Hanni & Nanni (2010)

Hanni & Nanni gesehen. Gelitten. Live dazu getwittert. Eine Schmerzensgeschichte:

Oliver Pocher habe ich zwar erkannt, sein Name ist mir aber nicht mehr eingefallen, so lang ist der schon her.

Triple-F-Rated
Triple-F-Rated
All dem Leid zum Trotz gilt für den Film übrigens dennoch das Triple-F-Rating. Das Rating ist ja auch, wie beschrieben, kein Qualitätskriterium.

Dann, einige Arbeitsstunden später:

Anschließend wird das Pferd im Gartenhaus verstaut und spielt keine weitere Rolle mehr. Warum übrigens Katharina Thalbach glauben gemacht wurde, ihre Pseudofranzösisch dahinparlierende Lehrerin sei lustig, ist ein Rätsel der deutschen Filmgeschichte.

Es wurde Hockey gespielt. Ein Junge bekam kurz vorher den Laufpass, weil er meinte, Hockeyspielen passe nicht zu Mädchen. Einzige gute Szene des Films!

(Die Schule ist gerettet!)

Dieser Film ist ein einziges, furchtbares Gekröse.

Katja Lüthge fand übrigens in der Berliner Zeitung:

Die Schuluniform etwa – weiße Bluse, weiße Kniestrümpfe, Faltenminirock – scheint aus einem Mädchen-Manga nachgeschneidert, und die zarten weißen Schlafanzüge könnten glatt vom Mädchenkörper-Erotisierer David Hamilton fotografiert worden sein. In den Umziehpausen lernen die Zwillinge dann mal eben ein Instrument, werden zu respektierten Mitgliedern der Schulgemeinschaft und retten als solche schließlich noch ihr von der Schließung bedrohtes Institut.

(Foto: Universal)

Überflieger – Kleine Vögel, großes Geklapper (2016)

Spatzenkind Richard hat Glück im Unglück. Das Unglück: Gerade als er sich durch seine Eierschale zu kämpfen beginnt, werden seine Eltern Opfer eines vögelfressenden Raubtiers. Das Glück: Ein Storchenpaar findet das kleine Vögelchen und zieht ihn als ihr eigenes Kind auf. Das bleibt nicht ohne Folgen, denn Richard hält sich ganz selbstverständlich für einen Jungstorch und freut sich enorm darauf, mit seiner Familie im Süden zu überwintern. Seine Zieheltern sehen schließlich keine Wahl als nachts heimlich mit seinem Stiefbruder Max zum Vogelzug aufzubrechen, denn diese Reise würde der kleine Spatz nicht schaffen.

Die Grundkonstellation von Überflieger – Kleine Vögel, großes Geklapper ist ein geradezu klassisches Erzählkonstrukt. Der restliche Film beschäftigt sich daher erwartungsgemäß damit, wie der kleine Spatz entgegen aller Wahrscheinlichkeiten und Erwartungen doch über Frankreich und Italien den Weg nach Afrika finden und schließlich auch von seinen Eltern als vollwertiger Sohn verstanden wird – während er zugleich begreift, dass er eben doch ein Spatz ist.

Überflieger ist als Animationsfilm unter deutscher Beteiligung gar nicht nur furchtbar, aber insgesamt dann leider doch recht langweilig. Warum, das erkläre ich en détail auf kino-zeit.de.

(Foto: Wild Bunch/Central)

Storm und der verbotene Brief (2017)

Wir verdanken den niederländischen Protestantismus einem frechen Waisenmädchen mit Steinschleuder. Das ist, in nuce, oder vielleicht besser in der Sprache der Reformation: im Kern, die Schlussfolgerung aus Dennis Bots’ Abenteuerfilm Storm und der verbotene Brief, der pünktlich zum Lutherjahr 2017 seinen Weg in europäische Kinos findet.

Man schreibt das Jahr 1521. Martin Luthers Thesen sind vor knappen vier Jahren veröffentlicht worden, der Reformator macht sich weiterhin bei der Kirche unbeliebt. Das Drehbuch von Karin van Holst Pellekaan lässt ihn – da beginnt die Fiktion – an einem kalten Wintertag irgendwo bei Wittenberg einen Brief an die Christen in Antwerpen schreiben, kurz bevor er wieder einmal festgenommen wird; der Bote entwischt um Haaresbreite und reitet gen Westen.

Ein schöner Abenteuerfilm mit gewissen Schwächen: Meine ausführliche Kritik ist auf kino-zeit.de erschienen.

(Foto: farbfilm Verleih)

Mein Leben als Zucchini (2016)

Der selbstgebastelte Drachen fliegt fest an seinem Band aus dem Fenster heraus, die Bierdosen fungieren als Bauklötze: Der neunjährige Icare, der Zucchini genannt werden will, weil seine Mutter ihn so nennt, zieht sich damit auf den Dachboden zurück. Später wird er dem Polizisten Raymond erzählen, seine Mutter habe viel getrunken, aber ab und an auch gut gekocht. Sie stürzt, im Zorn auf ihren Sohn, von der Dachbodenleiter; vielleicht war Zucchini auch Schuld an dem Tod. Ihm bleiben der Drachen, eine Bierdose und wenig mehr.

Es gehört ein gerüttelt Maß Tapferkeit dazu, einen Animationsfilm (auch) für Kinder auf dieser Note zu beginnen: Randvoll mit Traurigkeit, misslingendem Leben, ohne Aussicht auf Glück. Und so lässt Claude Barras’ Film Mein Leben als Zucchini in jeder Szene diese Tapferkeit aus den Ritzen scheinen.

„There is a crack in everything / That’s how the light gets in“, singt Leonhard Cohen in „Anthem“. Und hier wirkt alles brüchig, nichts glatt. Auch ganz physisch: Die Knetfiguren in der Stop-Motion-Animation sind blass, ihre Nasen rot, die Augen riesige Fenster in die Seelen. Sie bewegen sich immer ein wenig wie zusammengesackt, voll Müdigkeit. Wer weiß schon vorher, wann sich da ein Riss auftut?

Raymond bringt Zucchini in ein Waisenhaus, da sind alle Kinder traurig und einsam, Geschichten von Gewalt, Missbrauch und Vernachlässigung werden angedeutet. Die Kleinen suchen sich je ihre eigenen Auswege: Simon gibt den Anführer und macht sich über die Schwächeren lustig, Béatrice läuft immer zur Tür, wenn Fremde kommen, in Erwartung ihrer Mutter – doch als diese wirklich kommt, läuft sie ängstlich weg. Die Kinder kloppen sich, da wird es auch mal physisch, sie vertragen sich, streiten und verstehen sich und wachsen zu etwas zusammen, das anders und vielleicht mehr ist als Familie.

Dann kommt Camille ins Waisenhaus dazu, und Zucchini ist sofort verliebt. Vielleicht ist es auch eine große Freundschaft, wer weiß das in diesem Alter – aber diese Sache mit der Liebe beschäftigt sie sehr. Dann wird auch noch die Frau vom Lehrer schwanger, kommt das jetzt vom Küssen oder muss dafür doch der Schniedel explodieren, wie einer der Jungen gelernt haben will?

In Mein Leben als Zucchini ist die tragische Situation der Kinder kein Ausgangspunkt für unüberwindbares Drama, sondern Start in ein Leben, das gelebt werden will. Worauf die Kinder vertrauen können, sind geduldige, liebevolle und strenge Erwachsene im Waisenhaus, denen die Kinder alles andere als egal sind. Das hat mit Belehrung oder Moral nichts zu tun, der Film präsentiert keine belehrende Erkenntnis, wie ein besseres Leben zu führen sei.

Aber er leuchtet vor Empathie; Mitgefühl und Verantwortung füreinander ergeben sich dann quasi zwingend. Mein Leben als Zucchini erfüllt die kleinen Puppen mit mehr Leben, als die meisten Realfilme ihren Personen einzuhauchen vermögen. Vielleicht mag das verknappte Personal im Waisenhaus und ihre bedingungslose Zuneigung zu den Kindern etwas vereinfacht scheinen; aber zum einen ist es immer noch Meilen von den einfachen Gegensätzen à la Annie entfernt, und zum anderen darf dramaturgische Verknappung einiges, wenn sie den Kern nicht verkitscht.

Dass das nie geschieht, ist nicht nur der Animation zu verdanken, sondern insbesondere auch der Drehbuchautorin Céline Sciamma, die den Roman „Autobiographie d’une courgette“ von Gilles Paris großartig verknappt und umgesetzt hat. Die Frau hat vorher die Drehbücher z.B. der groß und breit und zu Recht gepriesenen Tomboy und Girlhood verfasst – für ihren ersten Animationsfilm hat sie die emotionale und intellektuelle Komplexität ihrer vorherigen Arbeiten nicht ignoriert, sondern mitgenommen.

Mein Leben als Zucchini ist für einen Oscar als bester Animationsfilm nominiert und hätte ihn mit jedem Knetkügelchen seiner Existenz verdient. Ein berührender, emotional ehrlicher und beglückender Animationsfilm, ein Glücksfall fürs Kino.

Mein Leben als Zucchini (Ma vie de courgette), Frankreich/Schweiz 2016. Regie: Claude Barras. 66 Minuten. FSK 0 (empfohlen ab 9 Jahren), Kinostart: 16. Februar 2017.

Fotos: Polyband

Poi E: The Story of Our Song (2016)

Es kommt immer wieder vor, dass ich jammern möchte, dass ein großartiger Film gewissermaßen im Programm der Berlinale Generation “versteckt” wird, aber das tut der Sache ja in mindestens zweierlei Hinsicht Unrecht: Zum einen, weil das Programm der Generation in der Regel für sich großartig ist und deshalb selbstverständlich Filme beinhaltet, die nicht nur “als” Kinder- und Jugendfilme Aufmerksamkeit bekommen sollten (und klar, es gibt Ausnahmen). Zum anderen, weil ich dankbar sein sollte, dass so sehenswerte Filme auf diese Weise ein Publikum finden, das für ihre Themen und Inhalte womöglich besonders empfänglich sind.

berlinale_logo Ich kannte die Geschichte von “Poi E”, dem neuseeländischen Hitsong aus den 1980er Jahren, überhaupt nicht (und sicher nicht nur, weil ich damals selbst noch Kind war). In der Art und Weise, wie Tearepa Kahi diese Geschichte erzählt, berührt sie noch einmal besonders: Aufgehängt an Lebensgeschichten, an geteilten Erfahrungen der Maori, an schließlich das Glück weniger von Erfolg als mehr von Anerkennung und Sichtbarkeit. Das ist wunderbar und großartig und doch bescheiden zugleich.

In allen Details habe ich das für das Berlinale-Blog von kino-zeit.de aufgeschrieben.

Und jetzt sollten wir alle dringend den Song im Original-Video anschauen:

(Foto: Sony)

Die Häschenschule – Jagd nach dem Goldenen Ei (2017)

Jeder kennt das Buch Die Häschenschule. Eingängige Reime, bunte Bilder, hübsch anzusehen – das mögen Eltern, und bis zu einem gewissen Alter mögen Kinder das auch, da ist es noch egal, dass die Schul- und Erziehungsideale dieses Buches, sagen wir vorsichtig, etwas antiquiert erscheinen mögen.

berlinale_logo Das mag 1924, als Albert Sixtus die Verse dichtete und Fritz Koch-Gotha seine Zeichnungen dazu entwarf, noch anders gewesen sein; da klang die Geschichte von der ländlichen Hasenschule womöglich noch etwas nach dem untergegangenen Kaiserreich, nur milde nostalgisch, nicht unbedingt veraltet. Will man diese Geschichte in die Gegenwart des Jahres 2017 bringen, muss man sich also etwas einfallen lassen. Eine Modernisierung eigentlich von innen, mindestens aber, als einfachste Lösung, von außen: Ein modernisierender Agent, der die Verhältnisse zum Hopsen bringt.

Und so betritt Max die Bühne, ein ausgesprochener Stadthase – und das Unheil, das sich Die Häschenschule – Jagd nach dem Goldenen Ei schimpft, nimmt nun zunächst auf der Berlinale, demnächst dann auch im Kino seinen Lauf. Ein Film, der es sich in wirklich jeder Hinsicht zu einfach macht und sein kindliches Publikum mal wieder mit dem geringstmöglichen Aufwand abspeisen möchte. Meine ausführliche Erläuterung dazu, warum das wirklich niemand ansehen muss, findet sich auf kino-zeit.de.

(Fotos: Universum Film)