Filmkritiken

Der geheime Garten (2020)

Wir schreiben das Jahr 1947, und Mary Lennox ist gerade einmal zehn Jahre alt, als sie aus dem Leben, das sie bisher kennt, herausgerissen wird. Ihre Eltern sind plötzlich verstorben, und so landet sie auf dem Landgut ihres Onkels Archibald Craven, irgendwo in den Mooren von Yorkshire gelegen.

Das ist natürlich eine ganz und gar andere Welt, in die das Mädchen da geworfen wird – nicht nur Natur und Klima sind völlig anders, auf einmal kümmert sich niemand mehr um sie, interessiert sich auch nur für sie. Archibald und seine Haushälterin (Colin Firth, Julie Walters) wollen, dass sie möglichst unsichtbar bleibt und vor allem nicht überall im riesigen Haus herumspringt. Aber das weckt natürlich erst recht ihre Neugier, ebenso wie der geheimnisvolle Garten, dessen Tor seit Jahren verschlossen zu sein scheint…

Regisseur Marc Munden und Drehbuchautor Jack Thorne (der gerade sehr viele sehr britische Stoffe umsetzt: Enola Holmes, The Aeronauts…) entfernen sich ein ziemlich weites Stück von der literarischen Vorlage, dem Kinderbuch The Secret Garden von Frances Hodgson Burnett, das als ein Klassiker der britischen Kinderliteratur gilt.

Im Buch (1911 veröffentlicht und mit beiden Beinen tief im Kolonialismus des britischen Königreichs verankert) ist Mary ein ungeliebtes, verzogenes Mädchen, um das sich schon Vater und Mutter praktisch nicht gekümmert hatten; eine Bedienstete betreut sie, die ihr immerzu zur Verfügung steht und auf die Mary sehr arrogant herabblickt. Das Mädchen kann sich nicht einmal selbst anziehen.

Der neue Film (das Buch wurde schon mehrfach verfilmt, das erste Mal bereits 1919 – der Stummfilm gilt als verschollen – und am bekanntesten wahrscheinlich 1993 von Agnieszka Holland) macht seine Heldin wesentlich sympathischer und geliebter, den Kopf voll mit Geschichten, die ihre Wurzeln in indischer Mythologie zu haben scheinen.

Der titelgebende „geheime“, vor allem verschlossene Garten, der sich zunächst Mary und ihrem neuen Freund Dickon (Dixie Egericks, Amir Wilson) öffnet, begleitet hier dann, anders als im Buch, weniger Marys Gesundung und Heilung, sondern vor allem die Rückkehr von Marys Onkel und ihrem Cousin Colin (Edan Hayhurst) zu einem Leben außerhalb der engen Begrenzungen ihrer Zimmer auf Misselthwaite Manor.

Garten schön, Moor düster: Der Film macht es sich etwas einfach

Der Garten erblüht derweil in schönster CGI-Pracht, es ist wirklich eine Freude und ein Farbenmeer, aber diese Schönheit ist, da macht der Film es sich etwas zu einfach, schon von selbst da – der verschlossene Garten, auch nach zehn Jahren ohne Pflege ein Blütenmeer, während draußen das Moor nur grau und finster ist? So entfällt nicht nur die Gartenpflege, auch die psychischen Probleme sind – ein dem Film neu hinzugefügter, kathartischer Moment der Gefahr wirkt da als Katalysator – ein wenig zu leicht weggewischt und behoben.

So ist Der geheime Garten in Mundens Vision ein wundersamer, bunt strahlender Ort, an dem Schicksale erinnert und Wunden geheilt werden – aber er ist eben auch ein Ort außerhalb der Realität, an dem Krieg, Vernachlässigung, Kolonialismus, Rassismus und seelische Narben keine wirklich tragende Rolle spielen. Als Unterhaltung geht das natürlich völlig in Ordnung, seine Botschaft verliert damit aber deutlich an Tiefe.

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Der geheime Garten (The Secret Garden). Großbritannien/Frankreich/USA/China 2020. Regie: Marc Munden, 99 Min. FSK 6, empfohlen ab 9 Jahren. Kinostart: 15. Oktober 2020.

(Foto: Studiocanal)

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