Schlingel 2017: Im huckligen buckligen Wald (2016)

Die Waldmaus Claus verbringt ihre Tage singend und schnorrend im Wald; wenn sie Hunger ein, lädt sie sich bei anderen Mäusen oder bei Familie Bär selbst zum Essen ein, und dafür gibt es immerzu ein fröhliches Lied auf der Gitarre. Das könnte sich zu einer Fabel à la Grille und Ameise über Arbeitsmoral, Vorratshaltung und böses Schnorrertum wenden, aber weil wir im wunderbaren Tieruniversum von Rasmus A. Sivertsen sind, wird aus Im huckligen buckligen Wald etwas ganz anderes. Auch etwas recht Seltsames, zugegeben, aber jedenfalls unterhaltsamer. Und sehr, sehr musikalisch.

schlingel_logo_schraeg_219 Maus Morten hat sich beim Bäckerhasen eine Torte gekauft, weil am nächsten Tag seine Großmutter zu Besuch kommen will. Marvin der Fuchs aber mag für Gebäck nicht zahlen, ist aber durchaus nicht der listigste Spieler im Wald… und weil sein Hunger aber den kleineren Tieren gefährlich zu werden droht, setzt Morten einen Gesetzestext auf: Alle Tiere im Wald sollen Freunde sein – und keines soll das andere essen. Der Bär (“So eine Schande, dass die Tiere einander essen”) ruft eine Versammlung ein…

Keine Angst, Im huckligen buckligen Wald ist eine absolut auch für kleine Kinder taugliche Geschichte. Hier wird niemand gefressen, sondern eine im Kern vegetarische Gesellschaftsordnung angelegt, der der Fuchs nur durch einen Ausflug auf den benachbarten Bauernhof zu begegnen weiß; aber auch dort muss „nur“ der bereits geräucherte Schinken drang glauben.

Dass das irgendwie doch in Ordnung ist, ist eine der Inkonsistenzen und Merkwürdigkeiten dieses sonst bis in die letzte Haarspitze seiner Figuren charmanten Films. Die zweite wichtige sind die seltsamen Menschenfiguren, der sehr tolpatschige Bauer und die sehr skrupellose, keifende Bäuerin. Sie sind (auch Geschlechter-)Stereotype der derben Sorte, die aber nach Chicken Run – Hennen Rennen schon recht verbraucht wirken. Vor allem fallen sie aus dem grundlegend unzynischen Figurenreigen der Waldtiere sehr auffällig heraus – als Menschen haben sie die Rolle der absoluten Bösewichter andererseits vielleicht auch einfach verdient.

Es gibt ein paar aufregende, auch spannende Momente, aber nichts wirklich Dramatisches passiert; Sivertsen will sein Publikum vor allem durch die zahlreichen Lieder und Slapstickmomente bei Laune halten, und das gelingt ihm aufs Allerfeinste. Die elegante Animation tut ihr übriges dazu – aus Norwegen kommt, das hat der Regisseur auch mit seinen Louis & Luca-Filmen (Louis & Luca – Das große Käserennen kommt im Oktober 2017 endlich in die deutschen Kinos) bewiesen, Stop-Motion-Produktionen, die sich weder technisch noch in der Qualität ihrer Geschichten hinter den großen wie Aardman oder Laika verstecken muss.

Im huckligen buckligen Wald (Dyrene i Hakkebakkeskogen), Norwegen 2016. Regie: Rasmus A. Sivertsen, 75 Minuten. Empfohlen ab 5 Jahren (Auf dem Schlingel-Festival).

Schlingel 2017: Niki und die Feuerblume (2016)

Nikis Vater Kyrill hatte einst – wenn man ihm zuhört, eher versehentlich und sicher nicht besonders gerne – einen mächtigen Drachen erschlagen, der sein Land unsicher machte. Die Drachenhaut hängt heute noch im Schuppen, über den Drachen redet aber eigentlich niemand mehr, außer vielleicht Niki, der mit der aufgespannten Haut schon mal tagträumend kleine Gefechte absolviert. Doch dann taucht ein Komet am Himmel auf – Kyrill wird zum Zauberer gerufen, denn das verheißt nichts Gutes. Niki ist seinem Vater nachgeschlichen, und durch ein paar Ungeschicklichkeiten transportiert er sich mit der Fledermaus Eddie – seinerseits Gehilfe und Lehrling des Zauberers – in eine magische Parallelwelt, in der der Geist des Drachens nur darauf wartet, wieder aus seiner Körperlosigkeit erlöst zu werden. Gemeinsam mit dem Waisenkind Rocky und dessen Eichhörnchen geraten die beiden so immer tiefer in ein gefährliches Abenteuer mit Rennschnecken, riesigen Pilzgewächsen und mehr.

schlingel_logo_schraeg_219 Anfangs lässt sich dieser ukrainische Animationsfilm von Manuk Depoyan noch recht gut an; die Vorgeschichte (die wohl auf ein altes Volksmärchen zurückgeht) wird in einer Papier-Animation erzählt, deren runde Formen an die Filme von Tomm Moore erinnern (Brendan und das Geheimnis von Kells sowie Die Melodie des Meeres), aber diese Bilderwelt wird dann schnell gegen ungelenke Computeranimationen eingetauscht, wie man sie viel zu oft zu sehen bekommt. Da stimmen Bewegungsabläufe nicht, Gestik und Mimik wirken plastikhaft-unheimlich. Die Qualität der Grafik erinnert insgesamt an schlechte 3D-Achterbahn-Simulationen, und wenn viel in Bewegung gerät, sind es oft actionlastige Situationen, die wirkliche Handlung nur simulieren sollen.

Überhaupt, die Handlung: Was Depoyan hier zusammenschraubt, wirkt haarsträubend unorganisiert und bis in seine letzten Fetzen chaotisch. Hier noch ein Strang, dort noch ein Thema, zusammengekramst aus allen möglichen Versatzstücken, die man schon tausendmal gesehen hat – von allem wird Bedeutung und Tiefe aber immer nur behauptet, nie erzählt oder gezeigt. Zwar hängt natürlich der große Erzählstrang um den Drachen schon nachvollziehbar zusammen und zieht sich erfolgreich vom Prolog bis zum Finale hin – aber er ist eben so stringent, dass man ihn auch aus der Entfernung von 75 Minuten schon kommen sieht. Und das meine ich wörtlich: Nur wer überhaupt nicht aufpasst, weiß nicht schon nach wenigen Minuten, an welcher Naht sich der Kampf am Schluss entscheiden wird.

Auch die anderen großen zwei „Überraschungen“ des Films – dass Rocky ein Mädchen und wer ihre Mutter ist – sind schon Meilen gegen den Wind zu riechen. Schlimmer noch, sobald Rocky als Mädchen „geoutet“ ist, spricht sie (zumindest in der englischen Synchronisation) auf einmal zarter, ihre Gestik und ihre Bewegungen werden weniger entschlossen, zaudernder, schamvoller. Und spätestens da hatte mich der Film dann endgültig verloren.

Das stört dann aber auch nicht mehr, denn auch mit den Figuren fiebert man nicht wirklich mit; sie sind letztlich alle nur Abziehbilder ihrer Funktion in der Handlung, ohne eigene Tiefe, ohne Leben und echte Charakterzüge. Mit anderen Worten: so platikartig-starr wie ihre Oberflächen. Schade drum.

Niki und die Feuerblume / The Dragon Spell (Nikita Koshemjaka), Ukraine 2016. Regie: Manuk Depoyan, 85 Minuten. Empfohlen ab 7 Jahren. (Auf dem Schlingel-Filmfestival.)

Schlingel 2016: Hunt for the Wilderpeople (2016)

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Ricky (Julian Dennison) ist nicht gerade das genügsame, nette Waisenkind von nebenan. Der aufmüpfige Kerl, gerade so ein Teenager und offensichtlich durch viele Pflegefamilien in der Stadt durchgereicht, landet nun auf einmal in der neuseeländischen Einöde bei Bella (Rima Te Wiata) und ihrem knurrigen Mann Hec (Sam Neill). Gleich in der ersten Nacht will er natürlich abhauen, aber Bella versteht es, im Wortsinn, ihn immer wieder einzufangen und gibt ihm das Gefühl, willkommen zu sein. Dann stirbt sie überraschend, Ricky schlägt sich mit seinem Hund Tupac (ein Geschenk der Pflegemutter) in die Wälder, um ihren letzten Wunsch zu erfüllen, Hec folgt ihm widerwillig – und weil einiges schief- und vielleicht auch gutgeht, verschwinden die beiden für lange Zeit, während die Außenwelt vermutet, der knorrige Alte habe den Jungen entführt und ihm womöglich etwas angetan… und da ist von Hunt for the Wilderpeople noch nicht einmal ein Drittel Zeit vergangen, und ich fragte mich: Was soll denn jetzt, bitteschön, noch kommen?

schlingel_logo_schraeg_219 Aber es kommt noch etwas, reichlich sogar, und in gelegentlich wunderbar wirren Wendungen. Der Film, der da herauskommt, ist kein Kinderfilm im klassischen Sinne, deshalb ist er womöglich hier im Blog ein wenig fehl am Platze, eher ein Coming-of-Age-Film für Jugendliche, aber genau genommen fängt das Übel natürlich schon damit an, dass der Film damit einer Kategorie zugeschoben wird. Taika Waititis einzigartiges Stück Kino zeichnet sich aber gerade dadurch aus, dass es solchen Zuordnungen immer an der rechten Stelle entschlüpft. Waititi spielt mit zahllosen Mitteln, Szenen und Ideen, die sich auch in anderen Filmen finden, aber Hunt for the Wilderpeople ist dann eben doch nicht so, sondern genau so nicht.

Seine Figurenkonstellation erinnert in gewisser Weise an eine Mischung aus dem Pixar-Film Oben und der Actionkomödie Big Game, hat aber mit beiden nicht viel gemein außer gewissen Äußerlichkeiten der Landschaft und Teilen der Paardynamik. Fürs Coming-of-Age-Drama fehlt dem Film der klare Entwicklungsbogen, für ein Gesellschaftsportrait die Ernsthaftigkeit, für eine Medienkritik (obwohl das reichlich drinsteckt) die Konsequenz.

Der Film ist in Kapitel unterteilt, was man als erzählerischen Verweis auf seine Vorlage verstehen kann, Barry Crumps Roman Wild Pork and Watercress. Oder man liest es als Rückgriff auf eine Strukturierung, die insbesondere Quentin Tarantino im Kino wieder populär gemacht hat. Oder oder oder…

Waititi (der hier auch einen kurzen, bizarren Auftritt als Priester hat: „He’s tricky like that, Jesus.“) hat vorher 5 Zimmer Küche Sarg gemacht, ein bezaubernd seltsames, ebenfalls sehr abseitig-komisches Vampir-Mockumentary, dass man zum Brüllen lustig finden konnte, aber nicht musste. Und so ähnlich ist es auch hier, nur dass der Humor noch subtiler ist, charmanter, weniger offensichtlich. Zwischendrin ist Hunt for the Wilderpeople äußerst derb, dann hat er ruhige, gar poetische Momente – wenn Ricky seine Haikus vorliest, die man ihm im Anti-Aggressionstraining zu schreiben beigebracht hat, wenn die Kamera über die weiten Landschaften, Wälder und Berge schweift. Er ist bizarr, gelegentlich blutig, ernsthaft, äußerst albern und dann in feinen Momenten völlig unkitschig einfühlsam, tieftraurig und immer sehr menschlich.

Denn zentral in der ganzen Geschichte ist die Beziehung zwischen diesen beiden sehr unterschiedlichen Figuren, die nolens volens zusammenhängen und sich dann irgendwie doch recht erträglich finden – zwei Einzelgänger, die nicht so recht in die Gesellschaft passen und jemanden brauchen, der sie so nimmt, wie sie sind. Logischerweise tragen den Film also vor allem Dennison und Neill, aber das ist es eben nicht allein: Rima Te Wiatas kurzer Auftritt hallt durch den ganzen Film hindurch emotional nach, sie ist der Kitt, der die beiden Männer, alt und jung, überhaupt erst zusammenbringt. Und dann definiert sich dieser erstaunliche Film immer wieder neu über kleine Nebenfiguren, mit denen die beiden Protagonisten zusammentreffen, eigentlich so ähnlich wie damals bei Into the Wild, der ja auch… naja, ein paar oberflächliche Ähnlichkeiten hatte.

Man sagt das in dieser Form ja nicht so oft, aber einer der besten, außergewöhnlichsten Filme in diesem Jahr kommt aus Neuseeland. Hoffentlich findet er hier auch einen mutigen Verleih, der ihn regulär ins Kino bringt.

Hunt for the Wilderpeople. Neuseeland 2016, 93 Min. Regie: Taika Waititi. Empfohlen ab 13 Jahren.

Läuft ab dem 26. September auf dem Schlingel-Filmfestival in Chemnitz.

(Foto: Schlingel-Filmfestival)

20. Schlingel-Festival 2015 in Chemnitz

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Am heutigen Montag beginnt in Chemnitz das 20. Internationales Filmfestival “Schlingel” für Kinder und junges Publikum, das noch bis zum 11. Oktober läuft. Insgesamt präsentiert das Festival über 150 Filme aus fast 50 Ländern in drei Hauptkategorien (Kinder-, Junior- und Jugendfilm); hinzu kommen Animationsfilme, Kurzfilme, ein besonderer Blick auf deutsche Produktionen, das “Panorama” und ein Sonderprogramm mit Wiederaufführungen nicht ganz aktueller Filme.

schlingel_logo_schraeg_219 Aus dem umfangreichen Programm habe ich nur eine winzige Teilmenge schon selbst gesehen; dazu gehören der belgische Labyrinthus, einige deutsche Filme (Rico, Oskar und das Herzgebreche, Rettet Raffi!, Winnetous Sohn), der sehr sehenswerte afghanische Film Mina Walking sowie der Animationsfilm Die Melodie des Meeres, ein Meisterwerk, das zu Weihnachten auch in die deutschen Kinos kommt.

Es ist mir auch kaum möglich, aus dem Programm auch nur Favoriten herauszusuchen, auf die ich wirklich gespannt bin; ein Kandidat ist aber sicher Michel Gondrys Mikro & Sprit (zugleich Eröffnungsfilm des Festivals), weil ich die Filme dieses Regisseurs sehr schätze. Darüber hinaus interessiere ich mich besonders für den mexikanischen Kinderfilm Ulises und die 10 000 Schnurrbärte, Der unglaubliche Wiplala nach dem Kinderbuch Wiplala der niederländischen Autorin Annie M. G. Schmidt, Der Geheimbund von Suppenstadt sowie Sebastian und die Feuerretter, die Fortsetzung von Belle und Sebastian. Hinzu kommen noch die Animationsfilme Der kleine Mann und Mune, Hüter des Mondes, sowie schließlich die beiden Filme Der Neue und Der unsichtbare Junge.

Einige werde ich wohl in den nächsten Tagen noch sehen können und werde dann hier so gut es geht darüber berichten. Wer allerdings in Chemnitz ist (oder in Leipzig bzw. Freiberg, wo das Festival keine Gastspiele hat), sollte sich die Kinovorstellungen nicht entgehen lassen. Den vollständigen Spielplan mit Zeiten und Orten sowie Altersempfehlungen findet man auf der Website des Schlingel.

(Foto: MFA+)

19. Schlingel-Filmfestival in Chemnitz 2014

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Chemnitz, du hast es besser als andere Städte, denn du hast Schlingel. Das Kinder- und Jugendfilmfestival startet heute zum 19. Mal, und das Programm, das noch bis einschließlich 19. Oktober zu sehen sein wird, ist einfach mal umwerfend.

Das Festival teilt sich in die Sektionen Kinderfilm, Juniorfilm und Jugendfilm, hinzu kommt noch ein Blickpunkt Deutschland, ein Programm mit Animations- und Kurzfilmen sowie “Panorama” (mit tollen Filmen!) und als “Hommage” läuft Flussfahrt mit Huhn. „19. Schlingel-Filmfestival in Chemnitz 2014“ weiterlesen

Schlingel – Internationales Filmfest in Chemnitz

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Ich wär’ jetzt gern in Chemnitz; Kollegin Sophie von filmosophie.com sitzt ab heute in der Jury des Internationalen Filmfests Schlingel, das bis kommenden Sonntag ein wirklich umfangreiches Programm zeigt, mit Kinder- und Jugendfilmen aus der ganzen Welt, einem Extrafokus auf deutsche Filme und einer Hommage/Retrospektive zu Thilo Graf Rothkirch, der den Ehrenschlingel verliehen bekommen wird.

Weil es ziemlich wild wäre, hier alle Filme vorstellen zu wollen, will ich hier ausführlich – mit Inhaltsangabe und Trailer – nur das Programm des Kinder- und Juniorfilms im Wettbewerb vorstellen; vorab seien aber die restlichen Sektionen mit Beispielen erklärt:

Im Panorama läuft – außerhalb des Wettbewerbs – so einiges Sehenswertes, u.a. auch die bereits hier besprochenen Bekas, Mister Twister und Sputnik. Schon die Qualität dieser drei ja eher zufällig ausgewählten Filme spricht aber dafür, dass die ganze Sektion, die sich an Kinder und Jugendliche richtet, spannende Erlebnisse bereithält.

Im Jugendfilm-Wettbewerb sind Filme ab etwa 14 Jahren versammelt, der Blickpunkt Deutschland ist, wie der Name sagt, geographisch orientiert. Die Sektion stellt mit Das kleine Gespenst auch den Eröffnungsfilm (demnächst im Kino), darüber hinaus sind hier einige Produktionen zu sehen, die bereits in Deutschland zu sehen waren, wie Rubinrot (Besprechung folgt hier im Blog), Kopfüber, Das Mädchen Wadjda, Kalif Storch und Die Vampirschwestern. Vor allem von Die Schwarzen Brüder erhoffe ich mir aber einiges.

Auch schön ist schließlich die Sektion zum Animations- und Kurzfilm. Jetzt aber ausführlich zum Kinder- und Juniorfilm: „Schlingel – Internationales Filmfest in Chemnitz“ weiterlesen