Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer (2018)

Am Donnerstag startet die neue Verfilmung von Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer in den Kinos, und ich habe mir für und auf kino-zeit.de ausführliche Gedanken zum Film gemacht.

In so einer Kritik fällt immer irgendetwas dann doch aus dem Text heraus, manchmal absichtlich (zwecks Straffung oder Konsistenz), manchmal eher versehentlich. Womöglich habe ich bei diesem Text nicht deutlich genug gemacht, mit wieviel Liebe und gekonntem Handwerk der Film offenbar entstanden ist, wie viel Aufwand vor allem in die Orte Lummerland und Mandala gesteckt wurde, damit das nicht nur schön aussieht, sondern auch so, wie es im Buch beschrieben wird. In dieser einen Hinsicht ist Dennis Gansels Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer nämlich wirklich bemerkenswert gut: Als dicht am Buch gehaltene Literaturverfilmung. Die Schwierigkeiten des Films entstehen gewissermaßen rückwärts aus diesem Engagement heraus, aus der bewusst zur Vorlage gehaltenen Tuchfühlung. Das funktioniert bei einer Literaturverfilmung eben nicht immer ohne Weiteres; und Gansel musste sich natürlich außerdem damit auseinandersetzen, dass es zu “Jim Knopf” schlichtweg schon mächtige Bilder gab: Jene aus der Augsburger Puppenkiste nämlich. (Alles weitere dazu im langen Text.)

JIM KNOPF UND LUKAS DER LOKOMOTIVFÜHRER – Trailer #3 Deutsch HD German (2018)

Dieses Video ansehen auf YouTube.

Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer. Deutschland 2018. Regie: Dennis Gansel, 110 Minuten. Kinostart: 29. März 2018. FSK 0, empfohlen ab 6 Jahren.

(Fotos: Warner Bros.)

Mein Freund, die Giraffe (2017)

Was von Annie M.G. Schmidt kommt, kann eigentlich nicht ganz schlecht sein. Die niederländische Schriftstellerin, die 1995 einen Tag nach ihrem 84. Geburtstag Selbstmord beging, gehört zu den bekanntesten Kinderbuchautorinnen der Welt – in Deutschland ist sie leider weitgehend unbekannt. Nur wenige ihrer Bücher (z.B. Pluck mit dem Kranwagen) sind ins Deutsche übersetzt und auch noch lieferbar; auch die sehr sehenswerten Verfilmungen wie Der wunderbare Wiplala oder der noch wunderbarere Die geheimnisvolle Minusch schaffen es hier meist nicht einmal ins Kino.

Insofern darf man sich über Mein Freund, die Giraffe freuen, dessen Geschichte auf einem Gedicht von Schmidt beruht und jene traumgleiche Vermischung von Realität und magischen Elementen beinhaltet, die viele ihrer Texte so großartig macht.

Der niederländische Film hatte in diesem Jahr auf der Berlinale seine hiesige Premiere und läuft jetzt in den deutschen Kinos – meine Gedanken zu dem Film stehen auf kino-zeit.de.

MEIN FREUND, DIE GIRAFFE (Trailer)

Dieses Video ansehen auf YouTube.

Mein Freund, die Giraffe (Dikkertje Dap). Niederlande 2017. Regie: Barbara Bredero, 74 Minuten. Kinostart: 1. März 2018. FSK 0, empfohlen ab 6 Jahren.

(Fotos: Little Dream Entertainment/24 Bilder)

Königin von Niendorf (2016)

Da hat man so einen kleinen Kinderfilm aus dem tiefsten Brandenburg, ein wunderschönes Stück nachgerade meditatives Kino, und dann atmet das Ding eben doch deutsche Filmgeschichte aus, als gäbe es sonst nichts, schon in seinen Personen und Orten: Gedreht, geschrieben, produziert von Joya Thome, der Tochter von Rudolf Thome (spätestens seit Rote Sonne eine feste Größe im deutschen Nachkriegsfilm abseits der ausgetretenen Pfade), entstanden teilweise auf dem Hof ihres Vaters in eben jenem titelgebenden Dorf Niendorf, und dann spielt auch noch Sophie Kluge, Tochter von Alexander, in einer Nebenrolle mit.

Vielleicht erklärt das aber auch die unaufgeregte Gelassenheit, mit der dieser Film entstanden ist, bemerkenswert, beglückend für einen Debutfilm. Ohne öffentliche Förderung, weil das, wie man hört, eh viel zu lang gedauert hätte. Stattdessen an Ort und Stelle, zum Teil mit Laiendarstellern entstanden, finanziert aus Spenden und schließlich von einem Festival zum nächsten durchgereicht, von Max Ophüls über’s Filmfest München bis zum Goldenen Spatz. Der schönste, beste deutsche Kinderfilm seit langem.

Triple-F-Rated
Triple-F-Rated
Es geht hier erst einmal um gar nichts. Einfach nur ein Brandenburger Sommer, es sind Ferien, die anderen Mädchen “sind alle so komisch geworden dieses Jahr”, sagt Lea (Lisa Moell) – mit denen mag sie eigentlich ihre Zeit nicht verbringen, aber mit wem sonst? Die Zehnjährige stromert auf ihrem Fahrrad durchs Dorf, schaut immer mal wieder bei Mark (Mex Schlüpfer) vorbei, einem Aussteiger aus Berlin, der sich hier einen Hof gekauft hat und sich ebenfalls ohne besonderen Antrieb durch die Tage treiben lässt.

Sie beobachtet ein paar Jungs um ihren Anführer Nico (Denny Sonnenschein), die eine Plastiktonne klauen, und folgt ihnen an den See; dort basteln sich die Kinder ein Floß, aber Lea darf natürlich nicht mitmachen. Bis sie sie brauchen, um einem Rätsel auf die Spur zu kommen – wenn Lea das als Mutprobe mitmacht, darf sie mit ins Banden-Baumhaus und vielleicht auch aufs Floß.

Ein langer, ereignisloser Sommer, so zieht das Leben vorbei – immer bei gutem Wetter, in kurzen Hosen; die Eltern tauchen nur am Rande, meist visuell unscharf, überhaupt auf. Niendorf wirkt hier aus der Zeit gerissen, nicht nur weil der Sommer nicht vergeht, sondern auch, weil so wenig auf die moderne, durchtechnisierte Gegenwart hindeutet. Irgendwann wird ein Gespräch am Laptop per Skype geführt, das war es dann auch schon mit der Moderne.

Sieht man allein in Leas Gesicht (und das sieht man viel, Moell trägt den Film über weite Strecken quasi allein, eine wunderbare Entdeckung), dann sieht man da kein Lachen, überhaupt weitgehend wenig Bewegung. Man könnte das für die unendliche Tristesse des Dorflebens halten, aber dafür passieren dann doch zu viele Abenteuer. Mehr und mehr entsteht der Eindruck, man habe es hier mit fokussierter Konzentration zu tun. Mit dem Willen, dem Leben mehr abzutrotzen, Abenteuer zu finden, sich jedenfalls von der einen Gruppe nicht ausschließen zu lassen: Dann suche ich mir halt eine andere, und die will mich.

Zugleich aber leuchten die Farben hier bloß nicht zu bunt, gibt es jedenfalls keine glorifizierende Verschönerung des Landlebens, wie es der deutsche Kinderfilm gerne betreibt; es gibt Intrigen und Ängste und seltsame, auch sehr seltsame Menschen in diesem Dorf, und Thome diskreditiert keinen einzigen von ihnen. Die Kinder machen haarsträubende Sachen (und mindestens Leas zweite Mutprobe wird zu einigen ernsten Gesprächen mit den eigenen Kindern und Ermahnungen für sie führen: Denkt nicht im Traum daran, das nachzumachen!), und Königin von Niendorf verweigert sich einer eindeutigen Bewertung oder Positionierung: Das ist ein Film, der sein Publikum denken lässt und nachdenken lässt und all das in eine nur oberflächlich leichtfüßig erzählte Geschichte verpackt.

Wenn am Schluss Lea und ihre Bande sich nach einem Streich auf die Räder schwingen und gemeinsam durchs Dorf, durch die Felder fahren, dann mag das eine ungewisse, fragile, vielleicht gar fragwürdige Freiheit sein; aber sie trägt sich aus frisch aus der Gemeinschaft gewonnenem Selbstbewusstsein. Da ist ein Moment von Glück, in dem Lea der Welt auf einmal aktiv und offensiv gegenübersteht.

Und ein Moment, in dem vielleicht ein ganz, ganz kleines Lächeln in ihrem Gesicht zu sehen ist.

Königin von Niendorf – Trailer 1 – Deutsch

Dieses Video ansehen auf YouTube.

Königin von Niendorf. Deutschland 2016. Regie: Joya Thome, 75 Minuten. Kinostart: 15. Februar 2018. FSK 0, empfohlen ab 8 Jahren.

(Fotos: LUPA Film)

Mehr Freiheit, mehr Ruhe, zum Donnerdrummel!

Ich neige über Weihnachten und zum Jahreswechsel zur Nachdenklichkeit. Das ist gewiss nichts, was mich besonders aus der großen Masse heraushebt, auch wenn die Gedanken – die sich gerne in Vorsätzen für das neue Jahr und schmalzigen Filmabenden äußern – vermutlich sehr häufig in Geschäftigkeit ertränkt werden. Jedenfalls hat es bei mir, glaube ich wenigstens, nicht einmal besonders viel mit den konkreten Feiertagen zu tun, die begangen werden, sondern eher damit, dass ich endlich einmal Zeit habe, Gedanken überhaupt ein wenig im Gehirn hin- und herschaukeln zu lassen.

Eltern wissen, vielleicht noch genauer als andere Menschen, wovon ich rede. Vielleicht ist es aber natürlich auch die Jahreszeit: Man kann einfach weniger unternehmen, ist durch Sturm oder Schnee vielleicht sogar im Heimischen gefangen. So wie die Mattis-Räuber in Ronja Räubertochter, den wir heuer zwischen den Jahren mit den Kindern angesehen haben. Als der Winter einbricht und die Wolfsklamm, der Weg zur Burg, nicht mehr passierbar ist, fragte das jüngere Kind: Und was machen sie dann die ganze Zeit?

Zur Antwort sieht man sie in der nächsten Szene essen, tanzen und (nicht immer ganz perfekt) singen, aufs Beste unsere Antwort untermalend: Sie müssen sich halt unterhalten. Ronja Räubertochter ist ein beglückender Film, und diese Sichtung mit Kindern war eine sehr erhellende Erinnerung daran, was ihn so besonders macht und von vielen anderen Kinderfilmen überdeutlich absetzt.

Was das genau ist, habe ich in meiner Kolumne für kino-zeit.de genauer aufgeschrieben.

(Foto: Jugendfilm)

Die Dschungelhelden – Das große Kinoabenteuer (2017)

Eine konsequente Folge der Superheld_innen im Kino wäre ja eigentlich: Jede Region braucht ihre eigenen. Schließlich ist es keineswegs logisch, dass die Supers und ihre Antagonist_innen immer nur amerikanische Städte in Schutt und Asche legen. Nein, jeder Kontinent, jedes Habitat, jedes Ökosystem braucht mindestens ein eigenes Superteam!

Und deshalb also auch der Dschungel. Bevor sich die Avengers und ihre fußlahmen DC-Kollegen (Wonder Woman bewusst ausgenommen) totgelaufen haben, kommt nun rechtzeitig noch Die Dschungelhelden – Das große Kinoabenteuer ins Kino, im Grunde die, wenn ich richtig gezählt habe, dritte Langfilmadaption (aber die erste in deutschen Kinos) einer französischen Fernsehserie, die 2014/2015 auch hierzulande zu sehen war.

Vollständige Kritik auf kino-zeit.de lesen!

Die Dschungelhelden – Das große Kinoabenteuer – Trailer Deutsch HD – Am 06. & 07.01.2018 im Kino!

Dieses Video ansehen auf YouTube.

Die Dschungelhelden – Das große Kinoabenteuer (Les As de la Jungle), Frankreich 2017. Regie: David Alaux, 74 Minuten. Kinostart: 4. Januar 2018. Empfohlen ab 8 Jahren.

Foto: Splendid/24 Bilder

Die Top 5-Kinderfilme des Jahres 2017

Gestern habe ich die meiner Meinung nach schlechtesten Kinderfilme unter den Kinostarts 2017 zusammengetragen, heute sind die fünf besten an der Reihe – eine wiederum völlig subjektive Auswahl (berücksichtigt sind nur Filme mit regulärem Kinostart im vergangenen Kalenderjahr), allein nach meiner Wahrnehmung sortiert, nach Qualität der Filme und jedenfalls nicht gewichtet nach Altersgruppen oder anderen Kriterien. Leider ist in diesem Jahr kein einziger deutscher Film dabei, und bis auf einen sind alle fünf Animationsfilme.

Was mir außerdem aufgefallen ist, als ich die Liste zusammengestellt habe: Ich habe in diesem Jahr zwar alle diese wirklich tollen Filme gesehen, es war aber im sonstigen Leben (Hauptjob, Familie, Umzug…) so viel los, dass ich gerade über diese meist keine ausführlichen Kritiken geschrieben habe. Das darf sich 2018 gerne ändern.

Platz 5: Kubo – Der tapfere Samurai

Ein Meisterwerk der Stop-Motion-Animation aus den Laika-Studios: Der kleine Kubo macht sich auf die Suche nach den Teilen einer magischen Rüstung, die früher seinem Vater gehört hat. Gemeinsam mit einem Käfer und einem Affen muss er nicht nur einige Abenteuer bestehen, wenn er auf seinem Saiteninstrument spielt, setzen sich magisch seine Origamiblätter in Bewegung und falten sich zu den Figuren, von denen seine Geschichten und Balladen handeln. Letztlich geht es bei Kubo – Der tapfere Samurai aber um große Themen: Trauer, Familie, Erinnerung. (amazon)

Platz 4: Paddington 2

Schon der erste Paddington-Film war ein Wunder, das eigentlich unmöglich schien: Aus den schlichten Geschichten von Michael Bond destillierte Paul King das charakterliche Wesen des kleinen Bären, passte Erzählweise und -tempo durchaus der Gegenwart an, ohne in das übliche Actionspektakel zu verfallen – und erzählte die Geschichte von Paddingtons Ankunft in London als Parabel über Migration und Anständigkeit. Dieses Grundthema bleibt auch im zweiten Film erhalten, wenn der Bär ein Geschenk für seine hundertjährige Tante Lucy sucht – und prompt, des Diebstahls verdächtigt, im Gefängnis landet. Dort zeigt er in der Knastkantine, wie man richtig Orangenmarmelade kocht und macht aus allen, denen er begegnet, bessere Menschen – am Ende sogar aus Hugh Grant. Ein Fest des Slapsticks, der großen Lacher und Emotionen. Hach!

Platz 3: Captain Underpants – Der supertolle erste Film

Diese großartige Meta-Variation aufs Superheldenkino, voll mit Pupshumor (ausführliche Kritik) habe ich hier schon mehrfach angepriesen. Deshalb nur so viel: Dieser Film war der größte Spaß, den man 2017 als Erwachsener oder Kind im Kino haben konnte. (amazon)

Platz 2: Die rote Schildkröte

Der Kontrast von Captain Underpants zu diesem Film könnte natürlich kaum größer sein: Die rote Schildkröte ist eine Geschichte, die ohne Worte und in großer Ruhe erzählt wird. Ein Mann erleidet Schiffbruch und strandet auf einer Insel. Seine Versuche, das Eiland mit selbstgebauten Flößen zu verlassen, werden von einer großen roten Schildkröte verhindert. Aus seinem Kampf mit der Schildkröte wird dann auf einmal etwas anderes, magisches, und aus der Geschichte eine Parabel übers Leben und Überleben. Eher etwas für ältere und geduldigere Kinder, aber ganz, ganz großes Animationskino. (amazon)

Platz 1: Mein Leben als Zucchini

Und schließlich mein Film des Jahres: Die Geschichte des kleinen Waisenjungen Icare, genannt Zucchini. Das ist eine ganz einfache Geschichte ohne große Dramen; die Emotionen spielen sich in den ausdrucksstarken Gesichtern der Stop-Motion-Figuren ab. Das ist berührend, auch für Kinder stets unmittelbar nachvollziehbar – und zugleich wird da nichts vereinfacht, nichts beschönigt. Sondern eine Welt beschrieben, die nicht perfekt ist, in der die Menschen aber aufeinander achten wollen. Eine gute Welt entsteht, weil wir einander nicht egal sind: Schon daraus wird großes Filmglück (ausführliche Kritik). (amazon)

(Fotos: Warner Bros.; Universal Pictures, Studiocanal, 20th Century Fox/Dreamworks, Sony Pictures Classics, Polyband)