Das Dschungelbuch (2016)

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Ich bin ja ein Remake-Skeptiker: Warum muss es ein modernes Update geben von Filmen, die einfach, wie sie sind, ganz wunderbar sind? Vor allem Disney aber durchschreitet gerade seine große Sammlung alter Animationsfilme und sucht sich heraus, was man daraus als Realfilm neu auflegen könnte: Aschenputtel/Cinderella war nur der Anfang. (Und Maleficent ein eleganter Schritt zur Seite.)

Nun also Das Dschungelbuch. Wobei „Realfilm“ hier natürlich und womöglich der falsche Begriff ist. Denn, das gleich vorweg, der eigentliche Wert und die eigentliche Sensation in diesem Film steckt darin, dass hier die computergenerierte Welt die „reale“ Welt praktisch völlig ersetzt, und das schließt explizit alle nicht-menschlichen Lebewesen ein. Das ist natürlich irgendwie notwendig – ein „realer“ Panther ließe sich nie zu einem Verhalten bringen, wie es Bagheera hier zeigt – und irgendwie womöglich noch nicht ganz perfekt. Aber die Lebewesen in Jon Favreaus Neuverfilmung sind alle so quasi-lebendig, so weit wieder aus dem „Uncanny Valley“ der Animation herausgetreten auf die Seite des realen Bildes, dass der Begriff des „Realfilms“ hier ebenso wenig zu greifen scheint wie der des „Animationsfilm“.

Das Dschungelbuch bewohnt den Punkt einer filmischen Zeitenwende. Allein dafür ist er schon sehenswert, zumal er die computergenerierte Welt nicht allein als Basis für wilde Effekte und 3D-Spielchen nutzt. Und der Darsteller von Mowgli, der junge Neel Sethi, zeigt eine für ein Kind seines Alters umso beeindruckendere Leistung, hat er doch mehr oder minder die ganze Zeit vor Bluescreen bzw. in blauer Umwelt mit kleinen Hilfsmitteln gespielt (einen Eindruck davon vermittelt dieses Video).

Dass Sethi zugleich – in Statur wie Bewegungen – an Mowgli aus dem animierten Dschungelbuch von 1967 erinnert, schadet dem Film sicher nicht. Allerdings orientiert sich Favreau stärker am ursprünglichen Quellmaterial, den Erzählungen von Rudyard Kipling. Das ist, wenn man die Bücher nicht kennt, auch als filmische Erfahrung nicht schlecht, weil zwar viele bekannte Szenen gezeigt werden, diese aber nicht immer ausgehen wie erwartet. Es fehlen bis auf eines die bekannten Lieder weitgehend, werden oft nur durch kleine musikalische Andeutungen anzitiert. Insgesamt ist das eine Herangehensweise die zeigt, dass Favreau mit dem Vorgängerfilm respektvoll umgehen, ihn aber keinesfalls kopieren wollte.

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Und so muss man auch sagen: Das neue Dschungelbuch ist alles andere als ein Kinderfilm. Denn hier gibt es zahlreiche, sehr realistische Schreckmomente, es geht zwar nicht unbedingt explizit blutig und grausam zu, aber die dramatischen Momente sind doch stellenweise sehr intensiv, der Realismus der unechten Bilder macht die Bedrohungen und Verfolgungsjagden darüber hinaus auch noch ein ganzes Stück direkter. Ich würde ja sagen: Das ist nichts für ganz junge Zuschauer, wahrscheinlich geeignet frühestens ab 10 Jahren, für einigermaßen sensible Gemüter nicht unter 12.

Die Zuschauer werden dann überschüttet mit wirklich ausufernden, überbordenden, wunderbaren Bildern. Die Geschichte allerdings zeigt, da sie in eine quasi-reale Welt gezogen wurde, doch einige Schwächen. Das liegt nicht an Sethi und auch nicht daran, dass die Tiere bewusst nicht vermenschlicht wurden, sondern verhältnismäßig ausdrucksarme Gesichtszüge ausweisen. Sondern schlichtweg darin, dass die Konfrontation zwischen Shere Khan und den anderen Tieren sowie Mowgli dann eben doch nicht den Stoff für ein hochkomplexes Drama liefert, sondern für eine einfache Abenteuergeschichte. Das ist nie langweilig, aber eben auch nicht mehr als Unterhaltung auf hohem Grafikniveau – und über die „erwachseneren“ Bilder eine Zeitreise zurück, nach der man sich umso mehr zurücksehnt zu Wolfgang Reitherman Animationsabenteuer (das in Deutschland übrigens so heißgeliebt ist wie kaum irgendwo sonst auf der Welt – was, und das ist wirklich ein eigentümliches, einzigartiges Stück Filmgeschichte, wohl auch an der ganz besonderen Synchronisationsfassung liegt. Aber das ist eine andere Geschichte und wird anderswo erzählt).

Das Dschungelbuch (The Jungle Book), USA 2016. Regie: Jon Favreau, 106 Min. FSK 6, empfohlen ab 12 Jahren. Kinostart: 14. April 2016.

(Fotos: Disney)

Heldinnen und ihre Wunden – Frauen- und Mädchenfiguren im Kinderfilm

Wie viele andere Eltern in den letzten Tagen auch, haben wir vor kurzem mit den Kindern Zoomania gesehen. Ein Film, der sich ein wenig ans Osterfest schmiegt mit seiner überzeugenden Protagonistin Judy Hopps, Häsin, beste Absolventin ihres Jahrgangs und erstes Nagetier in der Polizei von Zoomania. Und in ihrer Kombination von puscheliger Niedlichkeit, nicht nachlassendem Optimismus und Kampf für Recht und Gesetz eine ziemlich überzeugende Identifikationsfigur für junge Kinogänger.

Officer Hopps ist damit eine nur langsam wachsende Minderheit im Kinderkino – denn dort stehen wie im “großen” Kino meist Jungs und Männer im Vordergrund. Als ich anlässlich des Weltfrauentags eine kleine Liste mit wirklich guten Kinderfilmen zusammengestellt habe, in denen starke Mädchenfiguren im Fokus stehen, war ich wider besseren Wissens wieder einmal überrascht, wie mühsam es war, einige Titel zusammenzubekommen. (Auch wenn die Liste durch kluge Kommentare dann doch noch ein wenig länger wurde.)

Zoomania ist zudem dadurch auffällig, dass der Film das Thema Sexismus (und stärker noch Rassismus sowie darauf fußende Vorurteile) in den Fokus seiner Handlung rückt und kindgerecht aufbereitet, ohne großes Gewese und ohne erhobene Zeigefinger (oder Pfoten). Und noch eine andere Sache ist mir aufgefallen, die Judy Hopps so besonders macht: Sie bringt kein Trauma, kein Drama, keine ernsthaften Verletzungen mit.

Hopps entstammt einer völlig intakten (sehr vielköpfigen) Hasenfamilie und will einfach nur Polizistin werden, weil sie … naja, weil sie will. Dahinter steht viel Gerechtigkeitssinn (etwas, was Kinder sofort nachvollziehen können, den haben sie nämlich meist auch) auf der einen Seite und auf der anderen Seite der Wille, sich nicht unterkriegen zu lassen, seinen Traum unbedingt umzusetzen. Das ist natürlich eine sehr amerikanische Selbstverwirklichungsphantasie – aber sie beruht eben nur auf Hopps’ Charakter, nicht auf einem Trauma oder einem Verlust, der sie antreibt.

Weiterlesen: Mein vollständiger Text zu Mädchen- und Mütterfiguren, Traumata und abwesenden Eltern (nicht nur) in Disney-Filmen ist auf kino-zeit.de in meiner Kolumne “Sitzplatzerhöhung” erschienen. Bitte hier entlang!

(Foto: Disney)

Zoomania (2016)

Judy Hopps ist keine gewöhnliche Häsin. Zwar stammt sie – wie die meisten Hasen – aus einer Familie von Karottenfarmern, aber statt in die Pfotenstapfen ihrer Eltern zu hüpfen, schließt sie als Jahrgangsbeste die Polizeiakademie ab und tritt anschließend als erstes Nagetier überhaupt den Dienst im zentralen Polizeirevier der Hauptstadt Zoomania an: Judy wird von den Medien und vom Bürgermeisteramt zum Vorbild für zukünftige Aspiranten gekürt, aber damit fangen die eigentlichen Probleme erst an…

Es gibt in Disneys Zoomania eine Menge Dinge, die an unsere heutige Gegenwart erinnern – Handys, Kameraüberwachung, Förderung von Minderheiten. Nur sind eben alle Figuren Tiere: Pflanzenfresser und Raubtiere leben in der titelgebenden Metropole friedlich und zivilisiert miteinander – und der Kinobesuch lohnt sich allein schon wegen der zahllosen visuellen Gags, die die praktischen Herausforderungen etwa des Nebeneinanderlebens von Tropentieren und Eisbären behandeln. Bereits die Zugfahrt, mit der das Landei Judy am Anfang in die große Stadt kommt, eröffnet ein atemberaubendes Tierreich-Panorama – und dieses Glücksgefühl wiederholt sich später bei vielen kreativen Details (etwa eine Verfolgungsjagd durch „Little Rodentia“, das Miniaturviertel für kleine Nagetiere).

Meine vollständige Empfehlung für Zootopia findet sich auf filmstarts.de.

(Es wird niemanden überraschen, aber die Faultiere sind bei den Kindern natürlich der Hit.)

Zoomania (Zootopia), USA 2016. Regie: Byron Howard und Rich Moore, 108 Min. FSK 0 (Empfehlung: ab 7 Jahren), Kinostart: 3. März 2016.

(Fotos: Disney)

Arlo & Spot (2015)

THE GOOD DINOSAUR

Es hat sich ja ein wenig die Erwartung eingebürgert, dass die Pixar-Studios eigentlich keine schlechten Filme machen können. Wenn man mit einer gewissen Gnade den meiner Meinung nach eher unsäglichen Cars vergessen mag (der aber natürlich gleichwohl nicht nur ein Kassenschlager war, sondern allein aufgrund seiner Merchandising-Einnahmen wahrscheinlich heute noch eine der Cash Cows von Pixar sein dürfte), dann stimmt das in der Filmographie bisher auch.

Tja. Mit Arlo & Spot (The Good Dinosaur) hat diese Erfolgsgeschichte einen Knacks bekommen, denn der Film über einen kleinen Dinosaurier und sein menschliches Haustier ist vor allem eines nicht: originell. Sondern vor allem: weitgehend fad.

Die Prämisse ist relativ einfach und sympathisch: Der Meteor, der seinerzeit das Aussterben der Dinosaurier in Gang setzte, hat die Erde um eine Handvoll Tausend Kilometer verfehlt, so dass sich die Tiere nun, viele Millionen Jahre später, sogar die Erde mit den ersten Menschen teilen. Allerdings haben sich die Dinos sehr viel weiter entwickelt: Die Pflanzenfresser bauen selbst Getreide an, die Fleischfresser hegen ihre Rinderherden. Man stelle sich das Ganze vor typisch amerikanischen Gebirgszügen vor und hat, na klar: einen Western. Und in der Tat sind es die besten (und lustigsten) Szenen in Arlo & Spot, wenn sich der Film ganz und gar diesem Genrespiel hingibt und eine Horde treusorgender Tyrannosaurier am Lagerfeuer derbe Witze reißen lässt.

Überhaupt die Natur: Arlo & Spot hat die photorealistischsten Bilder, die Pixar jemals auf die Leinwand gezaubert hat: Wasser, Landschaften, Pflanzen, Stürme – das ist stellenweise atemberaubend schön. Aber es ist natürlich immer nur computergeneriert, und die oftmals auf Niedlichkeit zielende, fast immer übertrieben wirkende Stilisierung der Dinosaurier passt dann zu den Naturbildern gar nicht mehr so recht dazu. Die Figuren wirken wie Fremdkörper in ihrer eigenen Welt.

Und manche Szenen wirken wie Fremdkörper in dieser sehr klassisch-disneyhaft „familientauglichen“ Geschichte: Arlos Vater kommt nämlich bei einem Unfall ums Leben, und diese Momente – ebenso wie eine kleine Handvoll anderer – sind im Vergleich zum restlichen Film unfassbar bedrohlich, geradezu traumatisch.

Ansonsten ist das eine Coming-of-Age-Geschichte als Road und Buddy Movie: Arlo macht sich mit vielen Umwegen auf den Weg nach Hause, trifft irgendwann auf Spot – ein verwaistes Menschenjunges in vorsprachlichen Zeiten, dass sich wie ein Hund verhält, inklusive jaulen, Idefix-artigem Kratzen (hinterm Ohr, mit dem Fuß) und, ja doch, anheulen des Vollmonds. Und die Reise führt an guten wie schlechten Erfahrungen und Wesen vorbei, bis er am Schluss, gewachsen und gereift, zurückkehren kann – und seine Mutter ihn zunächst, aus der Ferne, für seinen Vater hält. So wie der es vorher gesagt hatte: „Du bist wie ich, und mehr“. Da wand ich mich schon recht vor Schmalz und Fremdscham.

Der noch positive Blick auf diese Geschichte ist, dass der Film mit seiner bewegten Produktionsgeschichte – irgendwann steckte man in einer Sackgasse, Regisseur und Sprecher wurden nahezu komplett ausgewechselt, das Skript überarbeitet – vielleicht nicht besser werden konnte. Aber die Wahrheit ist eben auch, dass Pixar zum ersten Mal mit seinen Figuren nichts Originelles eingefallen ist – also gibt es trotz einiger sehr effektiv die Tränendrüsen unter Druck setzenden Szenen nichts, was über das schlichte 08/15-Einmaleins des Familienfilms in irgendeiner Art hinausweisen würde.

Dabei gibt es so ein paar Momente und Figuren, in denen der sonstige Ideenreichtum und auch der Wagemut dieses Studios durchscheinen. Etwa in der Tyrannosaurus-Familie mit ihrem Cowboy-Dasein; oder der großartige, völlig neurotische Dinosaurier, der zahlreiche kleine Wesen – Vögel, Echsen usw. – um sich schart, die ihn vor der Welt und seinem eigenen Übermut schützen sollen. („Er schützt mich vor unrealistischen Träumen.“)

Diese Figur ist keine fünf Minuten im Film – und an sie, ihre Geschichte, Sorgen und Erlebnisse, hätte ich wirklich eine ganze Menge Fragen. Die Hauptfiguren allerdings, Arlo und sein Schoßmensch Spot, interessieren mich nicht wirklich. Schade.

(Wegen der Angstszenen nicht für Kinder unter 8 Jahren geeignet, evtl. sogar erst für ältere. Kinder mit enzyklopädisch-neurotischem Dinosaurierwissen werden ob der wenig originalgetreuen Präsentation der Dinosaurier eher enttäuscht sein.)

Arlo & Spot (The Good Dinosaur), USA 2015. Regie: Peter Sohn, 94 Min. FSK 6, Kinostart: 26. November 2014.

(Fotos: Disney/Pixar)

Verlosung: Arlo & Spot

THE GOOD DINOSAUR

Bereits seit Ende November ist Arlo & Spot in den Kinos, der neueste Film aus dem Hause Pixar (das inzwischen ja zu Disney gehört) – ausführliche Besprechung folgt!

Was wäre, wenn der Asteroid, der das Leben auf der Erde vor 65 Millionen Jahren für immer verändert hat, unseren Heimatplaneten knapp verfehlt hätte und die Dinosaurier nicht ausgestorben wären? ARLO & SPOT erzählt die Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft zwischen einem jungen Apatosaurus namens Arlo und dem Menschenjungen Spot.

AUS_Booklet AUS_Sticker Mit freundlicher Unterstützung von Disney kann ich hier im Blog zwei Fanpakete verlosen, mit jeweils folgenden Ingredienzien: zwei Kinotickets (bundesweit gültig), ein Booklet/Malbuch und ein Sticker-Set (siehe Abbildungen).

Um an der Verlosung teilzunehmen, müßt Ihr nur hier im Formular Eure Daten eingeben und eine Frage beantworten. (Die originellsten Antworten gewinnen und werden nach Ende des Gewinnspiels mit Euren Initialen hier unter dem Beitrag noch als Kommentar veröffentlicht.) Die Verlosung läuft bis einschließlich 7. Dezember 2015. Der Rechtsweg ist natürlich ausgeschlossen. Nur eine Teilnahme pro Haushalt!
„Verlosung: Arlo & Spot“ weiterlesen

Tinkerbell und die Legende vom Nimmerbiest (2014)

Ich muss gleich zu Beginn gestehen: Bisher sind die Tinkerbell-Abenteuer an mir vorübergegangen, weil ich aus der Ferne immer den Eindruck hatte, sie bewegten sich qualitativ und inhaltlich auf einem ähnlichen Niveau wie die grauenhaften Filme, mit denen sich Disney unter dem „Barbie“-Label an eine ähnliche Zielgruppe richtet. Und natürlich gibt es da auch ein paar auffällige Gemeinsamkeiten: So erinnert die Körperform der Disney-Elfen stark an die ikonischen Mattel-Puppen mit ihren unnatürlich schmalen Taillen. Aber wo die Protagonistinnen in den Barbie-Filmen Konflikte auf dem Niveau schlechter amerikanischer Highschool-Streifen verhandeln, sind die Tinkerbell-Elfen ungleich erwachsener.

Auch wenn der Titel anderes vermuten lässt, stehen in den Tinkerbell-Filmen auch andere Feen im Zentrum. Tinkerbell und die Legende vom Nimmerbiest (gerade auf DVD und Blu-ray erschienen) handelt vor allem von der Tierfee Emily, deren Aufgabe es ist, sich um das Wohl von Tieren zu kümmern und auch neue Arten zu erforschen. Ihr Interesse selbst an möglicherweise gefährlichen Kreaturen sorgt dabei geradezu zwangsläufig für Konflikte mit der Wächterin Nyx, die für die Sicherheit im Tal der Elfen verantwortlich ist. Als Emily in einer Höhle das geheimnisvolle Nimmerbiest findet, von dem auch eine alte Prophezeiung vage handelt, stellt sich deshalb sofort die Frage: Ist das Nimmerbiest ein freundliches Wesen – oder droht hier womöglich das Ende aller Elfen?

Weiterlesen: Meine vollständige Kritik zu Tinkerbell und die Legende vom Nimmerbiest findet Ihr auf filmstarts.de.

(Fotos: Disney)