Filmkritiken

Ein Junge namens Weihnacht (2021)

Erst einmal stapft Maggie Smith ein wenig grantig durch eine Winterstadt, man darf vermuten: London, zumal sie schließlich in einer Straße mit Wohnhäusern ankommt, die in ihrer sanften Biegung geradewegs aus Paddington stammen könnte (was vielleicht nicht wundert, weil Produktionsdesign und visuelle Effekte von den gleichen Leuten stammen), und da ist man dann schon sehr schnell in jener Art von märchenhaft-wohliger Britischer Familiensituation gelandet, die aufgerufen werden soll.

Allerdings eine Familie mit Riss: Die Mutter ist verstorben, Tante Ruth ist hier, weil der Vater, obgleich Weihnachten ist, zur Arbeit muss. Joel Fry, der im wunderbaren, aber nicht sehr kindertauglichen Cruella einer der Spießgesellen der Hauptfigur war, hat hier einen zu kurzen Auftritt. Dies ist ja “nur” die Rahmengeschichte, ein wenig wie in Die Braut des Prinzen, aber ich schweife ab, jedenfalls geht es um etwas anderes, von dem Ruth zu erzählen hat, damit den Kindern der Abend nicht so lang und langweilig wird:

Es lebte nämlich einmal ein Junge namens Nikolas, den seine Mutter aber immer Weihnacht genannt hatte. Seine Mutter lebt nicht mehr, hatte aber immer von einem besonderen Ort namens “Wichtelgrund” erzählt. Als der König eine Belohnung auslobt für jene, die wieder Hoffnung und Freude ins Land bringen würden, zieht der Vater mit einigen Bekannten los, um das geheimnisvolle Dorf zu finden… Aber Nikolas hält es bei seiner unwirschen Tante nicht aus, schnappt sich seine Maus Miika und macht sich selbst auf den Weg…

Wunderweiße Winterwelt

Es ist alles recht weiß in der Welt, die Regisseur Gil Kenan hier aus der Buchvorlage von Matt Haig (amazon.de) herbeizaubert: Schnee und Menschen ebenso wie die Wichtel. Aber dafür ist es in Wichtelgrund keineswegs so freundlich und friedlich, wie seine Mutter immer erzählt hat – vor allem die böse Herrscherin (Sally Hawkins) ist nicht gut auf Menschen zu sprechen.

Kenan hat vorher mit Filmen wie Poltergeist oder dem sehr gruseligen Kinderhorror Monster House eher Schrecken als Wohligkeit verbreitet, das nutzt er hier für einige schräge Momente, die aber oft nur angedeutet bleiben – wird der Trollkopf jetzt gesprengt oder nicht? Eine Wahrheits-Pixie oder -Elfe spricht anfangs ein paar unbequeme Dinge sehr offen aus (sie kann ja nicht anders), verschwindet dann aber leider auch wieder für eine ganze Weile aus der Geschichte.

Der Gesamteindruck dabei ist, dass der Auftrag, hier weihnachtliche Familienunterhaltung zu produzieren, sich oft durchgesetzt hat, wenn eigentlich ein etwas anarchischeres Geist für wilde Momente und auch deutlichere Konflikte sorgen wollte. Ob das an Haigs Vorlage liegt oder am Drehbuch von Kenan und Ol Parker, kann ich nicht beurteilen.

Gegen den Strich gebürstet

Dafür besetzt der Film aber Schauspielerinnen wie Hawkins und Kristen Wiig schön entgegen ihrer üblichen Star Personas als eher schwierige Figuren und lässt dafür vor allem den jüngeren Darsteller_innen (vor allem Henry Lawfull als Nikolas und Zoe Margaret Colletti als der Wahrheitselfe) reichlich Raum.

Was Ein Junge namens Weihnacht letztlich fehlt ist der Mut, die etwas schwierigeren Themen, die er antippt (zum Beispiel der Tod der Mütter sowohl in der Rahmen- als auch in der Binnenhandlung) wirklich auszuerzählen, Schmerz und Komplexität wirklich zuzulassen. Die Magie, von der der Film spricht (und die am Ende, die Aufmerksamen haben es geahnt, wie vor zwei Jahren schon Klaus (2019) auf ganz andere Weise eine Art Entstehungsgeschichte des Weihnachtsfestes bieten soll), bleibt so weitgehend behauptet und evoziert – aber das kann für einen Weihnachtsfilm natürlich auch schon genügen.

Und dafür reicht es halt allemal: Der Film bietet schöne Familienunterhaltung zum Fest, der sich insgesamt ein wenig zu sehr auf leicht angeschmalzte und letztlich bekannte Bilderwelten verlässt. Das sieht gut aus, macht auch Spaß, bleibt aber nicht wirklich hängen.

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Ein Junge namens Weihnacht (A Boy Called Christmas). Großbritannien/Frankreich 2021. Regie: Gil Kenan, 106 Minuten. FSK 6, empfohlen ab 9 Jahren. Kinostart: 18. November 2021.

(Fotos: Studiocanal)

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