Festivals Filmkritiken

Peterchens Mondfahrt (2021)

Logo Goldener Spatz Dieser Beitrag gehört zu meiner Berichterstattung vom Deutschen Kindermedienfestival Goldener Spatz 2021. Alle Berichte von diesem Festival gibt es hier im Blog unter dem Tag #goldener-spatz.

Ich habe als Kind selbst noch Peterchens Mondfahrt gelesen, Gerdt von Bassewitz’ Kinderbuchklassiker von 1921, und natürlich war das Buch (amazon.de) schon in den späten 1970ern, frühen 1980ern aus der Zeit gefallen mit seiner altbackenen, auch recht behäbigen Erzählweise und Moral; es wird in Versen geredet, die Reise geht über Sternenwiese, Milchstraße und Weihnachtswiese auf den Mond, um das Bein zurückzuholen, dass der Urahn von Maikäfer Sumsemann einst verloren hatte und das mit dem bösen Baumfäller gemeinsam auf den Mond verbannt worden war.

Peterchen und Anneliese, allein die Namen markieren hier schon den Zeitrahmen, zwei gute Kinder, die kein Tier quälen würden (solche waren 1921 wohl Mangelware in Deutschland, und das sagt womöglich mehr über die Erziehungstraditionen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts aus, als uns lieb sein kann), machen sich mit dem letzten Abkömmling der Familie Sumsemann auf den Weg. Dabei lernen sie so schöne Dinge wie, dass unartiges Verhalten dafür sorgt, dass die Sterne nicht mehr so schön blinken:

Jedes Kind auf der Erde hat sein Sternchen. Und wenn das Kind nicht artig war, wenn es Kuchen stibitzt hat oder wenn es gar gelogen hat, so entstehen auf der schönen Strahlenkrone eines Sternenmädchens häßliche Flecken, sie verbiegt sich, oder bekommt Scharten.

Modernisierung ist angezeigt

So und genau so muss, nein, sollte man das natürlich heute nicht mehr verfilmen; schon die Versuche von 1959 (in Schwarz/Weiß mit wilden Kulissen und Kostümen; amazon.de) und als Animationsfilm im Jahr 1990 (amazon.de) haben die Geschichte jeweils an ihre Zeit angepasst.

Dass aber nicht jede Modernisierung von Stoff aus dem frühen 20. Jahrhundert gelingt oder so einfach möglich ist, hatte zuletzt erst vor ein paar Jahren Die Häschenschule – Jagd nach dem Goldenen Ei nachdrücklich gezeigt. (Eine Fortsetzung ist dennoch aktuell in der Mache.)

An Peterchens Mondfahrt hat sich nun Regisseur Ali Samadi Ahadi versucht, der sehr erfolgreich und witzig Pettersson und Findus auf die Leinwand gebracht hat (Pettersson und Findus – Kleiner Quälgeist, große Freundschaft und Petterson und Findus: Das schönste Weihnachten überhaupt); mit Arne Nolting gemeinsam hat er auch das Drehbuch für seine Adaption geschrieben – vollständig am Computer animiert.

Visuell auf der Höhe der Zeit

Da sind wir nun also, genau einhundert Jahre später, und Peterchens Mondfahrt sieht für einen deutschen CGI-Animationsfilm außergewöhnlich gut aus. Red Parrot Studios zaubert Wasser, Wolken und ganze Welten auf die Leinwand, die Animation der Figuren ist bis auf wenige Ausnahmen hervorragend gelungen. Das ist bunt und flott, wandelt auch mal gerne den Stil (Sumsemanns Vorgeschichte wird als Zeichentrick gezeigt) und lässt also reichlich Raum für phantastische Einfälle.

Die Vorgeschichte der Kinder wird fleißig aktualisiert – sie sind gerade in eine neue Stadt gezogen, Anna (statt Anneliese) ist noch nicht so abgeklärt, während Peter (“Peterchen” mag er nicht) ein Modell des Sonnensystems in ihrem neuen Zimmer aufgehängt hat, wie es sich für den Sohn eines Astronauten auch gehört.

Es ist dann nur konsequent, dass Anna auch hört und versteht, was Herr Sumsemann ihr erzählt, während Peter sich gar nicht die Zeit nehmen würde für einen Käfer. Man müsse, sagt das Tier, doch gemeinsam zum Mond reisen, um Birke und Käferbein zurückzuholen, die die Nachtfee gemeinsam mit dem Holzfäller und seinen Helfern dorthin verbannt habe. Und so beginnt dann die Reise, durch einen Sprung in den Teich, in dem sich der Vollmond spiegelt, und ab auf die Sternenwiese zum grummeligen Sandmann, der an Narkolepsie leidet und im Übrigen Kindern und Käfer nicht so recht glauben mag.

Alles muss immerzu in Bewegung sein

Das ist alles grundsätzlich nicht verkehrt – aber der Film gibt sich halt entschlossen dem im deutschen Kinderfilm fest verankerten Missverständnis hin, dass sich stets möglichst viel bewegen müsse, natürlich unter größtmöglichem Geschrei der Figuren, damit die Kinder das Interesse nicht verlieren. Deshalb muss der arme Sumsemann durch einen Kamin in ein Spielzeugauto fallen, mit dem er dann, mit Barbie im Beifahrerinnensitz, durch einen Hot-Wheels-Looping jagt. (Steht so etwas heute überhaupt noch in Kinderzimmern?)

Statt einer gemütlichen Reise über die Milchstraße im Schlitten des Sandmanns findet ein Rennen über die Milchstraße statt, dessen Verlierer_in dann nicht zum Kaffeekränzchen der Nachtfee darf – da haben aus völlig unerfindlichen Gründen nur fünf von sechs Naturgeistern Platz. Das Rennen findet durch Gräben und Canyons statt, erinnert wohl nicht von ungefähr ungut ans Podrace in Star Wars: Episode I und ist ansonsten aber eine völlig chaotische Veranstaltung, deren Sinn, Zweck und Ablauf sich nicht erschließen – es ist überhaupt nur eingebaut, um noch einen Konflikt, noch eine Actionszene zu haben.

Das hat dann immerhin insofern einen gewissen Charme, weil das Rennen durch reichlich (reichlich!) geographische Käsesorten und Molkereiprodukte auf der Milchstraße führt (Parmesanwüste, Goudatal, Magermilchschlucht, die heißen Käsefonduequellen und der Kampf um den Frozen-Yoghurt-Pokal) – die Wortspielorrhoe geht bis zur Feststellung des Sportkommentators: dieses Wettrennen “übersteht nur die Crème de la crème”.

Und natürlich muss die Geschichte einen Antagonisten haben, der richtig böse und gefährliche Dinge tut. So wird später die Mondkanone nicht dazu genutzt, um rechtzeitig auf den letzten Mondberg zu gelangen (wie im Buch), sondern wird vom Bösewicht gebaut, um böse Dinge zu tun. Die Sternschnuppen auf der Sternenwiese werden (gemeinsam mit Anna) auf den Mond entführt, um dort Zwangsarbeit zu verrichten.

Die Figuren bleiben flach und werden problematisch

Die hektische Handlung, die mühsam herbeikonstruierten Konflikte, das wäre nicht so störend, wenn es interessante Figuren gäbe, die hier wirklich in Auseinandersetzungen sind, die sich entwickeln und bemühen. Aber leider, leider bietet der ganze Film nicht mehr als flache Abziehbilder.

Die Nachtfee ist zwar freundlich, aber ein bisschen dümmlich und schwer von Begriff. Der Bösewicht und seine Schergen sind unfreundlich, der Rest stimmt aber auch. Peter und Anna sind Geschwister, die sich streiten und im Innersten dann doch umeinander kümmern. Viel komplexer werden sie allerdings auch nicht. (Es gibt außerdem am neuen Wohnort noch eine völlig uninteresante, absolut generische Gruppe Bullies, die Peter das Leben schwermachen wollen, auch die gehören zum stereotypen Standardrepertoire deutscher Kinderfilme.)

Die Naturgeister haben überhaupt keine wirklichen Eigenschaften, was für Nebenfiguren auch völlig in Ordnung wäre – vielleicht mit Ausnahme der Blitzhexe, die doch noch eine größere Rolle spielt. Aber auch ihre Motivationen bleiben wenig überzeugend und werden am Schluss in Wohlgefallen aufgelöst.

Schlimmer noch: Der Regenfritz ist aus unerfindlichen Gründen “orientalisch” markiert, trägt einen Turban und sagt Dinge wie “Meine süße Mango Lassi!” Der Sturmriese dann ist die einzige Schwarze Figur im Film, ist als übergewichtiger Riese animiert und trägt Federschmuck auf dem Kopf sowie einen Lendenschurz aus Raubkatzenfell. Es gibt keinerlei erzählerische Notwendigkeit für dieses rassistisch-kolonialistisch geprägte Stereotyp – was hat es in einem Animationsfilm im Jahr 2021 zu suchen?

Und das ist dann auch der Gesamteindruck des Films: Technisch gekonnt, handwerklich solide inszeniert – aber schludrig und vor allem unterkomplex im Drehbuch, nie zu Ende durchdacht und mit einem sehr schlichten, letztlich herablassend-vereinfachten Blick darauf, was das kindliche Publikum sehen möchte.

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Peterchens Mondfahrt (Internationaler Titel: Moonbound). Deutschland 2021. Regie: Ali Samadi Ahadi, 84 Min. Bisher ohne FSK, vom Festival Goldener Spatz empfohlen ab 8 Jahren. (Entspricht auch meiner Altersempfehlung.) Voraussichtlich ab Frühjahr 2022 im Kino.

(Foto: brave new work, Little Dream Entertainment)

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