Hanni & Nanni 3 (2013)

Wegen des großen Erfolges: Nach Hanni & Nanni und Hanni & Nanni 2 habe ich mir am vergangenen Sonntag auch noch den dritten Film der Reihe angesehen – das Reboot (nicht Hanni & Nanni 4) kommt im Mai ins Kino. Hoffentlich wird es wenigstens ein bisschen besser als diese drei Filme. Aber ich will nicht zu viel vorwegnehmen…

F-Rated
F-Rated
Los geht’s also.

Da am dritten Film keine Drehbuchautorin beteiligt war, kriegt er als erster dieser Reihe nur ein einfaches F-Rating. Auch das ist aber nach wie vor kein Qualitätskriterium.

Warum auch immer sie meint, bei einem Vorsprechen mit pubertierenden Mädchen einen Kuss auch nur andeuten zu müssen. Rätselhaftigkeiten eines Drehbuchs, die vermutlich lustiger Slapstick sein sollen.

Der Geist ist vorerst nur in Schatten und Spiegelbildern zu sehen. Sehr ominös! Überhaupt nicht gruselig, außer dass viel gekreischt wird. (Übrigens immer nur von Frauen und Mädchen.)

Das ist echt Foreshadowing der trampeligsten Sorte.

“St Claire” ist eine nette kleine Verbeugung vor den Büchern von Enid Blyton – in der Originalfassung gehen die Zwillinge (in den 1940er Jahren) auf das Mädcheninternat St. Clare.

Und damit wären dann wohl auch die Grundthemen für den Rest des Films klar vorgegeben. Verliebtsein! Eifersucht! Schmachten und Schmalzen!

Wie überhaupt Barbara Schöneberger vom Vamp aus Film 2 ohne Übergang zu einer verzweifelten Küchenchefin mutiert ist, die jetzt lauter Bewerber_innen feuert, die sich als Küchenhelfer_innen mehr als dämlich anstellen, scheint’s.

Wird es natürlich. Denn dann das:

Oder mit anderen Buchstaben: DRAMA!!!11einself!

Wirklich völlig planlose Szene. Ich hab auch vergessen, ob es irgendeinen Grund gibt, aus dem sie meinen, jetzt mal bei der Köchin einbrechen zu müssen. Jedenfalls laufen sie dann auf Anweisung von Schöneberger mit Büchern auf dem Kopf herum (“noch nie was von Catwalk gehört?”).

Wie gesagt, völlig planlos.

Daniela (wir erinnern uns, in Teil 2 als neureiche Göre eingeführt, auch wenn am Ende – natürlich! – alle sich versöhnten) macht die Schönheitsbehandlung. Wer da nichts Böses ahnt, ist halt selber doof.

Zwischen den Zwillingen braut sich etwas zusammen. Etwas Trennendes!

Ernsthaft, Gänse! Die laufen diesmal dauernd durchs Bild, in Film 2 waren es ja noch Hühner, ist das jetzt weniger dämlich? Im Schloss leben in Film 3 außerdem eine ausgebüxte weiße Ratte, die niemandem Angst macht (immerhin), und eine ganze Kolonie blütenweißer Tauben, die keinen Dreck machen. (Die Haarfarbe geht übrigens wenig später mit einfachem Waschen wieder raus. Alles Amateurinnen!)

Kurz zuvor hat Daniela eine Flasche Cola über den Kopf gegossen bekommen. Ich bin empört! Was ist denn das bitte für ein Internat, in dem die Schülerinnen Zugriff auf Cola haben?

Verstehen Sie mich nicht falsch: Große Literatur. Aber eben keine reife, emotional erwachsene Liebesgeschichte.

Zwischendurch sind immer mal wieder Leute dem Gespenst auf dem Dachboden begegnet. Aber erst die Zwillinge entdecken seine wahre Identität:

Er hat sich da aus Liebe versteckt! (Auflösung später.) Die Konflikte spitzen sich zu:

Jugendsprache galore im deutsch-britischen Dialog:

(Völlig unrealistisch übrigens, dass britische Schüler in dem Alter durch die Bank so nahezu akzentfrei Deutsch sprechen.)

Dieser Subplot ist ganz, ganz ungut. Dieses Stalking auf dem Dachboden ist so übergriffig, ich weiß überhaupt nicht, wohin mit meinem Unwohlsein.

Parallel finden ja immer noch die Proben zu “Romeo und Julia” statt. Die jungen Damen stellen ihrer Lehrerin auch eigene Ideen vor. Das geht aber nicht gut aus:

Versöhnung dräut:

Merke: Männliche Lehrer sind meist toleranter, cooler und sowieso besser als weibliche, die entweder träumerisch-vertrottelt oder verklemmt-überstreng sind!

Es wird wirklich nicht besser. Auch nicht zu einer Choreographie von D! oder so.

Aber es ist überstanden. Man muss das Positive sehen.

Damit wäre die Trilogie dann auch rum. Im neuen Hanni & Nanni-Film Mehr als beste Freunde (ab Mai 2017 im Kino) sind nicht mehr Jana und Sophia Münster, sondern Laila und Rosa Meinecke die titelgebenden Zwillinge. Ob das besser wird, liegt vermutlich nicht hauptsächlich an den Darstellerinnen. Von der alten Besetzung ist nur Katharina Thalbach als Madame Bertoux wieder dabei – voraussichtlich mit einem furchtbar pseudofranzösischen Akzent. Alas.

(Foto: Universal)

Hanni & Nanni 2 (2012)

Triple-F-Rated
Triple-F-Rated
Was vorher geschah: Hanni & Nanni. Auch die Fortsetzung bekommt ein Triple-F-Rating: Regie, Drehbuch und Hauptrollen alle weiblich besetzt. Ansonsten gibt es wenig Gutes zu sagen, aber lest selbst:

Sie kommt nach zwei Dritteln des Films wieder, aber da ist schon alles den Bach runtergegangen. Dazwischen gibt es dann den völlig unnötigen dritten Handlungsstrang, dass sich die zwei anderen Lehrerinnen gegenseitig beharken. Das Internat hat überhaupt ein anscheinend nur sehr begrenztes Personal, wer macht da eigentlich sauber? Wer macht überhaupt die ganze physische Arbeit? Die Wäsche?

(SPOILER ALERT: Wette gewonnen!)

Wenn jemand dazu andere Erkenntnisse hat, freue ich mich über entsprechende Hinweise.

Orrr.

Die Abwesenheit von Hockey ist der einzige Konflikt im Film, der sich am Ende nicht in Wohlgefallen aufgelöst hat. Ehrlich! Mehr verträgt ein deutscher Mainstream-Kinderfilm offenbar nicht.

Das Thema wird aber nie auf eine Art angegangen, die irgendeine Ernsthaftigkeit auch nur andeutet. Das spiegelt sich in der Lari-Fari-Haltung des ganzen Films wider. Und jetzt nochmal zum Thema der konkreten, physischen Care-Arbeit:

Als die Köchin und ihre Gehilfin dann kündigen, müssen auf einmal quasi alle Mädchen ran, um die Berge von Kartoffeln zu schälen, die die beiden vorher offenbar zu zweit locker weggearbeitet hatten. (Es sind immer Kartoffeln. Dauernd werden Kartoffeln geschält.)

Dieser pseudofranzösische Akzent! Aber das sagte ich womöglich schon. Die Abneigung gegen Mädchen legt sich im Übrigen schnell. Wer hätte es gedacht.

Einer der zwei verschränkten Plots, neben der Sache mit den Trennungen und Scheidungen der Eltern: Sie will die Prinzessin entführen, ist aber zunächst auch zu doof, die richtige Schülerin zu identifizieren.

Die Umkehrung des “(heteronormative) male gaze” hält aber nur für einen Moment an, denn dann übernimmt Frau Schöneberger die Leitung der Internatsküche:

Ja, doch, es ist genau so furchtbar. Und prompt bekommt der junge Mann im Hühnerkorb (wortwörtlich ist bald darauf die ganze Schule voll mit lebenden Hühnern, aber das ist ein völlig unnötiger Subplot) seine aktive Rolle!

Über die “Pinkifizierung” der jungen Damen, dass jetzt dauernd Style und Styling als Themen mit hineinkriechen, wird in einem anderen Text noch einmal ausführlicher zu sprechen sein.

Doch, tatsächlich: Das A im Kreis taucht irgendwann in der Montage kurz als Tafelbild auf. Im Kinderfilm ist es anscheinend schon Anarchie, wenn sich Kinder, Mädchen dazu, für einen Sport begeistern und dabei ein paar Sachen umkippen und ein paar Vorhänge Spuren davontragen. So jedenfalls geht von deutschem Boden keine echte Revolutionsgefahr aus. (Das ist der Moment, an dem ich mir den Wahnsinn der Nasenbärbande zurückwünsche. Bzw. mit Upgrade für Ältere.)

Der alte Stadt-Land-Gegensatz. Das ist so unfassbar fad.

Das ist ein Austausch zwischen der Mutter von H&N (wir erinnern uns: die ist als einzige noch in Ordnung) – sie richtet sich an ihren Mann – und Schönebergers Figur. Es ist auch einfach ein erbärmlicher Dialog.

Naja, vielleicht sollte der Junge auch mal wieder was machen und nicht nur danebenstehen. Passt schon.

Statt wirklicher Aufarbeitung des vorher Geschehenen.

Ernsthaft, diese Szene ist so emotional wie mittelalter Gouda.

Und plötzlich: Sommerfest! Und der König zahlt die Schulden der Schule!

Uff, das war’s. Ob ich Teil 3 auch noch schaffe?

(Foto: Universal Pictures)

Hanni & Nanni (2010)

Hanni & Nanni gesehen. Gelitten. Live dazu getwittert. Eine Schmerzensgeschichte:

Oliver Pocher habe ich zwar erkannt, sein Name ist mir aber nicht mehr eingefallen, so lang ist der schon her.

Triple-F-Rated
Triple-F-Rated
All dem Leid zum Trotz gilt für den Film übrigens dennoch das Triple-F-Rating. Das Rating ist ja auch, wie beschrieben, kein Qualitätskriterium.

Dann, einige Arbeitsstunden später:

Anschließend wird das Pferd im Gartenhaus verstaut und spielt keine weitere Rolle mehr. Warum übrigens Katharina Thalbach glauben gemacht wurde, ihre Pseudofranzösisch dahinparlierende Lehrerin sei lustig, ist ein Rätsel der deutschen Filmgeschichte.

Es wurde Hockey gespielt. Ein Junge bekam kurz vorher den Laufpass, weil er meinte, Hockeyspielen passe nicht zu Mädchen. Einzige gute Szene des Films!

(Die Schule ist gerettet!)

Dieser Film ist ein einziges, furchtbares Gekröse.

Katja Lüthge fand übrigens in der Berliner Zeitung:

Die Schuluniform etwa – weiße Bluse, weiße Kniestrümpfe, Faltenminirock – scheint aus einem Mädchen-Manga nachgeschneidert, und die zarten weißen Schlafanzüge könnten glatt vom Mädchenkörper-Erotisierer David Hamilton fotografiert worden sein. In den Umziehpausen lernen die Zwillinge dann mal eben ein Instrument, werden zu respektierten Mitgliedern der Schulgemeinschaft und retten als solche schließlich noch ihr von der Schließung bedrohtes Institut.

(Foto: Universal)

Überflieger – Kleine Vögel, großes Geklapper (2016)

Spatzenkind Richard hat Glück im Unglück. Das Unglück: Gerade als er sich durch seine Eierschale zu kämpfen beginnt, werden seine Eltern Opfer eines vögelfressenden Raubtiers. Das Glück: Ein Storchenpaar findet das kleine Vögelchen und zieht ihn als ihr eigenes Kind auf. Das bleibt nicht ohne Folgen, denn Richard hält sich ganz selbstverständlich für einen Jungstorch und freut sich enorm darauf, mit seiner Familie im Süden zu überwintern. Seine Zieheltern sehen schließlich keine Wahl als nachts heimlich mit seinem Stiefbruder Max zum Vogelzug aufzubrechen, denn diese Reise würde der kleine Spatz nicht schaffen.

Die Grundkonstellation von Überflieger – Kleine Vögel, großes Geklapper ist ein geradezu klassisches Erzählkonstrukt. Der restliche Film beschäftigt sich daher erwartungsgemäß damit, wie der kleine Spatz entgegen aller Wahrscheinlichkeiten und Erwartungen doch über Frankreich und Italien den Weg nach Afrika finden und schließlich auch von seinen Eltern als vollwertiger Sohn verstanden wird – während er zugleich begreift, dass er eben doch ein Spatz ist.

Überflieger ist als Animationsfilm unter deutscher Beteiligung gar nicht nur furchtbar, aber insgesamt dann leider doch recht langweilig. Warum, das erkläre ich en détail auf kino-zeit.de.

(Foto: Wild Bunch/Central)

Storm und der verbotene Brief (2017)

Wir verdanken den niederländischen Protestantismus einem frechen Waisenmädchen mit Steinschleuder. Das ist, in nuce, oder vielleicht besser in der Sprache der Reformation: im Kern, die Schlussfolgerung aus Dennis Bots’ Abenteuerfilm Storm und der verbotene Brief, der pünktlich zum Lutherjahr 2017 seinen Weg in europäische Kinos findet.

Man schreibt das Jahr 1521. Martin Luthers Thesen sind vor knappen vier Jahren veröffentlicht worden, der Reformator macht sich weiterhin bei der Kirche unbeliebt. Das Drehbuch von Karin van Holst Pellekaan lässt ihn – da beginnt die Fiktion – an einem kalten Wintertag irgendwo bei Wittenberg einen Brief an die Christen in Antwerpen schreiben, kurz bevor er wieder einmal festgenommen wird; der Bote entwischt um Haaresbreite und reitet gen Westen.

Ein schöner Abenteuerfilm mit gewissen Schwächen: Meine ausführliche Kritik ist auf kino-zeit.de erschienen.

(Foto: farbfilm Verleih)

Mein Leben als Zucchini (2016)

Der selbstgebastelte Drachen fliegt fest an seinem Band aus dem Fenster heraus, die Bierdosen fungieren als Bauklötze: Der neunjährige Icare, der Zucchini genannt werden will, weil seine Mutter ihn so nennt, zieht sich damit auf den Dachboden zurück. Später wird er dem Polizisten Raymond erzählen, seine Mutter habe viel getrunken, aber ab und an auch gut gekocht. Sie stürzt, im Zorn auf ihren Sohn, von der Dachbodenleiter; vielleicht war Zucchini auch Schuld an dem Tod. Ihm bleiben der Drachen, eine Bierdose und wenig mehr.

Es gehört ein gerüttelt Maß Tapferkeit dazu, einen Animationsfilm (auch) für Kinder auf dieser Note zu beginnen: Randvoll mit Traurigkeit, misslingendem Leben, ohne Aussicht auf Glück. Und so lässt Claude Barras’ Film Mein Leben als Zucchini in jeder Szene diese Tapferkeit aus den Ritzen scheinen.

„There is a crack in everything / That’s how the light gets in“, singt Leonhard Cohen in „Anthem“. Und hier wirkt alles brüchig, nichts glatt. Auch ganz physisch: Die Knetfiguren in der Stop-Motion-Animation sind blass, ihre Nasen rot, die Augen riesige Fenster in die Seelen. Sie bewegen sich immer ein wenig wie zusammengesackt, voll Müdigkeit. Wer weiß schon vorher, wann sich da ein Riss auftut?

Raymond bringt Zucchini in ein Waisenhaus, da sind alle Kinder traurig und einsam, Geschichten von Gewalt, Missbrauch und Vernachlässigung werden angedeutet. Die Kleinen suchen sich je ihre eigenen Auswege: Simon gibt den Anführer und macht sich über die Schwächeren lustig, Béatrice läuft immer zur Tür, wenn Fremde kommen, in Erwartung ihrer Mutter – doch als diese wirklich kommt, läuft sie ängstlich weg. Die Kinder kloppen sich, da wird es auch mal physisch, sie vertragen sich, streiten und verstehen sich und wachsen zu etwas zusammen, das anders und vielleicht mehr ist als Familie.

Dann kommt Camille ins Waisenhaus dazu, und Zucchini ist sofort verliebt. Vielleicht ist es auch eine große Freundschaft, wer weiß das in diesem Alter – aber diese Sache mit der Liebe beschäftigt sie sehr. Dann wird auch noch die Frau vom Lehrer schwanger, kommt das jetzt vom Küssen oder muss dafür doch der Schniedel explodieren, wie einer der Jungen gelernt haben will?

In Mein Leben als Zucchini ist die tragische Situation der Kinder kein Ausgangspunkt für unüberwindbares Drama, sondern Start in ein Leben, das gelebt werden will. Worauf die Kinder vertrauen können, sind geduldige, liebevolle und strenge Erwachsene im Waisenhaus, denen die Kinder alles andere als egal sind. Das hat mit Belehrung oder Moral nichts zu tun, der Film präsentiert keine belehrende Erkenntnis, wie ein besseres Leben zu führen sei.

Aber er leuchtet vor Empathie; Mitgefühl und Verantwortung füreinander ergeben sich dann quasi zwingend. Mein Leben als Zucchini erfüllt die kleinen Puppen mit mehr Leben, als die meisten Realfilme ihren Personen einzuhauchen vermögen. Vielleicht mag das verknappte Personal im Waisenhaus und ihre bedingungslose Zuneigung zu den Kindern etwas vereinfacht scheinen; aber zum einen ist es immer noch Meilen von den einfachen Gegensätzen à la Annie entfernt, und zum anderen darf dramaturgische Verknappung einiges, wenn sie den Kern nicht verkitscht.

Dass das nie geschieht, ist nicht nur der Animation zu verdanken, sondern insbesondere auch der Drehbuchautorin Céline Sciamma, die den Roman „Autobiographie d’une courgette“ von Gilles Paris großartig verknappt und umgesetzt hat. Die Frau hat vorher die Drehbücher z.B. der groß und breit und zu Recht gepriesenen Tomboy und Girlhood verfasst – für ihren ersten Animationsfilm hat sie die emotionale und intellektuelle Komplexität ihrer vorherigen Arbeiten nicht ignoriert, sondern mitgenommen.

Mein Leben als Zucchini ist für einen Oscar als bester Animationsfilm nominiert und hätte ihn mit jedem Knetkügelchen seiner Existenz verdient. Ein berührender, emotional ehrlicher und beglückender Animationsfilm, ein Glücksfall fürs Kino.

Mein Leben als Zucchini (Ma vie de courgette), Frankreich/Schweiz 2016. Regie: Claude Barras. 66 Minuten. FSK 0 (empfohlen ab 9 Jahren), Kinostart: 16. Februar 2017.

Fotos: Polyband