Festivals Filmkritiken

ITFS 2021: Calamity (2020)

Im Jahr 1863 zieht ein Wagenkonvoi durch die USA in den Westen. Mit dabei: Die Familie von Martha Jane Cannary – der alleinerziehende Vater wird allerdings von den anderen Mitgliedern des Treks eher misstrauisch beäugt. Als ihr Vater bei einem Unfall mit dem Planwagen verletzt wird, kümmert sich die 12-jährige Martha Jane um alles. Genervt von ihrer unpraktischen Kleidung und davon, dass die Jungs sie nicht ernst nehmen, schneidet sie sich die Haare ab und zieht Hosen an – damit fällt sie aber natürlich noch mehr auf.

Als sie zu Unrecht eines Diebstahls beschuldigt wird, läuft sie nachts fort, um den Schuldigen zu finden und so ihre Unschuld zu beweisen. Dabei trifft sie in den Weiten der amerikanischen Landschaften auf ganz unterschiedliche Gesellen: einen jungen Kleinganoven, unfreundliche Soldaten, eine geschäftstüchtige Goldschürferin mit dem schönen Namen „Madame Moustache“ und viele mehr.

Regisseur Rémy Chayé hat vor einigen Jahren den leider schon viel zu wenig beachteten Der lange Weg nach Norden gemacht, in Calamity finden sich viele Ähnlichkeiten: Wieder gibt es eine selbstbewusste junge Helding, wieder geht es hinaus in die nicht unbedingt freundliche Natur und Menschenwelt. Und auch der Zeichenstil der beiden Filme ähnelt sich – aber auf all diese Übereinstimmungen sollte man nicht zu viel geben, Calamity ist doch ein ganz und gar eigenes und eigenwilliges Stück Kino.

In den Farben scheint immerzu die Sonne

Die eigentümlichen, leuchtenden Pastellfarben, in denen der Film gehalten ist, greifen die Farbwelten des amerikanischen Westens auf – in den flächigen Bildern wird nie vergessen, dass es sich um einen Animationsfilm handelt, und zugleich öffnet das reichlich Assoziationsraum und Platz für Fantasie. Das löst den Film auch vom Anspruch, ein absolut präzises Zeitportrait sein zu wollen oder zu müssen, das er sich mit dem Sujet natürlich ans Bein gebunden haben könnte.

Denn Martha Jane Cannary, auch bekannt als Calamity Jane, ist ja durchaus eine historische Figur; Chayé erfindet ihr (in einem Drehbuch, das er zusammen mit Sandra Tosello und Fabrice De Costil geschrieben hat) eine auch schon aufmüpfige, selbstbewusste Jugend, die sich wohl nicht ganz mit der historischen Figur zusammenbringen lässt. Aber darum geht es natürlich auch nicht.

Sondern um eine Abenteuergeschichte, eine mögliche Emanzipationserzählung und eine Verschiebung der Perspektive, ein Western gewissermaßen durch eine Linse, in der Frauen nicht nur diejenigen sind, die brav auf der Farm sich ums Essen kümmern und erst dann ihre Härte zeigen, wenn der Mann von Gangstern ermordet wurde (wenn man mir den Verweis auf gängige Western-Klischees verzeihen mag).

Dass Chayé das kindertauglich erzählt und damit womöglich die wirklichen Härten außen vor lässt, wer wollte es ihm übel nehmen? Calamity ist dennoch mehr als die meisten Coming-of-Age-Geschichten, indem es nicht nur seine Heldin ernst nimmt, sondern sie auch mit wirklichen Herausforderungen und einigen steilen Lernkurven konfrontiert. Und mit Abenteuern, wie man sie halt aus dem Western kennt.

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Calamity (Calamity, une enfance de Martha Jane Cannary/Calamity Jane). Dänemark/Frankreich 2020. Regie: Rémy Chayé, 82 Min. noch ohne FSK, empfohlen ab 8 Jahren. Noch kein Start in Deutschland.

(Foto: Maybe Movies)

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