Hacker (2018)

Als kleiner Junge erlebt Benjamin versteckt im Schrank mit, wie seine Mutter vor einer Gruppe sehr seltsam agierender Männer aus ihrer Wohnung flieht – und dann stürzt sie, so wird er später erfahren, in einen Fluss und kommt dabei ums Leben. Was da eigentlich geschehen ist, bleibt für ihn mysteriös – nur ein paar Gesichter behält er in Erinnerung, und das Wort “Zeus”.

Szenenbild: Hackers Einige Jahre später lebt der 13-jährige im Waisenhaus und bessert sich sein Taschengeld erheblich dadurch auf, dass er sich in Schuldatenbanken hackt und die Noten seiner Mitschüler_innen aufbessert. Dann aber sitzen auf einmal zwei Männer vom Geheimdienst im Büro der Schulleitung und haben Fragen zu seiner Mutter – denn diese soll auf einem Überwachungsvideo aufgetaucht sein. Ist sie doch nicht tot? Benjamin stellt Nachforschungen an, und sich in die Server des Nationalen Sicherheitsdienstes einzuhacken ist dabei nur der erste Schritt…

Poul Bergs Überwachungs-Hacker-Thriller ist, sowas mag ich ja immer sehr gerne, äußerst solides Genrekino für Kinder – wie es sich gehört, sitzen hier unschuldige Hacker vor ihren Laptops und löten sich ihre Tools zusammen, während dort in blauschimmernd ausgeleuchteten Räumen voller Bildschirme finster blickende Schergen mit Headsets sich gegenseitig Befehle zuknurren – und ihre Loyalität gegenseitig in Frage stellen. Denn natürlich geht es hier um viel, unter völliger Kontrolle macht man’s in dieser Art Filmen nicht, und “Zeus” ist nicht von ungefähr der Name des ganz obersten Gottvaters.

Dass Benjamin primär die Suche nach seiner Mutter antreibt, hält dabei die ganze Handlung nicht nur zusammen, sondern auch zugänglich; wie überhaupt das alles, ganz genre-untypisch, von den technischen Übertreibungen abgesehen, erstaunlich down-to-earth daherkommt. Dass Berg zudem die Klassiker von War Games: Kriegsspiele (1983) bis Hackers – Im Netz des FBI (1995) kennt, zeigt sich an subtilen Hinweisen hie und da; Benjamins Frisur zum Beispiel ist quasi direkt von Jonny Lee Millers Dade ausgeliehen, sein weiblicher Sidekick erinnert in vielem eher an Ally Sheedys Jennifer. (Dass die Geschlechterstereotype nicht umgedreht wurden, ist natürlich schade – aber wenigstens ist Benjamins Mutter, die in der Tat noch am Leben ist, eine auch technisch sehr versierte Wissenschaftlerin.)

Der Film macht auch ohne diese Anspielungen Spaß, auch wenn ihm im letzten Viertel, zum unvermeidlichen Showdown im Hauptquartier der Bösewichte, nach dieser und jener Überraschung ein wenig Tempo, Luft und Glaubwürdigkeit ausgehen. Aber das macht da schon nicht mehr so viel aus, es bleiben immer noch anderthalb Stunden sehr sehenswerter Kinderthriller.

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Hacker. Dänemark/Schweden 2018. Regie: Poul Berg, 97 Min. Empfohlen ab 10 Jahren. (Der Film läuft noch am 25. September 2019 auf dem LUCAS-Filmfestival.) – Pädagogisches Begleitmaterial.

(Foto: LUCAS-Festival/Martin Dam Kristensen)

Land aus Glas (2018)

Nicht unbedingt ein Wochenende nach Jas’ Geschmack: Sein Vater muss eine Extratour mit dem Lastwagen machen und wird erst spät am Sonntag zurückkehren, sein bester Freund Isak spielt mit Freund_innen Videospiele, auf die Jas keine Lust hat, und das alles im ländlichen Dänemark. Auf der Exkursion in ein Wolfsreservat findet Jas rote Betäubungspfeile, aber daheim erwartet ihn eine noch größere Überraschung: In der Scheune verstecken sich eine alte Frau und ein junges Mädchen, und der 13-jährige (Albert Rudbeck Lindhardt) weiß zunächst nicht ganz genau, wie er mit ihnen umgehen soll. Zumal Neia (Flora Ofelia Hofmann Lindahl) und Alva (Vigga Bro) mehr als nur ungewöhnlich sind.

Der Titel des dänische Spielfilms Landet af Glas bezieht sich auf die gläsernen Gewächshäuser, die Jas’ Eltern vor dem Tod der Mutter betrieben haben, in der Hoffnung, dass dort wirklich etwas wachsen werde; inzwischen ist es eine halb heruntergekommene Brache, in der ein kleines Schiff dem Jungen ein Refugium bietet. Schon diese Welt trägt einen Hauch von Magie in sich, nicht minder die Wälder rund herum.

Die Autor_innen und Regisseur_innen Marie Rønn und Jeppe Vig Find erzählen die Geschichte von Jas und Neia mit ruhiger Hand; es geht um Verlust, Trauer und Hoffnung, aber alles ohne jede Sentimentalität. Es geht um Magie und eine Welt jenseits dessen, was wir als normal wahrnehmen, aber ohne jedes Effektgewitter. Es ist ein mitreißendes Drama, aber in ganz und gar stillen Tönen. Der Blick bleibt dabei stets bei Jas, bei seiner (nie ausgesprochenen) Suche nach Heilung, nach einem Ende für diese Trauer, nach etwas jenseits von Trostlosigkeit, die am Anfang sein Leben zu bestimmen scheint.

Zugleich ist das natürlich eine Abenteuergeschichte, mit fragwürdigen Helfern und düster daherkommenden Geheimagent_innen, in der ein bester Freund wie Isak (Arien Takiar) sich beweisen kann – und selbst Verfolgungsjagden aber auf einem Niveau bleiben, das die Grenzen der Wahrscheinlichkeit nicht überschreitet. Wenn man schon ignoriert, dass man es hier mit Elfen zu tun hat.

Land aus Glas lief im vergangenen Jahr bereits auf den Nordischen Filmtagen Lübeck und ist jetzt auf dem Lucas Filmfestival in Frankfurt a.M. zu sehen.

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Land aus Glas (Landet af Glas). Dänemark 2018. Regie: Marie Rønn/Jeppe Vig Find, 87 Min. Empfohlen ab 10 Jahren. (Die dänische Fassung mit engl. Untertiteln ist auf amazon erhältlich.)

(Pädagogisches Begleitmaterial zum Film)

Foto: Sine Vadstrup Brooker/Nordische Filmtage Lübeck

Antboy – Superhelden hoch 3 (2016)

Ich habe diese Besprechung jetzt eine ganze Weile vor mir hergeschoben, und das sagt (auch wenn ich sonst viel zu wenig zum Schreiben komme) in diesem Fall schon eine ganze Menge. Denn ich mochte Antboy sehr, die Fortsetzung Antboy: Die Rache der Red Fury womöglich noch ein bißchen mehr. Mit dem dritten Film nun, Antboy – Superhelden hoch 3 wurde ich nicht warm, es hakte und klapperte im Gestühl der Handlung. Nunja.

Der Titelheld ist immer noch eine der schöneren Superheldenfiguren der letzten Jahre – das Kino der Erwachsenen eingeschlossen. Und selbst dieser dritte Film ist immer noch besser als das meiste, was deutsche Produktionen so auf die Leinwand bringen – aber meine Erwartungen waren nach den ersten Filmen hoch und wurden doch leider enttäuscht. Wie und warum, habe ich für kino-zeit.de genauer aufgeschrieben.

https://www.youtube.com/watch?v=d67ukgoC0Vc

Antboy – Superhelden hoch 3, Dänemark 2016. Regie: Ask Hasselbalch, 88 Min. FSK 6. Kinostart: 6. Oktober 2016.

(Fotos: MFA+)

Filmfest München: Der lange Weg nach Norden (2015)

Sie ist ein wenig fremd, ein wenig altertümlich, jedenfalls von ihren eigenen Gesetzen bestimmt, die Welt, in der die 15-jährige Sacha lebt. Man schreibt das späte 19. Jahrhundert in St. Petersburg, ihr Vater macht sich Hoffnungen auf die Position als russischer Botschafter in Rom. Aber auf Sachas Debütantinnenball kommt es zum Eklat, denn das Mädchen bedrängt den Prinzen Tomsky, man möge doch noch einmal nach ihrem verschollenen Großvater und seinem Schiff suchen; die “Dawai” (“Vorwärts”) gilt als im Eis verschollen, seit sich Sachas Opa dort auf die Suche nach der Nordost-Passage gemacht hatte.

kifife_logo_2016_600px Rémi Chayé macht schon früh klar, dass die Heldin seines Animationsfilms Der lange Weg nach Norden sich nicht gerne fügt, nicht gerne schweigt; nur das Durchhalten muss sie noch lernen. Aber das findet sich, nachdem sie heimlich ihr Elternhaus verlassen hat, um auf eigene Faust nach der “Dawai” zu suchen, nur mit Notizen ihres Großvaters bewaffnet – schließlich muss man etwas hartnäckig sein, um ein Schiff zu finden, das eine junge Frau mit auf die Reise ins ewige Eis nimmt.

Der lange Weg nach Norden lief gestern auf dem Kinderfilmfest München; meine detaillierte Kritik ist im Festivalblog von kino-zeit.de erschienen.

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Der lange Weg nach Norden (Tout en haut du monde), Dänemark/Frankreich 2015. Regie: Rémi Chayé, 81 Min. FSK k.A., empfohlen ab 8 Jahren. (Auf dem Filmfest München.)

(Fotos: Filmfest München)

Zafir – Der schwarze Hengst (2003)

Es wäre ein Irrtum zu glauben, in Pferdeabenteuern ginge es meist hauptsächlich um Tiere. Natürlich kann Tierliebe ein zentraler Punkt des Films sein – etwa wenn ein Pferd vor dem Verkauf an einen niederträchtigen Züchter oder sogar vor dem Abdecker bewahrt werden soll. Aber dahinter werden in aller Regel auch noch universellere Themen verhandelt: Probleme in der Familie, die erste Liebe, das Erwachsenwerden – was jugendliche Herzen eben bewegt. Bei Zafir – Der schwarze Hengst (amazon) ist das nicht anders: Die zwölfjährige Anna (Rose Marie Hermannsen) verbringt viel Zeit auf dem Reiterhof und nimmt sogar an Turnieren teil. Am liebsten würde sie auf dem Hengst Zafir reiten, aber das Tier gilt als aufbrausend und unberechenbar. Annas große Schwester ist sogar bei einem Unfall mit Zafir ums Leben gekommen – auch deshalb soll er nun verkauft werden. Doch dann taucht auf einmal das Flüchtlingskind Sharbat (Katrine Schnoor) auf, das immer wieder aus seinem Heim abhaut, um bei den Pferden sein zu können. Dabei scheint Sharbat ein ganz besonderes Gespür für die Tiere zu besitzen, denn von ihm lässt sich Zafir problemlos betreuen.

Warum der dänische Film aus dem Jahr 2003 auch heute noch als kindergerechte Betrachtung zum Thema Flüchtlinge taugt, habe ich in meinem Familientipp zum Wochenende auf filmstarts.de beschrieben.

(Fotos: MFA+)