Michel-Kinderfilmfest: Phantom Boy (2015)

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Superheld zu sein, das ist eigentlich eine klare Angelegenheit: Muskulöser Held (oder Heldin) im meist hautengen Anzug, selbstbewusst trotz gelegentlicher Selbstzweifel, stark, aktiv, gerne mal fliegend und jedenfalls den Bösewichtern aufs Maul gebend. Natürlich ist eigentlich Heldentum, falls das überhaupt ein sinnvolles Konzept sein sollte, meist ganz anders: Stiller, mit langem Atem und oft genug gar nicht besonders sichtbar.

michel-logo Phantom Boy ist ein solcher Superheldenfilm, eine Geschichte voller Ambivalenzen und dunkler Ecken, da ist nichts so ganz geradeaus. Als der kleine Held der Geschichte, Léo, seine Superkraft entdeckt, glaubt man zunächst, man sehe ihm beim Sterben zu: Ein Phantom seiner selbst verlässt seinen anscheinend schlafenden Körper, Léo muss ins Krankenhaus, offenbar für länger. Die Gespräche der Eltern und Ärztin lassen erahnen: Das Kind hat Krebs, es wird nicht leicht, und Léos kleine Schwester Titi leidet darunter besonders.

Keine falschen Konflikte also: einfach eine liebevolle kleine Familie in New York. Draußen auf der Straße jagt der etwas übereifrige Polizist Alex Verbrecher, aber weil dabei wiederholt sehr viele Gegenstände und Gebäude zu Bruch gingen, muss er nun als Strafe am Hafen Wache stehen, sein Chef hält ihn für einen Wichtigtuer – und glaubt ihm dann auch nicht, als er auf seinem Posten von einem Bösewicht fast umgebracht wird, der die ganze Stadt erpressen will.

Im Krankenhaus treffen die beiden unwahrscheinlichen Helden dann aufeinander: der schwache Junge mit dem kahl gewordenen Schädel und der Polizist mit Gipsbein im Rollstuhl – Léo holt Alex’ Geist zurück, als der seinen Körper verlassen will, so finden sie zueinander. Léo lässt sein Phantom dann schwerelos durch die Stadt, durch Wände und Türen gleiten auf der Suche nach Alex’ Übeltäter, schließlich hilft er auch der Journalistin Mary, die sich auf die Jagd nach dem Erpresser begibt.

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Ein missachteter Polizist, ein geheimnisvoll entstellter Erpresser – sein Gesicht gleicht einem Portrait von Picasso – und ein fliegender Held: In Phantom Boy stecken all die Versatzstücke drin, die man aus den „großen“ Heldenfilmen kennt, aber das französische Duo Jean-Loup Felicioli und Alain Gagnol macht daraus in Ton und Haltung etwas ganz anderes. Eine subtile Geschichte ohne große moralische Botschaft, ein kleines Zauberfest des Animationskinos, das, ohne einen falschen Schritt zu machen, ohne Vertun im Rhythmus, von Polizeifilm zu Komödie zur Tragödie wechselt und wieder zurück.

Die beiden haben schon den seinerzeit für den Oscar nominierten Une vie de chat zusammen gemacht (einen wunderbaren animierten Krimi) und Das Geheimnis der Frösche, sie bleiben hier ihrem Animationsstil treu – klassisch anmutende, flächige Animationen, reduziert aufs Notwendige und doch lebendig und lebensnah. Vor allem aber füllen sie ihre Figuren mit Leben – bei aller Phantastik in der Geschichte sind es dann eben die menschlichen Momente, die berühren. Man hat wirklich Angst um Leos Leben – mehr als um das Gelingen von Marys Mission – und vielleicht vor allem um Titi willen. (Und genau wegen dieser Ängste ist der Film für sehr empfindsame Kinder womöglich etwas zu viel, bleibt doch gelegentlich die Ungewissheit – dem Happy End zum Trotz – stellenweise etwas lange im Raum stehen.)

Das ist großes kleines Animationskino, spannend und feinfühlig, und ich kann nur wieder kopfschüttelnd danebenstehen und mich wundern, dass der Film des französischen Studios folimage (die im übrigen mit großer Regelmäßigkeit gute bis großartige Filme in die Welt setzen) hierzulande noch keinen Verleih gefunden hat. Frankreich, du hast es halt doch stellenweise wesentlich besser.

Phantom Boy. Frankreich/Belgien 2015. Regie: Jean-Loup Felicioli und Alain Gagnol. 84 Minuten, empfohlen ab 9 Jahren.

Phantom Boy wird am Donnerstag, den 6. Oktober 2016, um 14:30 Uhr auf dem Michel Kinderfilmfest in Hamburg im Abaton-Kino gezeigt.

(Fotos: folimage/Diaphana)