Giraffada (2014)

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Eine Giraffe im Westjordanland: Das wirkt so fremdartig, so unwahrscheinlich und phantastisch, man traut den Bildern nicht. In Qalqilya im Westjordanland gibt es, so erzählt es Giraffada (und die Geschichte beruht auf realen Ereignissen, die sich dort 2003 zugetragen haben), noch immer einen Zoo. Yacine (Saleh Bakri) ist Tierarzt und kümmert sich um die wenigen Tiere, die es dort noch gibt, so gut er eben kann – er hat kaum noch Medikamente, und der Zoodirektor hat auch kein Geld und drängendere Probleme als die Gesundheit seiner Tiere, etwa seine eigene Geburtstagsparty.

Yacines zehnjähriger Sohn Ziad (Ahmad Bayatra) ist vor allem eng mit den beiden Giraffen Rita und Brownie befreundet; er besucht sie jeden Tag und wird von seinen Klassenkameraden für seine Liebe zu den Tieren gehänselt. Bei einem Luftangriff kommt Brownie ums Leben – und weil manche Giraffen nicht allein leben wollen oder können, verweigert Rita von diesem Zeitpunkt an das Futter. Es scheint nur eine Lösung zu geben: Ein Giraffenbulle muss her – aus einem Zoo in Israel.

Giraffada ist zuallererst ein ganz einfacher, klarer Film, dessen im Herzen simple Geschichte sofort eingängig ist: Die Giraffe darf nicht sterben, und Ziads Verzweiflung über Ritas Hungern (er tritt sofort selbst in den Hungerstreik) bringt Yacine schließlich dazu, gemeinsam mit einer französischen Journalistin und einem israelischen Freund die Giraffe aus Israel in seinen Zoo zu schmuggeln.

Je weiter der Film aber fortschreitet, desto deutlicher dringen die Bilder aus der israelisch-palästinensischen Gegenwart ein: Zunächst ist da nur die hohe Wand, vor der Ziad ein kleines Gemüsebeet pflegt und wässert, dann der Checkpoint, an dem eine israelische Soldatin ihn und seinen Vater durchsucht und aggressiv bedroht – bis nach dem Luftangriff, der Brownie tötet, Ziad beginnt, mit anderen Jungs in seinem Alter Steine auf Soldaten zu schmeißen.

Regisseur Rani Massalha musste keinen Aufwand betreiben, um seine trostlosen Szenerien einzufangen; ein Blick ins reale Westjordanland reicht völlig. Die Aggressionen, die Ohnmacht durchtränken den Film in seiner zweiten Hälfte, auch wenn der Blick stets nahe an Ziad bleibt und also die politischen Hintergründe nicht thematisiert werden. Das ist aber die Stärke von Giraffada: Denn durch die Konzentration auf konkrete Leben, noch dazu auf die Situation eines Kindes und eines Zootieres, durch das Ausklammern politischer Vergangenheit macht der Film die Lebenswirklichkeit spürbar, ohne sich in die gern gepflegten, einfachen Schuldzuweisungen zu flüchten.

Die Politik, Gewalt und Hass erscheinen hier nie als Lösungen, sondern immer als Hindernisse, die die Protagonist_innen überwinden müssen, die wiederum zwar von Sorge um sich und einander getragen werden, aber zugleich immer menschlich, fehlerbehaftet, komplex präsentiert werden.

Giraffada betört vor allem in seinen stillen, gelegentlich absurden und poetischen Momenten. Wenn die Tierpfleger im Zoo einen Esel weiß und mit schwarzen Streifen bemalen, weil die Menschen doch Zebras sehen wollen; und vor allem in seinen letzten Minuten, wenn die geschmuggelte Giraffe mit der ihrer Art eigenen unirdischen Grazie durch ein Loch in der Mauer und durch die Straßen im Westjordanland schreitet, der Kopf wiegt sich und die Menschen starren.

Giraffada, Deutschland, Frankreich, Italien, Palästina 2014. Regie: Rani Massalha. 90 Minuten, FSK 12; meine Altersempfehlung: ab 12 Jahren. Kinostart: 28. Mai 2015.

(Fotos: Zorro Film)