von Christian Steiner, Festivalleitung des Lichtspiele Festivals 2017/18

Mit dem Wort “Kinderfilme” verbinden wir alle wohl die gleiche Vorstellung: Filme für Kinder. Für mich hat der Begriff mittlerweile aber auch eine zweite Bedeutung bekommen: Filme von Kindern.

Alles begann mit dem Besuch eines Filmfestivals. Im Frühjahr 2016 reiste ich durch die Einladung eines befreundeten Podcasters (liebe Grüße an Christian von der Wiederaufführung!) nach Rostock. Ich solle mir doch mal das FiSH-Festival anschauen, es würde mir bestimmt gefallen und ich könnte auch gleich im Team mitarbeiten. Gesagt, getan – und wie es mir gefiel! Denn das FiSH-Festival richtet sich nicht nur den erfahrenen Filmnachwuchs, sondern auch auch an die ganz jungen Filmemacher*innen und ihre ersten Schritte. Das können kleine Knetgummi-Animationen, handgezeichnete Stop-Motion-Filme oder improvisierte Kurzfilme sein. Neben aufwendigen Produktionen der älteren Jahrgänge natürlich.

Diese Mischung macht den Reiz des Filmfestivals aus. Hier sitzen 6-jährige Filmemacher auf der Bühne und erzählen im Interview, sie würden für ihr nächstes künstlerisches Projekt lieber ein Buch schreiben. Hier kriegen alle Teilnehmenden ein wertvolles Feedback der Wettbewerbsjury mit nach Hause. Hier werden unkonventionelle Kurzfilme mit dem Publikumspreis ausgezeichnet und beflügeln das Filmteam zu neuen Höhen. All das ist eine ganz wertvolle, ganz wunderbare Mischung mit einer klaren Mission: Die allerersten filmischen Schritte genauso ernst zu nehmen, zu diskutieren und somit zu fördern, wie die professionellen Kurzfilme höherer Semester.

Beflügelt von dieser Idee und ein kleines bisschen angesteckt, suchte ich direkt nach meiner Rückkehr in Berlin nach einem ähnlichen Projekt. Ich wurde schnell fündig: Lichtspiele – Das Berliner Jugendfilmfestival verpflichtet sich der gleichen Mission. Nur eben in meiner Wahlheimat Berlin. Also habe ich mich gleich im Herbst 2016 in die Organisation des Festivals gestürzt und wurde Teil des Teams.

Das Lichtspiele-Festival hat mittlerweile vier Ausgaben hinter sich. Einen Tag lang geht es auch hier um die allerersten filmischen Versuche von Kindern und Jugendlichen. Auf der großen Leinwand des City Kino Wedding strahlen die Kurzfilme der Kinder und Jugendlichen. Im Publikum sitzen Filmteams, Familien, Freunde. Im Rahmenprogramm gibt es Workshops für die Kleinen und Beratungsangebote zu Berufen in der Filmbranche für die Großen. Zum Abschluss entscheidet eine Fachjury und vergibt Preise an die Filmteams. Dabei stehen Inhalte vor Formen, Versuche vor Ergebnissen, Wollen vor Können. Im letzten Jahr war auch Rochus als Jurymitglied dabei und hat das Festival tatkräftig unterstützt. Am Abend kommen Filmteams, Gäste und Jury im Foyer des Kinos zusammen und können bei Saft und Sekt noch einmal ins Gespräch kommen. Der Austausch steht dabei immer im Vordergrund.

Lichtspiele 2017/18

Das Lichtspiele-Festival geht auch in diesem Jahr weiter. Am Samstag, den 26. Mai 2018, wollen wir die fünfte Festivalausgabe im City Kino Wedding veranstalten. Anders als in den Jahren zuvor, richten wir unseren Termin erstmals am Schuljahr aus. Der Grund: Wir arbeiten mit einem Oberstufenzentrum zusammen. Die Lichtspiele-AG holt die pädagogische Mission des Festivals in die Organisation. Zusammen mit einer Gruppe Jugendlicher planen und gestalten wir unser Kurzfilmfestival. Das Lichtspiele-Festival bleibt seiner Berlinweiten Ausrichtung dabei aber treu. Filme aller Berliner Schüler*innen und Schulen sind willkommen!

Die Jugendlichen erarbeiten in kleinen Teams die konkreten Festival-Inhalte: Wir gestalten zum Beispiel unsere eigenen Festival-Flyer, wir kümmern uns um die Pressearbeit und laden wir eine kompetente Fachjury ein.

Und wir brauchen Hilfe.

Natürlich erzähle ich das alles nicht nur einfach so. Denn wir brauchen tatkräftige Unterstützung bei unserem Festival. Zuallererst sind wir auf der Suche nach spannenden, schönen, aufregenden, tollen und ungewöhnlichen Filmen! Falls ihr junge Filmemacher*innen aus Berlin kennt, in der Familie habt oder selbst seid: Dann her mit euren Filmen! Am besten reicht ihr diese über die Plattform filmfestivals4.net – direkt über diesen Link – bei uns ein.

Die Einreichung ist kostenlos. Unsere Teilnahmebedingungen findet ihr in unserem Festival-Blog.

Darüber hinaus freuen wir uns ganz besonders über Spenden. Wir wollen einen Kinosaal mieten, Flyer und Poster drucken und natürlich auch ein paar Preise für unsere Gewinner*innen vergeben. Das alles kostet Geld. Darüber hinaus träume ich davon, die ein oder andere ins Festival gesteckte Arbeitsstunde auch bezahlt zu bekommen.

Deshalb haben wir eine Spenden-Kampagne über Betterplace eingerichtet. Wir freuen uns über jede Hilfe und jeden Euro. Die Spenden sind außerdem steuerlich absetzbar.

Falls ihr nun also Interesse an unserem Festival bekommen habt, dann schaut doch gleich mal in unsere Kanäle rein, unsere Festival-Homepage etwa; auf Facebook, Instagram oder Twitter gibt es ebenfalls Updates.

Ich persönlich bin von der Mission des Lichtspiele-Festivals felsenfest überzeugt. Als Filmjournalist und -wissenschaftler liegt es mir ganz besonders am Herzen, eine neue Generation mit dem filmischen Fieber anzustecken. Nicht nur als passives Publikum, sondern als aktiv Gestaltende! Die technischen Hürden sind so niedrig wie nie, die kindliche Phantasie kennt ohnehin keine Grenzen, und das Medium bietet eine enormes Potenzial für uns Erwachsene, um einen Zugang zu den Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen zu erhalten. Das alles will das Lichtspiele-Festival möglich machen. Das alles will ich erleben. Deshalb freue ich mich über jede Hilfe!

Christian Steiner redet viel über Filme. Wöchentlich im Podcast Second Unit, monatlich über Superheldenfilme in der Superhero Unit. Seine Leidenschaft für Kurzfilme ganz junger Filmemacher*innen hat er auf dem FiSH-Festival in Rostock 2016 entdeckt. Im selben Jahr stieß er zum Team des Lichtspiele-Festivals in Berlin.

3. Advent: Kinoempfehlungen zu Weihnachten

In einer Woche ist schon Heilig Abend – und vielleicht ist ja über die Feiertage mal Zeit, in Ruhe mit den Kindern ins Kino zu gehen. Wozu ich ja im Zweifelsfall raten würde: Ein Besuch in den weihnachtlichen Kindervorstellungen des örtlichen Programmkinos – wenn man denn eins hat. Die Leute dort wissen in den meisten Fällen sehr genau, was sie tun, es ist weder so teuer noch so stressig wie in den Großkinos, und gemütlicher, familiärer, weihnachtlicher ist es sowieso.

Leider habe ich die meisten der aktuellen Kinostarts noch nicht gesehen (außer Plötzlich Santa, von dem ich dringend abraten möchte), aber es gibt jedenfalls zwei klare Empfehlungen, bei denen man dem Vernehmen nach (und damit meine ich die Urteile der allermeisten Filmkritiker_innen) nicht viel falschmachen wird:

Paddington 2

Paddington ist wieder da: In der Fortsetzung des schon ziemlich großartigen Bärenfilms will der kleine Bär seiner Tante Lucy ein besonderes Geschenk machen – und landet darob, falsch des Diebstahls verdächtigt, im Knast. Die Kritiker_innen sind sich weitgehend einig: Nicht nur technisch perfekt gemacht und witzig erzählt, sondern auch eine berührende, aber nicht flache Geschichte. (Ab 8 Jahren; Trailer)

Coco

Der sehr geschätzte Alexander Matzkeit hat sich hier im Blog sehr deutlich über das Familienbild des neuen Pixar-Films aufgeregt; wenn man das (und die narrativen Schwächen, auf denen es beruht) auszuhalten bereit ist, gibt es aber sonst – so ist zu hören – ein farbenfrohes, lebensbejahendes Abenteuer zu sehen. (Ab 8 Jahren; Trailer)

Und sonst im Kino?

Leider habe ich bis auf Plötzlich Santa (Trailer) keinen der Filme gesehen – aber ein paar vage Einschätzungen kann ich doch abgeben, kondensiert aus den Reaktionen der Kolleg_innen:

  • Ferdinand – Geht STIERisch ab! ist wohl nett und nicht ganz dumm, aber auch nichts, was aus der Masse herausragt. (Ab 6 Jahren; Trailer)
  • Jumanji: Willkommen im Dschungel: Anscheinend solide erzähltes, sehr actionreiches und unterhaltsames Remake des Filmes von 1995 mit Robin Williams. Aber auch erst ab 12. (Trailer)
  • Bo und der Weihnachtsstern ist wahrscheinlich fürchterlich: Die Weihnachtsgeschichte aus Sicht des apokryphen Esels, in kreischendem Slapstick erzählt. Meine Arbeitshypothese: Braucht kein Mensch. (Ab 5 Jahren; Trailer)
  • Hexe Lilli rettet Weihnachten ebenso. (Ab 6 Jahren; Trailer)
  • Burg Schreckenstein 2: Ich habe noch überhaupt keine Meinung zu diesem Film. Der erste Film war weniger schlecht als befürchtet, aber das muss auch nichts heißen. (Ab 8 Jahren; Trailer)

Zu den zwei Filmen, die während der Ferien starten (Bamse – Der stärkste und liebste Bär der Welt und Die Dschungelhelden – Das große Kinoabenteuer) folgen hier in den nächsten Tagen noch Kritiken.

Viel Spaß im Kino!

Goldene Zeiten im Animationsfilm

Vielleicht war es der Moment, als die Gruppe Waisenkinder beim Winterausflug plötzlich stehenblieb. Alle blickten der Mutter nach, die mit ihrem Kind spricht, und in ihren großen Augen spiegelt sich Sehnsucht und Traurigkeit und Verzweiflung und Hoffnung. Vielleicht war es das aufregende Erlebnis, als sich Kubos Origami-Papierchen, von seiner Musik getrieben, zu Figuren falten und eine Geschichte ausagieren, vom tapferen Kämpfer und gefährlichen Monstren.

Diese zwei Szenen aus Mein Leben als Zucchini und Kubo – Der tapfere Samurai gehören zu den größten Augenblicken im Animationskino der vergangenen Monate. Und die beiden Filme stehen exemplarisch für die Pole, zwischen denen Animationsfilme pulsieren könne: Der eine ein ruhiges Drama, so melancholisch und ernsthaft wie lebensbejahend, der andere ein actionreiches Abenteuer mit phantastischen Figuren, Magie und Schwertkämpfen. Beide erzählen in wunderschönen, poetischen Bildern komplexe Geschichten mit Stop-Motion-Animation auf dem Stand der Zeit.

Ich durfte am Sonntag das zehnte Türchen des diesjährigen Adventskalenders auf kino-zeit.de befüllen und habe dafür ein Loblied auf den Animationsfilm im frühen 21. Jahrhundert geschrieben.

(Foto: Polyband)

Coco (2017): Das konservative Familienbild hat mich wütend gemacht

Ein Gastbeitrag von Alexander Matzkeit

Manchmal hat ein Film in seinem Kern etwas, das mich so sehr stört, dass ich einfach nicht darüber hinwegsehen kann, egal was er sonst noch zu bieten hat. Pixars Coco ist wunderschön designt und animiert, er hat tolle Songs und Gags. Aber tief in ihm drin steckt ein so konservatives Familienbild, dass Coco meiner Ansicht nach seinen Charakteren nicht einmal die Chance zugesteht, wirklich aus ihren Fehlern zu lernen. So ging ich frustriert aus dem Kino, unfähig, das farbenfrohe Spektakel wirklich zu genießen.

Miguel darf nicht musizieren, weil seine Ururgroßmutter Imelda von einem Musiker verlassen wurde. So weit, so nachvollziehbar. Es ist natürlich dumm, dass Imelda nicht dem schlechten Charakter ihres Mannes, sondern der Musik die Schuld an dem Schlamassel gab, aber traumatisierte Menschen treffen manchmal irrationale Entscheidungen.

Dass die Folgegenerationen den von Imelda verhängten Bann auf jedwede Musik unhinterfragt weitertragen, ist tragisch, aber genau so funktioniert Familie eben manchmal. Wie im (wahrscheinlich apokryphen) Experiment mit den fünf Affen, den Bananen und der Leiter ist Miguels Großmutter Abuelda die größte Vollstreckerin der goldenen “Keine Musik”-Regel und gleichzeitig die erste Person, die den Schurken, der von seiner Musikerreise nicht zurückkehrte, schon gar nicht mehr persönlich kannte.

Klar finde ich auch, dass Miguel vier Generationen später anfängt, gegen das Tabu zu rebellieren und einfach trotzdem Musik macht, sicherlich zum Teil auch gerade, weil es verboten ist. Damit steckt er aber in einem fundamentalen Konflikt fest: Miguel muss sich gegen seine Familie stellen, obwohl er tief verinnerlicht hat, dass Familie einer der wichtigsten Werte überhaupt ist. Musik (Individuum) ist wichtig. Familie (Kollektiv) ist wichtig. Beides kann zu Anfang des Films nicht gleichzeitig existieren, daher verbringt Miguel den gesamten Film damit, den Widerspruch aufzulösen. Am Ende gelingt ihm das natürlich, aber das Wie ärgert mich immer noch.

Viele von uns dürften Miguels Kampf kennen – wer hat nicht schon einmal eine Entscheidung treffen müssen, die den Überzeugungen der Eltern zuwider läuft – aber nur wenige von uns hatten wahrscheinlich schon die Gelegenheit, ins Reich der Toten zu reisen, um unsere toten Ahnen zu konfrontieren. Miguel bekommt sie, und siehe da: seine Ururgroßmutter Imelda ist noch immer so störrisch wie eh und je und will ihn nur mit ihrem Segen in die Welt der Lebenden zurückkehren lassen, wenn er der Musik, also der Sache, die ihn als Einzelperson ausmacht, abschwört.

Diese Starrköpfigkeit gibt Imelda gegen Ende des Films auf. Sie gibt Miguel auch ohne Bedingung frei. Allerdings nicht, weil sie einsieht, dass es dumm war, damals der Musik die Schuld an ihrem Unglück zu geben, sondern nur weil Miguel ihr in einer Mischung aus Zufall und großem Aufwand zeigen kann, dass ihr Mann Hector sie gar nicht im Stich lassen wollte. Äußere Umstände, in diesem Fall ein heimtückischer Mord, sind Schuld daran, dass er nicht zu Frau und Kind nach Hause kehrte. Dieses von Miguel aufgedeckte Wissen legt den Grundstein für die gesamte Auflösung des Films: Hectors Rehabilitation schickt nicht nur Miguel zurück ins Diesseits, sie erlaubt auch Hector, am Dia de los Muertos wieder zu Besuch zu kommen, und der Familie, die Musik wieder zu einem Teil ihrer Identität zu machen. Am Ende tanzen alle glücklich zum Klang der Gitarre. Hurra!

Miguel hat wirklich Glück, dass sein Ururgroßvater unschuldig war. Wenn er tatsächlich ein Tunichtgut gewesen wäre, wonach es im Film lange Zeit aussieht, hätte Imelda ihre Meinung wohl nie geändert. Miguel hätte entweder im Reich der Toten festgesessen oder er wäre mit Hilfe seines wertlosen Vaters in die Welt der lebenden zurückgekehrt, um dort entweder in seiner Familie zu kuschen oder aus ihr verbannt zu werden.

Keiner der Charaktere in Coco sieht ein, dass es prinzipiell falsch ist, den Familienzusammenhalt zu zementieren, indem man Musik verbietet, genauso wie es falsch ist, Terror zu verhindern, indem man Muslime des Landes verweist. Keiner der Charaktere sieht ein, dass es – unabhängig von Imeldas Entscheidung vor vier Generationen – prinzipiell falsch ist, Miguel die Musik, die ihm im wahrsten Sinne des Wortes im Blut steckt, zu verbieten, genauso falsch wie es wäre, ein Kind nur dann in der Familie zu behalten, wenn es seine Homosexualität verleugnet.

Liebe und Vergebung sind einfach, wenn sie einem leicht gemacht werden. Wenn neue Informationen ans Licht kommen, die einem zeigen, dass der verhasste Ururgroßvater doch kein schlechter Kerl war, sondern sogar ein Held, das wahre Genie hinter dem Erfolg des Sängers Ernesto de la Cruz, ist es ein Pappenstiel, die Musik wieder in die Familie zu integrieren. Die wahrhaft schwierige Aufgabe in der Kunst wie im Leben ist es doch aber, Menschen zu lieben, obwohl das, was sie tun, im Widerspruch zu dem steht, was man glaubt. Von wirklicher Größe zeugt es doch, wenn man in der Lage ist, um Entschuldigung zu bitten (und sie zu erhalten), obwohl man sehr lange davon überzeugt war, richtig gehandelt zu haben.

In Coco würde das bedeuten, dass vier Generationen Miguel gegenüber zugeben müssten, dass ihr Pochen auf Tradition falsch war. Aber das wäre nicht mit dem Familienbild des Films vereinbar. Die Familie ist als moralische Säule heilig. Sie macht keine Fehler, höchstens aus Unwissenheit, und ihre Traditionen dürfen nur verändert werden, wenn sich herausstellt, dass sie auf falschem Vorwissen beruhen. Das ist ein Familienbild, mit dem ich nicht leben möchte.

Ich möchte Widersprüche aushalten und Offenheit bewahren. Und wenn meine Familie dabei nicht mitzieht, dann muss es eben ohne sie gehen, auch wenn das schade ist. Vielleicht denke ich das, weil meine Eltern es vor rund 30 Jahren mit ihren Eltern in Ansätzen so gemacht haben. Aber ich halte es auch für einen Knackpunkt menschlichen Zusammenlebens. Man muss intolerantes Verhalten nicht akzeptieren, nur weil man mit Menschen blutsverwandt ist, und man darf seinen eigenen Lebensentwurf ausprobieren, auch wenn er nicht dem entspricht, was Urahnen vor vielen Jahrzehnten für richtig hielten.

Nachdem ich aus dem Kino kam, habe ich meine Probleme mit Coco im Internet in verkürzter Form geteilt und mir wurde zum Teil deutlich widersprochen. Es stimmt, dass Coco von Anfang an auf Miguels Seite ist und dass der Film anders als andere Filme aus dem Disney-Pixar-Universum tatsächlich seinem Held erlaubt, die Welt um sich herum zu verändern, statt seine Rolle in ihr deterministisch zu akzeptieren. Er tut es aber eben, wie oben erklärt, nur kognitiv und nicht moralisch.

Es stimmt auch, wie mich eine Filmkritikerkollegin erinnerte, dass der Film das Konzept der “Wahlfamilie” – das gerade in queeren Kreisen in den USA extrem wichtig geworden ist – durchaus positiv besetzt, wenn er zeigt, dass Hector mit anderen halbvergessenen Toten eine Art liebevolle WG führt, in der sich die Menschen gegenseitig “Onkel” und “Tante” nennen. Das ändert aber nichts daran, dass Coco Blutsverwandschaft deutlich höher ansiedelt – denn als Hector am Ende des Films stolz mit seiner “echten” Familie über die Blütenbrücke marschieren kann, sind seine Wahlverwandten von ihm genauso vergessen wie von ihren Familien in der Welt der Lebenden. Schade eigentlich.

Alexander Matzkeit schreibt über Film, Medien und Zukunft unter anderem für epd film, kino-zeit.de, das Techniktagebuch und sein Blog Real Virtuality. Er moderiert den Popkulturpodcast “Kulturindustrie”.

COCO – offizieller Trailer (deutsch/german) | Disney•Pixar HD

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Coco, USA 2017. Regie: Lee Unkrich und Adrian Molina, 107 Minuten. Kinostart: 30. November 2017. FSK 0, empfohlen ab 8 Jahren.

(Fotos: Disney/Pixar, privat)