Home – ein smektakulärer Trip (2015)

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Filme werden für’s Marketing gerne in die bekannten Kategorien gepresst. Das führt dann dazu, dass die wirklich ungewöhnlicheren Filme völlig aus dem Raster fallen und oft nicht einmal einen Verleih finden – wenigstens nicht für einen Kinostart –, weil die Marketingmenschen nicht wissen, was sie mit dem jeweiligen Streifen anfangen sollen. (Beispiele dafür sind z.B. das Marketing zum Kinostart von Die Braut des Prinzen – damals, 1987, als die Welt eigentlich noch in Ordnung war! – oder der Umgang des deutschen Verleihs mit dem Science-Fiction-Film Under the skin.)

Das andere Extrem ist es, einen Film als „erste postapokalyptische animierte Road-Movie-Buddy-Komödie samt Invasion von Außerirdischen“ anzukündigen; so wird Regisseur Tim Johnson im Pressematerial zu Home – ein smektakulärer Trip zitiert: Eine solche Anhäufung von Einstufungen, dass es schon wieder bedeutungslos wird. Und es wird dem Film, obgleich das natürlich alles stimmt, doch nicht gerecht. Home ist schlauer, als er selber weiß. Und reaktionärer, als er selber glaubt. Irgendwo unter seiner knalligen Oberfläche ist er politisch, nicht wenig sarkastisch, und dann doch so viel mehr amerikanisch, als er gerne sein möchte.

Aber fangen wir am Anfang an. Oder bei der Vorgeschichte, die geht so:

Das außerirdische Volk der Boov hat die Erde erobert; unter der Führung des recht selbstgefälligen Captain Smek wurden die gesamte Menschheit in eine große Ansiedlung mitten in der australischen Wüste verfrachtet, die verdächtig so aussieht, wie eine sehr aufgeblasene Fassung amerikanischer Retortenvorstädte. „Fun!“ und „Food!“ verkünden dort die Schilder, und damit ist für die Boov der Fall eigentlich erledigt.

In New York ist jedoch durch einen großen Zufall die kleine Tip zurückgeblieben – als auch ihre Wohnung von einem Boov in Besitz genommen wird, flieht sie im Auto ihrer Mutter – wohin, weiß sie gar nicht so recht. Eher durch Zufall stößt sie auf einen Boov namens Oh, der selbst ein Außenseiter unter seinesgleichen ist, und gemeinsam beginnt eine ziemlich seltsame Reise rund um die Welt.

Home – ein smektakulärer Trip basiert auf dem Kinderbuch Happy Smekday oder der Tag, an dem ich die Welt retten musste von Adam Rex, und es verwundert kaum, dass auf dem Weg auf die Leinwand die Geschichte so einige Veränderungen erfahren hat. Rex’ Buch ist ganz auf Tips Perspektive geschrieben und eine sehr ironisch-amerikanische Sache: Die Paranoia, man könne von Außerirdischen entführt und für medizinische Experimente missbraucht werden, wird auf die Schippe genommen, und die Relokation der Bevölkerung (im Buch wird in Florida ein „Reservat“ eingerichtet) weist erstaunliche Parallelen zur Vertreibung der amerikanischen Ureinwohner durch die europäischen Siedler auf.

Home verlässt die amerikanische Perspektive etwas und erweitert den kritischen Blick auf die ganze Welt – die sehr kurzen Pamphlete, die die Boovs erhalten und die ihnen die seltsamen Gebräuche der Menschen erklären sollen, erinnern doch fatal an die Kurzanleitungen die (nicht nur) amerikanische Soldat_innen zum Beispiel in arabischen Staaten erhalten, um mit den dortigen Gebräuchen (vermeintlich) zurechtkommen zu können. Und zugleich reproduziert der Film diese kulturelle Perspektive: Denn die Menschen, die da im australischen Outback angesiedelt wurden, sie haben zwar Haut in allen menschenmöglichen Farbschattierungen, aber nach Kleidung und Habitus scheinen sie alle aus den „westlichen“ Industrieländern zu kommen. Haben die Boov Afrika und Südostasien gar nicht erst umgesiedelt?

Leider verzichtet der Film auch sonst auf viele Uneindeutigkeiten des Buches: Oh ist mit Namen und Stimme (im Original Jim Parsons, in der deutschen Synchronfassung Bastian Pastewka) als männlich identifiziert, im Original nennt er sich J.Lo und zählt Tip in einer Szene die zahlreichen Geschlechter auf, die es bei den Boov so gebe. (Dass Tip in der englischen Originalfassung von Rihanna und ihre Mutter von J.Lo – Jennifer Lopez – gesprochen wird, entbehrt da nicht eines gewissen Charmes; dass beide Sängerinnen auch Lieder zum Soundtrack beisteuerten und also Rihannas Stimme in einer Szene sich ausführlich über einen tollen Song von Rihanna freut – das ist dann schon seltsamer.)

Das heißt nicht, dass es nicht sehr unterhaltsam zuginge; der Film zieht viel Komik aus dem Culture Clash zwischen Boov und Mädchen, die Möglichkeiten der Animation werden für zahlreiche visuelle Gags genutzt (das 3D kommt da auch nicht zu kurz), und dann kommt noch lustvoller Quatsch hinzu. Manchmal wirkt das ein bisschen übervoll, aber nie ist es wirklich unsympathisch.

Worum es am Ende geht? Natürlich, da ist der Film dann wieder ganz amerikanisch, um Freundschaft und Familie. Mehr noch aber geht es um Mut, innere Stärke und die Bereitschaft, einander zuzuhören, anstatt einfach drauflos zu ballern. Und das gilt sowohl für kleine Menschenkinder wie auch für Außerirdische mit zu vielen Beinen.

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Und hier noch einmal meine Interviews mit den Synchronsprechern von Oh und Captain Smek, Bastian Pastewka und Uwe Ochsenknecht:


Home – ein smektakulärer Trip (Home), USA 2015. Regie: Tim Johnson. 94 Minuten, FSK (noch unklar; meine Altersempfehlung: ab 8 Jahren). Kinostart: 26. März 2015.

(Fotos: 20th Century Fox)

Autor: Rochus Wolff

Filmkritiker seit 2004. Vater seit etwas später. (Homepage)

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