Die Addams Family (1991)

Wie vergangene Woche versprochen, bespreche es hier jetzt jeden Mittwoch bis Halloween einen Gruselfilm für Kinder aus meiner Liste – weitere Vorschläge werden gerne angenommen! #horrorctober

Ich muss freimütig gestehen, dass mir die Cartoons The Addams Family, die Charles Addams seit den 1930er Jahren veröffentlicht hatte, weitgehend unbekannt sind; auch die Fernsehserie, die daraus hervorging, kenne ich nicht (dafür die, wohl nicht von ungefähr sehr ähnlichen, The Munsters). Das Vorleben der Figuren dürfte allerdings nicht unwesentlich dazu beitragen, dass Barry Sonnenfelds Verfilmung sich zumeist anfühlt wie eine zusammengefügte Nummernrevue, der die (eher nebensächliche) Handlung nur übergestülpt wurde – als müsse man die Figuren und ihre Eigenheiten erst einmal vorstellen.

Namentlich: die Eltern Gomez und Morticia, die Kinder Pugsley und Wednesday, Großmutter, die abgetrennte Hand namens “eiskaltes Händchen” (im Orignial “Thing T. Thing”) sowie den Butler Lurch. Gomez’ Bruder Fester ist – nach einem Streit mit Gomez – seit vielen Jahren verschwunden. Eine Betrügerin macht sich dies zunutze, sie schleust ihren Sohn Gordon, der Fester bemerkenswert ähnlich sieht, in die Familie ein, um so herauszufinden, wo Gomez seine Reichtümer versteckt hält.

Anders als bei den Munsters sind die einzelnen Addams-Familienmitglieder nicht direkte Verkörperungen bestimmter Monster-Archetypen; Morticia wirkt vage vampirisch, Lurch erinnert nicht ganz entfernt an Frankensteins Monster. Ihre Gruseligkeit kommt eher daher, dass sie es lieben, wenn alles schwarz, grau oder verrottet ist, das Makabre erleuchtet ihr Leben, Gomez und Morticia sind glücklich, wenn sie auf dem Friedhof beieinander sitzen können. Pugsley und Wednesday machen aus einer Schulaufführung ein Badefest in Theaterblut, und als Wednesday mit einem großen Messer in der Hand zu ihrem Bruder gehen will, schüttelt Morticia den Kopf und reicht ihr – ein größeres Messer.

Die Gruseligkeit ist bei den Addams eher Nebeneffekt: Sie sind Außenseiter, weil sie sich nicht an Konventionen und Standards halten, sondern so authentisch wie eigenständig sind. Weil sie letztlich mit der Außenwelt nicht wirklich viel anfangen können, in der alle brav wie Schäfchen ihren Pflichten und Aufgaben nachgehen, aber Hass und Verachtung heimlich brodeln lassen. Im Hause Addams ist man einander so liebevoll zugewandt wie man sich am Morbiden erfreut, und wenn sich die Geschwister gegenseitig, ob für wissenschaftliche Experimente oder aus anderen Gründen, an den Kragen gehen wollen, dann machen sie das immer noch sehr liebe- und respektvoll.

Die Addams Family ist aber auch einfach wunderbar anzuschauen. Der Film war Barry Sonnenfelds Debüt als Regisseur, er hatte vorher als Kameramann für die Coen-Brüder gearbeitet. Hier tobt er sich mit Freude am Skurrilen aus, an den Wegen der eiskalten Hand durchs Haus (sie krabbelt auf ihren fünf Fingern rasend schnell die Gänge entlang), an der Einrichtung, die stellenweise zu Leben erwacht, vor allem aber an seinen Figuren. Christina Ricci als Wednesday sollte mit diesem Film als Gesicht erstmals richtig in Erscheinung treten – ein paar Jahre später trägt sie schon Casper weitgehend allein (dazu in ein paar Wochen mehr). Und während Raúl Juliás Gomez einfach nur Freude macht und Christopher Lloyd sich in seinen Fester/Gordon mit Begeisterung hineinwirft, ist es Anjelica Huston, die als Morticia die Show stiehlt.

In einer tiefen Verneigung vor dem Schwarz-Weiß-Kino (natürlich ist der ganze Film in seinen gedeckten Farben diese Verbeugung, in seinen Bildern alte Gruselfilme ebenso referenzierend wie den Film Noir) ist Huston fast in jeder Szene, die sie beglückt, mit einem Lichtstreifen von schräg unten beleuchtet, der ihre Augenpartie heller macht als den Rest – und in ihre fast regungslosen Züge, immer ganz erhabene Aristokratin, legt sie doch so mehr Gefühl, Liebe und Sehnsucht, als man dieser eigentlich eher albernen, leichtfüßigen Komödie zutrauen würde.

Für welches Alter? Für kleine Kinder taugt Die Addams Family freilich nicht; dafür sind die Bilder zu düster, die Schreckmomente zu gruselig, die Anspielungen gelegentlich auch zu derbe, ist die Todessehnsucht zu subtil ironisch unterfüttert. Gefestigte, idealerweise der Ironie und dem Grusel zugeneigte Kinder finden aber sicher ab 12 Jahren hier ein wohliges Zuhause.

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Die Addams Family (The Addams Family). USA 1991. Regie: Barry Sonnenfeld, 80 Min. FSK 12, empfohlen ab 12 Jahren. (Erhältlich bei amazon Prime)

(Foto: Paramount; ja, es ist mangels passenden Presse-Bildmaterials aus dem Nachfolgefilm Die Addams Family in verrückter Tradition)

#Horrorctober – Filmische Halloween-Zeit für Kinder

Dass sich der Oktober ein wenig zum Gruselmonat im Jahr entwickelt hat, ist vermutlich nicht von ungefähr dem Umstand zu verdanken, dass sich Halloween in seiner amerikanischen Form inzwischen in Deutschland und weltweit als wie auch immer geartetes und begangenes Fest ausgebreitet hat. Oder vielleicht ist es halt nur eine günstige Gelegenheit, eine Kostümparty mit klar umrissenen Thema zu feiern, selbst wenn man vom alljährlichen Karnevalstreiben vor der Fastenzeit eher abgestoßen ist.

13 Filme für mehr Gruseligkeit

Unabhängig von Halloween ist natürlich der Oktober, wenn es früher dunkel wird, sich Nebel zwischen Bäumen (oder Grabsteinen) verfängt und zumindest wir Erwachsenen uns durch fallende Blätter an unsere Sterblichkeit erinnert fühlen, der perfekte Moment für Grusel und Schrecken, auch im Kino.

Unter cinephilen und cinephagen Menschen der deutschen Online-Community hat sich jedenfalls vor einigen Jahren der sogenannte Horrorctober etabliert – wie auch in diesem Jahr versuchen die Connaisseuses und Connaisseurs gut (oder besonders schlecht) gemachter Horrorfilme, im Laufe des Oktobers ein jeweils selbstgewähltes Menü von 13 schröcklichen Streifen zu durchschreiten und idealerweise darüber auch noch zu bloggen oder zu twittern (der Hashtag dazu ist, das versteht sich von selbst, #horrorctober).

Wer sehen möchte, welche nicht jugendfreien Filme ich mir für diesen Oktober vorgenommen habe, kann das in dieser Liste nachvollziehen.

Kinder und Horrorfilme gehören nicht zusammen – oder?

Mich beschäftigt schon länger, ab wann und wie Horrorfilme wohl für Kinder, nicht nur meine, geeignet sein könnten. Und zwar keineswegs leichtfertig: Ich habe zwar als Filmkritiker viele Jahre vor allem über Splatter-, Slasher- und Zombiefilme geschrieben, aber mir ist bis heute nicht ganz klar, wie ich in diese spezifische Nische so tief hineinrutschen konnte; jedenfalls fehlte mir jene lebenslange glühende Begeisterung für das Genre und seine blutigen Subformen, die die meisten Fans in dieser Ecke mitbringen. Im Gegenteil, ich war als Kind schon beim Gedanken an Grusel in Schockstarre, was blutsaugende Monster, gäbe es sie, vermutlich sehr praktisch gefunden hätten. Aber ich schweife ab.

Was mir inzwischen jedoch klar geworden ist: Der Horrorfilm ist alles andere als uniform, und natürlich keineswegs per se verwerflich. Es gibt ihn, wie alle anderen Genres und Modi, in gräßlich-exploitativer Form, nachdenklich-verstörend, hochgradig amüsant oder oder oder. Vor allem gibt es ihn oft als sehr politischen Film (gerade im Zombiekino geschieht da zuweilen Erstaunliches).

Szenenbild ALFIE - Foto: Barnsteiner-Film/Schlingel Filmfestival

Die politischen, gesellschaftlich bedeutsamen Themen finden sich dann nicht selten auch in den Gruselfilmen, die gewissermaßen “Horror” tauglich für Kinder (und zarte Erwachsene) machen; vor einiger Zeit habe ich das so zusammengefasst:

Nicht nur im Kinderfilm, aber dort besonders ist das Monströse nicht immer automatisch auch das Böse. Es kann zu allererst das Andere sein, das Fremde vielleicht; und gerne zeigt sich dann, dass es vor allem die Erwachsenen sind, die diesem Fremden mit Argwohn und Angst gegenübertreten. Zu einer der Tropen des Monsterfilms gehört schließlich das unschuldige Kind, welches als einziges hinter die schröckliche Fassade blickt.

Angstfrei gruseln – Schrecken vorbereiten

Natürlich muss niemand mit seinen Kindern auch nur die harmlosesten Gruselfilme schauen; ich habe trotzdem eine Liste mit Kinderfilmen zusammengestellt, die die ganze Bandbreite abbilden: von freundlichsten Anspielungen auf Halloween über sehr kindertaugliche Monstren bis hin zu nicht blutigem, aber schon kribbeligem Horror für den anspruchsvollen Teenager. Sie ist (sehr!) grob nach möglicher Alterstauglichkeit sortiert.

Aber dennoch: Gruselkino für die Kinder will wohl überlegt und mit ihnen gemeinsam vorbereitet sein. Wissen sie, was sie erwartet? Fühlen Sie sich im Kontext (z.B. zuhause vor Fernseher oder Leinwand) sicher? Trauen Sie sich, im Zweifel Stop zu sagen? Sind sie überhaupt weit genug dafür? Nicht alle Elfjährigen sind bereit für Aliens, auch wenn der amerikanische Filmkritiker Matt Zoller Seitz damit einen tollen Abend organisiert hatte.

Kinderfilme für die kinematographische Geisterstunde

Viele Filme aus meiner Liste habe ich bereits hier im Blog oder anderswo ausführlich besprochen – die Links dazu folgen unten. Darüber hinaus werde ich hier im Blog bis Halloween jeden Mittwoch einen weiteren Horrorfilm der Liste besprechen.

#horrorctober2019 hier im Blog

Szenenbild MANOLO UND DAS BUCH DES LEBENS - Copyright:  20th Century Fox

Fällt Euch noch was ein?
Falls Euch noch kindertaugliche Horror- oder Gruselfilme einfallen sollten, die hier noch fehlen, lasst es mich in den Kommentaren wissen!

(Fotos: Bee Felten-Leidel auf Unsplash; Barnsteiner-Film/Schlingel Filmfestival; 20th Century Fox)

Kurzfilm zum Wochenende: Dia de los Muertos (2013)

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Der Film hätte eigentlich gut zum vergangenen Wochenende gepasst, aber da war ich noch nicht mit der Nase darauf gestoßen worden… Der Kurzfilm Dia de los Muertos, die Abschlussarbeit von Lindsey St. Pierre, Kate Reynolds und Ashley Graham, preisgekrönt: “about a little girl who visits the land of the dead, where she learns the true meaning of the Mexican holiday, Dia de los Muertos.” Die Musik und Soundeffekte für das Filmprojekt wurden durch Crowdfunding auf Kickstarter finanziert.

Kein Film für die ganz Kleinen, ein wenig gruselig, aber eben vor allem, dem Geist des mexikanischen Festes entsprechend, voller Liebe und Freude. “Eine wirklich schöne Geschichte, die den Spirit und die Bedeutung dieses Tages wunderbar vorstellt”, wie Eike Kühl so treffend im großartigen Netzfilmblog schrieb.

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Schönes Wochenende!

Die Vampirschwestern (2012)

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Möglicherweise bin ich da ein wenig verklemmt, aber mich stört es massiv, wenn in den ersten fünf Minuten eines Filmes schon klar wird, dass die Autorin zu faul war, selbst so eine Kleinigkeit wie die grobe Funktionsweise einer Spiegelreflexkamera zu recherchieren, bevor sie ihren Figuren für die Handlung völlig unlogische Sätze in den Mund legt – wer so schlampt, den interessiert meist auch der Rest des Films überhaupt nicht.

Überraschenderweise wird dann aus Die Vampirschwestern noch eine ziemlich solide Komödie, bei der die vampirischen Gruselmomente allerdings (das wird derzeit zur Regel) zu einem Schwarzen Loch der Abwesenheit zusammengeschrumpft sind bzw. allenfalls folkloristische Bedeutung haben. Denn eigentlich gibt sich der Film die Gestalt einer Culture-Clash-Komödie: eine deutsch-transsilvanische Mensch-Vampirfamilie (mit Christiane Paul und Stipe Erceg als die Eltern Elvira und Mihai Tepes) zieht aus dem weit entfernten Osten mitten in ein klassisches Klinkerhauswohngebiet irgendwo in Deutschland. Kleinstadtleben wird halt erst so richtig schlimm, wenn man nicht mehr zur Schule fliegen darf. „Die Vampirschwestern (2012)“ weiterlesen

Lieblingsfilme (3): Maike von Wegen

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Ich habe verschiedene Autor_innen, Blogger_innen und Filmkritiker_innen gebeten, mir kurze Antworten auf zwei Fragen zu schicken: Welches ist Dein liebster Kinderfilm? Und welchen Film sieht Dein Kind (oder sehen Deine Kinder) am liebsten? Heute antwortet Maike von Wegen, Autorin, Musikerin und Bloggerin unter dem wunderbaren Titel Mutterseelenalleinerziehend (und so heißt auch ihr Buch).

Als ich ein Kind war, spielte der Fernseher keine große Rolle. Meine Geschwister und ich spielten den ganzen Tag draußen. Ich glaube mich zu erinnern, dass wir einmal in der Woche einen Film sehen durften, aber damals fand ich alle gleich gut. „Lieblingsfilme (3): Maike von Wegen“ weiterlesen

Alfie, der kleine Werwolf (2011)

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Als kleines Baby wurde Alfie seinen Eltern einfach vor die Tür gelegt – die adoptierten das Kind, das ihnen da zur Pflege angedient wurde, und bereiten jetzt seinen Geburtstag vor, den Alfie wird sieben Jahre alt. Pünktlich um Mitternacht aber, draußen scheint der Vollmond, geschieht etwas Seltsames – dem hellblonden Jungen wächst ein weißes Fell, spitze Ohren und eine sehr sensible Nase. Alfie ist ein Werwolf, aber so werden seine Adoptiveltern ihn doch nie akzeptieren? Nur sein Bruder Timmie ist begeistert – endlich ein richtiges Monster in der Familie!

Alfie, der kleine Werwolf ist, wenn man so will, eine Art Kindervariation auf Teen Wolf, in dem seinerzeit Michael J. Fox sich eines Nachts wölfisch verwandelt fand – und wie in dem jüngst als Fernsehserie modernisierten Teenagerfilm damals, mehr Coming-of-Age-Komödie als Monsterfilm, so wird auch hier dem Werwolf das eigentlich Schreckliche seines Daseins genommen. Sogar mehr noch: Harmloser als dieses überdimensionierte Plüschtier (denn so sieht Alfie als Werwolf aus) kann man schier nicht sein, sieht man von ein paar Ausflügen in den Hühnerstall der Nachbarin ab. Aber das Blut, das dabei fließt, bleibt weitgehend offscreen. „Alfie, der kleine Werwolf (2011)“ weiterlesen