Michel-Kinderfilmfest: Adama (2015)

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Helles Licht, Brauntöne, Grün, blaues Wasser: Adamas Welt ist voller Farbe. Der 12jährige lebt mit seinen Eltern und seinem großen Bruder Samba ein anscheinend weitgehend sorgenfreies Leben in einem Dorf irgendwo in Westafrika. Geschützt liegt der Ort auf einer Tiefebene, rundherum steile Felswände, dahinter die Welt der Winde: Die Außenwelt, vor der die Älteren im Dorf warnen. Von dort kommt Unglück und Versuchung.

michel-logo Samba will sich damit nicht zufriedengeben. Er sucht die Weite, ist ihrem Ruf längst erlegen, als die Feier zu seiner Initiation unterbrochen wird, weil der Dorfälteste eine Möwe als schlechtes Omen versteht. Noch in der gleichen Nacht bricht er auf, zu einem fremden Volk als Krieger will er dazustoßen – seinen Sold in Goldstücken, den er vorab bekommen hat, lässt er für seine Familie da.

Das Dorf ist am nächsten Morgen in Aufruhr und gibt den aufsässigen jungen Mann verloren. Adama erträgt das nicht: Er greift sich Sambas Gold und läuft ihm hinterher – durch die Wüste zu einer Küstenstadt, in ein riesiges Schiff hinein (dem seinen hinterherfahrend), nach Paris, an die Front…

Wir schreiben das Jahr 1916, die Geschichte von Adama und Samba ist eine fiktionale Variation auf die gern vergessenen Schicksale der „Force noire“ bzw. „Tirailleurs sénégalais“. Frankreich rekrutierte – mehr oder minder freiwillig – in seinen schwarzafrikanischen Kolonien Kämpfer für seine Armeen, die im ersten (und später auch zweiten) Weltkrieg an der Seite französischer Soldaten kämpften.

Adamas Reise führt vom Licht und den offenen, sonnigen Himmeln Afrikas hin zu den wolkenverhangenen Tagen und Nächten in Frankreich, hin zu den zunehmend düsteren, dunklen Schützengräben von Verdun. Regisseur Simon Rouby nimmt sich in seinem ersten Langfilm dabei so einige historische Freiheiten (bis hin zur insgesamt völlig unwahrscheinlichen Erzählung über Adama selbst, die eine Coming-of-Age-Geschichte als Mysteriendrama und Abenteuerfilm erzählt), aber neben seiner eigentlichen Erzählung fungiert der Film erfolgreich als historisches Denkmal.

Die Filmbilder haben stellenweise die Qualität von Ölgemälden – das bewirkt die Produktionsweise der Animationsbilder. Die Figuren wurden zuerst von Hand modelliert und dann als 3D-Modelle per Computer animiert, während die Hintergrundbilder in 2D gemalt wurden. So stechen die Figuren deutlich heraus, wirken aber, als seien sie mit ständig wechselnden Pinselstrichen gemalt, manchmal gar, als seien sie immer neu aus changierendem Lehm geformt. Immer sind sie dicht an der Erde, nie ganz scharf bis ins letzte Detail konturiert: Unvollständig, werdend.

Es gibt viel Ungerechtigkeiten und auch einige Gewalt in diesem Film; am Ende steht eine Auflösung, die wunderbare Rettung sein könnte oder Tod, unendliches Glück oder Wahnvorstellung der Todgeweihten. Man weiß es nicht. Abdu, der Narr, geleitet Adama und Samba, endlich wieder vereint, dorthin; und dieser Narr, von Anfang an unschuldig und wirr, klar und wahnsinnig, erdet alles, was in Adama geschieht. Er warnt vor den falschen Götzen, vor Gier und Irrtum: „Ihr werdet alle ins Feuer geworfen. Rettet diejenigen, die nicht vergessen haben, woher sie kommen.“

Retten, und: gegen das Vergessen anrennen.

Adama. Frankreich 2015. Regie: Simon Rouby. 82 Minuten, empfohlen ab 12 Jahren.

(Fotos: Ocean Films)

Zoomania (2016)

Judy Hopps ist keine gewöhnliche Häsin. Zwar stammt sie – wie die meisten Hasen – aus einer Familie von Karottenfarmern, aber statt in die Pfotenstapfen ihrer Eltern zu hüpfen, schließt sie als Jahrgangsbeste die Polizeiakademie ab und tritt anschließend als erstes Nagetier überhaupt den Dienst im zentralen Polizeirevier der Hauptstadt Zoomania an: Judy wird von den Medien und vom Bürgermeisteramt zum Vorbild für zukünftige Aspiranten gekürt, aber damit fangen die eigentlichen Probleme erst an…

Es gibt in Disneys Zoomania eine Menge Dinge, die an unsere heutige Gegenwart erinnern – Handys, Kameraüberwachung, Förderung von Minderheiten. Nur sind eben alle Figuren Tiere: Pflanzenfresser und Raubtiere leben in der titelgebenden Metropole friedlich und zivilisiert miteinander – und der Kinobesuch lohnt sich allein schon wegen der zahllosen visuellen Gags, die die praktischen Herausforderungen etwa des Nebeneinanderlebens von Tropentieren und Eisbären behandeln. Bereits die Zugfahrt, mit der das Landei Judy am Anfang in die große Stadt kommt, eröffnet ein atemberaubendes Tierreich-Panorama – und dieses Glücksgefühl wiederholt sich später bei vielen kreativen Details (etwa eine Verfolgungsjagd durch „Little Rodentia“, das Miniaturviertel für kleine Nagetiere).

Meine vollständige Empfehlung für Zootopia findet sich auf filmstarts.de.

(Es wird niemanden überraschen, aber die Faultiere sind bei den Kindern natürlich der Hit.)

Zoomania (Zootopia), USA 2016. Regie: Byron Howard und Rich Moore, 108 Min. FSK 0 (Empfehlung: ab 7 Jahren), Kinostart: 3. März 2016.

(Fotos: Disney)

Home – ein smektakulärer Trip (2015)

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Filme werden für’s Marketing gerne in die bekannten Kategorien gepresst. Das führt dann dazu, dass die wirklich ungewöhnlicheren Filme völlig aus dem Raster fallen und oft nicht einmal einen Verleih finden – wenigstens nicht für einen Kinostart –, weil die Marketingmenschen nicht wissen, was sie mit dem jeweiligen Streifen anfangen sollen. (Beispiele dafür sind z.B. das Marketing zum Kinostart von Die Braut des Prinzen – damals, 1987, als die Welt eigentlich noch in Ordnung war! – oder der Umgang des deutschen Verleihs mit dem Science-Fiction-Film Under the skin.)

Das andere Extrem ist es, einen Film als „erste postapokalyptische animierte Road-Movie-Buddy-Komödie samt Invasion von Außerirdischen“ anzukündigen; so wird Regisseur Tim Johnson im Pressematerial zu Home – ein smektakulärer Trip zitiert: Eine solche Anhäufung von Einstufungen, dass es schon wieder bedeutungslos wird. Und es wird dem Film, obgleich das natürlich alles stimmt, doch nicht gerecht. Home ist schlauer, als er selber weiß. Und reaktionärer, als er selber glaubt. Irgendwo unter seiner knalligen Oberfläche ist er politisch, nicht wenig sarkastisch, und dann doch so viel mehr amerikanisch, als er gerne sein möchte.

Aber fangen wir am Anfang an. Oder bei der Vorgeschichte, die geht so: „Home – ein smektakulärer Trip (2015)“ weiterlesen

„Korridor links, letzte Tür rechts“: Im Labyrinth der Asterix-Filme

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Eine ausführliche historische Würdigung von Alexander Matzkeit

Louis Clichy und Alexandre Astier gelingt in ihrem Film Asterix im Land der Götter etwas Besonderes: Dem gewöhnungsbedürftigen 3D-Look zum Trotz besitzen die unbeugsamen Gallier, ihre Gegenspieler und Alliierten, einen Charme, wie man ihn seit mehreren Jahrzehnten nicht mehr in Asterix-Verfilmungen gesehen hat. Der Ursprung dieses Charmes mag darin liegen, dass Clichy seine Lehrjahre unter anderem bei Pixar absolviert hat. Dem US-Studio gelang es schließlich in der Vergangenheit, von alten Spielzeugen bis quadratischen Robotern so ziemlich jedem Wesen eine computeranimierte Seele abzutrotzen.

Vielleicht aber haben sich Clichy und Astier auch sehr bewusst auf den Geist von Asterix-Erfinder René Goscinny besonnen. Dessen Geschichten lag bis zu seinem Tod 1977 bei allem satirischen Biss immer eine besondere Güte inne. Ein Humor, der stets ins Schwarze traf, aber selten verletzte.

Vielleicht lag es daran, dass Goscinny selbst so ein großer Zweifler an seinen Fähigkeiten war und deswegen nie aus einer Haltung der Arroganz heraus schrieb. Albert Uderzo, seinem Freund und Co-Erfinder der Gallier, gelang es lange Zeit, diesen gütigen Geist auch nach Goscinnys Tod in die Comics zu retten. Und auch wenn diese spätestens ab den Neunzigern ebenfalls an Qualität verloren: Asterix blieb auch dreißig Jahre nach dem Tod seines geistigen Vaters, wer er immer gewesen war.

Die animierten Abenteuer des gallischen Kriegers erzählen allerdings eine ganz andere Geschichte – wenn auch eine, die erschreckend wenig dokumentiert und erforscht wurde. Fast immer muss man sich auf nicht direkt belegbare Aussagen verlassen, wenn man etwas über die Asterix-Zeichentrickfilme erfahren will. Außer Fernsehdokumentationen und Pressetexten gibt es eigentlich kein Material. Ich will mich trotzdem an einem Überblick versuchen.

Asterix der Gallier: zu ehrfürchtig gegenüber dem Comic

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Als Asterix der Gallier (Astérix le Gaulois) 1967 fertiggestellt wurde, war der kleinwüchsige Krieger längst ein Star. Sechs Jahre zuvor hatte er in der Jugendzeitschrift Pilote sein Comic-Debüt gefeiert, inzwischen war er das Zugpferd des Magazins, dessen Chefredakteur nun auch René Goscinny hieß. Auch Goscinny war so etwas wie ein Star in Frankreich, mindestens in intellektuellen Kreisen.

Vielleicht ist Asterix der Gallier deswegen so ehrfürchtig gegenüber dem Text, den er adaptiert. Verleger Georges Dargaud und das belgische Trickstudio Belvision produzierten ihn ohne jedes Mitspracherecht der Asterix-Erschaffer zunächst für’s Fernsehen, dann aber doch für’s Kino. „„Korridor links, letzte Tür rechts“: Im Labyrinth der Asterix-Filme“ weiterlesen

Exklusiv: Die ersten zwei Minuten aus “Asterix und das Land der Götter”

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Keine Panik! Am 26. Februar 2015 kommt der neue Asterix-Film in die Kinos, Asterix und das Land der Götter, frei nach dem ziemlich großartigen Band XVII: Die Trabantenstadt. Mit der freundlichen Unterstützung von Universum Film kann ich hier die ersten zwei Minuten des Films, in denen Julius Cäsar seine besonderen Pläne für unser geliebtes gallisches Dorf darlegt, exklusiv vorab zeigen. Viel Vergnügen!

PS: Kritik und Gewinnspiel zum Film folgen in den nächsten Tagen!

(Foto: Universum Film)

Kinostart diese Woche (30. Oktober 2014): Der kleine Medicus – Geheimnisvolle Mission im Körper

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Heute startet Der kleine Medicus – Geheimnisvolle Mission im Körper in den Kinos, ein deutsches Animationsabenteuer über zwei Kinder, die gemeinsam mit einem menschengroßen rosa Kaninchen geschrumpft werden, um im Körper ihres Großvaters auf die Suche nach einem Miniroboter zu gehen und das Leben des Großvaters zu retten. Hier eine kleine Übersicht über ein paar Pressereaktionen zum Film: „Kinostart diese Woche (30. Oktober 2014): Der kleine Medicus – Geheimnisvolle Mission im Körper“ weiterlesen