Look away! Sieh nicht hin!

Ich schließe jetzt mal eine Wette ab: Eine Reihe betrüblicher Ereignisse wird meinem ältesten Kind sehr, sehr gefallen.

Das ist ein gewisses Wagnis. Obgleich es sich in abenteuerlichem Tempo durch Bücher fräst, kennt das Kind die Buchvorlage von Lemony Snicket (bürgerlich: Daniel Handler) nicht, so dass seine Meinung hieraus nicht vorherzusagen ist; und genauso wenig sind meine Vorhersagen bezüglich des sehr wählerischen kindlichen Geschmacks wirklich zuverlässig. Ich – Einfach Unverbesserlich 2 mochte das Kind natürlich (klar, so witzig wie Teil 1, aber nicht so doof wie Die Minions), aber bei Herrscher der Zeit lag ich voll daneben. Da war wohl meine eigene Seherfahrung vor dreißig Jahren Vater des Gedankens.

Aber: Das Kind liebt Philip Ardagh. Spezifischer: Es liebt Herr Urxl und das Glitzerdings, “Rauschebart” Ardaghs fundamental bizarre (und von Harry Rowohlt, lasst uns seine Erinnerung preisen, so präzise wie komisch übersetzte) Geschichte über ein kleines Dorf und den seltsamen, stark riechenden Außenseiter Herr Urxl.

Warum die Netflix-Serie Eine Reihe betrüblicher Ereignisse gut für Kinder ist – und jedenfalls weder so unterkomplex noch so behütend-langweilig wie sonst im Kinderfernsehen und -film üblich, habe ich für meine Kolumne auf kino-zeit.de genauer aufgeschrieben.

(Fotos: Netflix)

Verlosung: Auf Augenhöhe

Ab morgigen Freitag (24. Februar) gibt es für’s Heimkino den sehenswerten deutschen Kinderfilm Auf Augenhöhe zu haben, den ich vergangenes Jahr schon ausführlich besprochen und empfohlen hatte.

Der zehnjährige Michi lebt in einem Kinderheim. Eines Tages entdeckt er zufällig einen Brief seiner verstorbenen Mutter an einen gewissen Tom. Michi ist sich sicher: Dieser Unbekannte muss sein Vater sein! Voller Aufregung und Vorfreude macht er sich auf die Suche nach ihm – und ist ziemlich überrascht, als er ihm gegenüber steht: Tom ist kleinwüchsig. So hat Michi ihn sich nicht vorgestellt. Tom ist genauso geschockt von seiner unverhofften Vaterschaft. Als sich die beiden schließlich doch auf Augenhöhe begegnen, bringt ein unerwartetes Ereignis noch einmal alles durcheinander.

Mit freundlicher Unterstützung des Verleihs (TOBIS FILM GmbH im Vertrieb der WVG Medien GmbH) kann ich hier im Blog je eine DVD und eine Blu-ray des Films verlosen.

Um an der Verlosung teilzunehmen, müßt Ihr nur hier im Formular Eure Daten eingeben und eine einfache Frage beantworten. Die Verlosung läuft bis einschließlich 1. März 2017. Der Rechtsweg ist natürlich ausgeschlossen. Nur eine Teilnahme pro Haushalt!
„Verlosung: Auf Augenhöhe“ weiterlesen

Kurzfilm zum Wochenende: Ähnlich (2015)

Vater Copi versucht seinem Sohn Paste den richtigen Weg durchs Leben zu zeigen… Man sollte nur nicht erwarten, dass aus diesem kurzen Animationsfilm (im Original: Alike) von Daniel Martínez Lara und Rafa Cano Méndez eine Lektion fürs brave Lernen und gehorsame Leben entsteht. Auf der Website zum Film gibt es auch noch ein Making-Of und weiteres Material zu sehen. (via)

Schönes Wochenende!

Mein Leben als Zucchini (2016)

Der selbstgebastelte Drachen fliegt fest an seinem Band aus dem Fenster heraus, die Bierdosen fungieren als Bauklötze: Der neunjährige Icare, der Zucchini genannt werden will, weil seine Mutter ihn so nennt, zieht sich damit auf den Dachboden zurück. Später wird er dem Polizisten Raymond erzählen, seine Mutter habe viel getrunken, aber ab und an auch gut gekocht. Sie stürzt, im Zorn auf ihren Sohn, von der Dachbodenleiter; vielleicht war Zucchini auch Schuld an dem Tod. Ihm bleiben der Drachen, eine Bierdose und wenig mehr.

Es gehört ein gerüttelt Maß Tapferkeit dazu, einen Animationsfilm (auch) für Kinder auf dieser Note zu beginnen: Randvoll mit Traurigkeit, misslingendem Leben, ohne Aussicht auf Glück. Und so lässt Claude Barras’ Film Mein Leben als Zucchini in jeder Szene diese Tapferkeit aus den Ritzen scheinen.

„There is a crack in everything / That’s how the light gets in“, singt Leonhard Cohen in „Anthem“. Und hier wirkt alles brüchig, nichts glatt. Auch ganz physisch: Die Knetfiguren in der Stop-Motion-Animation sind blass, ihre Nasen rot, die Augen riesige Fenster in die Seelen. Sie bewegen sich immer ein wenig wie zusammengesackt, voll Müdigkeit. Wer weiß schon vorher, wann sich da ein Riss auftut?

Raymond bringt Zucchini in ein Waisenhaus, da sind alle Kinder traurig und einsam, Geschichten von Gewalt, Missbrauch und Vernachlässigung werden angedeutet. Die Kleinen suchen sich je ihre eigenen Auswege: Simon gibt den Anführer und macht sich über die Schwächeren lustig, Béatrice läuft immer zur Tür, wenn Fremde kommen, in Erwartung ihrer Mutter – doch als diese wirklich kommt, läuft sie ängstlich weg. Die Kinder kloppen sich, da wird es auch mal physisch, sie vertragen sich, streiten und verstehen sich und wachsen zu etwas zusammen, das anders und vielleicht mehr ist als Familie.

Dann kommt Camille ins Waisenhaus dazu, und Zucchini ist sofort verliebt. Vielleicht ist es auch eine große Freundschaft, wer weiß das in diesem Alter – aber diese Sache mit der Liebe beschäftigt sie sehr. Dann wird auch noch die Frau vom Lehrer schwanger, kommt das jetzt vom Küssen oder muss dafür doch der Schniedel explodieren, wie einer der Jungen gelernt haben will?

In Mein Leben als Zucchini ist die tragische Situation der Kinder kein Ausgangspunkt für unüberwindbares Drama, sondern Start in ein Leben, das gelebt werden will. Worauf die Kinder vertrauen können, sind geduldige, liebevolle und strenge Erwachsene im Waisenhaus, denen die Kinder alles andere als egal sind. Das hat mit Belehrung oder Moral nichts zu tun, der Film präsentiert keine belehrende Erkenntnis, wie ein besseres Leben zu führen sei.

Aber er leuchtet vor Empathie; Mitgefühl und Verantwortung füreinander ergeben sich dann quasi zwingend. Mein Leben als Zucchini erfüllt die kleinen Puppen mit mehr Leben, als die meisten Realfilme ihren Personen einzuhauchen vermögen. Vielleicht mag das verknappte Personal im Waisenhaus und ihre bedingungslose Zuneigung zu den Kindern etwas vereinfacht scheinen; aber zum einen ist es immer noch Meilen von den einfachen Gegensätzen à la Annie entfernt, und zum anderen darf dramaturgische Verknappung einiges, wenn sie den Kern nicht verkitscht.

Dass das nie geschieht, ist nicht nur der Animation zu verdanken, sondern insbesondere auch der Drehbuchautorin Céline Sciamma, die den Roman „Autobiographie d’une courgette“ von Gilles Paris großartig verknappt und umgesetzt hat. Die Frau hat vorher die Drehbücher z.B. der groß und breit und zu Recht gepriesenen Tomboy und Girlhood verfasst – für ihren ersten Animationsfilm hat sie die emotionale und intellektuelle Komplexität ihrer vorherigen Arbeiten nicht ignoriert, sondern mitgenommen.

Mein Leben als Zucchini ist für einen Oscar als bester Animationsfilm nominiert und hätte ihn mit jedem Knetkügelchen seiner Existenz verdient. Ein berührender, emotional ehrlicher und beglückender Animationsfilm, ein Glücksfall fürs Kino.

Mein Leben als Zucchini (Ma vie de courgette), Frankreich/Schweiz 2016. Regie: Claude Barras. 66 Minuten. FSK 0 (empfohlen ab 9 Jahren), Kinostart: 16. Februar 2017.

Fotos: Polyband

Poi E: The Story of Our Song (2016)

Es kommt immer wieder vor, dass ich jammern möchte, dass ein großartiger Film gewissermaßen im Programm der Berlinale Generation “versteckt” wird, aber das tut der Sache ja in mindestens zweierlei Hinsicht Unrecht: Zum einen, weil das Programm der Generation in der Regel für sich großartig ist und deshalb selbstverständlich Filme beinhaltet, die nicht nur “als” Kinder- und Jugendfilme Aufmerksamkeit bekommen sollten (und klar, es gibt Ausnahmen). Zum anderen, weil ich dankbar sein sollte, dass so sehenswerte Filme auf diese Weise ein Publikum finden, das für ihre Themen und Inhalte womöglich besonders empfänglich sind.

berlinale_logo Ich kannte die Geschichte von “Poi E”, dem neuseeländischen Hitsong aus den 1980er Jahren, überhaupt nicht (und sicher nicht nur, weil ich damals selbst noch Kind war). In der Art und Weise, wie Tearepa Kahi diese Geschichte erzählt, berührt sie noch einmal besonders: Aufgehängt an Lebensgeschichten, an geteilten Erfahrungen der Maori, an schließlich das Glück weniger von Erfolg als mehr von Anerkennung und Sichtbarkeit. Das ist wunderbar und großartig und doch bescheiden zugleich.

In allen Details habe ich das für das Berlinale-Blog von kino-zeit.de aufgeschrieben.

Und jetzt sollten wir alle dringend den Song im Original-Video anschauen:

(Foto: Sony)