Deutsches Kino, wir müssen reden!

Liebes deutsches Kinderkino! Wir müssen reden. Das geht doch so nicht weiter!

Gestern bin ich eher zufällig darauf gestoßen, dass es schon seit einem Monat einen Trailer für Conni & Co. gibt.

Ich hatte eh schon nicht allzu viel von der Filmfassung der Conni-Bücher erwartet – und nicht allein deshalb, weil ich die Bücher mit ihrer unerträglich braven und stets wohlmeinenden Hauptfigur aus tiefstem Herzen ablehne. Das ist fast schlimmer als Rolf Zuckowski in Dauerschleife. Von der Verfilmung hatte ich alles verdrängt, außer dass Emma Schweiger die im Film schon jung-jugendliche Conni spielen sollte. Der Trailer unterbot meine Erwartungen aber dann doch noch einmal gewaltig.

CONNI & CO Trailer (2016) Emma Schweiger

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Was, liebes deutsches Kinderkino, soll das denn bitte sein? Okay, ich mag Vater Til nicht, und dass er hier jetzt auch noch mitspielen muss, meine Güte, wäre doch zu verhindern gewesen? Aber der Rest! Die Sätze sind gestelzt, die Szenen ungelenk und holzig wie knarzige Eiche, die Lehrer tragen “lustige” Klamotten… deutsches Kino, ich dachte, wir seien über die Lehrerklamotten der frühen Bundesrepublik ein wenig hinausgekommen? Es gibt eine beschauliche Kleinstadt und einen lustigen Hund, um den sich anscheinend die ganze Handlung dreht, und dieser “mach den Mund auf”-Scherz am Schluß, aus welcher finsteren, von Bärten durchwirkten Gruft hast du den denn bitte ausgegraben?

Und gibt es nirgends Kinderdarsteller_innen, die auch wirklich wenigstens ein bißchen spielen können? Andere Länder schaffen es doch auch, Kinder so in Szene zu setzen, dass man nicht dauernd sieht, dass sie das nur “spielen”!

Ich könnte fuchsteufelswild noch einige Absätze lang weiter herumschimpfen, aber stattdessen habe ich dann noch einen anderen aktuellen Trailer angeschaut. Burg Schreckenstein, nomen est omen.

BURG SCHRECKENSTEIN Trailer German Deutsch (2016)

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Also, ernsthaft? Ein Pups als Einstieg? Eine Buchvorlage mit ihren Wurzeln in den 1950er Jahren? Internatsgeschichten? Okay, die Hanni und Nanni-Filme waren jüngst ja wohl auch irgendwie erfolgreich, aber das Ganze ist doch irgendwo zwischen staubig und elitär, wird hier auf stylish getrimmt mit den Hauptfiguren auf dem Skateboard zu flotter Musik, einer dicken Prise Harry-Potter-Ästhetik. Das Ganze natürlich schön geschlechtersepariert: Hier die Jungs, dort die Mädchen, damit auch ja die heterosexistische Ordnung nicht ins Wanken kommt… und die Monitore im Klassenzimmer sind so modern! Natürlich kommt auch in beiden Trailern eine ferngesteuerte Drohne vor. Ohne kann man doch keine Filme mehr machen, oder?

Ich sollte mal tief durchatmen. Wahrscheinlich kann und sollte man nicht nach den Standardversatzstückbaukasten, die hier als erste Trailer herhalten, schon beurteilen, was dann anschließend kommen mag, aber die Erfahrung mit deutschen Kinderfilmen zeigt: Meistens wird der Film dann nicht besser. Meistens wird er schlimmer. Ich habe in den letzten Jahren in so viele Abgründe sehen müssen. Der unfassbar kolonialistische, herablassende Exotismus von Fünf Freunde 3 (der vierte Film war übrigens keinen Deut besser. Sondern schlimmer). Das visuelle wie inhaltliche Grauen von Der kleine Medicus. Wie überhaupt man gelegentlich den Eindruck hat, dass wie dort den Film sofort jegliche Intelligenz verlässt, sobald er mit zu viel Computereinsatz erstellt wird. Da ist der Trailer zum neuen Mullewapp-Film schon wieder Mahnung, ach was, Drohung am Horizont.

Das sind nur die Abgründe, über die ich mich wenigstens echauffieren kann. Schlimmer sind womöglich noch die vielen Beispiele für gefälligen Durchschnitt, die man nicht einmal richtig schlecht finden kann, so schnell ist man eingeschlafen. Die schlaffen Märchenverfilmungen, die brav historischen, belanglosen Buchadaptionen, das egale Fernsehprogramm sowieso. Und ich habe Angst vor der Realverfilmung von Die kleine Hexe.

Warum ist das so, warum? Ich weiß ja, deutsches Kinderkino, dass du auch anders kannst. Du kannst den grandiosen Rico, Oskar und die Tieferschatten, und da ist selbst der dritte Film, Neele Leana Vollmars Regie und Andreas Steinhöfels Vorlage sei Dank, noch wirklich, wirklich sehenswert. Du machst widerspenstige Independent-Geschichten wie Reuber oder Tom und Hacke, die leider kaum jemand gesehen hat. Dann gibt es Coming-of-Age-Dramen wie Hördur – Zwischen den Welten und tolle Animationsfilme wie Der kleine Rabe Socke, von dem ich vorher dachte: Das wird doch nur fade Stangenware. Wie dumm von mir.

Aber du verhunzt zum Ausgleich auch eine eigentlich sichere Bank wie Doktor Proktors Pupspulver (okay, der war nicht nur schlecht) und förderst außerdem solche unsäglichen Streifen wie Keinohrhase und Zweiohrküken und V8 – Du willst der Beste sein, die beide letztlich so wirken, als seien sie Vanity-Produktionen ihrer (natürlich männlichen, natürlich bekannten, berühmten) Macher Schweiger und Masannek.

Ich verstehe ja, dass viel Ausschuß fabriziert wird. Während meiner Zeit in Frankreich wurde mir klar, dass diese große Kinonation auch nur deshalb im Ausland einen so guten Ruf genießt, weil es ein Großteil der im Land hergestellten und dort auch gezeigten Filme nie, nie, nie über die Grenzen schafft. Die gibt es hierzulande nicht einmal auf DVD, und wir können dankbar dafür sein: Da ist zum Teil recht derber Schrott dabei.

Aber das macht es ja nicht besser, dass der Kinderfilm hierzulande so einfallslos und unkreativ, so mutlos und vor allem: desinteressiert daher kommt. Dass man ernsthaft nach Themen und Bildern von anno dunnemals sucht, sich den Rest mehr oder minder simpel aus anderen Filmen zusammenklaut und das Ganze dann mit Scherzen würzt, die ich schon mit sieben nicht mehr lustig fand (das ist inzwischen fünfunddreißig Jahre her). Es kann doch, bitteschön, nicht sein, dass die Niederlande, Dänemark, Spanien, die USA, Frankreich alle mit großer Regelmäßigkeit wirklich sehenswerte Kinderfilme in die Welt setzen, während man froh ist, wenn pro Jahr eine Handvoll dabei ist, bei der man nicht schreiend den Raum verlassen möchte.

Ich habe keine echten Besserungsvorschläge, ich bin kein Filmemacher, und mir ist auch gerade nicht nach Lösungen oder Analysen zumute. Ich möchte lieber eine Filmklappe in Richtung der Gremien werfen, die Geld für Conni & Co. oder Burg Schreckenstein bewilligt haben. Ich möchte tobend wie Godzilla durch deutsche Studiokulissen stampfen und meine Feuerstrahlen auf schlechte Drehbücher richten.

Ich will im Kino Abenteuer und Gefühle sehen und Dramen und Freundschaft, will weinen und lachen und will, dass meine Weltsicht, und die meiner Kinder, aus den Angeln gehoben wird. Ich will Kunst, verdammt, oder wenigstens richtig gut gemachte Unterhaltung, die nicht so tut, als wäre ich oder wären meine Kinder hirnlose Rezeptionsvakui, oder tumbe Toren, die man mit schlichtesten Mitteln belehren könne, müsse oder gar dürfe. Gib mir, deutsches Kinderkino, verdammt noch mal mehr Filme, die mich fordern.

Meine heiße Liebe wäre dir gewiß.
Dein Rochus

(Foto: Screenshot aus dem Trailer zu Burg Schreckenstein (bearbeitet). Mit Dank an @henscheck für die Inspiration.)

Molly Monster – Der Kinofilm (2016)

Molly Monster ist ein Einzelkind. Noch. Sie lebt mir ihrem Papa Popo und ihrer Mutter Etna gemütlich und glücklich in ihrer Monsterwelt: Auf dem einen Hügel schläft und spielt sie, nebenan auf den Hügeln sind Küche und schließlich elterliches Schlafzimmer verteilt. Nun hat sich aber Du-weißt-schon-was angekündigt, und Molly hat für ihren kleinen Bruder – oder ihre kleine Schwester – eine Mütze gestrackt, die das Ei warmhalten soll. Ihr bester Freund, das Aufziehspielzeug Edison, ist allerdings recht eifersüchtig …

berlinale_logo Wer Molly Monster nicht kennt, zum Beispiel vom Sandmännchen her, soll sich nicht grämen, sondern sollte sich eher ein paar Kinder zulegen – oder heimlich ein paar Folgen der Zeichentrickserie ansehen, die erfreuen auch das Elternherz. Für den Kinofilm Molly Monster haben sich nun die Regisseure Ted Sieger (von dem die Figur ursprünglich stammt), Michael Ekbladh und Matthias Bruhn eine etwas umfangreichere Handlung (Drehbuch: John Chambers) vorgenommen, diese aber auch nicht über sehr vorschulkindertaugliche siebzig Minuten hinweg ausgewalzt. Das ist wohltuend straff in eng miteinander verwobenen Episoden erzählt und zugleich so locker gestrickt, pardon: gestrackt, dass es die Aufmerksamkeitsspanne auch jüngerer Zuschauerinnen und Zuschauer nicht überfordert.

Weiterlesen: Meine ausführliche Besprechung dieses wunderbaren Animationsfilms ist im Berlinale-Blog von kino-zeit.de erschienen.

Ted Sieger’s Molly Monster läuft im Rahmen der Berlinale Generation am Mittwoch (17.02.2016) um 10.00 Uhr im Filmtheater am Friedrichshain.

Berlinale 2016: Ente gut! Mädchen allein zu Haus (2016)

Es lebt sich, diesen Eindruck könnte man haben, eher dysfunktional in Halle-Neustadt. Pauline (Lisa Bahati Wihstutz), elf Jahre alt, wird wegen ihrer roten Haare in der Schule gehänselt – und zugleich klaut man ihre Hausaufgaben, schließlich ist sie nicht nur eine gute Schülerin, sondern auch fleißig. Aus Einsamkeit und Langeweile beobachtet sie abends mit dem Fernrohr die Familien im Hochhaus nebenan und macht sich Notizen: Die eine Frau isst schon wieder fette Ente vom Asia-Imbiss, die andere streitet mit ihrem Mann…

berlinale_logo Als ihr auffällt, dass die Mutter von Linh (Lynn Dortschack) und Tien (Linda Phuong Anh Dang) verreist ist und die beiden Mädchen allein zuhause gelassen hat – die Großmutter der Kinder in Vietnam ist krank geworden – verlangt sie von den beiden Geld, sonst werde sie ihnen das Jugendamt auf den Hals schicken. Aus der versuchten Erpressung wird dann aber eine Freundschaft, die einige Male auf eine harte Probe gestellt wird: Zuerst verschwindet Geld aus Linhs Wohnung, dann gibt es Ärger mit der Schule und schließlich auch mit dem Jugendamt…

Weiterlesen: Meine Kritik zu Ente gut! Mädchen allein zu Haus ist im Berlinale-Blog von kino-zeit.de erschienen.

Ente gut! Mädchen allein zu Haus läuft am Dienstag (16.02.) um 15.30 Uhr und am Sonntag (21.02.) um 10.00 Uhr im Filmtheater am Friedrichshain sowie am Donnerstag (18.02.) um 17.30 Uhr im CinemaxX.

ENTE GUT! – MÄDCHEN ALLEIN ZU HAUS | Trailer [HD]

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(Foto: Berlinale)

“Ich bin das Original”: Jan Delay und Gerhard Delling im Interview zu Der kleine Rabe Socke 2

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Zum Kinostart von Der kleine Rabe Socke 2: Das große Rennen habe ich auch Interviews mit den Synchronsprechern Jan Delay und Gerhard Delling führen (lassen) können. Beide waren durchaus redselig, so dass ich daraus zwei Videos habe machen können.

Im ersten Clip erklären die beiden kurz, worum es in dem Film geht, ob Rabe Socke eigentlich eine politische Figur ist – und wie das ist, wenn die eigenen Kinder sich aufführen wie der kleine Rabe. Außerdem: die liebsten drei Kinderfilme der beiden.

Interviews mit Jan Delay und Gerhard Delling – DER KLEINE RABE SOCKE 2: DAS GROSSE RENNEN

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Im zweiten Video geht es mehr um die Entstehung des Films: Jan Delay erklärt, dass das Einsprechen in diesem Film weniger etwas von Synchronarbeit hat, sondern seine Leistung den Bildern voranging: “Ich bin das Original.” Gerhard Delling arbeitet gerne mit Sparringpartnern und freut sich, selbst im Studio jemanden dafür gefunden zu haben.

Interviews mit Jan Delay und Gerhard Delling – DER KLEINE RABE SOCKE 2: DAS GROSSE RENNEN

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Im YouTube-Kanal des Kinderfilmblogs gibt es immer wieder mal neue Clips und Interviews zu sehen. Welche Fragen hättet Ihr noch an Delay und Delling gehabt?

(Fotos: Universum)

Der kleine Medicus – Bodynauten auf geheimer Mission im Körper (2014)

Es sträubt sich in mir, auch nur einen kleinen, gewissermaßen miniaturisierten (haha!) Text zu diesem Film zu verfassen und ihm damit nur einen Hauch mehr von Öffentlichkeit zu verschaffen, aber es nützt ja nichts, das muss von der Seele. In meinem kürzlich an einem Samstag durchgezogenen Deutsche-Kinderfilme-im-Kino-Marathon (den ich bei Twitter leider allzu zutreffend mit dem Hashtag #bisdieaugenbluten benamst hatte), war Der kleine Medicus der absolute, schmerzhafte und nicht unterbietbare Tiefpunkt.

Es gibt, das sollte ich wohl sagen, noch schlechtere, noch lieblosere Filme. Jets – Helden der Lüfte, ebenfalls von mir besprochen, ist so ein Fall – da kam zu lieblosem Drehbuch und grauenvoller Animation auch noch klar zum Vorschein, dass der Film nur entstanden war, um Leute ins Kino zu locken, die eigentlich Disneys Planes hatten sehen wollen – reine Geldschneiderei aus niederen Motiven und mit niederen Fähigkeiten. Aber ich wollte ja heute über einen anderen Film schimpfen.

Der kleine Medicus also, Untertitel „Bodynauten auf geheimer Mission im Körper“, wer hat das eigentlich zu verantworten? Entstanden nach einem Buch von „Prof. Dietrich Grönemeyer“ (neue Faustregel: traue nie einem Film, der es für nötig erachtet, seine Macher in Vor- und Abspann mit akademischen Titeln zu nennen), das ich nicht gelesen habe. Der Mann ist Mediziner, zudem eine Medienpräsenz, aber das muss ja nicht verkehrt sein; sein Name ist natürlich nicht zuletzt wegen seines Bruders (Sie wissen schon, Flugzeuge im Bauch und so, nicht medizinisch zu verstehen) bekannt. „Der kleine Medicus – Bodynauten auf geheimer Mission im Körper (2014)“ weiterlesen

Ist Soljanka exotisch? “logo! extra” berichtet für Westkinder vom Mauerfall

Es ist ja Mauerfall-Jubiläum, das kriegen die Kinder auch in der Schule mit, und mit entsprechend vielen Fragen sehen wir uns konfrontiert. Weil es uns immer Spaß macht, durch gezielte Informationen noch weitere Nachfragen zu provozieren, haben wir uns dann heute nachträglich die Sonderausgabe der (ganz wunderbaren) Kinder-Nachrichtensendung logo! von gestern angesehen: „logo! extra – Als Deutschland geteilt war – 25 Jahre nach dem Fall der Mauer“ (Link führt zum Video in der ZDF-tivi-Mediathek). Und jetzt sind wir ein wenig irritiert.

Nicht, dass da irgendetwas falsch wäre, was in der Viertelstunde berichtet wird – das ist alles richtig und schon recht so, aber die Perspektive auf die Vergangenheit, die in der Sendung eingenommen wird, ist eine – so scheint mir – durch und durch westdeutsche.

So steht der „Bundesrepublik Deutschland“ immer die „DDR“ entgegen, nur einem wird „Deutsche Demokratische Republik“ ganz ausgesprochen. Erklärt wird auch immer nur, wie es vor dem Mauerfall in der DDR war; dadurch entsteht implizit der Eindruck, in der BRD sei es seinerzeit im Grunde immer so gewesen, wie es im heutigen, vereinten Deutschland auch sei. Oder anders gewendet: Die Kenntnis der Zustände in Westdeutschland wird implizit (bei den Kindern als: von den Eltern überliefert) vorausgesetzt – und damit richtet sich der Bericht eben eigentlich auch nur an ein westdeutsches Publikum. „Ist Soljanka exotisch? “logo! extra” berichtet für Westkinder vom Mauerfall“ weiterlesen