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Chip und Chap – Die Ritter des Rechts (2022)

Kinder der 1980er, die Ende dieses Jahrzehnts schon Disney Channel guckten oder Anfang der 1990er dann den „Disney Club“ in der ARD, werden wahrscheinlich mit Chip und Chap, den beiden heldenhaft helfenden Streifenhörnchen, mehr anfangen können als ich, der ich sie nur als Nebenfiguren in irgendwelchen Comics kennengelernt habe, als sie für die deutsche Übersetzung noch Ahörnchen und Behörnchen hießen. Über die Namen kann man streiten (ich mag die Hörnchen-Variante), aber darum geht es hier nicht.

Jedenfalls: Chip und Chap (oder Chip ’n Dale im englischen Original) sind wieder da, und diesmal haben sie eine besonders schwierige Rettungsaktion vor sich, denn ihr alter Teamkollege Samson wurde entführt und soll womöglich umgestaltet werden, um in illegalen Bootleg-Movies eine Karikatur seiner selbst zu spielen.

Willkommen in der Welt des Meta-Trickfilms! In Chip und Chap – Die Ritter des Rechts (der Film) sind die Hauptfiguren die Darsteller, die in Chip und Chap – Die Ritter des Rechts (die Fernsehserie) die Titelhelden spielen. Während Chap immer noch von einem Comeback träumt, hat Chip sich von der Schauspielerei abgewandt und arbeitet jetzt für „Coercive Insurance“ – der Gag ist nur für den Bruchteil einer Sekunde kurz zu sehen, und auf ähnliche Weise und in ähnlichem Tempo funktionieren viele, wenn nicht die meisten Witze dieses Films.

Roger Rabbit grüßt und tanzt

Auf der Basis eines Drehbuchs von Dan Gregor und Doug Mand hat Regisseur Akiva Schaffer eine Welt geschaffen, die enorme Ähnlichkeiten mit Falsches Spiel mit Roger Rabbit hat – im Filmgeschäft, aber auch in der sonstigen Welt leben Cartoonfiguren jeglicher Form und Größe friedlich neben den Menschen, man teilt sich Arbeitsplätze und öffentliche Verkehrsmittel. Ganz am Anfang hat Roger Rabbit selbst einen extrem kurzen Auftritt („We’re dancing the Roger Rabbit – with Roger Rabbit!“) – womit sich Chip und Chap aber zugleich eine dramatische Fallhöhe zulegt, an der auch bessere Filme gescheitert wären.

Nur ist Chip und Chap eben kein besserer Film. Er versucht sich an einem Schneller, Höher, Weiter: Es gibt stapelweise Auftritte von Cartoon-Charakteren aus anderen Filmen, von Balu (in der 2016-CGI-Version von Das Dschungelbuch) und Dagobert Duck über die Simpsons und Figuren aus dem sehr speziellen CGI-Desaster Cats bis hin zu Skeletor. Der Preis an die beste Nebenfigur geht aber sicher an „Ugly Sonic“, die Figur aus dem allerersten Trailer für Sonic The Hedgehog, in dem die Titelfigur so gruselige Zähne hatte, dass das Studio nach dem Protestaufschrei tausender Fans den Look des Viechs noch einmal grundsätzlich überarbeiten ließ.

Mehr popkulturelle Referenzen than you can shake a stick at

Mit anderen Worten: Chip und Chap (der Film) steckt voller popkultureller Referenzen auf vor allem Filme und Serien der letzten Jahrzehnte. In The Lego Movie sind solche Anspielungen Gags, die eine solide Story lose begleiten. In Falsches Spiel mit Roger Rabbit wird damit einerseits Filmgeschichte aufgerufen, andererseits werden Fragmente einer Sozialgeschichte angedeutet, in der die spannungsvollen Beziehungen zwischen Menschen und „Toons“ auftauchen.

Chip und Chap hat nichts davon. Die Gags und zahllosen Cartoon-Cameos stehen recht zusammenhanglos nebeneinander und entwickeln keine echte Bedeutung für irgendwas. Zwar spielen computergenerierte Bilder eine Rolle: Chap und Balu z.B. hatten beide eine CGI-Behandlung, die man sich wohl wie eine Schönheitsoperation vorstellen muss. Aber daraus werden weder filmhistorische noch gesellschaftskritische Funken geschlagen, es ist ein Trauerspiel.

Ein bisschen interessant wird es allenfalls noch beim Thema der „Bootleg Movies“, den real existierenden Huckepack-Nachmacher-Filmen (wie z.B. Jets – Helden der Lüfte der Versuch war, vom prognostizierten Erfolg von Pixars Planes zu profitieren). Da fallen dem Film auch ein paar kleine Gags und Filmtitel ein („The Little Fish Lady“ z.B. als Remake von Arielle, die Meerjungfrau), und die peinlichen Versuche der Studios „to squeeze a dollar out of essentially nothing“ werden auch thematisiert – mit Filmformaten wie „Fast & Furious Babies“ und „Batman vs ET“.

Mehr hören möchte man hingegen von „DJ Herzogenaurach“ (der heißt auch im englischen Original so). Und der Besuch der Streifenhörnchen im „Uncanny Valley“ ist wirklich ein Höhepunkt für Filmfans.

Und natürlich sieht das alles super, sogar sensationell gut aus. Die Integration der Trickfiguren und Trickelemente in die reale Welt (die womöglich auch nicht wirklich real ist, das weiß man dank CGI ja gar nicht mehr so genau) ist praktisch nahtlos.

Disney-Recycling für Nostalgiker_innen

Aber auch da fragt sich schließlich: Für wen ist dieser Film eigentlich gemacht? Der zentrale Plot ist selbst nach Maßstäben schlechter Kinderfilme sehr, sehr generisch und vorhersehbar, die Gags hingegen richten sich praktisch ausschließlich an ein Publikum, das mit Disney-Figuren groß geworden ist und sie hier nostalgisch, aber ein bisschen meta, noch einmal besuchen darf.

So wird allerdings Disney+ zur reinen Recycling-Anlage für Disney-Stoffe. Das geht sicher noch weiter – der letzte Auftritt im gehört einer bekannten maskierten Figur, die erklärt: „We want Darkwing!“

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Chip und Chap – Die Ritter des Rechts (Chip ‘n Dale: Rescue Rangers). USA 2022. Regie: Akiva Schaffer, 97 Minuten. Freigegeben ab 6, empfohlen ab 10 Jahren. Der Film läuft ab 20. Mai 2022 exklusiv auf Disney+.

(Fotos: Disney)

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