Berlinale Generation 2017: Das vollständige Programm

Das Programm der diesjährigen Berlinale Generation ist nun – nach den ersten Ankündigungen von vor einigen Wochen – komplett.

berlinale_logo Ich werde in diesem Jahr leider, das hat sich inzwischen herauskristallisiert, nicht allzu viele Filme vorab sehen oder gar besprechen können, aber ein paar Hinweise werde ich sicher geben, sobald ich das tun kann.

Hier stelle ich nun die Filme vor, die seit der letzten Meldung noch dazu gekommen sind und die das Programm komplettieren. Es sieht nach einem schönen Jahrgang 2017 aus. Trailer bzw. Filmclips habe ich ergänzt, wo sie auffindbar waren.

Generation Kplus – Kinderfilme

Amelie rennt

Von Tobias Wiemann – Deutschland / Italien

Die eigensinnige Amelie ist die Königin des Fluchens – auf ihre Eltern, die Bevormundung durch Ärzte und vor allem auf ihre Asthmaerkrankung. Während eines Aufenthalts in einer Spezialklinik in Südtirol haut sie kurzentschlossen ab. Riskante Mutproben und das Kribbeln der ersten Verliebtheit machen aus dem Aufstieg zu den traditionellen Bergfeuern eine emotionale Gratwanderung. Eine emotionale Achterbahnfahrt.

Becoming Who I Was

Von Moon Chang-Yong, Jeon Jin – Republik Korea

Angdu ist kein gewöhnlicher Junge, er ist ein Rinpoche. In seinem früheren Leben war er ein bedeutender buddhistischer Meister. Zusammen mit seinem Ziehvater macht sich der Junge eines Tages zu Fuß auf den Weg von Indien ins schwer erreichbare Tibet, das Zentrum seines Glaubens. Fragen des Lebens und der Freundschaft begleiten sie auf ihrer Wanderung durch die atemberaubende Landschaft des entlegenen Hochgebirges. Mit seiner ruhig-konzentrierten Erzählweise wird der über acht Jahre gedrehte Film selbst zu einer fundamentalen Erfahrung.

Estiu 1993 (Summer 1993)

Von Carla Simón – Spanien

Sommer in Katalonien 1993. Für die sechsjährige Frida beginnt mit dem Tod ihrer geliebten Mutter ein neuer Abschnitt in ihrem noch so jungen Leben. In der liebevollen Obhut der Familie ihres Onkels muss sie sich fernab ihrer Heimatstadt Barcelona erst an ihr neues Leben auf dem Land gewöhnen. Momente kindlicher Ausgelassenheit wandeln sich zu nachdenklicher Distanziertheit. Trotz der sommerlichen Farben berühren die ernsten Untertöne dieses Coming-of-Age-Dramas, das in behutsamen Bildern die Folgen der damals noch unberechenbaren Krankheit Aids verhandelt. Carla Simóns (Berlinale-Talents-Alumna) atemberaubender Debütfilm.

Oskars Amerika (Oskar’s America)

Von Torfinn Iversen – Norwegen / Schweden

Das Spielfilmdebüt von Torfinn Iversen basiert auf Motiven und Figuren seines Kurzfilms Levis Hest (Generation 2012). Nun kommt das berührende Porträt einer ungewöhnlichen Freundschaft in voller Länge auf die große Leinwand. Oskars größter Wunsch ist es, in den Ferien zusammen mit seiner Mutter in der Prärie zu reiten. Doch dann kommt alles anders und der Zehnjährige verbringt die Sommerferien auf dem Bauernhof seines mürrischen Großvaters. Oskars einziger Freund ist der Außenseiter Levi, der mit seinem Pony spricht. Um ihrer nüchternen Realität zu entfliehen fassen die beiden einen Plan: Mit dem Boot von Levis Urgroßvater werden sie über den Atlantik nach Amerika rudern.

Piata Loď (Little Harbour)

Von Iveta Grófová – Slowakische Republik / Tschechische Republik / Ungarn

Die zehnjährige Jarka, von der mangelnden Zuneigung ihrer Mutter enttäuscht, findet zwei Säuglinge. Zusammen mit dem achtjährigen Nachbarn Kristian kümmert sie sich liebevoll um das Zwillingspaar und entflieht damit ihren eigenen, dysfunktionalen Familienverhältnissen. Der Film der slowakischen Regisseurin ist eine Romanadaption von Monika Kompaníková, in dem die Kinder die Rollen von Erwachsenen übernehmen. Einfühlsam wird aus der Perspektive der Kinder in dynamischen Bildern dem universellen Wunsch nach einer Familie und Geborgenheit nachgespürt.

Uilenbal (Owls & Mice)

Von Simone van Dusseldorp – Niederlande

Meral ist neu in der Stadt und die erste Freundin, die sie macht, ist ihre kleine graue Mitbewohnerin: die Maus, Peepeep. Meral muss zusehen, wie ihre geliebte neue Freundin von einer Eule weggefegt wird. Trotz der angsteinflößenden Entwicklungen wird es für beide zum Lehrstück über die Herausforderungen und Wunder des Lebens. Mit rockenden Gesangs- und Tanzeinlagen begeistert die niederländische Regisseurin Simone von Dusseldorp das Generation-Publikum.

Der Film (den eine Kollegin mir schon sehr ans Herz gelegt hat) erscheint schon am 23. Februar als Der Fall Mäuserich in Deutschland auf DVD.

Upp i det blå (Up in the Sky)

Von Petter Lennstrand – Schweden

Pottans gestresste Eltern wollten sie eigentlich ins Sommerferienlager bringen, stattdessen findet sich die Achtjährige auf einer Recyclinganlage mit äußerst skurrilen Bewohnern wieder. Gemeinsam bastelt die Truppe an einer selbstgemachten Weltraumrakete, um damit ins All zu fliegen. Fernsehproduzent und Puppenspieler Petter Lennstrand erzählt in seinem Langfilmdebüt mit jeder Menge Humor und Abenteuerlust von unerwarteten Freundschaften und wozu uns diese befähigen.

Wallay

Von Berni Goldblat – Frankreich / Burkina Faso / Katar

Als sein Vater ihn nach Burkina Faso zu Verwandten schickt, freut sich der 15-jährige Ady auf einen lässigen Urlaub im Land seiner Herkunft. Schon beim kühlen Empfang des jungen Mannes wird klar, dass dieser Urlaub nicht nach seinen Vorstellungen verlaufen und keine entspannte Auszeit sein wird. Der Schweizer Regisseur Berni Goldblat nähert sich in seinem Spielfilmdebüt mit dem wachen Auge eines Dokumentarfilmers an die Darstellung des alltäglichen Lebens im westafrikanischen Burkina Faso an.

Alle weiteren (schon vorher angekündigten) Filme der Sektion Kplus findet Ihr hier.

Generation 14plus (Jugendfilme)

Ben Niao (The Foolish Bird)

Von Huang Ji, Ryuji Otsuka – Volksrepublik China

Ihrer fern lebenden Mutter zuliebe sucht die verschlossene Lynn nach Wegen, an der örtlichen Polizeiakademie aufgenommen zu werden. Zugleich wird die 16-jährige in einen kriminellen Strudel um gestohlene Handys verwickelt. Hunang Ji und Ryuji Otsuka (The Warmth of Orange Peel, Generation 2010) erzählen in präzisen Bildern von Isolation und Perspektivlosigkeit in einer chinesischen Kleinstadt, die von Korruption, sexueller Gewalt und der Allgegenwärtigkeit der neuen Medien geprägt ist.

Freak Show

Von Trudie Styler – USA

Irgendwo zwischen David Bowie, Lady Gaga, Freddy Mercury und Oscar Wilde erschafft sich Billy seinen eigenen Platz am glitzernden Himmel der Popkultur. Seine konservative Umwelt findet das weniger fabulös. Billy hält das jedoch von seinem Plan, sich der Wahl zur Homecoming Queen seiner Schule zu stellen, keineswegs ab. Aus einem High-School-Film wird ein so fulminantens wie nuanciertes Drama, für das das Attribut gilt, dass Billy für sich selbst beansprucht: Transvisionär. Neben Alex Lawther brillieren unter anderem Bette Midler, Laverne Cox, Larry Pine und Ian Nelson.

Loving Lorna

Von Annika Karlsson, Jessica Karlsson – Schweden

In Ballymun, einem ärmlichen Vorort von Dublin, gehören Pferde seit Generationen zum Leben dazu. Auch zu dem der 17-jährigen Lorna und dem Alltag ihrer Familie. Lorna will im Anschluss an die Schule Hufschmiedin werden, wenn nur ihre schlimmen Rückenschmerzen nicht wären. Die beiden schwedischen Regisseurinnen zeichnen in einer poetischen Beobachtung das Porträt einer jungen Frau auf der Suche nach Glück, Träumen und ihrem Platz in der Welt.

Não devore meu coração! (Don’t Swallow My Heart, Alligator Girl!)

Von Felipe Bragança – Brasilien / Niederlande / Frankreich

Der Rio Apa ist der Grenzfluss zwischen Paraguay und Brasilien. Er wird zum Dreh- und Angelpunkt dieser modernen, bildgewaltigen und wuchtigen Romeo-und-Julia-Geschichte zwischen dem 13-jährigen Joca und der geheimnisvollen Guaraní Basano. Seine Geschichte einer jungen Amour Fou erzählt Bragança vor dem Hintergrund aktueller Konflikte um Landraub und kulturelle Identität. Das Spielfilmdebüt überzeugt auf der großen Leinwand auch durch sein gelungenes Miteinander von brasilianischen Jungstars und lokalen Laien.

Poi E: The Story of Our Song

Von Tearepa Kahi – Neuseeland

Die unglaubliche Geschichte eines Popsongs in maorischer Sprache, der 1984 in Neuseeland unerwartet die Spitze der Charts stürmte. Damals grenzte es an ein Wunder, dass traditionell inspirierte Musik so erfolgreich sein konnte. Der Sänger Dalvanius Prime, ein massiger Maori mit kräftig-weicher Stimme, der vom Patea Maori Club begleitet wurde, war lange Zeit dem Soul verschrieben. Dann aber begann er auf der Bühne maorische Gesänge mit modernem Beat und Rap zu mischen. Die Medien hätten das am liebsten ignoriert. Doch Song und Video wurden Kult und verhalfen vielen – vor allem jungen – Maori zu einem neuen Selbstbewusstsein.

The Inland Road

Von Jackie van Beek – Neuseeland

Auf einer neuseeländischen Landstraße führt ein Unfall die 16-jährige Tia mit dem werdenden Vater Will zusammen. Zwischen ihnen, Wills schwangerer Freundin Donna und der vierjährigen Lily entspinnt sich ein feingewebtes und elektrisierendes Drama über sichtbare und unsichtbare Wunden. Der wunderbar fotografierte, atmosphärisch dicht inszenierte Film ist das Spielfilmdebüt der Neuseeländerin Jackie van Beek als Regisseurin. Dem Berlinale Publikum ist sie bereits als Komikerin und Schauspielerin (What We Do in the Shadows, Generation 2014) wie auch als Kurzfilmregisseurin (Go the Dogs, Generation 2011) bekannt.

Shkola nomer 3 (School Number 3)

Von Yelizaveta Smith, Georg Genoux – Ukraine / Deutschland

13 Jugendliche einer wiederaufgebauten Schule im südukrainischen Donbass schildern ihre Hoffnungen und Ängste. In streng kadrierten Einstellungen zeigt der Dokumentarfilm sie in ihrer alltäglichen Umgebung, während sie von Erlebnissen erzählen, die sie bewegen, von aufkommender Liebe ebenso wie von persönlichen Verlusten. Der Krieg kommt oft nur am Rande vor und bildet dennnoch einen unumgänglichen Referenzrahmen. Yelizaveta Smiths und Georg Genouxs Film wirkt durch seine puristische Erzählweise umso eindringlicher.

Soldado (Soldier)

Von Manuel Abramovich – Argentinien

Befehlen, Proben von zackigen Märschen und jede Menge Drill. In Argentinen geht ein 19-jähriger Mann zur Armee und wird dort Trommler in einer Militärkapelle. Eine stille aber eindringliche Studie über den Zusammenprall von jugendlicher Individualität und militärischer Uniformität, in der Widersprüche und Ungewissheiten des Erwachsenwerdens im Fokus einer rigiden Ordnung thematisiert werden. Coming-of-Age in einer „totalen Institution“.

Alle weiteren (schon vorher angekündigten) Filme der Sektion 14plus findet Ihr hier.

Berlinale Generation 2017: Erste Kinderfilme angekündigt

Es ist nicht mehr lang bis zur Berlinale, die Halbzeit bei der Auswahl des Spielfilmprogramms, die in diesem Jahr vom 9. bis 19. Februar läuft, ist laut einer Pressemitteilung des Festivals erreicht. Und wie regelmäßige Leser_innen dieses Blogs wissen, ist die Berlinale eines der Festivals, auf dessen Kinder- und Jugendfilmprogramm, die Berlinale Generation, ich mich immer besonders freue. (Hier kann man sich übrigens für einen Newsletter anmelden, um das Programm der Generation sofort bei Erscheinen in der Mailbox zu haben.)

berlinale_logo Die Filmauswahl dort ist schon recht weit vorangeschritten: Für die Sektionen Kplus (die Kinderfilme) und 14plus (Jugendkino) wurden bereits 15 Langfilme bekanntgegeben. Ich habe sie für Euch hier zusammengestellt, ohne große eigene Kommentare, da ich keinen davon – die meisten laufen als Europa- oder Weltpremiere – schon habe sehen können. Die kurzen Texte stammen aus der Pressemitteilung der Berlinale; nur in wenigen Fällen habe ich kleine Anmerkungen und Links hinzugefügt. Außerdem habe ich versucht, zu den Filmen Teaser bzw. Trailer oder kurze Ausschnitte zu finden, die schon einmal ein realistischeres Bild über Form und Inhalt des Films geben – sie sind jedenfalls höchstens so fehlleitend wie die Beschreibungen des Festivals…

Habt Ihr schon Favoriten?

Generation Kplus – Kinderfilme

As duas Irenes (Two Irenes)

as-duas-irenes-2017Von Fabio Meira – Brasilien

In der flirrenden Hitze Brasiliens entdeckt die 13-jährige Irene ein dunkles Geheimnis ihres Vaters: Es existiert noch eine Familie und Tochter mit gleichem Namen. Irene beginnt ein gewagtes Spiel das jeden Moment aufzufliegen droht. Die träge sommerliche Stimmung von Fabio Meiras Langfilmdebüt kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass es unter der Oberfläche brodelt.


Die Häschenschule – Jagd nach dem Goldenen Ei

Von Ute von Münchow-Pohl – Deutschland
Deutscher Kinostart am 16. März 2017.

Den abgebrühten Stadthasen Max verschlägt es nach einer Flugzeughavarie in die versteckte Osterhasenschule. Dort wird das legendäre Goldene Ei bewacht, auf das es die fiesen Füchse abgesehen haben. Nach anfänglicher Langeweile wecken die geheimen Techniken der Osterhasen dann doch Max’ Neugier. Die liebevoll gezeichnete deutsche Animation, nach dem Klassiker von 1924, begeistert mit Fantasie und Tempo sowie den Stimmen von Senta Berger, Friedrich von Thun, Jule Böwe und Noah Levi.

Primero enero (January)

Von Darío Mascambroni – Argentinien

Primero enero ist das Erstlingswerk des argentinischen Filmemachers Darío Mascambroni. Das Leben des elfjährigen Valentino ist mit der Scheidung der Eltern aus den Fugen geraten und verlangt von ihm, die Welt mit anderen Augen zu sehen. In einer zärtlichen und anrührenden Vater-Sohn-Geschichte führt der Regisseur seine Protagonist*innen und das Publikum mit aufs Land und bringt ihnen hier die Qualität des sinnlichen Betrachtens näher.

Red Dog: True Blue

Von Kriv Stenders – Australien (mit Jason Isaacs und Levi Miller)

Mit einer legendären Geschichte um einen ganz besonderen Hund begeisterte der australische Regisseur schon 2011 das Generation-Publikum. Im Zentrum der Fortsetzung steht neben dem roten Hund nun auch der elfjährige Mick, dem ihre Freundschaft alles bedeutet. Das Schicksal führt sie auf einer Farm im australischen Outback zusammen, gemeinsam durchleben sie mystische Abenteuer und Micks erste Liebe. Ebenso humorvoll wie einfühlsam erzählt der Film vom Erwachsenwerden in einer Zeit des Wandels.

Richard the Stork / Überflieger – Kleine Vögel, großes Geklapper

Von Toby Genkel, Reza Memari – Deutschland / Belgien / Luxemburg / Norwegen

Auch wenn andere ihn für einen Spatz halten – Richard selbst sieht sich als Storch. Von einem Vogel, der zur Bewährungsprobe selbstsicher die winterliche Reise nach Afrika antritt, erzählen Toby Genkel und Reza Memari in einem rasanten Abenteuer, das zugleich eine einfühlsame Geschichte von Anderssein und Selbst(er)findung ist. Die internationale Co-Produktion bezaubert mit einer fantastischen und fantasievollen Fabel auf der Höhe der Animationskunst.

Shi Tou (Stonehead)

Von Xiang Zhao – Volksrepublik China

Der zehnjährige Shi Tou, Kind eines Wanderarbeiters, wächst allein bei seiner Großmutter auf. Was ist richtig und was ist falsch? Eine Belohnung mit den Klassenkameraden zu teilen oder bis zur Rückkehr des Vaters zu warten, dem Lehrer zu gehorchen oder den Freund zu beschützen? Mit einem dokumentarisch geschärften Blick zeichnet Xiang Zhao ein Bild vom Leben im ländlichen China und einer Gesellschaft, in der nicht selten eine ganze Generation in Abwesenheit ihrer Eltern aufwächst.

Tesoros

Von María Novaro – Mexiko

Die Geschwister Dylan und Andrea begeben sich mit ihren neuen Freunden auf eine sagenhafte Entdeckungsreise und suchen nach einem jahrhundertealten Piratenschatz. In erfrischend sonnigen Bildern erzählt María Novaro, in großer Nähe zur Welt ihrer Figuren, von lebensfrohen und neugierigen Kindern. In einer Gemeinschaft an der mexikanischen Pazifikküste dürfen sie ihre eigenen Wege gehen und finden zusammen etwas viel wertvolleres als einen Goldschatz.

Generation 14plus (Jugendfilme)

Almost Heaven

Von Carol Salter – Großbritannien

Weit weg von Zuhause übt die 17-jährige Ying Ling für die Prüfung zur Bestatterin an einem der größten Begräbnisinstitute Chinas. Der Alltag dieses außergewöhnlichen Berufes birgt für Ying Ling neben Skrupeln und Abschiedszeremonien immer wieder humorvolle und lebensbejahende Momente. Carol Salters Debütfilm ist ein einfühlsames, dokumentarisches Porträt über Ängste, Freundschaft und das Erwachsenwerden in mitten von Gespenstern und Toten.

Butterfly Kisses

Von Rafael Kapelinski – Großbritannien

Jake und seine Freunde vertreiben sich die Zeit in den Höfen ihrer Hochhaussiedlung, in Billard-Hallen, reden über Mädchen, gucken Pornos und betrinken sich. Jake trägt schwer an einem düsteren Geheimnis, das ihn mehr und mehr von den anderen entfernt und in eine gefährliche Isolation treibt. Rafael Kapelinski inszeniert seinen Debütfilm in kontraststarkem Schwarz-Weiß und in respektvoller Nähe zu seinen Figuren, beeindruckend dargestellt von Neuentdeckungen und jungen Talenten (u.a. Thomas Turgoose – This Is England, Generation 2007).

Ceux qui font les révolutions à moitié n’ont fait que se creuser un tombeau (Those Who Make Revolution Halfway Only Dig Their Own Graves)

Von Mathieu Denis und Simon Lavoie – Kanada

In epischer Breite und formaler Vielgestaltigkeit folgt der Film einer Gruppe junger Menschen in Québec, die sich im Nachgang studentischer Proteste zur revolutionären Zelle formieren. Mit ihnen exerziert der schonungslose Film von Mathieu Denis (Corbo, Generation 2015) und Simon Lavoie durch, was es heute bedeuten mag, eine Revolution anzufachen und für eine Sache zu kämpfen.

Emo the Musical

Von Neil Triffett – Australien

Die verbotene High-School-Liebe zwischen Ethan, dem schüchternen Emo mit suizidalen Neigungen, und der christlichen Aktivistin Trinity begeisterte schon 2014 als Kurzfilm [hier in Gänze zu sehen] das Generation-Publikum. Regisseur Neil Triffett bringt seine herzzerreißend komische, musikalische Groteske nun in abendfüllender Länge und einer noch breiteren Riege an schillernden Figuren auf die große Leinwand.

Krolewicz Olch (The Erlprince/Der Erlkönig)

Von Kuba Czekaj – Polen

Der Erlkönig baut und bauscht sich ebenso dramatisch auf wie Goethes titelgebende Ballade. Die Grenzen zwischen Realität, Wunsch und Schein verschwimmen in diesem futuristisch anmutenden Film über einen hochbegabten Jugendlichen und seine ebenso ambitionierte wie wundersame Mutter. In seiner Form so unangepasst wie seine Figuren, changiert der Film zwischen den Polen Wissenschaft und Natur sowie Liebe und Gewalt.

Mulher do pai (Nalu on the Border)

Von Cristiane Oliveira – Brasilien / Uruguay

Nach dem Tod der Großmutter muss sich die 16-jährige Nalu allein um ihren Vater kümmern. Ihre Hoffnung das trostlose Dorf verlassen zu können, scheint nun in weite Ferne gerückt zu sein. Cristiane Oliveiras Coming-of-Age-Drama, ein langsames, auf respektvolle Nähe bedachtes Kino von subtiler Körperlichkeit, zeichnet das komplexe Bild einer Beziehung zwischen einer adoleszenten Tochter und ihrem blinden Vater.

My Entire High School Sinking into the Sea

Von Dash Shaw – USA

Er ist nicht gerade beliebt, hat Freundschaftssorgen, will mit der Schülerzeitung hoch hinaus und heißt, wie sein Erfinder, Dash. Im Keller seiner Schule entdeckt er ein Geheimnis, das seine ganze Welt ins Wanken bringt. Graphic Novelist Shaw hofft, dass sein Film 15-jährige Nerds erreicht die, genau wie er in diesem Alter, auf Zeichnungen und Malerei stehen. Der vor Einfallsreichtum übersprudelnde Animationsfilm mit den Stimmen von Jason Schwartzman, Maya Rudolph, Lena Dunham und Susan Sarandon wird nicht nur diese begeistern.

On the Road

(Eröffnungsfilm 14plus) Von Michael Winterbottom

Mit einer Sondervorführung seines sinnlichen Musikdokumentarfilms On the Road wird Michael Winterbottom das Programm von Generation 14plus im jüngst sanierten Haus der Kulturen der Welt eröffnen. In einer für Winterbottom charakteristischen Hybridität folgt der Film der Band Wolf Alice, die dort seit einigen Jahren für Furore sorgt, auf ihrer Tour quer durch Großbritannien. Einfühlsam porträtiert On the Road dabei die Ekstasen und Erschöpfungszustände eines Lebens unterwegs. Die Beziehung zwischen den Musikern und ihren Fans ist spürbar, sowohl das Konzert- als auch das Kinopublikum erlebt ein sensibles Zusammenspiel von Zuschauen und Hören.

Weirdos

Von Bruce McDonald – Kanada

Nach Ende des Vietnamkriegs und inmitten der Feierlichkeiten zum 200. Geburtstag der USA 1976, trampen Ausreißer Kit und seine Freundin Alice an die kanadische Ostküste. Bruce McDonald (The Tracey Fragments, Panorama 2007 [meine Kritik]) inszeniert einen Coming-of-Age-Film, der zugleich Road Movie ist und von einem fantastischen Soundtrack seiner Tage angetrieben wird. Eine rebellische Reise in Schwarz-Weiß, auf der viele Gewissheiten auf der Strecke bleiben werden.

KUKI präsentiert: Sklaven des Rave (2014)

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Berliner_innen! Es beginnt: Das Wochenende des KUKI-Festivals. Noch bis Sonntag läuft das 9. Internationale Kinder- und Jugendkurzfilmfestival Berlin, und Ihr solltet Euch dringend aus dem reichhaltigen Programm Vorstellungen heraussuchen, die zum Alter Eurer Kinder passen, und hingehen! Warum? Weil Kurzfilme gut für Eure Kinder sind. Weil das KUKI Filme auswählt, die schlichtweg fabulös sind. Weil Ihr lachen, weinen und glucksen werdet und überhaupt.

ku9_rgb_de_logo1_bunt-transparent Und wer das nach den KUKI-Filmen aus vergangenen Jahren, die ich in den letzten Wochen gepostet habe, noch nicht glaubt, wird vielleicht mit diesem kleinen Kleinod überzeugt, dem “Rausschmeißer” auf der Eröffnungsfeier letzten Sonntag, der alles zusammenbringt, was ganz kurze Kurzfilme so können: Mit einfachen Mitteln und einer klaren Idee ganz heftige Glücksgefühle auslösen. Slaves of the Rave von William Garratt: Zweieinhalb Minuten Glück. Mit Pups!

Schönes Wochenende! Geht zum KUKI!

KUKI präsentiert: Ernesto (2011)

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Am Sonntag geht es los! Das 9. Internationale Kinder- und Jugendkurzfilmfestival Berlin öffnet seine Türen mit der Eröffnung um 14 Uhr für eine ganze Woche voller Kurzfilme für klein und sehr klein, die für groß aber keineswegs uninteressant oder langweilig sind. Im Gegenteil! Es gibt jede Menge Kleinode zu entdecken. Als Medienpartner des Festivals zeige ich hier im Blog noch bis kommende Woche freitags einen Kurzfilm, der in den vergangenen Jahren auf dem KUKI lief.

ku9_rgb_de_logo1_bunt-transparent Vor drei Jahren lief dort Ernesto von Corinne Ladeinde, eine witzige kleine Meditation übers Dazugehören und Gruppenzwang – Ernesto hat nämlich als einziges Kind noch alle Milchzähne. Und die wollen auch irgendwie nicht raus. Stattdessen wollen sie… singen.

Schönes Wochenende! (Geht zum KUKI!)

KUKI 2016: Programme, Filme, Festival

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Am Sonntag beginnt in Berlin zum neunten Mal das KUKI, das Internationale Kinder- und Jugendkurzfilmfestival – eine Rarität unter den Festivals. Denn dem KUKI kann man sich, und das heißt insbesondere auch: die eigenen Kinder, mit großem Vertrauen und ohne Angst ganz und gar überlassen. Und das nicht, weil die Filme so harmlos wären, dass man keine Herausforderung fürchten müsste, ganz im Gegenteil. Aber was hier für unterschiedliche Altersgruppen ausgewählt wurde, das möchte man sich nicht nur gerne ansehen, es ist auch wirklich anspruchsvolles, spannendes Kurzkino.

ku9_rgb_de_logo1_bunt-transparent Ich lobpreise das Festival hier nicht etwa deshalb, weil dieses Blog hier in diesem Jahr als Medienpartner auftauchen darf; sondern ich habe mich auf diese Partnerschaft (deren Kern der Austausch von Arbeit und Nettigkeiten ist) im Vertrauen auf die Qualität der Filme eingelassen. Und von allen Filmen, die ich vorab habe sehen können, fand ich dann auch nur einen einzigen wirklich, pardon, fad.

Aber wer das überprüfen mag: Die Vorstellungen des Festivals (nach Altersgruppen gestaffelte Programme mit jeweils mehreren Kurzfilmen) finden bis auf wenige Ausnahmen im Filmtheater am Friedrichshain statt – eine praktische Übersicht nach Tagen gibt es hier. Der Eintrittspreis beträgt im FaF je Programmreihe sehr wohlfeile 3 Euro pro Person. Alle Filme werden in Originalsprache gezeigt, die nicht deutschsprachigen Kinderprogramme werden dabei von professionellen Sprechern live während des Films auf Deutsch eingesprochen. Die Jugendprogramme haben deutsche Untertitel, die Sprachprogramme für Jugendliche (in Englisch, Französisch und Spanisch) laufen im Original mit originalsprachigen Untertiteln.

Und für einen genaueren Einblick hier noch Anmerkungen zu einigen der Filme (in jedem Programm laufen noch wesentlich mehr Kurzfilme), jeweils nach Altersgruppen/Programmreihen sortiert:

Programm für Kitakinder (ab 4 Jahren)

Hier sind naturgemäß eher sehr kurze, klare Filme anzutreffen – gerne mit Tieren. Und gerne Animationsfilme. Diese beiden Beispiele vereinen das, was gute (Klein-)Kinderkurzfilme ausmacht: eine einfache Geschichte, auf ihren Kern reduziert und sofort verständlich, und mit klarer Animation in Bewegung versetzt.

Im deutschen Beitrag Bat Time (Regie: Elena Walf) sucht eine Fledermaus verzweifelt nach Spielgefährten – aber nachts, wenn sie wach ist, schlafen alle Tiere… Natalia Chernysheva, die vor einigen Jahren mit dem wunderbaren Kurzfilm Schneeflocke schon auf dem KUKI zu Gast war, zeigt in diesem Jahr Pautinka über die seltsame Freundschaft einer alten Dame mit einer Spinne.

Filme ab 6 Jahren

Über den sehr großartigen Chika, die Hündin im Ghetto von Sandra Schießl hatte ich schon vor ein paar Wochen in meiner Kolumne über den Holocaust im Kinderfilm kurz etwas geschrieben und mich im Podcast mit der KUKI-Leiterin auch darüber unterhalten.

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Der Kurzfilm bricht mit sehr einfachen Mitteln ein sehr schweres Thema auf die Kinderperspektive herunter – und lässt dabei die eigentlichen Schrecken nicht außen vor, nur gerade so weit außer Sichtweite, dass man es spürt, als Erwachsener auch sieht. Die Verfolgung greift als Motiv bis in die zur Animation verwendeten Materialien ein – ein kleines Meisterwerk und Lehrstück zugleich.

Viel leichter kommt dagegen in dieser Sektion Le dragon et la musique daher, ein Schweizer Film über, nun ja, einen Drachen und die Musik. Aber ganz so einfach ist es auch wieder nicht, weil es eben auch um Konformismus geht, vielleicht sogar Militarismus, um’s eigene Herz und natürlich die Frage, ob man vor Drachen eigentlich Angst haben muss.

Filme ab 8 Jahren

In dieser Sektion wird auch noch einmal Pautinka gezeigt – der geht für fast jedes Alter -, aber auch schon anspruchsvollere, auch längere Kost wie z.B. Mindenki (Sing) von Kristof Deak aus Ungarn. Das ist schon ein kleiner Spielfilm im vertrauten Milieu einer Schule: Zsofi ist neu und möchte gern im Chor mitsingen, der sich gerade auf einen Wettbewerb vorbereitet. Das läuft allerdings anders, als sie es erwartet hat.

Filme ab 10 Jahren

Sehr ambivalente Gefühle hat bei mir Operation Commando von Jan Czarlewski hervorgerufen – und auch bei meinen Kindern. Zwei Brüder fahren gemeinsam in ein Camp, am ersten Tag werden sie gleich in zwei unterschiedliche Teams aufgeteilt, die sich gegenseitig einen Schatz abluchsen sollen – was macht das mit den Geschwistern, die ohne einander eigentlich nicht können? Der Film zeigt Gruppendynamiken und Konflikte, ohne das wirklich aufzulösen und sorgt damit garantiert für Diskussionen – und das ist dann ja wieder, ganz unambivalent, erstmal eine gute Sache.

Dagegen kommt Minoule zunächst scheinbar harmlos daher. Eine Katze will an den Vogel im Käfig heran und klettert und klettert an Häusern herum. Eine tolle Mischanimation aus Zeichentrick und Realfilm, mit Musik unterlegt und Twist am Schluss. Mit vielleicht einem Hauch tierischer Grausamkeit darin.

Umweltprogramm für Kinder ab 8 Jahren

Abschied ist der einzige Film, mit dem ich nicht wirklich etwas anfangen konnte, vielleicht weil er sein Thema – das Verschwinden einzelner Tierarten, Ausrottung, abnehmende Vielfalt – zwar sehr schön mit dem Bild eines vielstimmigen Orchesters illustriert, das dann aber ohne Ecken, Kanten oder Abweichungen einfach nur durchdekliniert. Schöne Idee, wird aber schnell langweilig.

Was man dagegen viel zu wenig sieht: Dokumentarfilme für Kinder. Frank Feustle begleitet in Lotumi und der rote Tanz zwei Jungs, die unbedingt Krieger werden wollen und dafür erst einmal mit den erwachsenen Männern Tiere hüten müssen – kriegerisch ist daran wenig, gelernt wird viel und gewachsen vor allem innerlich. Ein erfrischend nüchterner, freundlicher Blick auf eine Welt, die unserer vielleicht nur geographisch wirklich fern ist.

Und für solche Blicke, kurz, fokussiert und prägnant ist das KUKI immer wieder gut.

(Fotos: KUKI)

Podcast: Über Kurzfilme im Allgemeinen, das KUKI-Festival im Besonderen

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Nachdem ich vor einiger Zeit mich in meinem allgemeinen Filmblog mal am podcasten versucht hatte (ich sehe gerade – das ist über fünf Jahre her!) und vor einiger Zeit bei Kontroversum zu Besuch war, habe ich nun im Gespräch mit Christian vom Second Unit-Podcast nochmal richtig Blut geleckt.

ku9_rgb_de_logo1_bunt-transparent Und habe deshalb dieser Tage mein Aufnahmegerät zum Büro des KUKI-Festivals getragen, um mit der künstlerischen Leiterin Monica Koshka-Stein über das Kinderkurzfilm-Festival zu sprechen, über Kurzfilme für Kinder allgemein, den KUKI-Kurzfilm Chika die Hünding im Ghetto (Bild oben) und vieles mehr.

Hier könnt Ihr Euch das Gespräch anhören.

Das Kinderfilmblog ist Medienpartner des KUKI-Festivals.

(Foto: KUKI-Festival)