Filmkritiken

Die Boonies – Eine bärenstarke Zeitreise (2019)

Ich will ja gar nicht sagen, dass zwingende Erzähllogik der Goldstandard des Kinos sein muss. Wenn sich ein Handlungsschritt nachvollziehbar aus dem nächsten ergibt, Dinge als direkte Folge vorangegangener Ereignisse passieren, über allem ein Spannungsbogen sich spannt, bis am Schluss ein den Anfang spiegelndes, für eine Gesamtschau geeignetes Ende sich logisch ergibt: Das ist zwar etwas, dass das narrative Kino gerne pflegt, aber erstens findet es in Reinkultur selten statt, und zweitens streichelt es manchmal nur sehr faden, dünnen Stoff zu vermeintlichem Leben.

Assoziative, visuell erzählende oder auch nur behauptende Filme können dagegen sehr aufregend sein. Aber auch bei ihnen möchte man doch, dass es zumindest eine innere Stringenz gibt, irgendetwas, das alles zusammenhält. Fiktion zieht ja doch, wenn sie sich nicht bewusst ins Experimentelle wagt, viele Stärken daraus, nicht so erratisch und beliebig zu sein wie das Leben selbst.

Das alles ist jetzt nur ein ziemlich an den Haaren herbeigezogener Weg um auszudrücken, dass Die Boonies – Eine bärenstarke Zeitreise kein bisschen Sinn ergibt, keiner erkennbaren narrativen Struktur folgt, sich hier nur sehr wenig logisch oder zwingend aus dem anderen ergibt, stattdessen in großer Beliebigkeit eine Art deus ex Zufall regiert. Aber experimentelles Kino ist dieser chinesische Animationsfilm natürlich auch nicht, sondern konventionellstes Kinder-mit-Bildeindrücken-und-Geschrei-Zuknallkino.

Der Film ist bereits der siebte in einer Reihe von Filmen, die seit 2013 entstanden sind, beruhend auf einer Fernsehserie, von der ich noch nie gehört hatte, die aber laut Pressematerial seit 2012 bereits mehr als 600 Folgen hervorgebracht habe und in über 80 Ländern zu sehen sei. Für Deutschland gilt das meines Wissens nicht, so dass die meisten Zuschauer_innen hierzulande völlig unvorbereitet auf die drei Protagonisten sein werden.

Ohne besonderen Grund ab in die Steinzeit

Diese sind zwei sprechende Bären, Briar und Bramble, die aus unerfindlichen Gründen mit einem weder in Persönlichkeit noch Gedankenschnelle besonders ansprechenden Menschen namens Vick zu Beginn des Films eine Führung in einer Höhle leiten. Plötzlich fliegen ein paar blau leuchtende Schmetterlinge vorbei, und schwuppdiwupp, landen die drei in der Steinzeit. (Genauso kehren sie am Ende auch wieder zurück.)

Da laufen dann also Mammuts, Säbelzahntiger, rasende Schildkröten mit Edelsteinen auf dem Panzer und andere Tiere durch die Gegend. Kommunikation findet nur mit der jungen Wölfin Feifei statt, die sich von ihrem Rudel getrennt hat, um die legendäre “Tapferkeitsfrucht” zu finden, und sich mit Briar anfreundet.

Bramble und Vick stoßen derweil auf eine Gruppe Steinzeitmenschen, die sie eigentlich aufessen wollen, davon aber wegen Vicks Smartphone Abstand nehmen; die junge Anführerin des Stamms verliebt sich aus wirklich komplett unerfindlichen Gründen spontan auch noch in Vick.

Zwischendrin werden Gruppen getrennt und wieder vereint, das Wolfsrudel möchte alle verspeisen, die bisher in diesem Text erwähnt wurden, die sprachliche Kommunikation mit den Menschen wie mit den Wölfen funktioniert erstaunlicherweise völlig problemlos, es gibt haufenweise elaborierte Prügelszenen mit den Wölfen, einem Haufen wilder Schweine und den Steinzeitmenschen, es wird überhaupt viel gebrüllt und geschrieen… aber nein, was das alles soll, warum wer was wann macht, das alles wird nie (oder wenigstens: sehr selten) so richtig klar.

Schlimmer noch, die Figuren bleiben so stereotyp, dass man überhaupt kein Interesse an ihnen oder ihrem Schicksal entwickelt. Wölfin Feifei, voll im Kindchenschema, soll noch am ehesten unsere Sympathie wecken, hat aber halt überhaupt keine Ecken und Kanten, unter den eigentlichen drei Hauptfiguren sind die Bären bestensfalls wurscht, aber Vick primär und extrem nervig.

Im Gegensatz dazu ist die computergenerierte Animation durchweg schön anzusehen; gerade in dramatischen Szenen werden extreme Zeitlupensequenzen vielleicht ein wenig zu oft eingesetzt, aber selbst das schaut man sich gerne an. Es flauscht das Fell, es verharren sich prügelnde Gruppen in beeindruckenden Panels wie aus klassischen Gemälden sekundenlang in der Luft (da hat der Film sich eine große Scheibe aus den letzten Avengers-Filmen abgeschnitten).

Die anderthalb Stunden großer Langeweile, die der Film verbreitet, wiegt das allerdings leider gar nicht auf.

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Die Boonies – Eine bärenstarke Zeitreise (Xiong chu mo: Yuan shi shi dai/Boonie Bears: Blast into the Past) China 2019. Regie: Leon Ding, 90 Min. FSK 0, empfohlen ab 8 Jahren. Kinostart: 27. August 2020.

(Fotos: Little Dream Pictures)

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