Louis & Luca – Das große Käserennen (2015)

Der durchschnittlichen Kinobesucherin, zumal der minderjährigen, ist es vermutlich eher wurscht, wie lang der Weg ist, den ein konkreter Film von seinem ersten Auftauchen in der Welt bis zu den Leinwänden deutscher Kinos benötigt; aber als Filmkritiker, der gelegentlich das Privileg hat, Filme schon etwas früher zu sehen als viele andere Menschen, frage ich mich doch bei vielen Produktionen: Warum, bitte, hat das jetzt wieder so lange gedauert?

Louis & Luca – Das große Käserennen ist nämlich schon nicht mehr der neue Film von Regisseur Rasmus A. Sivertsen und seinem bemerkenswerten norwegischen Animationsstudio Qvisten Animation. Dieser Titel gebührt Im huckligen buckligen Wald, der gerade auf dem Schlingel-Filmfestival in Chemnitz seine deutsche Erstaufführung feierte. In seinem Herkunftsland startete Das große Käserennen schon zum Weihnachtsfest 2015 – aber, zugegeben, selbst ins gelobte Land der Cinephilie – Frankreich – brauchte der Film ein ganzes Jahr.

Warum das warten sich einerseits gelohnt hat und andererseits auch womöglich ziemlich egal ist, habe ich in meiner Kritik auf kino-zeit.de ausführlich erklärt (Spoiler: Ein toller Film!).

(Fotos: Kinostar)

Captain Underpants – Der supertolle erste Film (2017)

Der Kinderfilm hat gegenüber dem Kino für Erwachsene den großen Vorteil, dass es ihm weniger leicht übel genommen wird, wenn er mal völlig hemmungslos in Albernheiten verfällt. Wenn er auch den vermeintlich schlichteren Humor von der Leine lässt und damit so richtig durch die Toilettentüren rappelt.

Aber auch dieser Humor will gekonnt, seine Pointen wollen gesetzt sein. Es genügt nicht, infantile Scherze aneinanderzureihen, man muss sie schon zu einem großen Ganzen knüpfen, komponieren, veredeln. Mit hinreichender Grazie vorgetragen, ist dann ein Blick ins Kindliche ein Kaleidoskop des Menschlichen; mit Liebe gefüllt, wird daraus großes Kino.

Captain Underpants ist großes Kino. Das erwartet man bei diesem Film nicht unbedingt: Die Titelfigur ist ein beleibter Superheld, der sich allein in Unterhose und Cape kleidet (diese restliche Kleidung ist einfach unbequem und engt ein!), eigentlich keine Superkräfte besitzt und wahrlich nicht das hellste Licht unterm Sternenzelt ist.

Aber der Superheld ist, wenn man es genau betrachtet, nur ein Vehikel für eine ganz andere Erzählung. Für eine Meta-Geschichte über Superhelden natürlich schon. Aber vor allem über Freundschaft, auch Mitgefühl und Menschlichkeit. Und darüber, was Einsamkeit aus uns machen kann. Lauter irgendwie ernste Themen also, die Captain Underpants aber als ausgelassene Toilettenscherzattacke inszeniert. Also ganz im Sinne seiner eigentlichen Hauptfiguren.

„Captain Underpants“ ist nämlich die selbstgemalte Comicphantasie der beiden Grundschüler Harold und George, dickste Freunde seit Kindergartenzeiten. Das Ursprungsband ihrer Freundschaft ist ein wahrhaft skatologischer Flachwitz, für die beiden eine anal-astronomische Offenbarung: Hier ist jemand, der mich versteht, diesseits aller erwachsenen Ernsthaftig- und Humorlosigkeit. Fortan verbringen die beiden ihre Nachmittage im gemeinsamen Baumhaus und machen Comics: Harold zeichnet, George schreibt die Geschichten.

Doch nun, in der Grundschule, droht den beiden Gefahr! Mr. Krupp, der Direktor ihrer Grundschule, möchte die beiden in getrennte Klassen versetzen, um ihre Freundschaft zu zerstören. Denn die beiden hecken nicht nur Comics, sondern auch zahlreiche Streiche aus, um dem trüben Alltag an der Schule zu entgehen, die dank Krupps despotischer Regierung eher einer Strafanstalt als einem Ort des freudigen Lernens gleicht.

Eher versehentlich hypnotisieren George und Harold den Schuldirektor – mit einem Schnippsen ihrer Finger wird er zu „Captain Underpants“ und zieht auch alsbald los, die Menschheit zu beschützen und einsamen Katzen zu helfen, die in Bäumen feststecken. Es geht, das darf man sagen, dabei einiges sehr, sehr lustig sehr, sehr daneben.

Die ganze Grundidee ist schlichtweg beglückend bekloppt. Natürlich nutzen Harold und George es auch aus, dass sie ihren Schuldirektor nun kontrollieren können, was zu allerlei großartigen Szenen an der Schule führt, darunter nicht zuletzt ein wahrhaft symphonisch angelegtes Pupskonzert.

Was sich in der Beschreibung aber so anhört (und im hektischen Trailer auch so aussieht) wie ein überdrehter Unterhosenwitz auf Koffein, der vermutlich bald, pardon, nur noch streng riecht, ist in der Umsetzung wesentlich subtiler. Da stecken ruhige, geradezu nachdenkliche Momente drin, die eben nicht den direkten Weg des flachesten Scherzes nehmen. Da wird eine Pointe über zwei Drittel des Films hinweg geduldig vorbereitet und hingezogen. Da wird die vierte Wand durchbrochen, werden kleine Szenen als Comics, mit Sockenpuppen oder als Daumenkino gezeigt. Und natürlich nimmt die ganze Geschichte das Superheldengenre, so sehr es sich ihm selbst als „origin story“ eines neuen Helden selbst einschreibt, ganz gehörig auf die Schippe.

Vor allem aber verbietet sich der Film allzu simple Charakterzeichnungen; jede Figur hat so ihre Ambivalenzen, hat Einsamkeit und Zurückweisung erleiden müssen und macht, so gut es geht, das Beste daraus. Oder manchmal eben auch das Böseste in Gestalt einer hypertrophen Toilette. Der Blick darauf macht Captain Underpants zu einem in letzter Konsequenz zärtlichen Film, der seine Personen, sein Sujet ebenso liebevoll ernst nimmt wie die Traditionen, auf denen er aufbaut.

Autor Dav Pilkey, auf dessen Büchern der Film beruht, hat gut daran getan, nicht der erstbesten Verfilmung zuzustimmen; nun hat Dreamworks sich mit der Verfilmung von David Soren einen großen Gefallen getan: Einen selbstbewussten, reflektierten Film voller Pupswitze.

Ein Triumph des skatologischen Humors. Eine Sinfonie der Fürze. Ein Glück.

Captain Underpants – Der supertolle erste Film (Captain Underpants: The First Epic Movie), USA 2017. Regie: David Soren, 89 Minuten. Kinostart: 12. Oktober 2017. FSK 0, empfohlen ab 7 Jahren.

(Fotos: 20th Century Fox/Dreamworks)

Schlingel 2017: Im huckligen buckligen Wald (2016)

Die Waldmaus Claus verbringt ihre Tage singend und schnorrend im Wald; wenn sie Hunger ein, lädt sie sich bei anderen Mäusen oder bei Familie Bär selbst zum Essen ein, und dafür gibt es immerzu ein fröhliches Lied auf der Gitarre. Das könnte sich zu einer Fabel à la Grille und Ameise über Arbeitsmoral, Vorratshaltung und böses Schnorrertum wenden, aber weil wir im wunderbaren Tieruniversum von Rasmus A. Sivertsen sind, wird aus Im huckligen buckligen Wald etwas ganz anderes. Auch etwas recht Seltsames, zugegeben, aber jedenfalls unterhaltsamer. Und sehr, sehr musikalisch.

schlingel_logo_schraeg_219 Maus Morten hat sich beim Bäckerhasen eine Torte gekauft, weil am nächsten Tag seine Großmutter zu Besuch kommen will. Marvin der Fuchs aber mag für Gebäck nicht zahlen, ist aber durchaus nicht der listigste Spieler im Wald… und weil sein Hunger aber den kleineren Tieren gefährlich zu werden droht, setzt Morten einen Gesetzestext auf: Alle Tiere im Wald sollen Freunde sein – und keines soll das andere essen. Der Bär (“So eine Schande, dass die Tiere einander essen”) ruft eine Versammlung ein…

Keine Angst, Im huckligen buckligen Wald ist eine absolut auch für kleine Kinder taugliche Geschichte. Hier wird niemand gefressen, sondern eine im Kern vegetarische Gesellschaftsordnung angelegt, der der Fuchs nur durch einen Ausflug auf den benachbarten Bauernhof zu begegnen weiß; aber auch dort muss „nur“ der bereits geräucherte Schinken drang glauben.

Dass das irgendwie doch in Ordnung ist, ist eine der Inkonsistenzen und Merkwürdigkeiten dieses sonst bis in die letzte Haarspitze seiner Figuren charmanten Films. Die zweite wichtige sind die seltsamen Menschenfiguren, der sehr tolpatschige Bauer und die sehr skrupellose, keifende Bäuerin. Sie sind (auch Geschlechter-)Stereotype der derben Sorte, die aber nach Chicken Run – Hennen Rennen schon recht verbraucht wirken. Vor allem fallen sie aus dem grundlegend unzynischen Figurenreigen der Waldtiere sehr auffällig heraus – als Menschen haben sie die Rolle der absoluten Bösewichter andererseits vielleicht auch einfach verdient.

Es gibt ein paar aufregende, auch spannende Momente, aber nichts wirklich Dramatisches passiert; Sivertsen will sein Publikum vor allem durch die zahlreichen Lieder und Slapstickmomente bei Laune halten, und das gelingt ihm aufs Allerfeinste. Die elegante Animation tut ihr übriges dazu – aus Norwegen kommt, das hat der Regisseur auch mit seinen Louis & Luca-Filmen (Louis & Luca – Das große Käserennen kommt im Oktober 2017 endlich in die deutschen Kinos) bewiesen, Stop-Motion-Produktionen, die sich weder technisch noch in der Qualität ihrer Geschichten hinter den großen wie Aardman oder Laika verstecken muss.

Im huckligen buckligen Wald (Dyrene i Hakkebakkeskogen), Norwegen 2016. Regie: Rasmus A. Sivertsen, 75 Minuten. Empfohlen ab 5 Jahren (Auf dem Schlingel-Festival).

Cars 3: Evolution (2017)

Ein Gastbeitrag von Hanno Zulla

Man kann Cars 3: Evolution eigentlich nicht ausschließlich als Film betrachten.

Wenn es dennoch zunächst einmal macht, darf man sich positiv überraschen lassen. Der Film hat sowohl die anwesenden Kinder (zwischen sechs und acht Jahre alt) als auch ihre Eltern bestens unterhalten. Denn aus dieser Perspektive ist Cars 3: Evolution ein lupenreiner Sportlerfilm.

Im ersten Teil trat der junge, erfolgshungrige Rennwagen Lightning McQueen an, den alten Champion vom Thron zu stoßen. Auf dem Weg zum Sieg im „Piston Cup“ musste der arrogante und selbstverliebte Jungspund aber erst einmal den Wert von wahrer Freundschaft und Bescheidenheit lernen, bevor er am Ende als ein besserer Mensch, äh, Rennwagen tatsächlich zum großen Sportler werden konnte.

Wie es sich für eine Fortsetzung gehört, muss sich der alternde Champion nun einem neuen Herausforderer stellen und zeigen, ob er immer noch das Zeug zum Sieg hat. Eine neue Generation Rennwagen tritt im „Piston Cup“ an, sie pfeifen auf die Leistungen der alten Rennwagen. Und Jackson Storm ist der schnellste von ihnen.

Das Team von Lightning McQueen ist derweil bei einem neuen Sponsor unter Vertrag – und Lightning bekommt eine junge Trainerin zur Seite gestellt, mit der er wieder zu seiner Topform finden soll.

So weit, so altbekannt. Als Eltern können wir natürlich reichlich mit unseren Windschutzscheibenaugen rollen, denn der Film hakt nach Schema F wirklich alle vertrauten Klischees des Sportlerfilm-Genres ab. Aber das wäre zugleich unfair, denn selbst erfahrene Genrefilm-Fans gehen ja ins Kino, weil sie die dazugehörigen Regeln kennen und lieben. Wenn ich meine Kinder zu einem ihrer ersten Genrefilme ins Kino begleite, dann ist mir wichtig, dass dessen Macher ihr Handwerk verstehen. So wie hier.

Geplagte Eltern werden aber nicht übersehen können, dass Cars 3: Evolution auch (und vielleicht vor allem) ein Produkt ist. Im Spielzeugladen nebenan steht schon die Merchandise-Flut bereit, und die Kinder drücken sich an der Scheibe die Nase platt. Die Masche funktioniert.

Welch Ironie, dass es im Film auch darum geht, ob Lightning es noch einmal wissen will – oder ob es nicht doch Zeit ist, die Karriere zu beenden und mit Sponsorendeals so richtig Kasse zu machen. Ausgerechnet das ist – im dritten Teil des am stärksten vermarkteten Pixar-Franchises überhaupt – also der zentrale Konflikt.

Zugleich kann man das den Machern aber kaum übel nehmen. Cars 3: Evolution mag glatt sein, jede Wendung im Drehbuch vorhersagbar, aber der Film fühlt sich nicht kaltherzig kalkuliert an, hier wird wirklich eine Sportler-Geschichte erzählt.

In einem Aspekt fällt der Film allerdings doch enttäuschend durch seine Haltung auf. Der verkorkste Vorgängerfilm Cars 2 war als Agentenfilm-Parodie zwar nur für Erwachsene wirklich genießbar, aber immerhin machte sich der Film vorsichtig und kindgerecht Gedanken über „Big Oil“ und über Alternativen zu fossilen Brennstoffen.

Davon ist hier nichts mehr zu spüren. Speed ist toll, Motorengebrumm ist super, Motorengebrumm von Oldtimern noch mehr, schwarze Abgaswolken stehen für kraftvolle Starts. Aber klar, die Welt des Films dreht sich um lebende Rennautos, was habe ich auch erwartet? Jackson Storm und seine Bande von Halbstarken kommen leise angesummt – mannomann, haben sie das echt gemacht, könnten das wirklich Elektroautos sein? Aber nein, auch sie tanken den Stoff von Dinoco, dessen Ölbaron-Chef hier wieder einer der Guten ist.

Stattdessen macht es der Film zu einer zentralen These, dass man besser am Strand in der Realität statt im Computersimulator trainiert. Das ist nicht nur eine Standarderzählung aus jedem Underdog-Sportlerfilm, es wirkt in einem vollständig computergenerierten Film auch etwas eigenartig.

Und irgendjemand muss mir mal erklären, warum Lightning McQueen im Ruhestand Werbung für einen Grill machen soll. Essen lebende Autos eigentlich Würstchen?

Hanno Zulla schreibt Software, lebt in Hamburg und guckt mit seinen beiden Kindern sehr gerne Zeichentrickfilme.

Cars 3: Evolution (Cars 3), USA 2017. Regie: Brian Fee, 102 Minuten. FSK 0, empfohlen ab 6 Jahren. Kinostart: 28. September 2017.

(Bilder: Disney/Pixar, Screenshot aus diesem Trailer, privat)

Schlingel 2017: Niki und die Feuerblume (2016)

Nikis Vater Kyrill hatte einst – wenn man ihm zuhört, eher versehentlich und sicher nicht besonders gerne – einen mächtigen Drachen erschlagen, der sein Land unsicher machte. Die Drachenhaut hängt heute noch im Schuppen, über den Drachen redet aber eigentlich niemand mehr, außer vielleicht Niki, der mit der aufgespannten Haut schon mal tagträumend kleine Gefechte absolviert. Doch dann taucht ein Komet am Himmel auf – Kyrill wird zum Zauberer gerufen, denn das verheißt nichts Gutes. Niki ist seinem Vater nachgeschlichen, und durch ein paar Ungeschicklichkeiten transportiert er sich mit der Fledermaus Eddie – seinerseits Gehilfe und Lehrling des Zauberers – in eine magische Parallelwelt, in der der Geist des Drachens nur darauf wartet, wieder aus seiner Körperlosigkeit erlöst zu werden. Gemeinsam mit dem Waisenkind Rocky und dessen Eichhörnchen geraten die beiden so immer tiefer in ein gefährliches Abenteuer mit Rennschnecken, riesigen Pilzgewächsen und mehr.

schlingel_logo_schraeg_219 Anfangs lässt sich dieser ukrainische Animationsfilm von Manuk Depoyan noch recht gut an; die Vorgeschichte (die wohl auf ein altes Volksmärchen zurückgeht) wird in einer Papier-Animation erzählt, deren runde Formen an die Filme von Tomm Moore erinnern (Brendan und das Geheimnis von Kells sowie Die Melodie des Meeres), aber diese Bilderwelt wird dann schnell gegen ungelenke Computeranimationen eingetauscht, wie man sie viel zu oft zu sehen bekommt. Da stimmen Bewegungsabläufe nicht, Gestik und Mimik wirken plastikhaft-unheimlich. Die Qualität der Grafik erinnert insgesamt an schlechte 3D-Achterbahn-Simulationen, und wenn viel in Bewegung gerät, sind es oft actionlastige Situationen, die wirkliche Handlung nur simulieren sollen.

Überhaupt, die Handlung: Was Depoyan hier zusammenschraubt, wirkt haarsträubend unorganisiert und bis in seine letzten Fetzen chaotisch. Hier noch ein Strang, dort noch ein Thema, zusammengekramst aus allen möglichen Versatzstücken, die man schon tausendmal gesehen hat – von allem wird Bedeutung und Tiefe aber immer nur behauptet, nie erzählt oder gezeigt. Zwar hängt natürlich der große Erzählstrang um den Drachen schon nachvollziehbar zusammen und zieht sich erfolgreich vom Prolog bis zum Finale hin – aber er ist eben so stringent, dass man ihn auch aus der Entfernung von 75 Minuten schon kommen sieht. Und das meine ich wörtlich: Nur wer überhaupt nicht aufpasst, weiß nicht schon nach wenigen Minuten, an welcher Naht sich der Kampf am Schluss entscheiden wird.

Auch die anderen großen zwei „Überraschungen“ des Films – dass Rocky ein Mädchen und wer ihre Mutter ist – sind schon Meilen gegen den Wind zu riechen. Schlimmer noch, sobald Rocky als Mädchen „geoutet“ ist, spricht sie (zumindest in der englischen Synchronisation) auf einmal zarter, ihre Gestik und ihre Bewegungen werden weniger entschlossen, zaudernder, schamvoller. Und spätestens da hatte mich der Film dann endgültig verloren.

Das stört dann aber auch nicht mehr, denn auch mit den Figuren fiebert man nicht wirklich mit; sie sind letztlich alle nur Abziehbilder ihrer Funktion in der Handlung, ohne eigene Tiefe, ohne Leben und echte Charakterzüge. Mit anderen Worten: so platikartig-starr wie ihre Oberflächen. Schade drum.

Niki und die Feuerblume / The Dragon Spell (Nikita Koshemjaka), Ukraine 2016. Regie: Manuk Depoyan, 85 Minuten. Empfohlen ab 7 Jahren. (Auf dem Schlingel-Filmfestival.)

Amelie rennt (2017)

„Bums dich, du Kackvogel!“ Amelie flucht ganz gern, es hilft ihr anscheinend, auch wenn es erkennbar immer noch eine bürgerlich-reservierte Form des Ankackens ist, die hier gepflegt wird; ein Berliner Kindl zwar, aber eben doch aus gutsituiertem Haus, kein „Ich komm aus Kreuzberg, du Muschi!“

F-Rated

Double F-Rated
Und das trifft eigentlich schon ganz gut ein Kernproblem des eigentlich sehr schönen Coming-of-Age-Selbstfindung-in-den-Bergen-Films Amelie rennt: Er ist bei aller Streiterei sehr freundlich. Was zwar insofern logisch ist, als sowohl Rebellin Amelie als auch ihre getrennt lebenden Eltern sich im Grunde sehr gerne mögen. Was aber zugleich den Furor der Protagonistin (von Mia Kasalo sonst wunderbar verkörpert) eben auch ein wenig runterregelt: Seit wann halten sich wütende 13-jährige sonst damit auf, was statthaft ist? Zumal, wenn sie in der freien Natur quasi allein unterwegs sind.

Amelie hat Asthma und möchte das eigentlich gerne ignorieren, zumal sie auch sonst grundgenervt ist. Von der Trennung ihrer Eltern (samt „Wechselmodell“) ebenso wie von ihrer Fürsorge, davon, dass ihre Mutter ihr Zimmer zum Wäschetrocknen nutzt, wenn Amelie nicht da ist. Und extrem genervt ist sie natürlich sowieso davon, dass sie nach einem heftigen Anfall von ihren Eltern in ein Erholungsheim in Südtirol (ein eigenes Thema wäre mal die Frage, wie Menschen immer so flott bei Tageslicht von Berlin ins bayerische oder alpine Idyll gelangen: hier ebenso wie in Burg Schreckenstein. Aber das ist eine andere Geschichte) verfrachtet wird, wo sie zusammen mit anderen, allesamt jüngeren Kindern lernen soll, mit ihrer Krankheit umzugehen.

Stattdessen haut Amelie ab. Sie rennt weniger, wie der Titel suggeriert, sondern steigt planlos den nächsten Berg hinauf; sie trifft auf den kaum älteren Bart (Samuel Girardi), der sich seit dem Tod seines Vaters um die Kühe im elterlichen Hof kümmert. Der begleitet sie hoch, aus Sorge und Verantwortungsgefühl, aber auch Belustigung und sicher ein wenig Verliebtheit. Auch wenn Amelie die ganze Zeit schimpft, auf ihn, auf die Welt und überhaupt. „Wenn ich fluche, merke ich, dass ich noch atme.“

Eine Bergwanderung mit Inhalator, samt Sturz in den ziemlich reißenden Gebirgsbach, natürlich eine Fish-out-of-water-Geschichte; Tobias Wiemann nutzt in seinem Film (nach einem Buch von Natja Brunckhorst und Jytte-Merle Böhrnsen) die Natur reichlich aus, weicht aber nie in den schmalzigen Heimatfilm aus. Stattdessen Selbstfindung, sehr dezentes Verliebtsein, einige dramatische Momente und natürlich die Wandlung vom Scheißegal zum Etwas-Wollen: Da rauf auf den blöden Berg, mit Macht und Flüchen. Wo es dann natürlich wunderschön ist.

Wiemann erspart uns glücklicherweise die Art von Wunderheilung, die die letzte Heidi-Verfilmung in Minuten kredenzte; das Ende ist dann allerdings doch einen kleinen Hauch zu harmonisch, auch musikalisch zu schmalzig. Das darf für einen Kinderfilm schon sein, aber ein wenig mehr Kratzbürstigkeit darf man sich auch von der erneuerten Amelie noch erhoffen.

Amelie rennt, Deutschland/Italien 2017, Regie: Tobias Wiemann. Länge: 97 Minuten. Kinostart: 21. September 2017.

(Fotos: Lieblingsfilm)