Festivals Filmkritiken

Die Adern der Welt (2020)

Ein altes Volkslied möchte er singen, das er immer mit seinem Vater gesungen hat – es handelt davon, wie die Erde durchzogen ist von Gold, von Adern aus Gold. Das ist womöglich etwas überdeutlich in diesem Film, der seine Botschaft, sein Herz sehr offen vor sich herträgt, aber, was soll man sagen, es gibt hier nichts zu verbergen, so ist das alles.

Amra ist gerade einmal elf Jahre alt, sein Vater bringt ihn jeden Tag im selbstgebauten Auto zur Schule (zur Krönung ist vorne ein Mercedes-Stern dran, und vielleicht kommen Teile des Gefährts auch wirklich vom Autobauer aus Stuttgart), jetzt sind Scouts von „Mongolia’s Got Talent“ im Ort, und er möchte so gerne vorsingen. Seine Eltern aber streiten sich eher darum, ob sie bleiben sollen oder wegziehen – die Bergbaufirmen, die überall nach Gold suchen, wollen ihnen eine Entschädigung zahlen, wenn sie ohne großes Getue einfach gehen und ihre Weidegründe verlassen. Der Vater will das nicht.

Das Grundthema ist damit schon gesetzt, und weil die Eltern streiten, will der Vater das Formular für den Talentwettbewerb nicht unterschreiben, aber Amra fragt zurecht: Was hat euer Streit mit mir zu tun? Nichts, natürlich, er darf vorsingen, sein Vater kommt sogar extra vorbei, um ihm zuzuhören. Und dann, auf dem Heimweg, verunglücken sie.

Ein Blick auf das Leben in der Jurte

Byambasuren Davaa lässt sich Zeit in ihrem ersten Spielfilm (bekannt ist sie vor allem durch ihren Dokumentarfilm Die Geschichte vom weinenden Kamel), in der ersten Hälfte wird dieses Szenario langsam und beharrlich aufgebaut. Vor allem wird das Leben dieser mongolischen Nomad_innen gezeigt: Amra, seine Mutter Zaya und die kleine Schwester Altaa, die sich um die Ziegenherde kümmern, Vater Erdene verkauft Ziegenkäse und arbeitet als Mechaniker. In lange anhaltenden Totalen wird die Landschaft gezeigt: karge, aber grüne, gewellte Weiten, zwischendrin die Ziegen, ein einzelner Baum, die Staubwolke eines fahrenden Autos.

Oder eben große Transporter mit Baggern. Erst in seinen letzten Einstellungen, einem langsamen Flug über eine Flusslandschaft, wird man die Zerstörungen sehen, die der Bergbau hier anrichtet, wird gezeigt, was in den Gesprächen der Menschen vorher nur anklang: Welche Löcher hier in die Erde gerissen werden, dass die versprochene „Renaturierung“ nie stattfindet, dass Regeln und Richtlinien nicht eingehalten werden.

Ein Schelm natürlich, wer dabei auch an deutsche Bergbauunternehmen denkt – und auch in der Mongolei wird zwischen Politiker_innen und den Konzernen kräftig gemauschelt. Erdene wollte sich dagegen engagieren, nach seinem Tod sucht Amra auch da die kleinen Widerstände: An einer Probebohrstelle pinkelt er mit einem Freund den Arbeitern entgegen, nachts schüttet er heimlich Zucker in einen Maschinentank, und schließlich lässt er sich von ein paar Freunden seines Vaters anheuern, die auf eigene Faust in einer winzigen Mine nach Gold graben.

Ein Film, passend zu #fridaysforfuture

Seine Mutter darf das natürlich nicht wissen, sie packt ihm jeden Tag Ziegenkäse ein, den er auf dem Markt abgeben soll, und schickt ihn in die Schule – stattdessen schwingt sich Amra in die Reste des Unfallautos und fährt zur Mine. Wie lange soll das gutgehen?

Die Adern der Welt fühlt sich – nicht nur, wenn man die Filmografie der Regisseurin kennt – fast dokumentarisch an in seinem reduzierten, klaren Blick auf Lebensverhältnisse, auf Natur und politische Zusammenhänge: Immer eng an der Perspektive von Amra und seiner Familie, mal dem Kind, mal der Mutter folgend. Hilfe findet sich hier – fürs Persönliche wie fürs Politische – nur in der Gemeinschaft, im Gespräch, nicht im Einzelkampf.

Insofern ist Davaas Film, der im vergangenen Jahr auf der Berlinale in der Sektion Generation Kplus lief, der perfekte Kinderfilm für #fridaysforfuture, ein Film voller Gesten und Zeichen der Offenheit, der sich aber für eine klare Botschaft nicht zu schade ist. Ein berührendes Portrait einer kleinen Familie ist er sowieso.

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Die Adern der Welt (Veins of the World). Deutschland/Mongolei 2020. Regie: Byambasuren Davaa, 96 Min. FSK 0, empfohlen ab 9 Jahren. Kinostart: 29. Juli 2021.

(Fotos: Pandora Films)

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