Filmfest München: Abulele (2015)

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Wer begleitet uns auf dem Weg durch die Kindheit, auf dem Weg ins Erwachsensein? Wer leitet uns durch Schmerz, durch Verlust hindurch? Wer lehrt uns, dass da draußen jemand sich um uns sorgt? Oder sind da nur Monstren unterm Bett, im Keller, uns böse gesonnen?

kifife_logo_2016_600px Adam hat schon von solchen Monstern gehört, eigentlich glaubt er, er ist ja schon in der fünften Klasse, nicht so recht daran; aber das seltsame Wesen, dem er dann im Keller begegnet, mit schwarzem Fell und leuchtenden grünen Augen, belehrt ihn natürlich eines anderen. Zumal es gar nicht so unfreundlich ist, wenn es nur genug wirklich süße Limonade bekommt – einem Kind also gar nicht so unähnlich. Dummerweise ist da allerdings diese Sondereinheit der Polizei, die Abulele jagt, und die Streberin Tamar, die ihm ziemlich auf die Nerven geht.

Der israelische Regisseur Jonathan Geva greift in seinem Langfilmdebüt Abulele auf bewährte Muster des Kinder-Monsterfilms zurück – da scheinen in mehr als einer Szene und Konstellation die Klassiker durch, allen voran Spielbergs E.T. – Der Außerirdische. Nur dass Geva hier gleich von Anfang an die militärische Ausrüstung in Szene setzt: Ein Auftritt der Spezialeinheit bereitet die Handlung vor, Adam rutscht da eher aus Versehen ins Visier – und Abulele bleibt da noch, unsichtbar, im Hintergrund.

Aber das freundliche Monster steht, deutlicher und expliziter als in anderen Filmen, als emotionale Stütze da für Kinder und Menschen in Not. Adam hat seinen Bruder bei einem Autounfall verloren, er gibt sich selbst die Schuld, findet aber vor allem bei seinen Eltern keinen Halt, die ihrerseits tief in ihrem Schmerz gefallen sind. Immer und immer wieder sieht sich Adam auf seinem Handy das letzte Video an, dass er mit seinem Bruder zusammen gedreht hat. Und erst nach und nach wird er lernen, dass der Ältere auch nicht so fehlerfrei war, wie er glaubt.

Abschied nehmen, Erwachsener werden: Und eben neue Freunde finden, sich nicht mehr verschließen. Das ist gewissermaßen Adams Aufgabe, und Abulele ist der Begleiter auf dem Weg, eine Art Katalysator mit eigener Geschichte. Das Monster ist, Elliot, das Schmunzelmonster lässt grüßen, ein Helfer auf dem Weg, der, wenn alles gut geht, am Ende nicht mehr gebraucht wird und gehen kann; der beweist, dass eine Trennung, ein Abschied nicht das Ende der Welt bedeutet. Ich verrate nicht zu viel, wenn ich sage: Es ging nicht immer alles gut, und auch darum geht es in diesem Film.

Gelegentlich wirkt Abulele ein wenig unwuchtig, mit seinen sehr martialischen Polizeiaufmärschen, den Bildern aus Überwachungskameras, der militärisch durchorganisierten Durchsuchung von Adams Schule auf der einen und den emotionalen Themen auf der anderen Seite. Es geht deshalb womöglich nicht alles wirklich auf, dafür wirkt vieles zu konstruiert, zu künstlich. Zugleich aber bringen vor allem Adam und Tamar (Yoav Sadian Rosenberg und Bar Minali) genug Charme mit (mehr noch als das wirklich hübsch und zurückhaltend animierte Abulele), um den Film auch durch die schwächeren Momente zu tragen.

Abulele, Israel 2015. Regie: Jonathan Geva, 96 Min. FSK k.A., empfohlen ab 8 Jahren. (Auf dem Filmfest München.)

(Fotos: Filmfest München)

Giraffada (2014)

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Eine Giraffe im Westjordanland: Das wirkt so fremdartig, so unwahrscheinlich und phantastisch, man traut den Bildern nicht. In Qalqilya im Westjordanland gibt es, so erzählt es Giraffada (und die Geschichte beruht auf realen Ereignissen, die sich dort 2003 zugetragen haben), noch immer einen Zoo. Yacine (Saleh Bakri) ist Tierarzt und kümmert sich um die wenigen Tiere, die es dort noch gibt, so gut er eben kann – er hat kaum noch Medikamente, und der Zoodirektor hat auch kein Geld und drängendere Probleme als die Gesundheit seiner Tiere, etwa seine eigene Geburtstagsparty.

Yacines zehnjähriger Sohn Ziad (Ahmad Bayatra) ist vor allem eng mit den beiden Giraffen Rita und Brownie befreundet; er besucht sie jeden Tag und wird von seinen Klassenkameraden für seine Liebe zu den Tieren gehänselt. Bei einem Luftangriff kommt Brownie ums Leben – und weil manche Giraffen nicht allein leben wollen oder können, verweigert Rita von diesem Zeitpunkt an das Futter. Es scheint nur eine Lösung zu geben: Ein Giraffenbulle muss her – aus einem Zoo in Israel.

Giraffada ist zuallererst ein ganz einfacher, klarer Film, dessen im Herzen simple Geschichte sofort eingängig ist: Die Giraffe darf nicht sterben, und Ziads Verzweiflung über Ritas Hungern (er tritt sofort selbst in den Hungerstreik) bringt Yacine schließlich dazu, gemeinsam mit einer französischen Journalistin und einem israelischen Freund die Giraffe aus Israel in seinen Zoo zu schmuggeln.

Je weiter der Film aber fortschreitet, desto deutlicher dringen die Bilder aus der israelisch-palästinensischen Gegenwart ein: Zunächst ist da nur die hohe Wand, vor der Ziad ein kleines Gemüsebeet pflegt und wässert, dann der Checkpoint, an dem eine israelische Soldatin ihn und seinen Vater durchsucht und aggressiv bedroht – bis nach dem Luftangriff, der Brownie tötet, Ziad beginnt, mit anderen Jungs in seinem Alter Steine auf Soldaten zu schmeißen.

Regisseur Rani Massalha musste keinen Aufwand betreiben, um seine trostlosen Szenerien einzufangen; ein Blick ins reale Westjordanland reicht völlig. Die Aggressionen, die Ohnmacht durchtränken den Film in seiner zweiten Hälfte, auch wenn der Blick stets nahe an Ziad bleibt und also die politischen Hintergründe nicht thematisiert werden. Das ist aber die Stärke von Giraffada: Denn durch die Konzentration auf konkrete Leben, noch dazu auf die Situation eines Kindes und eines Zootieres, durch das Ausklammern politischer Vergangenheit macht der Film die Lebenswirklichkeit spürbar, ohne sich in die gern gepflegten, einfachen Schuldzuweisungen zu flüchten.

Die Politik, Gewalt und Hass erscheinen hier nie als Lösungen, sondern immer als Hindernisse, die die Protagonist_innen überwinden müssen, die wiederum zwar von Sorge um sich und einander getragen werden, aber zugleich immer menschlich, fehlerbehaftet, komplex präsentiert werden.

Giraffada betört vor allem in seinen stillen, gelegentlich absurden und poetischen Momenten. Wenn die Tierpfleger im Zoo einen Esel weiß und mit schwarzen Streifen bemalen, weil die Menschen doch Zebras sehen wollen; und vor allem in seinen letzten Minuten, wenn die geschmuggelte Giraffe mit der ihrer Art eigenen unirdischen Grazie durch ein Loch in der Mauer und durch die Straßen im Westjordanland schreitet, der Kopf wiegt sich und die Menschen starren.

Giraffada, Deutschland, Frankreich, Italien, Palästina 2014. Regie: Rani Massalha. 90 Minuten, FSK 12; meine Altersempfehlung: ab 12 Jahren. Kinostart: 28. Mai 2015.

(Fotos: Zorro Film)