Kinderfilmfest München 2019

In München ist man schon mal einfach so sehr stolz auf die Stadt, aber seit gestern Abend läuft dort das wirklich sehr stolzenswerte Filmfest München, das für die Zwecke dieses Blogs hier sich auch noch dadurch auszeichnet, dass es in sich drin ein Kinderfilmfest (bis 6. Juli) versteckt, dessen Programm sich gewaschen hat, mit Glitter gepudert und anschließend noch Strähnchen dran. Kuratiert wurde es in diesem Jahr von Katrin Miller und leider zum letzten Mal von Katrin Hoffmann, die in den letzten Jahren – ich habe das hier ja immer wieder betont – großartige Filme auf die Leinwände gebracht hat.

Eröffnet wird das Festival heute Nachmittag mit Mein Lotta-Leben – Alles Bingo mit Flamingo! (FSK 0, empfohlen ab 8 Jahren), die Verfilmung zur sehr erfolgreichen Buchreihe. Normalerweise gehe ich solche Projekte ja eher mit großem Zynismus und wenig Hoffnung an, da aber die famose Neele Leana Vollmar, der wir die zwei besten Rico und Oskar-Filme verdanken, auf dem Regiestuhl saß, und der frisch erschienene Trailer so richtig schön Banane wirkt, wage und fasse ich Hoffnung.

Ein paar Filme aus dem Programm kenne ich schon; Meine wunderbar seltsame Woche mit Tess (FSK 0, empfohlen ab 9 Jahren) lief bereits auf der Berlinale (ausführliche Kritik hier), eine tolle Coming-of-Age-Geschichte von der holländischen Küste, deren einzige Schwäche meiner Meinung nach ist, dass die Titelfigur nicht auch die Hauptperson der Geschichte ist. Aber nun gut. Das ist in Invisible Sue – Plötzlich unsichtbar (FSK 6, empfohlen ab 10 Jahren) definitiv anders. Diese deutsch-luxemburgische Koproduktion versucht (mit heftigen Anleihen an die Invisible Woman a.k.a. Sue Storm von den Fantastic Four) eine kindgerechte Superheldinnengeschichte zu erzählen. Das gelingt nicht ganz so schön, wie ich es mir erhofft hatte, aber sehr unterhaltsam ist der Film (der auf keiner Comic- oder Buchvorlage beruht) dann eben doch.

Etwas weniger dramatisch, aber fast noch phantasievoller geht es in Lotte und die verschwundenen Drachen (FSK 0, empfohlen ab 5 Jahren) zu, dem dritten der Lotte-Filme nach dem jetzt schon acht Jahre alten Lotte und das Geheimnis der Mondsteine. Hier macht sich Lotte mit ihrer frisch geborenen Schwester eher nolens volens auf die Suche nach den im Titel erwähnten Drachen; das Panorama an Seltsamkeiten und schrägen Figuren, das sich durch den Film zieht, ist allein schon den Besuch wert, vor allem aber bekommt man selten einen Kinderfilm zu sehen, der so von Anfang bis Ende von tiefer Liebe durchzogen ist und nie, nie, nie auch nur in die Nähe von Gefühligkeit oder gar Schmalz kommt. Ein beglückender Ausflug auch für unerfahrene Kinobesucher_innen.

Über die anderen Filme, das Kurzfilmprogramm eingeschlossen, kann ich leider nicht viel sagen. Könnte ich allerdings vor Ort sein, ich würde mir jeden einzelnen Film ansehen wollen; also tut das, wenn Ihr könnt, unbedingt an meiner statt. Und lasst mich gerne wissen, was Ihr von den Filmen haltet, die Ihr gesehen habt!

Es gibt das gesamte Programm des Kinderfilmfests auch hier als Flyer (PDF) mit den Vorführungszeiten und -orten (inkl. einem kleinen Fehler: Mein Lotta-Leben – Alles Bingo mit Flamingo! wird am (heutigen) Freitag, den 28. Juni, das erste Mal gezeigt, nicht am Samstag.)

(Fotos: Filmfest München)

Rico, Oskar und der Diebstahlstein (2016)

Mit Rico, Oskar und der Diebstahlstein gehen die Abenteuer der beiden Jungs in die dritte (und letzte) Runde – vor zwei Jahren hatten die beiden im Kino ihren fulminanten Einstand. Für filmstarts.de habe ich aufgeschrieben, warum ich den Film von Neele Leana Vollmar nur wärmstens empfehlen kann, aber hier sind noch ein paar Gründe:

  • Weil hier (wie schon im Buch) ein Schwulenpaar ganz selbstverständlich vorkommt. Niemand findet das seltsam oder thematisiert ihre Homosexualität, niemand hat Angst oder glaubt, sie seien pädophil.
  • Weil sich hier Freunde streiten und wieder vertragen. Weil sie über ihre Gefühle mal sprechen, mal nicht.
  • Weil es Unsicherheit gibt und Traurigkeit.
  • Weil sich die Jungs am FKK-Strand ausziehen (zur besseren Tarnung, wie Rico völlig klar konstatiert) und dann sichtbar und ohne Klamauk zwischen Nonchalance und Scham schwanken, ganz wie es Kindern in diesem Alter angemessen ist.
  • Weil man hier nicht unbedingt stark sein muss und auch schon einmal Mist bauen kann. Weil daraus nicht gleich ein den Film entscheidendes Drama konstruiert wird.
  • Weil hier Intelligenz nicht alles ist und Stärke schonmal gar nicht.
  • Weil hier die meisten Menschen erst einmal guten Willens, aber eben auch nicht vollkommen sind. So wie das im Leben oft genug auch der Fall ist.
  • Weil ich die alten Bundesbahn-Waggons so lange schon nicht mehr im realen Leben gesehen habe.
  • Weil ich jetzt nicht mehr “Bernstein” sagen kann, ohne an Durchfall zu denken.
  • Weil der Film Hoffnung für’s deutsche Kinderkino macht. Trotz allem.
  • Weil wir noch mehr Filme brauchen, in denen Gehörlose ganz nebenbei und unproblematisch in die Handlung und ins Leben integriert werden.
  • Weil Kinder im “echten Leben” eben auch all das sind: Schlau und dumm, mutig und ängstlich, stark und schwach, frech und freundlich.
  • Weil der Film (wie schon seine Vorgänger) “Stars” in kleinen Cameo-Rollen platziert, ohne großen Bohei darum zu machen.
  • Weil sich hier geradezu surreale Momente elegant in eine quasi-realistische Handlung einbetten. Und damit zeigen, was Kino kann, ganz ohne Superhelden und große Spezialeffekte.
  • Weil wir immer wieder eine Dosis Ostsee für die Sehnsucht brauchen, und eine Ahnung von Sommer gerade wirklich sehr dringend.
  • Weil Neele Leana Vollmar nach zwei großen Filmerfolgen jetzt hoffentlich weiter gutes Kino machen darf.
  • Weil hier die Kinder klar im Zentrum stehen, ihre Gefühle, Gedanken und Sorgen – und Eltern deshalb mal Nebensache, mal absolut wichtiger Teil des Ganzen sind.

Ab sofort im Kino.

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Rico, Oskar und der Diebstahlstein, Deutschland 2016. Regie: Neele Leana Vollmar, 94 Min. Kinostart: 28. April 2016. FSK 0. (Empfehlung: ab 8 Jahren)

(Fotos: 20th Century Fox)

Interviews: Rico, Oskar und die Tieferschatten

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Heute startet der sehr großartige Kinderfilm Rico, Oskar und die Tieferschatten in den deutschen Kinos (eine ausführliche Lobpreisung habe ich ja bereits geschrieben), Neele Leana Vollmars Verfilmung des nicht minder wunderbaren Kinderbuchs (amazon) von Andreas Steinhöfel.

Vorab habe ich die Möglichkeit gehabt, Andreas Steinhöfel, die Regisseurin Neele Leana Vollmar sowie die Hauptdarsteller_innen Anton Petzold, Juri Winkler und Karoline Herfurth in Berlin zum Interview zu treffen – wir haben übers Berlinern gesprochen, über ihre Lieblingsszenen im Film und darüber, ob man den Film schon kleinen Kindern zumuten kann, darf oder vielleicht sogar sollte. Und natürlich über ihre Lieblingskinderfilme.

Viel Vergnügen!

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(Seid gnädig mit mir, es ist mein erstes selbstgeschnittenes Video. Und viele Dinge, die in den Interviews zur Sprache kamen, mussten jetzt wegfallen, weil ich keine Zeit mehr hatte, noch mehr Material einzubinden. Ich hoffe, es gefällt Euch trotzdem!)

(Foto: 20th Century Fox)

Rico, Oskar und die Tieferschatten (2014)

Rico ist ein tiefbegabtes Kind – so nennt er sich selbst, weil er sich nicht immer alles so gut merken kann und in seinem Kopf die Gedanken manchmal wie Bingokugeln hin- und herrollen. Aufgeweckt und selbstbewusst ist er glücklicherweise dennoch, trotzdem ist es ein wunderbarer Zufall, der ihn mit Oskar zusammenführt – denn Oskar ist weniger mutig als Rico, dafür aber hochbegabt und kann unter anderem die ersten hundertzehn Primzahlen auswendig aufsagen.

kifife_logo_2014_posEs sind also zwei klassisch gegensätzliche Kinder, die in Andreas Steinhöfels Kinderbuch Rico, Oskar und die Tieferschatten (amazon) aufeinander stoßen – und, wie sich später herausstellt, dies gar nicht so zufällig tun, wie Rico ursprünglich denkt. Aber da ist aus der Geschichte einer seltsamen Freundschaft, erzählt aus den Tagebuchaufzeichnungen Ricos, schon längst zu einer Art Berlinroman für Kinder und einer handfesten Kriminalgeschichte geworden.

Steinhöfel wurde für Rico, Oskar und die Tieferschatten zurecht mit Preisen überschüttet – das Buch ist witzig, einfühlsam, spannend und authentisch. Nicht zuletzt scheint immer wieder durch, dass der Autor selbst zwanzig Jahre lang in der Kreuzberger Dieffenbachstraße gelebt hat, in der auch Rico sein zuhause hat. Und natürlich bedeutet das, dass auch über eine Verfilmung nachgedacht wurde (andere Bücher von Steinhöfel wie Es ist ein Elch entsprungen hat dieses Schicksal bereits ereilt). Im Fall von Rico, Oskar und die Tieferschatten ist daraus ein seltener Glücksfall geworden, der bislang beste deutsche Kinderfilm des Jahres. „Rico, Oskar und die Tieferschatten (2014)“ weiterlesen