Filmkritiken

Das geheime Stockwerk (2025)

Karli kann mit dem Aufzug in die Vergangenheit fahren. Seine Eltern renovieren gerade das Grand Hotel d’Europe (Nomen, wie man sehen wird, ist auch ein Stück weit Omen) im Salzburger Land, und bei einer Fahrt mit dem rappeligen Lastenaufzug landet der 11-Jährige unversehens im Jahr 1938, die Nazis halten sich für die Größten, jüdische Mädchen werden beschimpft und lächerlich gemacht.

Norbert Lechner hat einen Kinderfilm gemacht, in dem die pädagogische Perspektive alles durchwirkt. Denn Karli ist, das deutsche Bildungssystem hätte da womöglich etwas aufzuholen, allenfalls vage bewusst, dass in genau dieser Vergangenheit vielleicht nicht alles so richtig dolle ist, und von seinen neuen Freunden Hannah und Georg erfährt er ein wenig, was los ist, bei Ausflügen zurück in unsere Gegenwart von seiner Mutter ein wenig vorsichtig redigierten Überblick.

Was direkt die Frage aufwirft: Was dürfen, sollen, müssen wir unseren Kindern zumuten, und wann? Vor fünf Jahren hatte ich mir schon einmal ein wenig Gedanken darüber gemacht, wie der Kinderfilm über den Holocaust erzählen kann, und auch das ist natürlich nur eine Variation auf die Frage, wie man den überhaupt von diesem Verbrechen erzählen kann. Denn wir müssen ja, und je weiter die Zeit des Nationalsozialismus in die Vergangenheit rückt, umso mehr sollten wir.

Lechner und seine Drehbuchautorinnen Antonia Rothe-Liermann und Katrin Milhahn entscheiden sich hier dafür, den Holocaust in den Hintergrund zu rücken; der eigentliche Schrecken bleibt hier verdeckt in traurig beguckten Andeutungen. Das ist natürlich, gerade für einen Kinderfilm, nicht unbedingt verwerflich. Schließlich soll hier mit Hoffnung auf Änderung und Weiterleben hantiert werden, weil der Film weniger an Präzision im historischen Zugriff als mehr am Blick aufs Handeln in einer Gegenwart (der heutigen und der damaligen) orientiert ist.

Es entspricht auch der Begrenzung der Welt in diesem Film: Allein auf das Hotel und seine Bewohner*innen bezogen, auf ein kurzes Stück Zeit. Das geheime Stockwerk kleidet die Wahrheitsfindung seines Protagonisten außerdem noch in eine kleine Kriminalgeschichte, das hat Lechner schon bei seinem großartigen Tom & Hacke genutzt, um geschichtliche Kontexte für Kinder nachvollziehbarer zu machen: Indem sie bei ihren „Ermittlungen“ auf Wahrheiten stoßen.

Das geheime Stockwerk bietet eine Art und Weise, über diese Vergangenheit zu sprechen, aber selbstverständlich, das sähe sicher niemand im Filmteam anders, die einzig wahre, und mehr noch: Diese Geschichte bietet einen Anfangspunkt, dem weitere Gespräche und härtere Wahrheiten folgen müssen.

Für kinofenster.de habe ich ein wenig mehr zu Das geheime Stockwerk aufgeschrieben.

https://www.youtube.com/watch?v=xa_tnbUR9U

Das geheime Stockwerk. Deutschland, Österreich, Luxemburg 2025. Regie: Norbert Lechner, 95 Min. FSK 6, empfohlen ab 10 Jahren. Kinostart: 12. März 2026.

(Fotos: Kevin Lee, Amour Fou/farbfilm Verleih)

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