Festivals Filmkritiken

ITFS 2021: Der kleine Vampir (2020)

Der kleine Vampir, wie er aus der Fantasie von Joann Sfar gewachsen ist, ist jedenfalls nicht „der kleine Vampir“ meiner Kindheit, wie ihn Angela Sommer-Bodenburg erzählt hat, und auch nicht „das Vamperl“ von Renate Welsh. Diese Erwartungen aus deutschem Kontext sollte man gleich zu Beginn aus dem Weg räumen, um Platz zu haben für das sehr eigene kleine Universum, das Sfar in seinem Film auffächert – und das wiederum auf seinen eigenen Comics beruht.

Das ist für Sfar nicht ungewöhnlich: Der Comiczeichner hat nach seinem Realfilm-Debüt Gainsbourg – Der Mann, der die Frauen liebte (der auch in Le petit Vampire einen clever untergebrachten Miniauftritt hat) gleich seinen eigenen Comic Die Katze des Rabbiners als Animationsfilm auf die Leinwand gebracht.

Vor 300 Jahren wurde aus einem kleinen Jungen der kleine Vampir, als er mit seiner Mutter, Madame Pandora, vom Capitaine des Morts – dem Piratenkapitän an Bord des fliegenden Holländers, was aber womöglich schon eine unangemessene Vereinfachung darstellt – vor einem Bösewicht gerettet wurde. Nun sind beide unsterblich, werden aber bis heute von „Le Gibbous“, dem Bösen mit dem Halbmondkopf, verfolgt. Niedergelassen haben sie sich nun in einem großen Haus auf einem Hügel leicht erhaben über einer Stadt an der französischen Mittelmeerküste, scheint’s.

Ein bunter Haufen Monster unter einem Dach

Über dem Haus liegt eine magische Kuppel, und nur wer eingeladen wurde, sieht, was darunter wirklich vor sich geht, sieht die bunte Mischung an Bewohnern in Haus und (Friedhofs-)Garten: Geister, Skelette, Marguerite (ein Frankenstein’sches Monster), Ophtalmo mit den drei Köpfen (und Hüten), ein sprechendes Krokodil… und natürlich der Hund und Bewacher des kleinen Vampirs, die rote(!) Bulldogge Phantomato(!).

Anders als in Hotel Transsilvanien sind die Monster hier nicht primär über ihre „klassischen“ Monstereigenschaften definiert. Das Frankeinstein’sche Monster hat vor allem andauernde Identitätskonflikte, weil er nicht so recht weiß, wer er eigentlich ist; noch mehr aber beschäftigt ihn und rührt ihn zu Tränen, dass beim allnächtlichen Filmegucken – klassische Grusel- und Horrorfilme bevorzugt – die Monster nie gewinnen!

Es geht hier gepflegt liebevoll zu, aber eben auch ein wenig gruselig, es werden Zähne gefletscht und leuchtende Maden als Snacks gereicht. So aufregend das alles ist, so gelangweilt ist der kleine Vampir inzwischen doch, er möchte auch mal raus aus dem Haus – aber dort ist es gefährlich wegen des Gibbous, von dem ihm aber niemand erzählt… und seine Familie möchte ihn am liebsten immer schön in Haus und Garten halten. Dabei kommt eine Haltung durch, die man fast schon als Kommentar zu Corona und Quarantäne lesen kann:

Nein, nein, sagt sein Ziehvater, der Kapitän der Toten, der übrigens meist einen sensationell ausladenden Hut trägt, Kinder müssen nicht rumrennen, andere Kinder treffen… er sitzt die ganze Zeit herum und starrt auf eine Leinwand, das ist doch gut so?

Aber, wie das mit Kindern so ist, der Kleine macht sich doch heimlich davon und freundet sich sogar mit einem seinerseits recht einsamen Menschenjungen an, der Waise Michel, der bei seinen Großeltern lebt.

Viel Schönheit, etwas zu viel Getöse

Es kommt, wie es kommen muss: Der Gibbous kommt dem Vampir und damit auch Madame Pandora auf die Spur, nimmt Michel als Geisel und und und… Sfars Welt ist eine bunte Monsterwelt, oft niedlich, manchmal erschreckend, immer in Bewegung. Das gerät manchmal in Konflikt mit der Geschichte, die der Autor erzählen will, die sich ja vor allem um Einsamkeit und Freundschaft dreht und wesentlich mehr Ruhe gebrauchen könnte.

Dafür ist dann aber gelegentlich zuviel Action und Getöse, von großen Gesten am Anfang changiert der Film in der Mitte zu kleinteiligerem Durcheinander (vor allem bei Michels erstem Besuch im Geisterhaus), um fürs Finale in wüste Kämpfe abzudriftn, bevor eine Auflösung mit, pardon, Dea-ex-machina (und auch nicht ganz konsistent) das Ganze zu einem versöhnlichen Ende bringt – nur eine Menge quasi unsterblicher Glühwürmchen sind sauer, weil ihnen ihr Diktator genommen wurde.

Natürlich dürfen am Ende die Monster endlich einmal gewinnen – und Der kleine Vampir ist vor allem deshalb so toll, weil er diese Monsterwelt so wunderschön, variabel und bunt auf die Leinwand bringt. Etwas mehr Ruhe hätte den Hauptfiguren und der Geschichte gut getan – visuell bezaubernd ist der Film dennoch.

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Der kleine Vampir (Le petit Vampire). Frankreich/Belgien 2020. Regie: Joann Sfar, 82 Min. Bisher ohne FSK, vom ITFS empfohlen ab 6 Jahren. (Meine Altersempfehlung: ab 9 Jahren.)

Der Film ist im französischen Original mit englischen Untertiteln noch bis Sonntag (9. Mai 2021) im Online-Programm des ITFS zu sehen.

(Foto: Studiocanal)

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