Kurzfilm zum Wochenende: Der kleine Funken (2019)

Das Nagetier will lesen. Es braucht ja nur ein wenig Licht.

Was also tun? Nicolas Bianco-Levrin und Julie Rembauville verbinden in ihrem kleinen Kurzfilm Petite étincelle (auch auf dem KUKI zu sehen, das an diesem Wochenende beginnt) Realbild und unterschiedliche Animationstechniken, wie die das auch schon bei ihrer früheren Kooperation Moon Girl gemacht hatten.

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Schönes Wochenende!

Shaun das Schaf – Der Film: Ufo-Alarm (2019)

Kornkreise. Wer auch immer damit begonnen hat, komische Figuren mit kreisförmigen Mustern in Kornfelder zu legen – ob es Außerirdische waren, Spaßköpfe oder freakige Wind-Anomalien: Die Muster haben inzwischen ihren festen Platz im kulturellen Gedächtnis, und kein spaßig gedachter Film mit Aliens kann mehr auf irgendeinen Witz dazu verzichten. Kinderfilme inklusive: Zuletzt sah man sie in Luis und die Aliens, nun tauchen sie in dem ganz und gar klobig betitelten Shaun das Schaf – Der Film: Ufo-Alarm auch wieder auf.

Shaun ist eigentlich ja immer ein Grund zur Freude: Die Serie mit den kurzen Filmchen, die hierzulande vor allem durch die Sendung mit der Maus wandern, gehört nach wie vor zu meinen liebsten TV-Spektakeln für jüngere Kinder; schon beim ersten Film war aber natürlich die große Frage, wie diese Miniaturen sich auf ein längeres Format übertragen ließen: mit größerem, längerem Spannungsbogen, mit einer fast zwangsläufig komplexeren Geschichte.

Das Ergebnis war ambivalent: Während der grundlegende Charme erhalten blieb, tat es Shaun und seinen Mitschafen (nebst Hund Bitzer und Bauern) nur teilweise gut, die Mossy Bottom Farm zu verlassen. In meiner Wahrnehmung lag das vor allem daran, dass die recht konventionelle dramaturgische Entscheidung getroffen wurde, den Hauptfiguren einen Antagonisten (in Form des städtischen Tierfängers) gegenüberzustellen. Damit zieht ein Element von Bedrohlichkeit in die Geschichte ein, die den kurzen TV-Episoden fremd ist – und den Film für kleinere Kinder auch schwierig macht. (Das gleiche Problem hatte der ansonsten ja wirklich sehr fulminante Paddington-Film, wie ich hier beschrieben hatte.)

Im zweiten Film (im Original etwas knapper Shaun the Sheep Movie: Farmageddon genannt) bleibt das Geschehen zwar etwas stärker auf dem Bauernhof, dafür wird eine neue Hauptfigur eingeführt bzw. eingeflogen: LU-LA fällt wortwörtlich vom Himmel, ein kleines, putziges Alien, das, wie sich bald herausstellt, auch noch sehr, sehr jung ist und eigentlich nur nach Hause will. Und wie es aber die Stereotypen des Alienfilms will, gibt es dann eben doch böse Antagonisten in Form von Angestellten der Regierung, allen voran „Agent Red“, eine strengst gekleidete und schauende Frau, die ein Kindheitstrauma mitbringt, und ihre in gelbe Schutzanzüge gekleideten Helferchen, die gelegentlich so quatschig herumlaufen wie die ähnlich gelben Minions, nur nicht mit dem gleichen Sinn für anarchischen Humor.

Die Antagonistin in Shaun das Schaf: Ufo-Alarm wird nie als besonders bedrohlich inszeniert, zumal der Film schon relativ früh andeutet, dass hinter ihrer ruhelosen Aktivität auf der Suche nach Aliens eine unerwartete Vorgeschichte lauert; und die gruseligen Momente, die der Film bietet, orientieren sich ästhetisch und in der Spannung eher an den für heutige Sehgewohnheiten vergleichsweise harmlosen Science-Fiction-Filmen und generell B-Movies der 1950er, 1960er Jahre. Das, man ahnt es schon, öffnet die Tür für zahlreiche Anspielungen, die eher die Eltern als die Kinder ansprechen werden (es fängt mit „H.G. Wheels“ an, irgendwann tritt – brillante, sehr britische Idee – Doctor Who aus einem blauen Dixie-Klo, und zwischendrin wird wild zitiert aus 2001: Odyssee im Weltraum, E.T. – Der Außerirdische, Unheimliche Begegnung der dritten Art und Nummer 5 lebt! Um nur ein paar Beispiele zu nennen).

Das ist alles sehr witzig und, wie der ganze Film, in Animation wie Timing perfekt gemacht, das junge Publikum bleibt dabei allerdings außen vor. An dieses richtet sich, scheint es, eher der großflächig verteilte Slapstick – die Schafherde ist da viel zu selten beteiligt, nur Bitzer und der Bauer spielen aus der Stammbesetzung nennenswerte Rollen. Der Film strahlt durch dieses Tempo ein Gefühl von unterschwelliger, stetiger Aufregung aus, auch das ein Unterschied zu den kaum fünfminütigen Episoden, die bei allem Chaos stets von einer grundsätzlich entspannten Haltung zur Welt getragen zu sein scheinen.

Ein leichtes Fremdeln stellt sich für mich auch dadurch ein, dass das Character Design leicht, aber spürbar verändert zu sein scheint; ein paar andere Bewegungen hier, etwas anderes Verhalten da. Bitzer wirkt wesentlich strenger und stellt überall Verbotsschilder auf; wie ich auch insgesamt das Gemeinschaftsgefühl auf der Farm etwas vermisst habe – womöglich weil die anderen Schafe so wenig zu sehen sind.

Dafür ist der Bauer wie gewohnt ahnungslos und tölpelhaft; immerhin beweist er den richtigen Riecher, als in Mossingham auf einmal Alien-Sucher_innen en gros auftauchen und baut sich schnell den Vergnügungspark „Farmageddon“ auf eins seiner Felder. Der ist eine Augenweide, wirklich witzig und charmant, und für‘s dramatische Finale außerdem absolut unersetzlich. Und was wir außerdem lernen: Broccoli ist auch über interplanetarische Kulturgrenzen hinweg einfach ungenießbar.

Für welches Alter: Das ganz junge Publikum, das Shaun das Schaf in der Sendung mit der Maus genießen kann, ist von dem Film eventuell noch etwas überfordert. Ab sechs Jahren sollte das aber (mit geringem Angstpotential) passen.

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Shaun das Schaf – Der Film: Ufo-Alarm (Shaun the Sheep Movie: Farmageddon). Großbritannien/USA/Frankreich 2019. Regie: Will Becher/Richard Phelan, 86 Min. FSK 0, empfohlen ab 6 Jahren. Kinostart: 26. September 2019.

(Fotos: Studiocanal)

Chihiros Reise ins Zauberland (2001)

Chihiro hat wirklich keine Lust auf diesen Umzug. Mit ihren Eltern ist sie im Auto unterwegs an den neuen Wohnort, die Eltern zeigen ihr im Vorbeifahren ihre neue Schule, aber das 10-jährige Mädchen grummelt nur, die alte Schule sei viel schöner. Auf der Straße zu ihrem neuen Haus taucht aber auf einmal ein seltsames Hindernis auf, und Chihiros Eltern beschließen, einem Gang zu folgen, der anscheinend direkt in den Berg hineinführt.

Auf der anderen Seite finden Sie eine weite Landschaft mit einzelnen Häusern, die Chihiros Vater als Reste eines alten Vergnügungsparks zu erkennen meint; da sie inzwischen Hunger haben, tun sie sich am Essen gütlich, das an einem der Stände anscheinend unbewacht bereitsteht. Chihiro aber will damit nichts zu tun haben, drängt ihre Eltern zum Aufbruch und erkundet dann die Gegend ein wenig weiter; als die Sonne untergeht, tauchen Geister und Gestalten aus den Schatten auf. Ein Junge namens Haku warnt sie, sie müsse sofort zurückkehren, sonst sei sie in dieser Welt gefangen – doch Chihiros Eltern, noch immer gierig über das Essen gebeugt, haben sich inzwischen in Schweine verwandelt, und auch für Chihiro ist es nun zu spät. Im Badehaus der Hexe Yubaba muss sie Arbeit finden, sonst wird sie, als Mensch unter Geistern unerwünscht, gefangen.

Hayao Miyazaki hat Chihiros Reise ins Zauberland 2001 fertiggestellt, nach Prinzessin Mononoke wieder ein etwas kindertauglicherer Film, auch wenn der Anfang unheimlich, stellenweise gruselig ist, als für die Protagonistin die Welt des Badehauses noch fremd ist. Die Rußmännchen aus Mein Nachbar Totoro tauchen hier wieder auf, aber viele andere seltsame Gestalten und Figuren, das riesige Baby von Yubaba allein ist schon ein Erlebnis, nicht minder in seiner verwandelten Form als kleines, sehr niedliches Tierchen.

Yubabas Badehaus ist ein Ort der Erholung für die Götter und Geister, die die Welt, um es etwas platt zu sagen, nach shintoistischer Vorstellung bevölkern, aber es ist keineswegs alles fremd in diesem Wunderhorn animierter Phantasie. Miyazaki baut Elemente ein, die europäischen Zuschauer_innen womöglich aus Homers Odyssee und anderen Mythen bekannt vorzukommen scheinen; das alles eingewoben in jene Welt von Geistern, Dämonen und Zusammenhängen, in denen „Gut“ und „Böse“ jedenfalls nicht als eindeutige Zuordnungen vorkommen, nur als Punkte eines Spektrums, auf dem sich alle Figuren bewegen: Eine Phantasiewelt, in der selbst die Antagonistin Yubaba sich an Regeln hält und womöglich gar nichts Böses will. Gruselig, auch angsteinflößend, und dennoch vor allem: in sich stimmig, bevölkert von Leben und Widersprüchen und Glück.

Natürlich ist Chihiros Reise ins Zauberland auch eine Geschichte vom Erwachsenwerden; Chihiro muss im Badehaus Arbeit suchen, nur so kann sie dort bleiben und (vielleicht) ihre Eltern erlösen. Ohne jede Vorbereitung muss sie selbständig Entscheidungen treffen, findet neue Freundinnen und Freunde, auch wenn nicht immer klar ist, wer ihr wohlgesonnen ist. Denn ist Haku, der ihr anfangs half, nicht vor allem ein Handlanger von Yubaba? Und ist der spinnengleiche Kamaji viellicht doch mehr als nur ein grantiger alter Mann an den Schalthebeln der Heizung des Badehauses?

In einzelnen Figuren verdichten sich kleine und große Botschaften: Ein Monstrum, dass als Faulgott nur widerwillig im Badehaus Eintritt bekommt, entpuppt sich nach einem ausführlichen Bad und heilenden Eingriff von Chihiro als verletzter und vor allem: mit Abfall der Menschen verschmutzter Flussgott. Und die gespenstische Gestalt Ohngesicht tritt erst ganz harmlos, wortlos bittend auf; Chihiro gewährt ihm arglos Zugang zum Badehaus, wo er zunächst bemüht ist, ihre Wünsche zu erfüllen, ihr zu helfen. Er beginnt dies dann auch bei anderen Bediensteten im Badehaus zu machen und verschlingt diese dabei, übernimmt aber dann auch deren maßlose Habgier. Erst als er dank einer magischen Kräuterkugel von Chihiro geheilt wird, kehrt er zu seinem ruhigen, eher beobachtenden Wesen zurück.

Niemand ist so einfach, wie er oder sie auf den ersten Blick erscheint; Chihiros Reise ist für uns als Film ein Eintauchen in eine Welt voller Farben, phantastischer Gestalten und oft bis zum Ende ungelöster Rätsel. Ein Meisterwerk von atemberaubender Schönheit, eine Traumreise, in der am Ende nicht ganz klar ist, ob sie sich wirklich ereignet hat – wären da nicht Staub, Laub und ein glitzerndes Haarband.

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Chihiros Reise ins Zauberland (Sen to Chihiro no kamikakushi/Spirited Away). Japan 2001. Regie: Hayao Miyazaki, 125 Min. FSK 0, empfohlen ab 10 Jahren. (amazon)

(Fotos: Universum/Constantin)

Mister Link – Ein fellig verrücktes Abenteuer (2019)

Es ist ein bisschen lustig, dass für den deutschen Verleih der Filmtitel Missing Link zu Mister Link umgewandelt wurde, in der deutschen Synchronisation der Begriff „Missing Link“ dann aber genau so auf Englisch verwendet wird, nur en passant erklärt… zumal bei allem auch die Frage durchaus offen bleibt, ob der titelgebende Sasquatch denn nun wirklich in irgendeiner sinnvollen evolutionären Ordnung das Bindeglied zwischen nicht-menschlichen Primaten und dem Mensch darstellen könnte.

Mister Link also, der sich, in einer der schönsten Sequenzen des Films, selbst den Vornamen Susan gibt, ist so ein Wesen, das anderswo vielleicht auch Bigfoot heißen würde, aber jedenfalls sehr einsam in den Wäldern im Nordwesten der USA. So einsam, dass er den berühmten, aber wenig anerkannten britischen Entdecker Sir Lionel Frost anschreibt, ob dieser ihn nicht „entdecken“ könne – eigentlich, aber das kann er in seinem Brief nicht schreiben, möchte er ihn aber bitten, ihn in den Himalaya zu bringen, zu den Schneemenschen, in denen er Artsverwandte vermutet.

Susan wird auf diese Weise als schüchterne, recht verlegene, vor allem aber auch belesene Kreatur vorgestellt; dass aus seiner Beschäftigung mit vielen Büchern nicht mehr gemacht wird, ist meiner Wahrnehmung nach die größte Nachlässigkeit des Drehbuchs. Denn ansonsten geht es doch recht komplex her: Frost erklärt sich zwar gerne bereit, Susan zu helfen, denkt dabei aber zuallererst an sich selbst und seine Reputation – er will endlich in den berühmten Londoner Entdecker-Club aufgenommen werden. Susan ist im dabei ebenso Mittel zum Zweck wie Adelina Fortnight, die Witwe eines Freundes. Und dass ihnen ein Auftragsmörder auf den Fersen ist, verringert Frosts Entschlossenheit nicht unbedingt.

Die Laika-Studios sind für ihre komplexen, inhaltlich so anspruchsvollen wie technisch großartigen Animationsfilme bekannt, von Coraline bis hin zu Kubo: Der tapfere Samurai, bei dem die Stop-Motion-Animationen erstmals auch behutsam mit Computertricks ergänzt wurden. Diese Technik nutzt Regisseur Chris Butler für seinen zweiten Film nach dem wunderbaren, gruseligen ParaNorman nun auch, und die Ergebnisse sind stellenweise atemberaubend schön, erwecken auf jeden Fall eine Ästhetik, die sich – darin Die Piraten! aus dem Haus Aardman nicht unähnlich – an zeitgenössische Bilderwelten des späten 19., frühen 20. Jahrhunderts erfolgreich anschmiegt.

Dass der mit dieser Zeit und dem britischen Empire verbundene Kolonialismus (und Imperialismus) kaum einmal in Andeutungen thematisiert und zerlegt wird, bedaure ich als Auslassung; Butler hat sich stattdessen als Hauptgegner eine patriarchale Vorstellung von Wissenschaft und Wahrheit ausgesucht, die im von Frost so verehrten Club gepflegt wird – da will man sich sogar noch den Gedanken der Evolution verweigern, weil damit ja die Ordnung der Dinge und vor allem der Menschen in Frage gestellt wird.

Unter den Laika-Filmen, die natürlich eine sehr hohe Messlatte vorlegen, ist Mister Link dennoch der womöglich schwächste; die Figuren wirken weniger lebendig, weniger ausdrucksstark, als man es vom Studio kennt, es fehlt auch die Doppelbödigkeit, Abgründigkeit der Handlung, die Ambivalenz aller Figuren.

Und trotzdem ist das ein äußerst unterhaltsamer Film geworden, ein Abenteuerstreifen, der ganz ohne das Dauergekreische und die Daueraction auskommt, die zu viele Kinderfilme für nötig erachten, der sich auch einmal Zeit lässt für einen Blick auf seine zauberhafte Welt oder seine Figuren, die sich so wichtig nehmen, dass sie eigentlich nur lächerlich wirken können – zumindest so lange, bis sie den Stock aus dem Arsch nehmen und ihr Herz öffnen für die Welt. Und dagegen lässt sich nun wahrlich nichts einwenden.

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Mister Link – Ein fellig verrücktes Abenteuer (Missing Link). USA 2019. Regie: Chris Butler, 94 Min. FSK 6, empfohlen ab 9 Jahren. Kinostart: 30. Mai 2019.

(Fotos: Entertainment One)

Willkommen im Wunder Park (2019)

Es gab in den letzten Jahren gefühlt vermehrt Filme, in denen die kindlichen bis jugendlichen Protagonist_innen eine persönliche Krise bewältigen und bearbeiten, indem sie sich mit einer imaginierten oder vom Film inszenierten phantastischen Figur oder Bedrohung auseinandersetzen. Herausragend ist dabei Sieben Minuten bis Mitternacht, im Grunde macht auch I Kill Giants ähnliches. Dass in beiden Fällen eine schwere Krankheit der Mutter (bei abwesendem Vater) Auslöser für die Krise ist, mag Zufall sein; zumindest bei Sieben Minuten bis Mitternacht weiß man durch das verfilmte Buch, dass jedenfalls die Drehbuch-Autor_innen nicht einfach die billigste, weil dramatischste Krise aus dem Repertoire gegriffen haben.

Und nun also Willkommen im Wunder Park, an dessen Titel mich das überflüssige und definitiv falsch gesetzte Leerzeichen wahnsinnig nervt; aber das sollte den Film nicht schlechter machen. Weitere Witze ließen sich machen darüber, dass im Abspann kein Regisseur genannt wird, als sei der Film quasi das mechanistische Produkt kapitalistischer Interessen (sprich: der Produktionsfirma), aber das ignoriert natürlich, dass der sehr wohl existierende Regisseur wegen übergriffigen Verhaltens gefeuert und sein Name deshalb gestrichen wurde.

Das Grundgerüst jedenfalls ist bekannt: Die kleine June hat ein sehr enges Verhältnis zu ihrer Mutter, mit der sie gemeinsam eine Phantasiewelt immer weiter ausbaut. In ihrem Kopf entsteht ein Freizeitpark voller wahnwitziger Attraktionen und Abenteuer – im „Wunder Park“ zaubert Affe Peanuts mit einem Zauberstift riesige Karussells, Rutschen und Achterbahnen herbei. Der blaue Bär Boomer begrüßt die Gäste, Wildschwein Greta ist für die Sicherheit verantwortlich… es ist ein wildes, aber nicht uninteressantes Durcheinander.

Eine Familie im Durcheinander

Junes Mutter wird krank – man erfährt nie genau, was sie hat, es scheint auch kein Gespräch dazu zu geben, sie verschwindet einfach irgendwohin, vermutlich in ein Krankenhaus –, und ohne ihre Mutter fehlt June der Mut, am „Wunder Park“ weiterzuarbeiten. Irgendwann (wie viel Zeit im Film vergeht, wird nie wirklich klar) schickt ihr Vater June dann in ein Mathe-Camp, um sie ein wenig abzulenken. Noch im Bus dorthin hat sie allerdings Schreckensvisionen von ihrem allein völlig hilflosen Vater, verdrückt sich während einer Fahrtpause und wandert durch den Wald zurück in die Stadt.

Oder besser: Sie versucht es. Denn plötzlich findet sie sich in ihrem eigenen „Wunder Park“ wieder und kann ihn auch nicht verlassen. Dort ist alles in Unordnung geraten, weil sich niemand mehr um den Park kümmert, Peanuts und die anderen Tiere sind ständig auf der Hut oder Flucht vor einer Armee bösartig gewordener Spielzeugäffchen, und über allem dreht sich drohend-gefräßig die „Dunkelheit“, die sich als finsterer Wolkenwirbel am Himmel dreht und nach und nach den Park zu vernichten droht.

Die Assoziation zu Michael Endes „Nichts“ aus Die unendliche Geschichte liegt da sehr nahe, und im Grunde deutet das auf das schon angedeutete Grundproblem der ganzen Geschichte, die Willkommen im Wunder Park erzählen will: Da wurden lauter Versatzstücke aus anderen Geschichten zusammengeschraubt, geklebt und getackert, und das soll jetzt irgendwie mitreißen.

Visuell ein echter Wunderpark

Visuell funktioniert das weitgehend: Der Park ist, vor allem in seiner verfallenden Form, ein bezaubernd vielfältiges Phantasiereich voll kleiner Details und toller Ideen, der ganze Film sieht insgesamt gut aus, auch wenn vor allem bei den Figuren wenig Originelles, wirklich Eigenes in Animation und Ästhetik zu sehen ist – aber das muss auch nicht immer sein. Dazwischen gibt es nette Ideen: Boomer hat immer wieder Schlafattacken, weil er offenbar nicht genug Winterschlaf bekommt (oder so), das Stachelschwein Steve ist heimlich in Greta verliebt und zu schüchtern, es ihr zu sagen. Und dass hier ein Mädchen nicht nur phantasievoll, sondern auch mathematisch begabt ist und eher an Klebeband und Schraubenschlüsseln interessiert ist als an Rüschen und Rosa, ist zumindest erfrischend, wenn auch nicht wahnsinnig originell.

Für eine wirklich auch psychologisch komplexe Geschichte ist dann aber nicht nur alles zu derivativ (einige Szenen wirken um zwei Ecken von Pixar abgekupfert), es geht auch zu wenig ins emotionale Detail. Stattdessen gibt es dann eine Actionsequenz nach der anderen, deren Abfolge sich zuweilen eher zufällig zu ergeben scheint; das ist nach einer Weile dann ein wenig hektisch und dadurch in 3D gelegentlich auch schwer nachvollziehbar oder erträglich.

Man kann sich das deshalb durchaus ansehen; aber mehr als ein deutlich überdrehter Kinobesuch wird daraus kaum. Was ich allerdings, auf Anregung von Boomer hin, gerne einmal ausprobieren möchte, ist sein Rezept für eine Marshmallow Calzone. Bon appetit !

Lena im Interview

Lena Meyer-Landrut spricht in der deutschen Fassung die Stimme von June, der Protagonistin von Willkommen im Wunder Park. Ich hatte vor dem Kinostart die Gelegenheit mit ihr zu sprechen: Über die Herausforderungen des Synchronisierens, wie man sich den Prozess vorstellen muss – und natürlich über ihre drei liebsten Kinderfilme.

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Willkommen im Wunder Park (Wonder Park). USA/Spanien 2019. Regie: Dylan Brown, 85 Minuten. FSK 0, empfohlen ab 8 Jahren. Kinostart: 11. April 2019. (Bestellen bei amazon)

(Foto: Paramount)

Bo und der Weihnachtsstern (2017)

Die Weihnachtsgeschichte aus der Sicht der Tiere erzählen, die im Stall von Bethlehem dabei waren? Nette Idee, nur gewinnt man damit keine Preise für Originalität, weil jedes zweite Krippenspiel an der Grundschule diese Perspektive wählt. Dass dabei die Tierwelt schon einmal erweitert wird (um Krabbe, Hummer, Hase und Maus), damit alle Kinder eine Rolle spielen können, gehört selbst schon zu den Topoi von Komödien zum Weihnachtsfest.

Bo und der Weihnachtsstern macht jedenfalls einem kleinen Esel zum veritablen Helden der Weihnachtsgeschichte: Er trägt Maria (die leicht grünlich schimmernde blaue Augen hat), als sie nicht mehr laufen kann, er vertreibt mit seinem Freunden die Häscher Herodes’ (und bekehrt die Spürhunde zu guten Taten). Und rennt, weil das wohl als Komik durchgeht, immer wieder gegen verschlossene Holztore.

Das Drehbuch macht um alle Komplexität oder auch nur Ambivalenz einen gewaltigen Bogen – hier gibt es nur Gut und Böse (Herodes, sein Häscher, Bos alter Besitzer), aber keine Zwischentöne. Wenn Weihnachten ein Fest ist, an dem wir Wunder feiern, so bleibt davon nach diesem Film nur das Wunder übrig, dass solcher Schrott dann doch immer wieder finanziert wird.

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Bo und der Weihnachtsstern (The Star). USA 2017. Regie: Timothy Reckart, 86 Minuten. FSK 0, empfohlen ab 6 Jahren, ach Quatsch, gar nicht empfohlen. Kinostart: 7. Dezember 2017. (Bestellen bei amazon.de)

Foto: Sony Pictures