Ein Krippenspiel in einer evangelischen Kirche, mitten in Berlin-Kreuzberg. Es ist ein paar Jahre her. Um uns herum die seinerzeit typische Kreuzberger Familienwelt: Viele alternativ angehauchte Kleinfamilien im Stadium beginnender grüner Spießigkeit, aber alle weit entfernt von der bürgerlichen Kleinfamilie der 1960er. Auf der Bühne sagen die Kinder meist etwas abwesend ihre Sätze auf, wir sind bei der Verkündigung. Der Engel überbringt die frohe Kunde von ihrer Schwangerschaft, und Maria sagt den sehr auswendig gelernten Satz: “Wie kann das denn sein, ich bin doch noch gar nicht verheiratet!”
In meiner Erinnerung fiel der ganze Saal nach diesem Satz in mühsam unterdrückte Heiterkeit, aber das kann natürlich täuschen – aber bestürzend war schon, wie präzise die Kirchengruppe mit diesem Statement die Realität ihrer Gemeinde ignorierte – bei einem Saal voller Kinder, von denen grob geschätzt die Hälfte unehelich geboren worden war, wie man das früher nannte.
Worauf ich hinauswill: Fiktion kann sich sehr entschlossen der gesellschaftlichen Realität versperren, riskiert dann aber, nicht nur lächerlich zu wirken sondern sich zugleich zum Agenten der Reaktion, gar Regression zu machen. Und entsprechend irritierend ist es manchmal, wie gleichförmig die Familien- und Beziehungsmodelle in Kinderfilmen meist noch sind.
Weiterlesen: Meine aktuelle Kinderfilm-Kolumne Sitzplatzerhöhung auf kino-zeit.de.
Foto: Ministry of Information, Photo Division / Imperial War Museum, Quelle: Wikimedia