Filmkritiken

Die Olchis – Willkommen in Schmuddelfing (2020)

Warum die Olchis, diese grünen Wesen mit den drei Hörhörnern, der dicken Nase und dem besonderen Geschmackssinn, seit 1990 bei Kindern gut ankommen, erklärt sich leicht. Muffelfurz-Teufel! Fauliger Fliegenschleim!

Bei den Olchis daheim wird aus Herzenslust und mit viel Kreativität geflucht, was das Zeug hält, dazu gerülpst, gefurzt und gerne gegessen – ausgelaufene Batterien in geschmolzenem Plastik, was für eine Delikatesse! Und besonders schön ist es erst, wenn es so richtig unordentlich ist.

Insofern ist die Müllkippe in Schmuddelfing für die Großfamilie ein gefundenes Fressen und fühlt sich wie ein Zuhause an. Zumal die Kleinstadt ihr Müllproblem offenbar nicht gut in den Griff bekommt, so hoch stapeln sich die Müllreste auf dem Gelände nicht weit weg vom Ort – und es stinkt so sehr, dass sich in der Stadt kaum jemand draußen aufhalten mag, Touristen kommen schon gar nicht.

Ganz brav und ordentlich: Reines Zimmer, reiner Geist

Die Olchis – Willkommen in Schmuddelfing, der erste Olchi-Spielfilm, erzählt die Geschichte also ganz ordentlich vom Anfang an, das ist vielleicht nicht unbedingt olchig-krötig, erlaubt es aber doch, das Personal noch einmal grundständig einzuführen: Die Olchis natürlich, Großeltern, Eltern und die drei Kinder Motte, Messi und Olchi-Baby, den allzu brav-betulichen Bürgermeister und seine deutlich durchsetzungsstärkere Frau, ihr Sohn Max und seine beste Freundin Lotta, schließlich den Bauunternehmer Hammer, der sich mit der Gattin des Bürgermeisters zusammengetan hat, um den Bau eines Wellness-Tempels auf dem Gelände der Müllkippe durchzusetzen.

Das ist erstens schlecht, weil er dafür die Olchis vertreiben müsste, die frisch angekommen sind und mit denen sich Lotta und Max gerade angefreundet haben, und zweitens, weil er natürlich nach dem Plattmachen der Müllkippe eine neue bauen müsste, denn Abfall produziert Schmuddelfing ja dennoch weiter. (Seltsamerweise scheint nur er das zu verstehen und für sich als Chance zu begreifen: Denn dann muss der nächste Wellness-Tempel folgen und so fort bis Schmuddelfing pleite ist. Und dann, erklärt er seinen Schergen, „ziehen wir einfach weiter zur nächsten Stadt.“ Raubtierkapitalismus at its finest and most obvious.)

(So oft, wie im deutschen Kinderfilm irgendwelche sinistren betonlastigen Bauprojekte in romantischen Kleinstädten verhindert werden müssen, um die Niedlichkeit der Heimat zu erhalten, bräuchten wir übrigens langsam mal einen Kinderfilm, der als Hauptthema die einzelnen Schritte eines schön durchbürokratisierten Baugenehmigungsverfahrens abarbeitet. Die Juristentochter in Catweazle hat schonmal gezeigt, wie weit man auch als Minderjährige mit juristischem Fachwissen kommt. Aber ich schweife ab.)

Max und Lotta machen sich also daran, den Bau des Wellness-Tempels zu verhindern, ihre Pläne fruchten allerdings nur so mittel, dafür spielt ein Elixier eine interessante Rolle, das Lottas Onkel Professor Brausewein eher versehentlich destilliert hat. Es geht dann hin und her, insgesamt nicht zu hektisch und nicht zu lautstark, bis zu einem veritabel krötigen Happy End.

Die Neuerfindung des Animationsfilms aus dem Geist des grünlichen Gestankes darf man von Die Olchis – Willkommen in Schmuddelfing nicht erwarten – im Gegenteil, der Film kommt insgesamt recht konventionell daher.

Klare Kontraste und Klischees

Narrativ bedient sich der Film überdeutlicher Kontraste: Max‘ Mutter will, dass das Kinderzimmer des Sohnes stets äußerst ordentlich ist: „Reines Zimmer, reiner Geist.“ – während die Olchis erst so richtig zufrieden mit ihrer Wohnung sind, nachdem sie einmal verwüstet worden ist. Und auch die Bösewichte sind in der Regel sehr eindeutig und klar drei Meilen gegen den Wind erkennbar. (Gegen den Wind empfiehlt sich wegen des Gestanks.) Wie überhaupt Klischees manchmal recht dick aufgetragen werden: Der italienische Restaurantbesitzer sagt ein wenig zu viel „Mamma mia!“ und lässt seine Hände viel für sich sprechen.

Die computeranimierten Grafiken sehen gut aus, wirken aber stets wenig belebt und wie bewegte Plastikfiguren; das ist mehr als ordentlich für eine deutsche Produktion, kann aber natürlich mit Pixar und Konsorten nur ansatzweise mithalten.

Ein wenig wird das aufgewogen dadurch, dass Tobias „Toby“ Genkel (Ooops! Die Arche ist weg…, Yakari – Der Kinofilm) und Jens Møller (das Drehbuch stammt von Genkel und John Chambers) immer wieder kleine Gags einbringen, die nicht allzu viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen und genau deshalb wirken. Das Stadtwappen von Schmuddelfing ist natürlich ein Duftbaum, die Olchis können keine Aliens sein, denn „Außerirdische landen nur in Amerika.“

Charmant sind Hammers Bauarbeiter-Schergen, die bis auf unterschiedliche Barttracht alle identisch aussehen und dann doch in subtilen Zeichen ganz eigene Identitäten hervorschauen lassen. Aber von dem Mut zu milder Anarchie, den der Film in einem kurzen Moment zeigt, als er einmal eine Taube die vierte Wand durchbrechen und die Zuschauer_innen ansprechen lässt, von dem sähe man doch eigentlich gerne mehr.

Es wäre ja alles da, das allzu Brave dieses Films aufzubrechen: die Chaos-induzierende Lockerheit der Olchis, die auch nicht dadurch gebändigt wird, dass man ihnen hier eine Naturschutz-Funktion überzustülpen versucht („Die besten Recycler der ganzen Welt.“), ein Zielpublikum, das Hintergrund und Figuren eigentlich schon kennt, und schließlich beherzte, auf die reale Welt übertragbare Botschaften: „Rülpsen tut doch gut.“

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Die Olchis – Willkommen in Schmuddelfing. Deutschland 2020. Regie: Toby Genkel/Jens Møller, 85 Min. FSK 0, empfohlen ab 7 Jahren. Kinostart: 22. Juli 2021

(Fotos: Leonine)

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