Poi E: The Story of Our Song (2016)

Es kommt immer wieder vor, dass ich jammern möchte, dass ein großartiger Film gewissermaßen im Programm der Berlinale Generation “versteckt” wird, aber das tut der Sache ja in mindestens zweierlei Hinsicht Unrecht: Zum einen, weil das Programm der Generation in der Regel für sich großartig ist und deshalb selbstverständlich Filme beinhaltet, die nicht nur “als” Kinder- und Jugendfilme Aufmerksamkeit bekommen sollten (und klar, es gibt Ausnahmen). Zum anderen, weil ich dankbar sein sollte, dass so sehenswerte Filme auf diese Weise ein Publikum finden, das für ihre Themen und Inhalte womöglich besonders empfänglich sind.

berlinale_logo Ich kannte die Geschichte von “Poi E”, dem neuseeländischen Hitsong aus den 1980er Jahren, überhaupt nicht (und sicher nicht nur, weil ich damals selbst noch Kind war). In der Art und Weise, wie Tearepa Kahi diese Geschichte erzählt, berührt sie noch einmal besonders: Aufgehängt an Lebensgeschichten, an geteilten Erfahrungen der Maori, an schließlich das Glück weniger von Erfolg als mehr von Anerkennung und Sichtbarkeit. Das ist wunderbar und großartig und doch bescheiden zugleich.

In allen Details habe ich das für das Berlinale-Blog von kino-zeit.de aufgeschrieben.

Und jetzt sollten wir alle dringend den Song im Original-Video anschauen:

(Foto: Sony)

Schlingel 2016: Hunt for the Wilderpeople (2016)

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Ricky (Julian Dennison) ist nicht gerade das genügsame, nette Waisenkind von nebenan. Der aufmüpfige Kerl, gerade so ein Teenager und offensichtlich durch viele Pflegefamilien in der Stadt durchgereicht, landet nun auf einmal in der neuseeländischen Einöde bei Bella (Rima Te Wiata) und ihrem knurrigen Mann Hec (Sam Neill). Gleich in der ersten Nacht will er natürlich abhauen, aber Bella versteht es, im Wortsinn, ihn immer wieder einzufangen und gibt ihm das Gefühl, willkommen zu sein. Dann stirbt sie überraschend, Ricky schlägt sich mit seinem Hund Tupac (ein Geschenk der Pflegemutter) in die Wälder, um ihren letzten Wunsch zu erfüllen, Hec folgt ihm widerwillig – und weil einiges schief- und vielleicht auch gutgeht, verschwinden die beiden für lange Zeit, während die Außenwelt vermutet, der knorrige Alte habe den Jungen entführt und ihm womöglich etwas angetan… und da ist von Hunt for the Wilderpeople noch nicht einmal ein Drittel Zeit vergangen, und ich fragte mich: Was soll denn jetzt, bitteschön, noch kommen?

schlingel_logo_schraeg_219 Aber es kommt noch etwas, reichlich sogar, und in gelegentlich wunderbar wirren Wendungen. Der Film, der da herauskommt, ist kein Kinderfilm im klassischen Sinne, deshalb ist er womöglich hier im Blog ein wenig fehl am Platze, eher ein Coming-of-Age-Film für Jugendliche, aber genau genommen fängt das Übel natürlich schon damit an, dass der Film damit einer Kategorie zugeschoben wird. Taika Waititis einzigartiges Stück Kino zeichnet sich aber gerade dadurch aus, dass es solchen Zuordnungen immer an der rechten Stelle entschlüpft. Waititi spielt mit zahllosen Mitteln, Szenen und Ideen, die sich auch in anderen Filmen finden, aber Hunt for the Wilderpeople ist dann eben doch nicht so, sondern genau so nicht.

Seine Figurenkonstellation erinnert in gewisser Weise an eine Mischung aus dem Pixar-Film Oben und der Actionkomödie Big Game, hat aber mit beiden nicht viel gemein außer gewissen Äußerlichkeiten der Landschaft und Teilen der Paardynamik. Fürs Coming-of-Age-Drama fehlt dem Film der klare Entwicklungsbogen, für ein Gesellschaftsportrait die Ernsthaftigkeit, für eine Medienkritik (obwohl das reichlich drinsteckt) die Konsequenz.

Der Film ist in Kapitel unterteilt, was man als erzählerischen Verweis auf seine Vorlage verstehen kann, Barry Crumps Roman Wild Pork and Watercress. Oder man liest es als Rückgriff auf eine Strukturierung, die insbesondere Quentin Tarantino im Kino wieder populär gemacht hat. Oder oder oder…

Waititi (der hier auch einen kurzen, bizarren Auftritt als Priester hat: „He’s tricky like that, Jesus.“) hat vorher 5 Zimmer Küche Sarg gemacht, ein bezaubernd seltsames, ebenfalls sehr abseitig-komisches Vampir-Mockumentary, dass man zum Brüllen lustig finden konnte, aber nicht musste. Und so ähnlich ist es auch hier, nur dass der Humor noch subtiler ist, charmanter, weniger offensichtlich. Zwischendrin ist Hunt for the Wilderpeople äußerst derb, dann hat er ruhige, gar poetische Momente – wenn Ricky seine Haikus vorliest, die man ihm im Anti-Aggressionstraining zu schreiben beigebracht hat, wenn die Kamera über die weiten Landschaften, Wälder und Berge schweift. Er ist bizarr, gelegentlich blutig, ernsthaft, äußerst albern und dann in feinen Momenten völlig unkitschig einfühlsam, tieftraurig und immer sehr menschlich.

Denn zentral in der ganzen Geschichte ist die Beziehung zwischen diesen beiden sehr unterschiedlichen Figuren, die nolens volens zusammenhängen und sich dann irgendwie doch recht erträglich finden – zwei Einzelgänger, die nicht so recht in die Gesellschaft passen und jemanden brauchen, der sie so nimmt, wie sie sind. Logischerweise tragen den Film also vor allem Dennison und Neill, aber das ist es eben nicht allein: Rima Te Wiatas kurzer Auftritt hallt durch den ganzen Film hindurch emotional nach, sie ist der Kitt, der die beiden Männer, alt und jung, überhaupt erst zusammenbringt. Und dann definiert sich dieser erstaunliche Film immer wieder neu über kleine Nebenfiguren, mit denen die beiden Protagonisten zusammentreffen, eigentlich so ähnlich wie damals bei Into the Wild, der ja auch… naja, ein paar oberflächliche Ähnlichkeiten hatte.

Man sagt das in dieser Form ja nicht so oft, aber einer der besten, außergewöhnlichsten Filme in diesem Jahr kommt aus Neuseeland. Hoffentlich findet er hier auch einen mutigen Verleih, der ihn regulär ins Kino bringt.

Hunt for the Wilderpeople. Neuseeland 2016, 93 Min. Regie: Taika Waititi. Empfohlen ab 13 Jahren.

Läuft ab dem 26. September auf dem Schlingel-Filmfestival in Chemnitz.

(Foto: Schlingel-Filmfestival)

Berlinale 2016: Born To Dance (2015)

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Tanz im Film ist – jenseits klassischer Walzermelodien – fast immer eine Geste des Aufbegehrens oder wenigstens jugendlicher Selbstbehauptung. Da geht es, von Step Up bis Footloose, um so viel: Positionen in der sozialen Hackordnung (der Tänzer, aber auch der Welt), die eigene Peergroup (etwa in Form der eigenen Hip-Hop-Crew, die gegen andere antritt), die Erwartungen von Eltern und Gesellschaft.

berlinale_logo Born To Dance folgt den im Hip-Hop-Tanzfilm-Universum zentralen Elementen und Topoi; aber ähnlich wie das britische Pendant StreetDance 3D holt er nicht zu ganz großen Gesten aus (was vor allem amerikanische Filme des Genres oft auszeichnet), sondern bezieht seine Stärken und Themen aus dem Lokalen, in diesem Fall: Neuseeland mit seinen sozialen wie ethnischen Spannungen.

Weiterlesen: Meine vollständige Kritik von Born To Dance ist im Berlinale-Blog von kino-zeit.de erschienen.

Born to Dance ist im Jugendprogramm der Berlinale zu sehen (Generation 14plus) und läuft am Sa 13.02. 17:00 im HKW, So 14.02. 15:30 im Cubix 8, Mo 15.02. 16:30 im CinemaxX 3, Di 16.02. 11:30 im HAU Hebbel am Ufer (HAU1) (Berlinale Talents Film Screening mit Q&A), So 21.02. 15:30 im Zoo Palast 1.

(Fotos: Berlinale)