Deutsches Kino, wir müssen reden!

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Liebes deutsches Kinderkino! Wir müssen reden. Das geht doch so nicht weiter!

Gestern bin ich eher zufällig darauf gestoßen, dass es schon seit einem Monat einen Trailer für Conni & Co. gibt.

Ich hatte eh schon nicht allzu viel von der Filmfassung der Conni-Bücher erwartet – und nicht allein deshalb, weil ich die Bücher mit ihrer unerträglich braven und stets wohlmeinenden Hauptfigur aus tiefstem Herzen ablehne. Das ist fast schlimmer als Rolf Zuckowski in Dauerschleife. Von der Verfilmung hatte ich alles verdrängt, außer dass Emma Schweiger die im Film schon jung-jugendliche Conni spielen sollte. Der Trailer unterbot meine Erwartungen aber dann doch noch einmal gewaltig.

Was, liebes deutsches Kinderkino, soll das denn bitte sein? Okay, ich mag Vater Til nicht, und dass er hier jetzt auch noch mitspielen muss, meine Güte, wäre doch zu verhindern gewesen? Aber der Rest! Die Sätze sind gestelzt, die Szenen ungelenk und holzig wie knarzige Eiche, die Lehrer tragen “lustige” Klamotten… deutsches Kino, ich dachte, wir seien über die Lehrerklamotten der frühen Bundesrepublik ein wenig hinausgekommen? Es gibt eine beschauliche Kleinstadt und einen lustigen Hund, um den sich anscheinend die ganze Handlung dreht, und dieser “mach den Mund auf”-Scherz am Schluß, aus welcher finsteren, von Bärten durchwirkten Gruft hast du den denn bitte ausgegraben?

Und gibt es nirgends Kinderdarsteller_innen, die auch wirklich wenigstens ein bißchen spielen können? Andere Länder schaffen es doch auch, Kinder so in Szene zu setzen, dass man nicht dauernd sieht, dass sie das nur “spielen”!

Ich könnte fuchsteufelswild noch einige Absätze lang weiter herumschimpfen, aber stattdessen habe ich dann noch einen anderen aktuellen Trailer angeschaut. Burg Schreckenstein, nomen est omen.

Also, ernsthaft? Ein Pups als Einstieg? Eine Buchvorlage mit ihren Wurzeln in den 1950er Jahren? Internatsgeschichten? Okay, die Hanni und Nanni-Filme waren jüngst ja wohl auch irgendwie erfolgreich, aber das Ganze ist doch irgendwo zwischen staubig und elitär, wird hier auf stylish getrimmt mit den Hauptfiguren auf dem Skateboard zu flotter Musik, einer dicken Prise Harry-Potter-Ästhetik. Das Ganze natürlich schön geschlechtersepariert: Hier die Jungs, dort die Mädchen, damit auch ja die heterosexistische Ordnung nicht ins Wanken kommt… und die Monitore im Klassenzimmer sind so modern! Natürlich kommt auch in beiden Trailern eine ferngesteuerte Drohne vor. Ohne kann man doch keine Filme mehr machen, oder?

Ich sollte mal tief durchatmen. Wahrscheinlich kann und sollte man nicht nach den Standardversatzstückbaukasten, die hier als erste Trailer herhalten, schon beurteilen, was dann anschließend kommen mag, aber die Erfahrung mit deutschen Kinderfilmen zeigt: Meistens wird der Film dann nicht besser. Meistens wird er schlimmer. Ich habe in den letzten Jahren in so viele Abgründe sehen müssen. Der unfassbar kolonialistische, herablassende Exotismus von Fünf Freunde 3 (der vierte Film war übrigens keinen Deut besser. Sondern schlimmer). Das visuelle wie inhaltliche Grauen von Der kleine Medicus. Wie überhaupt man gelegentlich den Eindruck hat, dass wie dort den Film sofort jegliche Intelligenz verlässt, sobald er mit zu viel Computereinsatz erstellt wird. Da ist der Trailer zum neuen Mullewapp-Film schon wieder Mahnung, ach was, Drohung am Horizont.

Das sind nur die Abgründe, über die ich mich wenigstens echauffieren kann. Schlimmer sind womöglich noch die vielen Beispiele für gefälligen Durchschnitt, die man nicht einmal richtig schlecht finden kann, so schnell ist man eingeschlafen. Die schlaffen Märchenverfilmungen, die brav historischen, belanglosen Buchadaptionen, das egale Fernsehprogramm sowieso. Und ich habe Angst vor der Realverfilmung von Die kleine Hexe.

Warum ist das so, warum? Ich weiß ja, deutsches Kinderkino, dass du auch anders kannst. Du kannst den grandiosen Rico, Oskar und die Tieferschatten, und da ist selbst der dritte Film, Neele Leana Vollmars Regie und Andreas Steinhöfels Vorlage sei Dank, noch wirklich, wirklich sehenswert. Du machst widerspenstige Independent-Geschichten wie Reuber oder Tom und Hacke, die leider kaum jemand gesehen hat. Dann gibt es Coming-of-Age-Dramen wie Hördur – Zwischen den Welten und tolle Animationsfilme wie Der kleine Rabe Socke, von dem ich vorher dachte: Das wird doch nur fade Stangenware. Wie dumm von mir.

Aber du verhunzt zum Ausgleich auch eine eigentlich sichere Bank wie Doktor Proktors Pupspulver (okay, der war nicht nur schlecht) und förderst außerdem solche unsäglichen Streifen wie Keinohrhase und Zweiohrküken und V8 – Du willst der Beste sein, die beide letztlich so wirken, als seien sie Vanity-Produktionen ihrer (natürlich männlichen, natürlich bekannten, berühmten) Macher Schweiger und Masannek.

Ich verstehe ja, dass viel Ausschuß fabriziert wird. Während meiner Zeit in Frankreich wurde mir klar, dass diese große Kinonation auch nur deshalb im Ausland einen so guten Ruf genießt, weil es ein Großteil der im Land hergestellten und dort auch gezeigten Filme nie, nie, nie über die Grenzen schafft. Die gibt es hierzulande nicht einmal auf DVD, und wir können dankbar dafür sein: Da ist zum Teil recht derber Schrott dabei.

Aber das macht es ja nicht besser, dass der Kinderfilm hierzulande so einfallslos und unkreativ, so mutlos und vor allem: desinteressiert daher kommt. Dass man ernsthaft nach Themen und Bildern von anno dunnemals sucht, sich den Rest mehr oder minder simpel aus anderen Filmen zusammenklaut und das Ganze dann mit Scherzen würzt, die ich schon mit sieben nicht mehr lustig fand (das ist inzwischen fünfunddreißig Jahre her). Es kann doch, bitteschön, nicht sein, dass die Niederlande, Dänemark, Spanien, die USA, Frankreich alle mit großer Regelmäßigkeit wirklich sehenswerte Kinderfilme in die Welt setzen, während man froh ist, wenn pro Jahr eine Handvoll dabei ist, bei der man nicht schreiend den Raum verlassen möchte.

Ich habe keine echten Besserungsvorschläge, ich bin kein Filmemacher, und mir ist auch gerade nicht nach Lösungen oder Analysen zumute. Ich möchte lieber eine Filmklappe in Richtung der Gremien werfen, die Geld für Conni & Co. oder Burg Schreckenstein bewilligt haben. Ich möchte tobend wie Godzilla durch deutsche Studiokulissen stampfen und meine Feuerstrahlen auf schlechte Drehbücher richten.

Ich will im Kino Abenteuer und Gefühle sehen und Dramen und Freundschaft, will weinen und lachen und will, dass meine Weltsicht, und die meiner Kinder, aus den Angeln gehoben wird. Ich will Kunst, verdammt, oder wenigstens richtig gut gemachte Unterhaltung, die nicht so tut, als wäre ich oder wären meine Kinder hirnlose Rezeptionsvakui, oder tumbe Toren, die man mit schlichtesten Mitteln belehren könne, müsse oder gar dürfe. Gib mir, deutsches Kinderkino, verdammt noch mal mehr Filme, die mich fordern.

Meine heiße Liebe wäre dir gewiß.
Dein Rochus

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(Foto: Screenshot aus dem Trailer zu Burg Schreckenstein (bearbeitet). Mit Dank an @henscheck für die Inspiration.)

Autor: Rochus Wolff

Filmkritiker seit 2004. Vater seit etwas später. (Homepage)

9 Gedanken zu „Deutsches Kino, wir müssen reden!“

  1. Dieser Aufschrei spricht mir aus dem Herzen. “Gut gebrüllt Löwe!” oder wie Rico sagen würde: Mann, Mann, Mann! (oder man, man, man?) Danke für diesen Artikel, ich hoffe, die Richtigen werden ihn auch lesen!

  2. Oh,
    ich dachte es ging um Cornelia Funke – das erklärt einiges ;o) Anonsten kann ich nur mit Resignation dienen: Ich habe den deutschen Film an sich schon vor Jahren aufgegeben, und freue mich dann einfach, wenn mal zwischendurch eine Perle über den Schweighöfer/Schwaiger-Einheitsbrei hochgeschwemmt wird – der Rest wird einfach links liegen gelassen.
    Es gibt heute so viel Material, dass man seinen Kinder dies einfach nicht antun muss.

  3. Diesem Stoßseufzer kann man nur zu 100 % zustimmen! Es ist wirklich schlimm, was Kindern und ihren Eltern im kommerziellen Kino vorgesetzt wird.
    Zum Glück gibt es, außer den genannten, aber auch bei deutschen Kinderfilmen noch ein paar weitere rühmliche Ausnahmen, die man allerdings mit der Lupe suchen muss: zum Beispiel die deutschen Produktionen “Lola auf der Erbse”, “Quatsch und die Nasenbärbande”, “Winnetous Sohn”, “Paulas Geheimnis”, “Die Blindgänger”, “Der Schatz der weißen Falken”, “Blöde Mütze”, oder die Klassiker “Hände weg von Mississippi” und “Flussfahrt mit Huhn” – übrigens alles Filme, die mit großem Erfolg in der Kinderfilm-Reihe THEA & KIKI im Scala-Kino Neckarsulm gezeigt wurden.
    http://www.hierspieltdiemusik.info/index.php?id=6

  4. Vielen Dank für deinen erfrischenden Bericht, du hast den Nagel auf den Kopf getroffen. Ich bin auch immer mehr von den deutschen Kinderfilmen enttäuscht. Was die da verfilmen ist gruselig und schrecklich schlecht. Andere Länder schaffen es doch auch fantastische Kinderfilme zu drehen, wo ist also hier das Problem? Da wird schnell was aus dem Boden gestampft, 08-15, mit Schauspielern, die man vom Namen her kennt, um möglichst die Kinokasse klingeln zu lassen. Aber diese Enttäuschungen kann man sich und seinen Kindern wirklich ersparen. Grüße und schönes Wochenende, Myriam

  5. Ohaaa ja! Einfach nur JA! Ich wollte kürzlich mir ein paar Freundinnen “Bibi & Tina: Voll verhext!” gucken. So aus rein nostalgischen Gründen… Weil wir halt alle als Kinder Bibi Blocksberg geliebt haben und auch jetzt noch gerne mal eine Kassette hören. Aber das war einfach nicht zu ertragen! Nach 20 Minuten haben wir dann Schluss gemacht. Sowas einfallsloses… da hats auch nicht geholfen, dass die Farben bis zum erbrechen übersättigt wurden.

    1. @Sumi: Übersättigt? Ich dachte, die Natur sieht wirklich so aus. Vielleicht sollte ich mal wieder raus. :-P

      Ich glaube das Problem ist doch, dass man als erwachsener Zuschauer gelernt hat, dass man Kinder(filme) nicht ernst nehmen darf. Und dieses Verständnis überträgt sich dann auch auf die Produktion von Kinderfilmen. “Darf man nicht ernst nehmen” wird zu “kann man nicht ernst machen”. In der Umkehrung geht es vermutlich auch deshalb dem Animationsfilm für Kinder besser – weil er eben auch vom erwachsenen Publikum ernstgenommen wird und darum auch ernste Themen behandelt. Meine Theorie.

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