Auf Augenhöhe (2016)

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Der zehnjährige Waisenjunge Michi erfährt eher zufällig, dass sein Vater Tom noch lebt, kommt dann aber zunächst überhaupt nicht damit klar, dass Tom kleinwüchsig ist… Mit diesem Plot hätte aus Auf Augenhöhe leicht ein Rührstück mit viel Schmalz werden können, eine übermäßig bemühte Schnulze um Diskriminierung und Integration. Stattdessen haben sich Evi Goldbrunner und Joachim Dollhopf (Drehbuch und Regie) zum Glück dazu entschieden, die Geschichte von Vater und Sohn zu erzählen – nicht reduziert auf eine einfache Moral, sondern mit all ihren Konflikten, Brüchen und Widersprüchlichkeiten.

kifife_logo_2016_600px Michi ist als Heimkind keineswegs unschuldig und lieb. Außerdem will er zunächst gar nichts mit seinem wiedergefundenen Vater zu tun haben – und nutzt ihn dann ganz egoistisch aus, als er ein Ticket raus aus dem Heim braucht, weil er dort von den älteren Kindern drangsaliert wird. Gleichzeitig verleugnet er seinen Vater gegenüber neuen Freunden, weil er sich für dessen Kleinwüchsigkeit schämt. Tom wiederum nimmt diese Demütigungen anscheinend hin, weil er Michis Mutter sehr geliebt hat – und vor allem selbst noch nicht weiß, wie er mit seinem plötzlich aufgetauchten Sohn eigentlich umgehen soll.

Weiterlesen: Auf Augenhöhe, seit gestern im Kino, ist mein Kino-Familientipp auf filmstarts.de.

Auch dazu: Ein Interview mit Jordan Prentice (Tom) in der Süddeutschen Zeitung: “Kleine Menschen sagen einem, wann sie anders behandelt werden wollen”.

Auf Augenhöhe, Deutschland 2016. Regie: Matthias Lang, 90 Min. FSK 6, empfohlen ab 9 Jahren. Kinostart: 15. September 2016.

(Fotos: Filmfest München)

Filmfest München: Abulele (2015)

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Wer begleitet uns auf dem Weg durch die Kindheit, auf dem Weg ins Erwachsensein? Wer leitet uns durch Schmerz, durch Verlust hindurch? Wer lehrt uns, dass da draußen jemand sich um uns sorgt? Oder sind da nur Monstren unterm Bett, im Keller, uns böse gesonnen?

kifife_logo_2016_600px Adam hat schon von solchen Monstern gehört, eigentlich glaubt er, er ist ja schon in der fünften Klasse, nicht so recht daran; aber das seltsame Wesen, dem er dann im Keller begegnet, mit schwarzem Fell und leuchtenden grünen Augen, belehrt ihn natürlich eines anderen. Zumal es gar nicht so unfreundlich ist, wenn es nur genug wirklich süße Limonade bekommt – einem Kind also gar nicht so unähnlich. Dummerweise ist da allerdings diese Sondereinheit der Polizei, die Abulele jagt, und die Streberin Tamar, die ihm ziemlich auf die Nerven geht.

Der israelische Regisseur Jonathan Geva greift in seinem Langfilmdebüt Abulele auf bewährte Muster des Kinder-Monsterfilms zurück – da scheinen in mehr als einer Szene und Konstellation die Klassiker durch, allen voran Spielbergs E.T. – Der Außerirdische. Nur dass Geva hier gleich von Anfang an die militärische Ausrüstung in Szene setzt: Ein Auftritt der Spezialeinheit bereitet die Handlung vor, Adam rutscht da eher aus Versehen ins Visier – und Abulele bleibt da noch, unsichtbar, im Hintergrund.

Aber das freundliche Monster steht, deutlicher und expliziter als in anderen Filmen, als emotionale Stütze da für Kinder und Menschen in Not. Adam hat seinen Bruder bei einem Autounfall verloren, er gibt sich selbst die Schuld, findet aber vor allem bei seinen Eltern keinen Halt, die ihrerseits tief in ihrem Schmerz gefallen sind. Immer und immer wieder sieht sich Adam auf seinem Handy das letzte Video an, dass er mit seinem Bruder zusammen gedreht hat. Und erst nach und nach wird er lernen, dass der Ältere auch nicht so fehlerfrei war, wie er glaubt.

Abschied nehmen, Erwachsener werden: Und eben neue Freunde finden, sich nicht mehr verschließen. Das ist gewissermaßen Adams Aufgabe, und Abulele ist der Begleiter auf dem Weg, eine Art Katalysator mit eigener Geschichte. Das Monster ist, Elliot, das Schmunzelmonster lässt grüßen, ein Helfer auf dem Weg, der, wenn alles gut geht, am Ende nicht mehr gebraucht wird und gehen kann; der beweist, dass eine Trennung, ein Abschied nicht das Ende der Welt bedeutet. Ich verrate nicht zu viel, wenn ich sage: Es ging nicht immer alles gut, und auch darum geht es in diesem Film.

Gelegentlich wirkt Abulele ein wenig unwuchtig, mit seinen sehr martialischen Polizeiaufmärschen, den Bildern aus Überwachungskameras, der militärisch durchorganisierten Durchsuchung von Adams Schule auf der einen und den emotionalen Themen auf der anderen Seite. Es geht deshalb womöglich nicht alles wirklich auf, dafür wirkt vieles zu konstruiert, zu künstlich. Zugleich aber bringen vor allem Adam und Tamar (Yoav Sadian Rosenberg und Bar Minali) genug Charme mit (mehr noch als das wirklich hübsch und zurückhaltend animierte Abulele), um den Film auch durch die schwächeren Momente zu tragen.

Abulele, Israel 2015. Regie: Jonathan Geva, 96 Min. FSK k.A., empfohlen ab 8 Jahren. (Auf dem Filmfest München.)

(Fotos: Filmfest München)

Filmfest München: König Laurin (2016)

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Wer schon einmal in Südtirol war, in den Dolomiten zumal, kennt vermutlich die Sage von König Laurin und seinem Rosengarten – eine schöne Geschichte von Zwergen, Intrige und Magie, die das Leuchten, oder genauer: das Alpenglühen an dem Bergmassiv Rosengartengruppe erklärt. Regisseur und Drehbuchautor Matthias Lang hat für seinen ersten Langfilm die Erzählung variiert und zu einem kindertauglichen Märchenfilm gemacht, der gelegentlich etwas unsicher im Ton schwankt.

kifife_logo_2016_600px Hauptfigur ist der Königssohn Theodor, ein schüchterner und auch etwas ungeschickter Junge, der es seinem Vater Dietrich offenbar nie so richtig recht machen kann. Es ist aber auch ein tristes Land: Nach dem Tod seiner Frau hatte Dietrich alle Zwerge aus seinem Land vertrieben und mit ihnen ging das Wissen darüber, wie man die Erde fruchtbar hält. Es herrscht deshalb Mangel allenthalben, man hält sich mit Eroberungen bei Laune und Theodors wesentlich selbstbewussterer Cousin Wittich schmiedet heimlich Pläne, wie er anstelle von Theodor den König beerben könnte.

Wie mir König Laurin gefallen hat, der auf dem Filmfest München gezeigt wurde, habe ich im Festivalblog von kino-zeit.de aufgeschrieben.

König Laurin, Deutschland 2016. Regie: Matthias Lang, 90 Min. FSK 0 (beantragt), empfohlen ab 6 Jahren. Kinostart: 1. September 2016. (Auf dem Filmfest München.)

(Fotos: Filmfest München)

Filmfest München: Der lange Weg nach Norden (2015)

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Sie ist ein wenig fremd, ein wenig altertümlich, jedenfalls von ihren eigenen Gesetzen bestimmt, die Welt, in der die 15-jährige Sacha lebt. Man schreibt das späte 19. Jahrhundert in St. Petersburg, ihr Vater macht sich Hoffnungen auf die Position als russischer Botschafter in Rom. Aber auf Sachas Debütantinnenball kommt es zum Eklat, denn das Mädchen bedrängt den Prinzen Tomsky, man möge doch noch einmal nach ihrem verschollenen Großvater und seinem Schiff suchen; die “Dawai” (“Vorwärts”) gilt als im Eis verschollen, seit sich Sachas Opa dort auf die Suche nach der Nordost-Passage gemacht hatte.

kifife_logo_2016_600px Rémi Chayé macht schon früh klar, dass die Heldin seines Animationsfilms Der lange Weg nach Norden sich nicht gerne fügt, nicht gerne schweigt; nur das Durchhalten muss sie noch lernen. Aber das findet sich, nachdem sie heimlich ihr Elternhaus verlassen hat, um auf eigene Faust nach der “Dawai” zu suchen, nur mit Notizen ihres Großvaters bewaffnet – schließlich muss man etwas hartnäckig sein, um ein Schiff zu finden, das eine junge Frau mit auf die Reise ins ewige Eis nimmt.

Der lange Weg nach Norden lief gestern auf dem Kinderfilmfest München; meine detaillierte Kritik ist im Festivalblog von kino-zeit.de erschienen.

Der lange Weg nach Norden (Tout en haut du monde), Dänemark/Frankreich 2015. Regie: Rémi Chayé, 81 Min. FSK k.A., empfohlen ab 8 Jahren. (Auf dem Filmfest München.)

(Fotos: Filmfest München)

Filmfest München: Nellys Abenteuer (2016)

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Eins darf man schon mal sagen: Dass ihnen die Tochter wegläuft, das haben diese Eltern sich redlich verdient. Denn wer kommt schon bitte auf die Idee, einem 13-jährigen Kind zu verschweigen, dass man zwar in den Sommerferien nach Rumänien fährt, dann aber dort auch gleich bleiben wird, weil der Vater anschließend dort arbeiten wird? Kein Wunder also, dass das Kind ob dieser Nachricht rebelliert (“Wie krass ist das denn? Ich zieh doch nicht in dieses Scheißland!”) und in die Nacht, ins fremde Land hinein abhaut. Und ab da gehen die Dinge ja erst so richtig schief.

kifife_logo_2016_600px Nelly Klabund (Flora Li Thiemann) ist schon vorher gelegentlich zickig, aber das ist dem Alter angemessen: “Viel zu nass draußen, ich bin ja kein Fisch.” Die Eltern (Julia Richter und Kai Lentrodt) nerven eh – Mama ist zu viel daheim, Papa baut Windkraftanlagen, das scheint ihm die Lösung vieler Probleme zu sein, im täglichen Leben ist er jedoch gelegentlich ein wenig ungelenk. Im Urlaub geht es also irgendwo in den Osten, Transsilvanien ist nicht weit, und da ist es nicht nur fremd, sondern auch nicht unbedingt subtil abstoßend: Die Pastete ist mit Schweinehirn gemacht, der Schnaps selbstgebrannt und eine Taube kackt auf Nellys Jacke.

Nellys Abenteuer von Dominik Wessely hat gestern das Kinderfilmfest des Filmfest München eröffnet. Meine ausführliche Kritik findet sich im Festivalblog von kino-zeit.de.

Nellys Abenteuer, Deutschland/Rumänien 2016. Regie: Dominik Wessely, 97 Min. FSK 6, empfohlen ab 8 Jahren. Kinostart: 13. Oktober 2016. (Auf dem Filmfest München.)

(Fotos: Filmfest München)