Langsame Filme für schnelle Kinder

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Neulich haben wir Rasmus und der Vagabund angesehen, die Astrid-Lindgren-Verfilmung von 1981, auf drei Tage verteilt, weil sich die doch sehr langen 90-Minuten-Filme nicht so richtig in einen Familienalltag einfügen wollen, in dem Platz sein soll für Schule, Bewegung, Nahrungsaufnahme und genug Schlaf. Der Film lässt das gut mit sich machen, die Handlung schreitet gemächlich voran, nur im letzten Drittel darf man nicht unterbrechen, da wird es dann einfach zu spannend.

In solchen Momenten (Erwachsene merken das zwanglos am Erzähltempo etwa eines Billy-Wilder-Films) wird mir erst wieder richtig bewusst, mit welchen Schlagfolgen und Rhythmen aktuelle Filme – gerade auch Kinderfilme (vom Fernsehen zu schweigen) heute agieren. Das ist, wenn’s gut eingesetzt wird, gar kein schlechteres, aber es ist eben ein anderes Erzählen, das dem Tempo der Ereignisse meist auch ein entsprechendes Tempo der Bilder beifügt und das dann oft genug zu actionreichen Abenteuerstories verbindet.

Weiterlesen: Meine neue Kinderfilm-Kolumne Sitzplatzerhöhung, eine Lobpreisung älterer, etwas langsamerer Film, ist bei kino-zeit.de erschienen.

(Foto: Universum Film)

Lasst freie Liebe um uns sein

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Ein Krippenspiel in einer evangelischen Kirche, mitten in Berlin-Kreuzberg. Es ist ein paar Jahre her. Um uns herum die seinerzeit typische Kreuzberger Familienwelt: Viele alternativ angehauchte Kleinfamilien im Stadium beginnender grüner Spießigkeit, aber alle weit entfernt von der bürgerlichen Kleinfamilie der 1960er. Auf der Bühne sagen die Kinder meist etwas abwesend ihre Sätze auf, wir sind bei der Verkündigung. Der Engel überbringt die frohe Kunde von ihrer Schwangerschaft, und Maria sagt den sehr auswendig gelernten Satz: “Wie kann das denn sein, ich bin doch noch gar nicht verheiratet!”

In meiner Erinnerung fiel der ganze Saal nach diesem Satz in mühsam unterdrückte Heiterkeit, aber das kann natürlich täuschen – aber bestürzend war schon, wie präzise die Kirchengruppe mit diesem Statement die Realität ihrer Gemeinde ignorierte – bei einem Saal voller Kinder, von denen grob geschätzt die Hälfte unehelich geboren worden war, wie man das früher nannte.

Worauf ich hinauswill: Fiktion kann sich sehr entschlossen der gesellschaftlichen Realität versperren, riskiert dann aber, nicht nur lächerlich zu wirken sondern sich zugleich zum Agenten der Reaktion, gar Regression zu machen. Und entsprechend irritierend ist es manchmal, wie gleichförmig die Familien- und Beziehungsmodelle in Kinderfilmen meist noch sind.

Weiterlesen: Meine aktuelle Kinderfilm-Kolumne Sitzplatzerhöhung auf kino-zeit.de.

Foto: Ministry of Information, Photo Division / Imperial War Museum, Quelle: Wikimedia

Kürzere Filme schützen den Hausfrieden

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Es war ein nicht wirklich kalter Winter, nun lässt sich der Frühling eher frisch und feucht an – perfektes Kinderfilmwetter. So gab es letzte Woche bei uns Rasmus und der Vagabund, von Dienstag bis Samstag. Die Verteilung über mehrere Tage liegt natürlich nicht daran, dass Olle Hellboms Film, die inzwischen schon einigermaßen klassische Astrid-Lindgren-Verfilmung aus dem Jahr 1981, wirklich tagelang läuft – aber 105 Filmminuten lassen sich unter der Woche und selbst am Wochenende nur mühsam in unseren Familienalltag integrieren.

Vielleicht sind wir auch ein wenig speziell: der Fernseher und das normale TV-Programm spielen bei uns praktisch überhaupt keine Rolle. Natürlich gibt es immer wieder Filmisches; aber in die Zeit, die sich zwischen Ganztagsschule und Schlafengehen noch auftut, soll ja noch so viel anderes passen: Gespräche, gelegentlich ein paar kleine Hausaufgaben, Vorlesen, Abendessen, Spiele… die normale, sogenannt “abendfüllende” Filmlänge von 90+ Minuten ist nicht besonders gut geeignet für kleine Menschen, die zur Tagesschau ins Bett gehen sollten.

Weiterlesen: Meine neue Kolumne Sitzplatzerhöhung ist heute auf kino-zeit.de erschienen.

(Foto: Concorde Home Entertainment)

Vom Glück, mit euch Filme anzusehen

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Kürzlich kam ich mit einem Vater ins Gespräch, der sich fragte, welche Filme er mit seinem kleinen Sohn ansehen solle. Er fragte zum einen, weil das Kind erst drei Jahre alt ist – da gibt es in der Tat noch kein großes Angebot, Tom und das Erdbeermarmeladebrot mit Honig kam dann aber wohl ziemlich gut an. Zum anderen aber fragte er sich auch, falls ich ihn richtig verstanden habe, ob es wohl richtig sei, mit seinem Kind jene Filme und Serien anzusehen, die er selbst als Kind geliebt habe.

Ich habe es leider versäumt, nach dem tieferen Hintergrund dieser Skepsis zu fragen; aber ich fing daraufhin an, mir Gedanken darüber zu machen, warum wir wohl unserem eigenen (kindlichen und nur aus der Ferne erinnerten) Geschmacksurteil misstrauen könnten. Womöglich verkläre ich ja nostalgisch, was die Erinnerung von vor, naja, zwanzig, dreißig Jahren hergibt? Klar, das kann passieren – ich habe neulich in ein paar Folgen von Herr Rossi sucht das Glück und war über einiges seltsam irritiert.

Weiterlesen: In meiner Kolumne Sitzplatzerhöhung habe ich mir diesmal die Frage gestellt, welche Filme wir mit unseren Kindern zusammen anschauen sollten.

(Foto: MFA+)

Hannover ist überall

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Ich bin ja eigentlich ein Hochdeutsch-Fan; aber als in München geborener Exil-Halbbayer, den alle ob seiner sprachlichen Sozialisierung für einen Hannoveraner mit leicht rheinischem Einschlag halten müssen, fehlt im deutschen Film ein gelegentliches, saftiges “Saupreiß, elendiger!” Vielleicht ist es mir deshalb neulich so sehr aufgefallen, wie selten man im deutschen Kinderfilm – oder im deutschen Film überhaupt – Menschen Mundart sprechen hört.

Der Anlass war ein genauer Blick auf Tom und Hacke, der dieser Tage auf DVD erscheint – ein Kinderkrimi, dessen Handlung eng an Mark Twains Geschichten vom Tom Sawyer und Huckleberry Finn angelehnt ist. Er spielt in einem bayerischen Provinzstädtchen kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Da wird auf dem Schwarzmarkt gehandelt, die Jungs schwänzen Schule, und all das im breitesten Dialekt der Region.

Weiterlesen: In meiner Kolumne Sitzplatzerhöhung auf kino-zeit.de beschäftige ich mich diesmal mit der Abwesenheit von Dialekten im deutschen Kinderfilm.

(Foto: Zorro Medien/good!movies)

Nicht hinschauen!

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Wer neugierige Teenager sein eigen Herz und Blut nennt, der kennt vermutlich die Bettelei darum, doch unbedingt diesen Actionfilm sehen zu dürfen, der erst ab 16 Jahren freigegeben ist, oder gar jenen Horrorfilm – und der elterliche Inquisitor, der zu verbieten sich bemüßigt fühlt, ahnt doch im Grunde seines Herzens: Beim besten Freund wird der große Bruder ein etwas weiteres Herz haben – und das passende Alter für die Videothek.

Und trotzdem kommen wir Eltern ja nicht drum herum, diesen und jenen Film für unsere Kinder in bestimmtem Alter verbieten zu wollen und zu müssen. Dass das sinnvoll ist, steht außer Frage – die ersten Gedanken dazu hatte ich mir ja schon in meiner vergangenen Kolumne gemacht.

Weiterlesen: Für meine Kolumne Sitzplatzerhöhung auf kino-zeit.de habe ich mir diesmal Gedanken über Altersgrenzen und Verbote gemacht.

(Foto: Disney)