Berlinale 2020: H is for Happiness (2019)

Szenenbild H IS FOR HAPPINESS - (c) Cyan Films
Berlinale-Logo Diese Filmkritik gehört zu meiner Berichterstattung von der Kinder- und Jugendfilmsektion Generation Kplus der Berlinale 2020. Alle Filmbesprechungen und sonstigen Berichte von diesem Festival gibt es hier im Blog unter dem Tag #berlinale.

Das „H“ steht für Happiness, was man hier vorzugsweise mit Lebensfreude oder Glück übersetzen möchte; Candice Phee, zwölf Jahre alt und möglicherweise etwas seltsam, bekommt diesen Buchstaben vorgestellt und soll bei einer Schulaufführung dazu etwas Mitreißendes auf die Bühne bekommen. Glücklicherweise kann das „H“ allerdings auch für etwas anderes stehen, denn mit dem Glück ist das so eine Sache, es lässt sich schwer zwingen.

Aber Candice, mit offenen Augen und offenem Gesicht grandios gespielt von Daisy Axon, wird es jedenfalls versuchen. Ihre Eltern (Emma Booth und Richard Roxburgh) haben sich seit dem Plötzlichen Kindstod von Candices Schwester Sky weitgehend zurückgezogen – die Mutter in ihr Schlafzimmer, der Vater an seinen Schreibtisch, wo er immerzu schreibt und programmiert. Und weil es irgendeinen Streit zwischen den Brüdern gab, den sie nicht mehr ansprechen wollen, hat auch ihr Onkel „Rich Uncle Brian“ (Joel Jackson) nur noch mit Candice Kontakt.

Dass ich immer noch keine ausführliche Besprechung von Rocca verändert die Welt hier im Blog veröffentlicht habe, von diesem eigentlich sehr schönen und vor allem sehr unterhaltsamen Film von Katja Benrath, hat vor allem damit zu tun, dass es mir noch nicht so richtig gelungen ist, meine ambivalenten, gar widersprüchlichen Gefühle zu diesem Film und zur Rolle seiner Hauptfigur richtig in Worte zu fassen. Interessanterweise erlaubt H is for Happiness es mir, diese meine Gefühle etwas klarer zu fokussieren.

Denn wie in Rocca versucht auch Candice, vor allem die ihr wichtigsten Menschen um sich herum glücklich zu machen und nimmt dabei noch ein paar einsame Gestalten auf dem Weg mit: den neuen Klassenkameraden Douglas Benson, der glaubt, aus einer anderen Dimension zu stammen (von Wesley Patten mit wunderbarer Ernsthaftigkeit gespielt), aber sogar die Mitschülerin, die sie immer nur hänselt. Aber anders als bei Rocca (und wir sollten bei Gelegenheit vielleicht mal darüber reden, dass beide Figuren Mädchen sind) ist der fast unzerstörbare Optimismus und Glaube an das Gute und Liebe und so in diesem Film kein Wundermittel, um Konflikte aufzulösen und aus dem Weg zu räumen.

Stattdessen scheitert Candice immer wieder, treibt ihre Eltern in die Verzweiflung, verletzt auch mal und hat jedenfalls nicht immer die richtige Lösung. Aber, und das ist der viel entscheidendere Charakterzug: Sie steht wieder auf, sie macht weiter. Den Tod ihrer Schwester, die sie sehr geliebt hat, will sie nicht immer nur betrauern: „She should be celebrated!“ Denn schließlich geht es doch ums Weiterleben: „Sky‘s dead, Mom, and we‘re not.“

Der Weg zur Schulaufführung, zur Umdeutung des „H“, zum fulminanten Finale, das alle möglichen Motive und Momente des Films wortwörtlich auf eine gemeinsame Bühne bringt, ist deshalb in manchen Momenten wahnsinnig traurig, manchmal schmerzhaft, und immer wieder zum Brüllen komisch.

Candice ist natürlich eine bizarre Figur, im Grunde direkt einem Essay über das Kino von Wes Anderson entstiegen in ihrer selbstbewussten, aber auch selbstreflektierten Eigentümlichkeit: Streng in einen grünen Pullover gekleidet, die roten Haare zu Pippi-Langstrumpf-Zöpfen gebunden, aber zugleich ordentlich und strukturiert bis an den Rand der Manie – sie ist natürlich die perfekte Freundin für Douglas Benson from another Dimension, dessen festen Glauben an seine Herkunft sie zwar skeptisch beäugt, aber zugleich vollauf akzeptiert: „He has an appointment with destiny every night at 6.30. But he might be able to come after that!“

Es wird einige Male im Strahl gekotzt in diesem Film, es taucht ein Zwergpony auf, ein Baum knarzt in fast verständlicher Sprache, es werden Augenklappen und aufblasbare Brüste verschenkt. Es ist viel und bunt und ehrlich und traurig, es ist halt in der Tat „Das Blubbern von Glück“, wie der zugrundeliegende Roman von Barry Jonsberg (amazon) auf Deutsch heißt.

H is for Happiness. Australien 2019. Regie: John Sheedy, 103 Min. Empfohlen ab 8 Jahren. Läuft ab 21.02.2020 in der Sektion Generation Kplus der Berlinale. Alle Infos dazu hier.

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(Foto: Cyan Films)

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Autor: Rochus Wolff

Filmkritiker seit 2004. Vater seit etwas später.

9 Gedanken zu „Berlinale 2020: H is for Happiness (2019)“

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  • Stefanie Rentsch

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