Streaming-Dienste: Disney+ und die Folgen

Ab morgen wird der neue Streaming-Service von Disney unter dem Namen Disney+ auch in Deutschland verfügbar sein. Ähnlich wie Netflix bietet das Unternehmen seinen Dienst als reines Flatrate-Modell an, d.h. für eine monatliche (oder pauschal jährliche) Gebühr lassen sich die Filme und Serien beliebig oft streamen.

Das Angebot an Filmen und Serien wird ziemlich groß sein und sich perspektivisch auch nicht auf die klassische Disney-Familien-Ware beschränken, nachdem der Konzern im vergangenen Jahr 20th Century Fox übernommen hat.

Das Film- und Serienangebot von Disney+

Zum Start allerdings gibt es fast Disney pur – von alten Trickfilmklassikern über schräge Komödien der 1970er und 1980er bis zu aktuellen CGI-Remakes, ganz frisch zum Beispiel von Susi und Strolch – exklusiv bei dem Streaming-Service zu sehen. Eine erste Übersicht über das Angebot zum Start bieten zum Beispiel die Kolleg_innen von kino-zeit.de.

Dabei sind natürlich die großen Franchises, die Disney gehören, also insbesondere das “Marvel Cinematic Universe” (MCU) und die Star Wars-Filme – und Hardcorefans werden ein Abo allein schon wegen der groß angekündigten Spin-Off-Serie The Mandalorian (mit Werner Herzog) in Erwägung ziehen. Ansonsten reicht die Spannbreite eben von Die Simpsons bis Liebling, ich habe die Kinder geschrumpft, von Schneewittchen bis Ralph reichts. Sogar eine Fortsetzung von Hocus Pocus ist im Gespräch (warten wir mal ab, wann da was draus wird), und auch die von Pixar als Experimentierfeld für Nachwuchs-Talente angelegten “SparkShorts”-Kurzfilme wie Kitbull oder Purl wandern auf die Video-on-Demand-Plattform.

Zugleich gibt es eine ganze Reihe von Filmen aus Disneys Stammbestand, die eben nicht auf Disney+ zu sehen sein werden – und sehr deutlich kommentiert wurde etwa schon die Abwesenheit von Song of the South (deutsch: Onkel Remus’ Wunderland). Disney hält den Film seit Jahrzehnten so gut es eben geht unter Verschluss; im Haus mit der Maus mag man sich nicht so gerne mit den rassistischen Darstellungen auseinandersetzen, die der Film beinhaltet. Zu dem Film gibt es hier einen sehr hörenswerten Podcast von Karina Longworth; zu den sehr schwachen Distanzierungen von rassistischen Stereotypen und anderen problematischen Darstellungen, die in den USA die Filmbeschreibungen auf Disney+ zierten, habe ich hier schon ausführlicher geschrieben.

Disney+ verwebt Kino und Fernsehen

Da werden schon Hoffnungen wach, ob nicht endlich Filmreihen zusammengeführt werden, die eigentlich längst zusammengehören…

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Disneys Marketingstrategie für Disney+ sieht aber wohl weniger die Verbindung zwischen eigentlich fremden Franchises vor als mehr die nicht mehr lösbare Anbindung bestehender Universen an den neuen Streaming-Dienst. Das “Marvel Cinematic Universe” (MCU) wird voraussichtlich enger mit den neuen für Disney+ geplanten Serien verwoben – was bisher mit den für Netflix entstandenen Serien und mehr noch mit Agents of S.H.I.E.L.D. eher locker geschehen war. Mit The Mandalorian wird auch das Star Wars-Universum angedockt – und natürlich tauchen auch die anderen Star Wars-Serien dann bei Disney+ auf.

Interessant ist, dass aktuell vor allem Filme und Serien aus dem Disney-Kernbestand auf der Streaming-Plattform zu sehen sein werden; das Angebot an Filmen von 20th Century Fox ist bei Disney+ zum Start recht klein und sehr familienfreundlich. Falsches Spiel mit Roger Rabbit ist da fast schon der widerborstigste Film.

Stattdessen gibt es neben den großen Franchises Marvel und Star Wars noch sehr viel Pixar, viele, viele Serien (von Kim Possible bis Willkommen in Gravity Falls) und einige Eigenproduktionen wie Star Girl: Anders ist völlig normal (Trailer), Timmy Flop: Versagen auf ganzer Linie (Trailer) und die schon erwähnte fotorealistische CGI-Variation auf Susi und Strolch.

Vor allem bekommt man über den Video-on-Demand-Service jede Menge Zeichentrickfilme und Realfilme aus dem Disney-Universum, also reichlich Prinzessinnen und Tiere, Dumbo und Alice im Wunderland genauso wie Mary Poppins und Freaky Friday.

Der Streaming-Markt wird neu aufgeteilt

Disney+ wird auch hierzulande den Streaming-Markt gehörig aufmischen. Die kleinen Anbieter kämpfen sowieso, vor allem aber werden sich die Verhältnisse zwischen den bisher nur zwei Platzhirschen neu aufteilen: Netflix und amazon Prime.

Netflix

Netflix wird dabei, vermute ich, am ehesten unter Disney+ zu leiden haben. Dort waren bisher viele Disney-Sachen auch zu sehen gewesen, manche Star Wars-Serien ebenso wie Willkommen in Gravity Falls; es gab Kooperationen mit Marvel zu eigenen Serien – die bestehenden bleiben zwar bei Netflix, wurden aber alle beendet. Neue Kooperationn dieser Art wird es voraussichtlich nicht geben. Andererseits sind die Netflix-Eigenproduktionen (gerade die ohne Disney-Verbindung) in letzter Zeit immer wieder und immer öfter auch mit Lorbeeren der Kritik beworfen worden.

Hinzu kommt: Netflix setzt allein auf das Abo-Modell und ist da zum Teil (wenn man in HD und mit mehreren Geräten schauen möchte) auch deutlich teurer als Disney+.

amazon Prime

amazon Prime hingegen hat ein etwas anderes Geschäftsmodell. Das Prime-Angebot mit seiner Flatrate ist nicht teurer als ein Disney+-Abo, schließt aber auch noch andere amazon-Angebote mit ein.

amazon hat zudem mit amazon Video auch noch ein Video-on-Demand-Geschäft, das direkt als Kauf- oder Miet-Dienstleistung funktioniert, ist also von den Flatrate-Kunden auch im Videogeschäft nicht abhängig. Eigene Serien und Filme nehmen deshalb bei amazon Prime auch einen wesentlich geringeren Raum ein als bei Netflix (und als bei Disney+ sowieso). (Und natürlich ist bei amazon sowieso das Streaming-Geschäft nur eine kleine von sehr, sehr vielen anderen Einnahmequellen.)

Disney+

Andererseits verlässt sich Disney+ eben allein auf eigenes Material (bzw. noch dem, was mit Fox direkt dazugekauft wurde). Während Netflix und amazon Prime also prinzipiell aus dem Angebot vieler unterschiedlicher Studios schöpfen können, ist Disney+ gewissermaßen ein One-Trick-Pony. Das Maus-Haus pflegt nach wie vor (trotz mancher Filme im Fox-Fundus) das Image als Studio mit sehr (im US-amerikanischen Sinne) “familienfreundlichem” und dadurch aber auch oft langweiligem Output – ob das reichen wird, um z.B. gegenüber den zuweilen auch etwas ambitionierteren Eigenproduktionen von Netflix und amazon wirklich Marktanteile zu gewinnen, wird abzuwarten sein.

Aber auch Disney ist ja bei weitem nicht auf seine Streaming-Plattform als Einnahmequelle angewiesen – Sidney Schering hat vor drei Jahren einmal ausführlich auseinandergedröselt, wie der Konzern sein Geld verdient.

Das Publikum entscheidet

Letztlich wird es interessant sein zu sehen, wie sich das Publikum entscheidet. Natürlich ist Disney+ mit seinem jetzigen Angebot für Hardcore-Fans von Star Wars und den Marvel-Filmen gewissermaßen ein Muss – da sind viele Leute dabei, die unter Umständen eh schon viel Geld in Medien stecken und deshalb einen weiteren Streaming-Dienst auch noch bezahlen wollen.

Aber wie viel möchte die Durchschnittszuschauerin gerne monatlich bezahlen? Wie viele Streaming-Dienste hält man sich? “Heavy user” wie ich haben kein Problem mit drei Streaming-Diensten, aber da ist man halt schnell bei mindestens 20 Euro im Monat, das ist kein Pappenstiel, zumal für Familien.

Ich würde vermuten, dass ein nicht-trivialer Teil der Entscheidung für oder gegen Disney+ in Zukunft bei vielen Leuten davon abhängen wird, ob der Streaming-Dienst mit Filmen aus dem Angebot von Fox punkten kann – aber passt Alien wirklich in das Heile-Welt-Setting von Disney+?

Interessanter finde ich in diesem Kontext noch die Frage, ob die zunehmende Aufsplittung des Streaming-Marktes – falls Disney- und Fox-Filme exklusiv nur noch auf Disney+ auftauchen sollten, ziehen andere Studios womöglich mit eigenen Streaming-Diensten nach? – dazu führen könnte, dass sich Raubkopien von Filmen wieder verstärken. Mit Netflix und amazon Prime waren für die meisten Mainstream-Filme einfache, günstige und leicht benutzbare Möglichkeiten vorhanden, um die Filme digital zu sehen. Wenn es teurer oder komplizierter wird, auf viele unterschiedliche Filme zuzugreifen, könnte das mehr Leute dazu animieren, sich die Filme auf illegalem Weg zu beschaffen – einfach nur, weil der legale Weg zu aufwändig geworden ist. Das wäre schade.

Lohnt sich Disney+ für Familien?

Viele Familien werden sich – unsere Ressourcen sind begrenzt – entscheiden wollen oder müssen, ob sie sich dauerhaft bei amazon Prime, Netflix oder Disney+ einrichten. Natürlich kann es auch sein, dass von Monat zu Monat gewechselt wird; vielleicht bleibt man lieber bei einem Anbieter mit breitem Angebot und holt sich die liebsten Disney-Filme wirklich auf physischen Medien für Zuhause. Bei einer begrenzten Zahl von Filmen ist das immer noch günstiger als die kontinuierliche Disney+-Mitgliedschaft.

Andererseits ist das Angebot an Filmen bei Disney+ schon jetzt sehr breit – gerade was die etwas älteren Disney-Filme angeht, gibt es da reichlich zu sehen. Und mit einem flexiblen monatlichen Abo bindet man sich auch nicht auf lange Zeit, sondern kann sich ein wenig durchs Angebot graben und jederzeit zum Monatsende wieder aussteigen.

Gerade in den aktuellen Corona-Zeiten kann es natürlich interessant sein, Disney+ eine Weile auszuprobieren um in den Überforderungsmomenten, die uns gerade alle heimsuchen, geeignetes Kinderprogramm für die Mattscheibe zu haben.

Vielleicht helfen Euch ein paar Leitfragen?

  • Habt Ihr das Budget von ca. sieben Euro monatlich bzw. 70 Euro im Jahr noch übrig?
  • Interessieren Euch (oder Eure Kinder) die Filme und/oder Serien aus dem Disney+-Angebot so sehr, dass Ihr den Dienst wirklich viel nutzen würdet?
  • Falls Ihr schon Netflix und/oder amazon Prime nutzt: Fehlt Euch da geeignetes Programm für Kinder?

Ich stehe Disney-Filmen ja durchaus skeptisch gegenüber – natürlich sind viele der Filme großartig (Lilo & Stitch zum Beispiel, meine Güte!), und kaum jemand kann es sich leisten, sich die Klassiker alle daheim ins Regal zu stellen. Aber viel von dem, was man in Entenhausen produziert, ist mir dann doch zu flach oder zu gefällig, zu amerikanisch-familienfreundlich oder schlicht zu konservativ bis reaktionär.

Im Lauf der nächsten Tage werde ich mir das Angebot ein wenig ansehen und die lohnenswertesten Kinderfilme auf Disney+ mit Altersempfehlungen zusammenstellen.

Vor allem aber bin ich gespannt, was Ihr zu dem neuen Service denkt, was Eure Erfahrungen sind. Wie macht Ihr es bisher, wie werdet Ihr es machen?

(Fotos: Disney)

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Autor: Rochus Wolff

Filmkritiker seit 2004. Vater seit etwas später.

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