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Kevin – Allein zu Haus (1990)

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Ein Geständnis: Ich mochte diesen Film nie besonders. Er war mir im Gedächtnis, wie womöglich auch vielen anderen Menschen, die ihn vor gut dreißig Jahren und danach nicht mehr wirklich gesehen haben, als eine Ansammlung von natürlich cartoonhaft übertriebenen Gewaltexzessen, eine brutale und nicht unbedingt angenehme Tour de Force für eigentlich recht harmlos wirkende Spießgesellen.

Das ist natürlich nicht falsch, aber es ist auch schlicht und ergreifend nicht richtig. Die “Gewaltszenen”, allesamt sowohl überzeichnet als auch bestürzend realistisch (den Erzählungen nach wurden während der Dreharbeiten neue Techniken für die Stuntleute entwickelt, von denen heute noch eine “Home Alone” heißt, weil sie hier erstmals so umgesetzt wurde), nehmen nicht den ganzen Film ein, sondern vielleicht fünfzehn, zwanzig Minuten, auf die der Film geduldig und sehr geruhsam hinarbeitet. (Anders als vor allem das jüngste Quasi-Sequel, Nicht schon wieder allein zu Haus, das relativ bald in medias brutalitas schreitet (das war jetzt sicher falsch dekliniert).

Nein, der gerne unterschätzte Chris Columbus hat hier in seinem dritten Film alle Elemente geruhsam für sein, pardon, nur mangels Realismus nicht sehr blutiges Krippenspiel in Position gebracht. Kevin McCallister (der wirklich sehr niedlich-überzeugende Macaulay Culkin) ist sympathisch, ein wenig frech, vor allem aber selbstbewusst. Die beiden Bösewichte (lustvoll von Joe Pesci und Daniel Stern von Anfang an als Karikaturen verkörpert) sind einerseits wirklich gefährlich und verschlagen, andererseits aber auch schräg genug, dass daraus kein Horrorfilm wird.

Da ist Platz für Personen, Familie und Gefühle

Bevor es zu einer direkten Konfrontation kommt, bekommen die Figuren und Nebenfiguren ein wenig Raum: der seltsame Nachbar, den alle für einen Serienmörder halten und mit dem Kevin in einer Kirche freundlich ins Gespräch kommt. Kevins besorgte Mutter, die zunehmend verzweifelt versucht, aus Paris zurück nach Chicago zu kommen.

Einer der schönsten intertextuellen Gags des Films (Columbus hat eine Reihe davon versteckt) ist, dass sie das letzte Stück der Reise mit einer Gruppe Polkamusiker antritt – angeboten wird ihr die Fahrt von keinem geringeren als John Candy, sein Gus Polinski ist wie ein Zwillingsbruder zu Del Griffith, den er für John Hughes in Ein Ticket für Zwei gespielt hat.

Derweil bereitet Kevin dann daheim seine Fallen vor: Was ein “Home Invasion”-Thriller sein könnte, wird stattdessen zur einer kindlichen Ermächtigungs- und Allmachtsphantasie, zugleich eine Art Looney Tunes mit realen Räubern. Das ist alles wirklich schmerzhaft anzusehen und pädagogisch absolut ungesund, schwebt aber erstaunlich leichtfüßig in einem rein filmischen Referenzraum, der den Slapstick des Stummfilmkinos mit brachialer “My Home is My Castle”-Metaphorik mischt, irgendwo zwischen Moral und Amoral schwebend.

Es ist lustig, weil niemand je ernsthaft in Gefahr gerät, weil diese Selbstverteidigung trotz einer grundlegenden Ungleichheit physischer Stärke funktioniert, und all das so wenig real ist, wie es das amerikanische Kino eben sein kann.

Kevin – Allein zu Haus schafft diesen Spagat und hat tatsächlich am Schluss noch ein wenig Platz für Familienkitsch. Man muss das alles nicht mögen, ich bin selbst und für mich noch immer unentschieden; aber ein Film, der seine scheinbare Schlichtheit so vielschichtig und, ja doch, unterhaltsam gegen Wände, Fußböden und in bereitstehende Fallen scheppern lässt, der darf so einiges an Respekt bekommen.

Kevin – Allein zu Haus (Home Alone). USA 1990. Regie: Chris Columbus, 102 Minuten. FSK 12, empfohlen ab 12 Jahren. Bei Disney+ in der Flatrate enthalten, auf zahlreichen Plattformen als VoD verfügbar. (Streaming auf amazon Video.)

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(Fotos: Disney)

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