Filmfest München: Doktor Proktors Pupspulver (2013)

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Meine Güte, was habe ich gehofft, dass dieser Film gelingen würde! Mit welcher Begeisterung haben sich die Kinder das Buch vorlesen lassen, in dem Jo Nesbø – welch genialer Schachzug! – seinen Titelhelden ein Pupspulver erfinden lässt, das nicht nur laute, aber perfekt geruchlose Fürze bringt, sondern in seiner Abwandlung als Pupsonautenpulver auch das (nicht ganz ungefährliche!) Herumfliegen per Darmwindkraft ermöglicht.

kifife_logo_2014_posVor allem aber ist Nesbøs Geschichte ein beglückendes Beispiel dafür, wie man ein phantasievolles, völlig irres und trotzdem nicht nur spannendes, sondern auch hintergründig witziges Kinderbuch schreiben kann, voller Sprachwitz und zauberhafter Details, ach, ich könnte jetzt hier noch absatzweise weiter preisen und lobsingen. Aber ich will ja hier und jetzt eigentlich den Film besprechen.

Und das fällt mir dann doch ein ganzes Stückchen schwerer, als ich gehofft hatte. Regisseur Arild Fröhlich und Drehbuchautor Johan Bogaeus haben sich viele Freiheiten mit Nesbøs Stoff genommen, was nicht schlecht sein muss, und haben auch nach einem eigenen filmischen Ton gesucht – allein, was am Ende dabei herauskommt, will hinten und vorne nicht mehr zusammenpassen.

Weiterlesen: Meine Kritik zu Doktor Proktors Pupspulver ist auf kino-zeit.de erschienen.

Doktor Proktors Pupspulver (Doktor Proktors Prompepulver), Norwegen/Deutschland 2013. Regie: Arild Fröhlich, 84 Min. FSK 0 beantragt (empfohlen ab 6 Jahren).

(Fotos: Filmfest München)

Filmfest München: Quatsch und die Nasenbärbande (2014)

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Es gibt mehr als einen Moment in Quatsch und die Nasenbärbande, in denen ich mich gefragt habe, welche Drogen das Produktionsteam denn, bitteschön, eigentlich genommen hatte. Also was vor allem Regisseur, Drehbuchautor und Produzent Veit Helmer da eingeworfen haben muss, und ob vielleicht noch was übrig ist, ich würde auch gerne was abhaben?

kifife_logo_2014_posQuatsch ist ein selten irrer, leicht wahnwitziger Kinderfilm, der fast über seine gesamte Länge ignoriert, was deutsche Kinderfilme sonst gerne so betulich macht: das Pädagogisch-Gutmeinende. Stattdessen herrscht hier bis kurz vor Schluss destruktive Anarchie, „Kinder an die Macht“, bis es kracht und darüber hinaus – und das alles vor dem Hintergrund einer desinteressierten, gar lieblosen Elterngeneration. Erst die Großeltern sind wieder erträglich, was mit den Erziehungsberechtigten dazwischen eigentlich passiert ist, bleibt ziemlich rätselhaft.

Unter den Erwachsenen tummeln sich zahlreiche bekannte Namen, Fritzi Haberland, Benno Fürmann, Samuel Finzi, Nadeshda Brennicke zum Beispiel, die allesamt nur als Nebenrollen-Knallchargen auftauchen; im Mittelpunkt steht ein Schwung von Darsteller_innen im Kindergartenalter – sie sind der Nachwuchs von Bollersdorf (ältere Geschwister gibt es praktisch nicht), der sich gegen die brav normalisierende Gewalt von oben auflehnt. „Filmfest München: Quatsch und die Nasenbärbande (2014)“ weiterlesen

Filmfest München: Lola auf der Erbse (2014)

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Lola auf der Erbse ist so ein Film, den man sofort mögen, ach was, ins Herz schließen möchte. Und dann ist es doch wirklich sehr erfreulich, dass man feststellt: Er macht es einem meistens nicht besonders schwer.

kifife_logo_2014_posLola ist in ihrem Dorf eine Außenseiterin. Ihre Mutter natürlich auch, aber da sie Schultern und Rücken des Polizisten regelmäßig durchwalkt – er ist recht verspannt und hat auch einigen Grund dazu – und außerdem immer noch jung ist und schön, spielt das keine so große Rolle. Nur Barkelt, dem der Hafen gehört, an dem das Hausboot der Zehnjährigen und ihrer Mutter liegt, kann Lolas Mutter nicht ausstehen; sein Sohn gehört zu den Kindern, die Lola in der Schule besonders gerne ärgern und sie schon einmal laut brüllend durchs ganze Dorf jagen.

Bei einer solchen Jagd lernt Lola dann ihren neuen Klassenkameraden Rebin besser kennen, dessen Eltern nicht viel Geld haben und der in der Schule nicht viel sagt. Nach und nach versteht Lola, dass Rebins Familie illegal in Deutschland ist – Kurden aus der Türkei, die nicht in ihre Heimat zurückkönnen, aber eigentlich auch nicht in Deutschland bleiben dürfen. Rebins Vater sieht es gar nicht gern, dass sein Sohn sich mit einem deutschen Mädchen anfreundet.

Weiterlesen: Meine Kritik zu Lola auf der Erbse ist auf kino-zeit.de erschienen.

Lola auf der Erbse, Deutschland 2014. Regie: Thomas Heinemann, 90 Min. FSK 0, empfohlen ab 6 Jahren.

Filmfest München 2014: Das Kinderfilmfest

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Am heutigen Samstag beginnt mit der internationalen Premiere von Doktor Proktors Pupspulver das Kinderfilmfest des Filmfests München. Für eine ganze Woche gibt es dann im Gasteig (Rosenheimer Str. 5) viele tolle, zum Teil außergewöhnlich gute Kinderfilme zu sehen (hier das Programm) – bis auf zwei habe ich die meisten schon vorab sehen können und möchte sie hier kurz vorstellen. Wer die Gelegenheit hat, das Festival in München zu besuchen, sollte dies unbedingt tun! (Und der Bayerische Rundfunk hat mit der geschätzten Leiterin des Kinderfilmfests, Katrin Hoffmann, ein ausführliches Gespräch geführt, das man sich gerne anhören kann.)

kifife_logo_2014_posDas Festival beginnt heute mit der Verfilmung des übrigens sehr großartigen Kinderbuchs Doktor Proktors Pupspulver (Doktor Proktors Prompepulver; das Buch gibt es z.B. bei amazon) von Jo Nesbø, auf die ich selbst sehr gespannt bin; eine Besprechung kann ich hoffentlich schon sehr bald nachreichen (empfohlen ab 6 Jahren).

Und dann stapeln sich die sehenswerten Filme. Lola auf der Erbse (ab 6) ist eine deutsche Produktion, die weitgehend erfolgreich versucht, das Thema “Illegalität” für Sechs- bis Achtjährige einzudampfen, ohne ihm ganz seine Brisanz zu nehmen. (Besprechung folgt hier im Blog.) „Filmfest München 2014: Das Kinderfilmfest“ weiterlesen

Filmfest München: Der Junge und die Welt (2013)

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Eine Figur wie hingehaucht. Ein kleines Kind, offenbar, mit wenigen Bleistiftstrichen skizziert, ein paar Umrisse, Strichgliedmaße, ein runder Kopf und darin Augen, schmal, aber groß und selbst in dieser Abstraktion noch neugierig in die Welt blickend.

kifife_logo_2014_posEs ist ein großes Abenteuer, auf das der Brasilianer Alê Abreu seine Zuschauer mit Der Junge und die Welt schickt, ein einzigartiges Erlebnis. Sein Animationsfilm wagt etwas, das seit Stummfilmzeiten kaum noch jemand auf Spielfilmlänge gewagt hat: Eine Geschichte ganz ohne Dialoge zu erzählen, nur durch die Kraft der Bilder, die Magie der Farben und durch seine Musik von Ruben Feffer und Gustavo Kurlat. O menino e o mundo, so der Originaltitel, ist ein Solitär im Kino der Gegenwart, vor allem aber ein ästhetisches wie technisches Meisterwerk der überbordenden Zurückhaltung, das mit kleinen Mitteln eine große, atemberaubende Fülle schafft.

Weiterlesen: Meine Kritik zu Der Junge und die Welt ist auf kino-zeit.de erschienen.

(Bilder: O menino e o mundo)

Filmfest München: Das Geheimnis der Bäume (2014)

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Irgendwann gab es bei den Grundsätzen, nach denen pädagogisch konzipierte Lehrfilme entstehen, den grundlegenden Ideensprung: Dass solche Filme ja auch unterhaltsam sein könnten, womöglich gar sollten. Als Ableitung dieser Idee gibt es seither eine Reihe von Filmchen, die auf Biegen und Brechen komisch sein wollen – wohlgemerkt nicht aus der Perspektive, dass ein komischer Film auch lehrreich sein könne, sondern dass es im Lehrfilm witzig zugehen müsse. Die Ergebnisse sind leider meist zum Steinerweichen schlecht.

kifife_logo_2014_posEin sehr gutes Beispiel dafür ist Das Geheimnis der Bäume (Homepage; nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Dokumentarfilm von Luc Jacquet), der zu seiner Premiere auf dem Filmfest München ob seiner Kürze von 33 Minuten im Kurzfilmprogramm gelandet ist. Er läuft eine gefühlte Ewigkeit seelischer Schmerzen und massiven Fremdschämens.

„Filmfest München: Das Geheimnis der Bäume (2014)“ weiterlesen