Filmkritiken

Catweazle (2020)

Im frühen 11. Jahrhundert wird der Zauberer Catweazle vor seinen Fürsten geholt, um zu prüfen, ob seine Zauberei diesem gefährlich oder nützlich sein könne – allerdings entsteht eher der Eindruck, er sei ein Scharlatan und soll deshalb hingerichtet werden. Auf der Flucht vor den Soldaten stürzt Catweazle vom Turm der Burg und zaubert sich versehentlich 1.000 Jahre in die Zukunft. Dort begegnet ihm als erstes ein Feuerdrachen (vulgo: ein Auto mit sehr hellen Scheinwerfern), und auch sonst enden seine ersten Kontakte mit der Technik unserer Gegenwart meistens erst einmal nicht so gut…

Sven Unterwaldt gibt in Catweazle einer britischen Serie aus den 1970er Jahren ein neues, naturgemäß technisch moderneres Gesicht; die Serie hatte (und hat zum Teil heute noch) Kultstatus, für den hier als Zielgruppe anvisierten Nachwuchs wird sie allerdings de facto keine große Rolle mehr spielen – da geht es eher darum, ob der Film sie abholen kann. Die Besetzung der Titelfigur mag da ein wenig helfen: statt Geoffrey Bayldon ist nun Otto Waalkes der temporär verschobene Magier, und Waalkes ist vielleicht sogar durch einige Kinderfilme aus den vergangenen Jahren einigen bekannt, nicht nur (wie in meinem Haushalt) durch die nostalgisch gefärbten Erzählungen der Eltern und eine zerlesene Ausgabe von Das Buch Otto.

Unterwaldt und Waalkes haben schon öfter zusammengearbeitet, vor allem an den diversen 7 Zwerge-Inkarnationen (zuletzt Der 7bte Zwerg), in denen Otto sehr Otto sein durfte, wenn nicht sogar: sollte. Als Catweazle nimmt der deutsche Großkomiker sich allerdings eher zurück, seine typische Gestik und Mimik kommt nur gelegentlich und in passenden Momenten zum Vorschein, das tut dem Film sehr gut. Stattdessen lässt Waalkes auch gerne seinen Co-Star Julius Weckauf vor, der als 12-jähriger Benny die zunächst recht undankbare Aufgabe hat, Catweazle sicher durch die Tücken der Moderne zu geleiten.

Dann wird aber klar: Catweazle muss schnell wieder zurück in seine Zeit. Dafür benötigt er seinen Zauberstab, den er bei seiner „Ankunft“ verloren hat und der auf umständliche Art und Weise erst im Haus von Bennys heimlich angeschwärmter Klassenkameradin Lisa (Gloria Terzic), dann im lokalen Heimatmuseum und schließlich in den Händen der Kunstexpertin Katharina Metzler landet.

Katja Riemann spielt diese Dr. Metzler wieder mit einer Leidenschaft fürs Böse, die sie auch in Unterwaldts Vier zauberhafte Schwestern schon ausleben konnte: Während sie gerne erzählt, der Zauberstab solle in ein Museum, will sie ihn eigentlich für eine große Auktion entführen.

Verpasste Chancen

An der Art und Weise, wie Riemanns Figur eingeführt wird, zeigen sich dann jedoch auch die grundsätzlichen Probleme des ganzen Films: Metzler ist da in einem Büro zu sehen und wird von ihrem Chef zusammengefaltet, weil sie vor der letzten Auktion wohl auf eine Fälschung hereingefallen sei. Alles ist in kältesten Blau-Weiß-Tönen gehalten, eckig und großstädtisch, im Hintergrund deuten Verladekräne eine teure Hamburger Adresse an.

In Bennys Kleinstadt hingegen – sein Vater betreibt den lokalen Tierpark – ist alles in warmen Erdtönen gehalten, ist alles klein, knuddelig und heimelig, inklusive des etwas tüddeligen, aber vermutlich moralisch aufrechten Museumsdirektors. Das ist alles so sehr Kinderfilmkleinstadtklischee, dass es quietscht – und den Farbkontrast zwischen den zwei Welten hat mein Kollege Jochen Werner sehr treffend als „Konflikt zwischen zwei Instagram-Filtern“ beschrieben.

Es tut dem Film nicht gut, dass diese Technik der mit sehr groben Pinselstrichen gemalten Kontraste auch auf die Figuren übertragen wird. Riemanns Antagonistin ist wirklich ganz und gar garstig, Benny ein wenig zu brav – soweit funktioniert das vielleicht noch. Aber Henning Baum ist als Bennys alleinerziehender Vater nicht nur zu sehr Männerklischee – Riemanns Metzler muss nur ein wenig schulterfrei und freundlich daherkommen, schon unterschreibt er jeden dummen Vertrag, den sie ihm hinlegt – er ist auch als Vater ein emotionaler Totalausfall, der seinen Sohn eher beschimpft als zu befragen, dass man sich im Sessel winden möchte vor so wenig Einfühlungsvermögen. (Es gibt dann eine mit einem kurzen Gespräch erledigte Versöhnung. Naja.)

Juristisch begabte Verwaltung des kulturellen Erbes

Und Lisa kommt als sehr arrogante Göre daher, bei der man wirklich nicht versteht, was der viel zu liebe Benny an ihr findet; für die Handlung kommt die Tochter aus Jurist_innenhaushalt dann aber passend daher, wenn sie dem Bürgermeister und ihrem Vater nervig, aber effektiv ein wenig Rechtsnachhilfe gibt, als es darum geht, wem eigentlich der Zauberstab gehört.

Das sind so die Momente, in denen deutlich wird, dass sich irgendwo in Catweazle das Potenzial für einen richtig guten und witzigen Kinderfilm versteckt. Aber leider fällt dem Drehbuch (von Waalkes und Unterwaldt zusammen mit Bernd Eilert und Claudius Pläging verfasst) jenseits der leider viel zu üblichen Kinderfilm-Klischees (romantische Kleinstadt, trotteliger Bürgermeister, um nur zwei zu nennen) wenig wirklich Originelles ein.

Stattdessen verwaltet Catweazle hauptsächlich das gut gealterte Erbe der BBC-Serie, und das auch gar nicht mal schlecht; natürlich zaubert Otto mit „Salmei, Dalmei, Adomei“, natürlich spielt seine Kröte Kühlwalda eine große und sympathische Rolle. Zum „Elektrik-Trick“ kommt des Zauberers Faszination mit dem „Zauberspiegel“ Smartphone, auch Badewanne und Fön üben einen großen Reiz aus. Hinzu kommt aber auch ein „Witz“ mit nach Lichtschaltern aussehenden Knöpfen an Damenbekleidung, der schon in den 1980ern nur mehr als Altherrenwitz durchgegangen wäre; 2021 wirkt er, pardon, nur noch dämlich.

Dennoch: Von Catweazles Konflikten mit der Moderne hätte es gerne mehr geben dürfen, vielleicht auch in Form von mehr Technologiekritik, wie es die Fernsehserie seinerzeit wohl gemacht hat; stattdessen könnte man auf ganze Teile der recht konstruierten Abenteuergeschichte getrost verzichten (auch wenn der kleine Heist am Schluss ganz amüsant inszeniert ist). Aber es ist halt viel zu oft so im deutschen Kinderfilm: Hoffnung und Möglichkeiten sind groß, aber mit der Magie hapert es dann doch leider oft. Und das liegt diesmal nicht primär daran, dass Catweazle nur ein mäßig begabter Magier ist.

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Catweazle. Deutschland 2020. Regie: Sven Unterwaldt, 95 Min. FSK 0, Altersempfehlung: ab 8 Jahren. Kinostart: 1. Juli 2021.

(Fotos: Tobis, Gordon Timpen/Tom Trambow)

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