Filmkritiken

Jungle Cruise (2021)

Vor fast zwanzig Jahren hatte Disney mit Fluch der Karibik einen in dieser Größenordnung eher unerwarteten Kinoerfolg – auf eigentlich bizarrer Grundlage. Wer hätte schon gedacht, dass ein Film landen könnte, der auf einer Vergnügungspark-Attraktion basiert? Zumal, seinen wir ehrlich, die Disney-Parks außerhalb der USA eine popkulturell eher kleine Rolle spielten.

Für den Umsatz des Konzerns sieht das freilich anders aus – da machen die Parks ein grobes Drittel des weltweiten Umsatzes aus. (Ein weiteres Drittel kommt aus den Fernsehsendern und TV-Netzwerken, erst das letzte Drittel sind dann Filme, Streaming, Merchandise usw. zusammen.) So ist es nicht weiter verwunderlich, dass es auch weitere Versuche gab, die „Rides“ zu Kinogeld zu machen – seine „Intellectual Properties“ immer wieder zu Geld zu machen, ist nicht nur bei Disney ja inzwischen mehr als üblich: Fortsetzungen, „Live-Action-Remakes“ von Trickfilmen wie Der König der Löwen, Die Schöne und das Biest oder Cinderella und Reboots gibt es überall. Unter den „Themepark“-Filmen waren aber bisher keine weiteren Erfolge: Sowohl Die Geistervilla von 2003 als auch das jüngere A World Beyond (2015) floppten trotz hochkarätiger Besetzung.

Auch Jungle Cruise gehört zu diesen Filmen, erste Pläne gab es wohl auch schon in den frühen Nuller Jahren (mehr dazu in diesem langen Artikel beim Hollywood Reporter), aber es hat dem Projekt womöglich gut getan, dass es in so weitem Abstand zu dem Piratenfilm (und seinen furchtbaren Fortsetzungen) verwirklicht wurde; die Fluch-der-Karibik-Vibes sind sehr, sehr stark in diesem Film.

1916 spielt die Weltpolitik überall mit

Dr Lily Houghton (Emily Blunt) hat es schwer, als Frau in der Wissenschaft ernstgenommen zu werden – auch wenn ihr Vater als Entdecker und Forscher in den wissenschaftlichen Gesellschaften seiner Zeit gut angesehen war, sie wird man noch nicht einmal anhören. Also lässt sie ihren Bruder MacGregor (Jack Whitehall) für sich sprechen – im übrigen eine perfekte Gelegenheit und Ablenkung, die sie nutzen kann, um heimlich in den Räumen der Gesellschaft nach einer bestimmten Pfeilspitze zu suchen, die sie für ihr Herzensprojekt benötigt: die Suche nach einem geheimnisumwobenen Baum, dessen Blüten alle Krankheiten heilen können.

Die Geschichte gilt freilich schon als Mythos, seit die spanischen Konquistadores auf der Suche nach den Blüten im südamerikanischen Dschungel verschwanden, und so wird auch MacGregor von der Bühne gelacht, obwohl er (wir schreiben das Jahr 1916) das Leid der britischen Soldaten im Krieg als Argument verwendet. Ein anderer freilich lacht nicht: Der deutsche Prinz Joachim (Jesse Plemons macht seine Sache gut, aber warum konnte die Rolle kein Muttersprachler spielen?) ist auch hinter Pfeilspitze und Blütenkraft her.

Der Mini-Heist in der wissenschaftlichen Gesellschaft, bei der Lily die Spitze entwendet und Joachim sie zu verhindern versucht, ist als Auftakt des Films ein großartiger Einstieg: eine Szene voller harmloser Action, voller Slapstickmomente und äußerst knapper Rettungen in letzter Sekunde. Und so geht es dann auch bald weiter, als die Houghtons in einem einsamen Nest in Südamerika ankommen, um ein Boot für die Reise auf dem Fluss zu mieten – Joachim ist ihnen auf den Fersen (der Fluss ist übrigens ungewöhnlich tief), aber der Skipper Frank Wolff (Dwayne Johnson), der Touren für Tourist_innen anbietet, scheint dann doch die beste Wahl für die Reise. Jaguare, Torpedos, Affen – alles wird hier aufs andere getürmt, es ist eine wahre Freude.

Auf in die Wortspielhölle

Jungle Cruise stellt seine filmhistorischen Inspirationen relativ bereitwillig aus – neben Fluch der Karibik erinnert die Figurenkonstellation mit Frank und Lily natürlich an African Queen einerseits und Auf der Jagd nach dem grünen Diamanten andererseits, auch wenn die Frauenfigur hier dankenswerterweise eine gute Brise weniger naiv und träge startet. Die Bezüge auf die Disneyland-Attraktion sind wohl, wie ich gelesen habe, vielfältig; die zahlreichen Wortspiele und „dad jokes“ gehören wohl zum Programm der Tour und werden hier an mehreren Stellen eingebaut.

Und dann geht es im Dschungel irgendwann so richtig zur Sache, es wird magisch und fantastisch, Frank bekommt eine ziemlich wilde Hintergrundgeschichte, und über ein paar Werner-Herzog-Bezüge geht es dann rapide in Indiana-Jones-Territorium mit vielen übernatürlichen Zutaten.

Leider ist auch das genau der Punkt, an dem der Film sich überhebt, zu viel auf einmal will und zu einem eher beliebigen CGI-Spektakel wird, in dem es nur kurze Momente von Glück und Spannung gibt – und zwar immer dann, wenn die Personen wieder für kurze Zeit im Zentrum stehen.

Phänomenale Besetzung, zuviel Feuerwerk

Denn die Besetzung ist ja eigentlich, für einen unterhaltsamen Abenteuerfilm, perfekt: Johnson nimmt man das charmante Schlitzohr eh gerne ab, und Blunt ist als „plucky adventurer“ wunderbar besetzt, zumal sie sich von den Männern um sie herum wirklich und wahrlich nichts sagen lässt. Whitehalls MacGregor ist anfangs zu viel „comic relief“, bekommt dann aber nicht nur immer mehr Konturen, sondern auch den einzigen wirklich emotionalen Moment des Films, der leider dann aber auch eher verpufft.

Die Kampfsequenzen und Actionsituationen sind übersichtlich, witzig und unterhaltsam, solange sie sich im Tageslicht und einem Raum mit vager Ähnlichkeit zu realen Welten abspielen; wenn es dann um Fantasy-Situationen und verfluchte Konquistadoren geht, wird es schnell zum CGI-Gewitter mit unübersichtlich hektischem Gezappel über mehrere Ebenen, das sich selbst viel zu ernst nimmt.

Keine Gefahr, aber Grusel

Zugleich entsteht nie das Gefühl von echter Gefahr – die Darsteller_innen behandeln Jungle Cruise stets als das große Freizeitpark-Vergnügen, das es nur sein kann. Das funktioniert in der ersten Hälfte gut, die visuell suggerierte Gefährlichkeit der zweiten Hälfte aber bildet sich nie emotional ab, sondern ist reiner Bombast, der irgendwann uninteressant wird. Denn nie, nie, nie hat man das Gefühl, dass die Hauptfiguren wirklich ernsthaft bedroht sind.

Regisseur Jaume Collet-Serra hat zuletzt einige der besseren Actionfilme mit Liam Neeson gedreht (The Commuter, Non-Stop, Unknown Identity) und einen sehr schön verzögerten Hai-Thriller (The Shallows) – aber dessen Zurückhaltung scheint ihm hier verloren gegangen zu sein, wenn er in der letzten halben Stunde des durchaus etwas zu langen Films einfach alles auf die Leinwand wirft, was noch übrig ist.

Es bleiben gemischte Gefühle. Jungle Cruise macht über weite Strecken Spass und ist clever genug, die Zuschauer_innen mit ihren eigenen exotistischen Erwartungen zu konfrontieren (und freundlich auflaufen zu lassen), verliert sich aber in der zweiten Hälfte in Showeffekten, die zum einen lange nicht so lustig sind wie die schlichteren Actionsequenzen am Anfang und die Interaktion zwischen den Menschen und zum anderen doch wirklich sehr an Fluch der Karibik „erinnern“. Es gibt ein paar etwas aufgeblasene Nebenhandlungen, es gibt reichlich gruselige Momente, auch Hauen und Stechen, und am Ende möchte man gerne die erste Hälfte einfach noch mal anschauen.

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Jungle Cruise. USA 2021. Regie: Jaume Collet-Serra, 127 Min. FSK 12, empfohlen ab 12 Jahren (bei einer gewissen Gruseltoleranz). Kinostart: 29. Juli 2021. Ab 30. Juli 2021 auf Disney+ mit zusätzlicher VIP-Gebühr.

(Fotos: Disney)

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