Festivals Filmkritiken

Michel 2021: Träume sind wie wilde Tiger (2021)

Diese Filmkritik gehört zu meiner Berichterstattung vom Michel Filmfest 2021 in Hamburg. Alle Filmbesprechungen und sonstigen Berichte von diesem Festival gibt es hier im Blog unter dem Tag #michel.

Traumziel Bollywood. Man kann das, man muss das verstehen: Selbst Hollywood mit seinem Glamour und seinen Stars kann nicht anstinken gegen die Filmstudios von Mumbai, die Verehrung, die den singenden und tanzenden Filmstars in Indien zuteil wird. Und deshalb will Ranji da hin, wenn er groß wird, Schauspieler werden wie sein Großvater, werden wie sein großes Idol, Superstar Amir Roshan.

Nur ist seinem Vater das völlig wurscht. Der interessiert sich für Zahlen und die Berechenbarkeit der Welt, für Wahrscheinlichkeiten und Chancen. Und ergreift deshalb die Gelegenheit, als Risikoanalyst nach Deutschland gehen zu können – wegen der Karriere des Vaters spricht die Familie schon Deutsch, da passt es gut, er war schließlich mal als Indianerhäuptling Listiger Lurch in Der Schuh des Manitu zu sehen.

Der reale Lebenshintergrund des realen Irshad Panjatan, der hier als Ranjis Daada zu sehen ist, spielt Träume sind wie wilde Tiger immer wieder und gibt sich damit schon recht früh eine ironische Metaebene, die immer wieder aus- und einbricht und das ganz und gar Fantastische nicht abmildert, sondern in einer eleganten Tanzdrehung einfach mitnimmt: Alles nur Spaß, alles nur Show.

Ein Hauch Bollywood in der deutschen Culture-Clash-Komödie

Ist es Fantasie, ist es echt? Das bleibt gern in der Schwebe, und auch sonst nimmt Regisseur Lars Montag einige Konventionen aus dem Bollywood-Kino in seine deutsche Komödie auf: milde erratische Handlungssprünge und plötzliche Tanz- und Gesangseinlagen inkl. Ortswechseln zum Beispiel. Zu den besten Einlagen gehört eine sehr Seniorinnenlastige Tanzeinlage in einem alten deutschen Linienbus, da wird auf einmal der nackte Bauch eines Kontrolleurs zur Perkussionsgrundlage, es ist eine Freude.

Noch im Flugzeug nach Deutschland erfährt Ranji, dass Amir ein großes Online-Casting veranstaltet, die ausgewählten Sieger_innen sollen sich dann in Mumbai vorstellen. Und so landet der Zwölfjährige in seiner neuen Wohnung mit dem festen Vorsatz, innerhalb von wenigen Tagen ein Video zu drehen und damit seine Rückkehr nach Indien durchzusetzen. Zu seinem Großvater. Gegen den Willen der Eltern, wenn es sein muss.

Das ist der Knackpunkt, der die Handlung vorantreibt. Der dazu führt, dass Ranji (Shan Robitzky) in seiner deutschen Schule und in der Nachbarschaft nach Helfenden sucht und sie mit einigen Umwegen schließlich in der Nachbarstochter Toni (Annlis Krischke) findet.

Aber vorher ist noch reichlich Culture Clash, und das ist ein Subgenre der deutschen Komödie, das im Allgemeinen gehörig schiefgeht. Träume sind wie wilde Tiger schlägt sich da recht wacker, weil es die Klischees auf allen Seiten recht überdeutlich und mit sehr dicken Pinselstrichen aufträgt. Der indische Vater mit dem Mathehirn, die Mutter kocht daheim und beide wollen vor allem: dazugehören. In der neuen deutschen Wohnung werden sie von Nachbarn Herbert Knaup begrüßt, der mit Lust den zuständigen Blockwart gibt: Kein Lärm, keine Gerüche, alles schön ordentlich!

Deutschland: weiß, Indien: bunt

In Deutschland sind darüber hinaus die Gebäude eigentlich alle monumental (Flughafen, Schule) oder wenigstens riesig und klassisch-modern (die Hochhaussiedlung, in die Ranji mit seinen Eltern einzieht), aufgeräumt und leer. Das heißt auch: Das Farbspektrum wird von den Farben weiß und betongrau dominiert.

Indien dagegen wird von Anfang an als voll, belebt und bunt gezeigt, gleich in der ersten Szene während des Holi, des Frühlingsfests der Farben, so dass sogar das Kind neben mir die Augen leicht verdrehte und sagte: „Das ist dort doch nur einmal im Jahr!“

Glücklicherweise gibt es dafür dann ein paar deutsche Gegenklischees, Nina Petri als esoterische Träumerin, die in früheren Leben auch schon Lustsklavin in Rom war, vor allem aber ihren Guru sucht, und Ranjis neue Schulkameraden, eine kleine Gang, die rassistische Beschimpfungen ausspuckt.

Tonis Eltern (Anne Ratte-Polle, Simon Schwarz) sind eine nonkonformistische Krankenschwester und ein Musikinstrument-Erfinder, der leider seine Rechnungen ins Gefrierfach legt und irgendwie dann doch recht einfach merkt, dass er wachsen muss, damit seine Tochter noch klein bleiben kann – und das heißt in seinem Fall: Einen Job als Kontrolleur annahmen, damit er auch mal Geld verdient. (Das reicht schon, um Herz und Hose der Gattin neu zu entflammen, die eigentlich schon ausziehen wollte.)

Es deutet sich an: Da ist eine ganze Menge los in diesem Film, Themen und Nebenschauplätze galore. Im Flugzeug nach Deutschland sitzt auch noch Roberto Blanco (ja, wirklich) und sagt der indischen Familie: Bleibt innerlich, wer ihr seid, aber macht es nach außen hin genau so, wie es die Deutschen machen. Integration! Das ist, aus dem Munde von Roberto Blanco, zumindest mehr Ambivalenz, als man sonst in zwanzig Minuten unterbringt.

Integration ist auch nur ein Wort

Jedenfalls geht es dann gut die Hälfte des Films entlang immer um Integration, bevor das Thema schlagartig fallengelassen wird, als es noch konkreter um Ranjis Video (und dessen Folgen) geht; das Thema wirkt dann doch sehr angeklatscht, die eigentliche dahinter schwärende Frage: Was soll denn Integration eigentlich sein?, wird aber freilich auch nicht beantwortet.

Stattdessen dreht Ranji Castingvideos. Nicht nur eins, sondern im Endeffekt sogar drei, die sind kleine Kunstwerke, man möchte sie bitte dringend nochmal ganz und getrennt sehen, als kleine Höhepunkte dieses Films, so gut, so clever sind sie gemacht, mit visuellen Tricks spielend, Videoclipkunst erster Güte.

Und der junge Shan Robitzky tanzt hier, es ist eine Freude, (die jungen Darsteller_innen überhaupt: großartig!) man hätte gerne noch einmal eine richtig Bollywoodesque Tanzsequenz vor abgefahrenem Hintergrund zum Abschluss gesehen, mit dem ganzen Ensemble. Da fehlt ganz am Schluß dem Film ein wenig der Mut, den seine Protagonist_innen vorher bewiesen haben.

Träume sind wie wilde Tiger. Deutschland 2021. Regie: Lars Montag, 95 Minuten. Bisher ohne FSK, empfohlen ab 9 Jahren. (Infos beim MICHEL-Filmfest.)

(Fotos: Filmfest Hamburg/Wild Bunch)

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