Kurzfilm zum Wochenende: Herbst (2016)

Selten habe ich mich so gefreut, einen Kurzfilm hier zeigen zu können. Denn Automne von Yann Austin, Marie Briand, Cécile Fauchie, Louise Flatz, Helene Letourneur und Marina Saunier vom Institut Supérieur des Arts Appliqués ist nicht nur ein wunderbarer und ruhiger Blick auf die aktuelle Jahreszeit aus der Perspektive einer Künstlerin.

Der Film ist außerdem im Wettbewerbsprogramm des diesjährigen KUKI zu sehen, des 10. Internationalen Kurzfilmfestivals für Kinder und Jugendliche Berlin. Das KUKI, das ich im vergangenen Jahr als Partner begleiten durfte (diesmal hat das aus vielerlei zeitlichen und geographischen Gründen nicht geklappt), ist eines der schönsten Berliner Publikumsfestivals – es zeigt ausschließlich Kurzfilme für Kinder und Jugendliche, mit klarem ästhetischem und politischem Anspruch an die Filme, die gezeigt werden. Vor einem Jahr hatte ich mich darüber auch ausführlich mit der künstlerischen Leiterin des Festivals, Monica Koshka-Stein, unterhalten: Das Gespräch lässt sich hier anhören.

Automne ist nur eines der vielen Wunder, die beim KUKI ab 19. November 2017 auf großer Leinwand zu sehen sind. Perfekte Kinderunterhaltung. (Hier mein Lieblingsfilm vom letzten Festival.)

Schönes Wochenende!

Schlingel 2017: Im huckligen buckligen Wald (2016)

Die Waldmaus Claus verbringt ihre Tage singend und schnorrend im Wald; wenn sie Hunger ein, lädt sie sich bei anderen Mäusen oder bei Familie Bär selbst zum Essen ein, und dafür gibt es immerzu ein fröhliches Lied auf der Gitarre. Das könnte sich zu einer Fabel à la Grille und Ameise über Arbeitsmoral, Vorratshaltung und böses Schnorrertum wenden, aber weil wir im wunderbaren Tieruniversum von Rasmus A. Sivertsen sind, wird aus Im huckligen buckligen Wald etwas ganz anderes. Auch etwas recht Seltsames, zugegeben, aber jedenfalls unterhaltsamer. Und sehr, sehr musikalisch.

schlingel_logo_schraeg_219 Maus Morten hat sich beim Bäckerhasen eine Torte gekauft, weil am nächsten Tag seine Großmutter zu Besuch kommen will. Marvin der Fuchs aber mag für Gebäck nicht zahlen, ist aber durchaus nicht der listigste Spieler im Wald… und weil sein Hunger aber den kleineren Tieren gefährlich zu werden droht, setzt Morten einen Gesetzestext auf: Alle Tiere im Wald sollen Freunde sein – und keines soll das andere essen. Der Bär (“So eine Schande, dass die Tiere einander essen”) ruft eine Versammlung ein…

Keine Angst, Im huckligen buckligen Wald ist eine absolut auch für kleine Kinder taugliche Geschichte. Hier wird niemand gefressen, sondern eine im Kern vegetarische Gesellschaftsordnung angelegt, der der Fuchs nur durch einen Ausflug auf den benachbarten Bauernhof zu begegnen weiß; aber auch dort muss „nur“ der bereits geräucherte Schinken drang glauben.

Dass das irgendwie doch in Ordnung ist, ist eine der Inkonsistenzen und Merkwürdigkeiten dieses sonst bis in die letzte Haarspitze seiner Figuren charmanten Films. Die zweite wichtige sind die seltsamen Menschenfiguren, der sehr tolpatschige Bauer und die sehr skrupellose, keifende Bäuerin. Sie sind (auch Geschlechter-)Stereotype der derben Sorte, die aber nach Chicken Run – Hennen Rennen schon recht verbraucht wirken. Vor allem fallen sie aus dem grundlegend unzynischen Figurenreigen der Waldtiere sehr auffällig heraus – als Menschen haben sie die Rolle der absoluten Bösewichter andererseits vielleicht auch einfach verdient.

Es gibt ein paar aufregende, auch spannende Momente, aber nichts wirklich Dramatisches passiert; Sivertsen will sein Publikum vor allem durch die zahlreichen Lieder und Slapstickmomente bei Laune halten, und das gelingt ihm aufs Allerfeinste. Die elegante Animation tut ihr übriges dazu – aus Norwegen kommt, das hat der Regisseur auch mit seinen Louis & Luca-Filmen (Louis & Luca – Das große Käserennen kommt im Oktober 2017 endlich in die deutschen Kinos) bewiesen, Stop-Motion-Produktionen, die sich weder technisch noch in der Qualität ihrer Geschichten hinter den großen wie Aardman oder Laika verstecken muss.

Im huckligen buckligen Wald (Dyrene i Hakkebakkeskogen), Norwegen 2016. Regie: Rasmus A. Sivertsen, 75 Minuten. Empfohlen ab 5 Jahren (Auf dem Schlingel-Festival).

Schlingel 2017: Niki und die Feuerblume (2016)

Nikis Vater Kyrill hatte einst – wenn man ihm zuhört, eher versehentlich und sicher nicht besonders gerne – einen mächtigen Drachen erschlagen, der sein Land unsicher machte. Die Drachenhaut hängt heute noch im Schuppen, über den Drachen redet aber eigentlich niemand mehr, außer vielleicht Niki, der mit der aufgespannten Haut schon mal tagträumend kleine Gefechte absolviert. Doch dann taucht ein Komet am Himmel auf – Kyrill wird zum Zauberer gerufen, denn das verheißt nichts Gutes. Niki ist seinem Vater nachgeschlichen, und durch ein paar Ungeschicklichkeiten transportiert er sich mit der Fledermaus Eddie – seinerseits Gehilfe und Lehrling des Zauberers – in eine magische Parallelwelt, in der der Geist des Drachens nur darauf wartet, wieder aus seiner Körperlosigkeit erlöst zu werden. Gemeinsam mit dem Waisenkind Rocky und dessen Eichhörnchen geraten die beiden so immer tiefer in ein gefährliches Abenteuer mit Rennschnecken, riesigen Pilzgewächsen und mehr.

schlingel_logo_schraeg_219 Anfangs lässt sich dieser ukrainische Animationsfilm von Manuk Depoyan noch recht gut an; die Vorgeschichte (die wohl auf ein altes Volksmärchen zurückgeht) wird in einer Papier-Animation erzählt, deren runde Formen an die Filme von Tomm Moore erinnern (Brendan und das Geheimnis von Kells sowie Die Melodie des Meeres), aber diese Bilderwelt wird dann schnell gegen ungelenke Computeranimationen eingetauscht, wie man sie viel zu oft zu sehen bekommt. Da stimmen Bewegungsabläufe nicht, Gestik und Mimik wirken plastikhaft-unheimlich. Die Qualität der Grafik erinnert insgesamt an schlechte 3D-Achterbahn-Simulationen, und wenn viel in Bewegung gerät, sind es oft actionlastige Situationen, die wirkliche Handlung nur simulieren sollen.

Überhaupt, die Handlung: Was Depoyan hier zusammenschraubt, wirkt haarsträubend unorganisiert und bis in seine letzten Fetzen chaotisch. Hier noch ein Strang, dort noch ein Thema, zusammengekramst aus allen möglichen Versatzstücken, die man schon tausendmal gesehen hat – von allem wird Bedeutung und Tiefe aber immer nur behauptet, nie erzählt oder gezeigt. Zwar hängt natürlich der große Erzählstrang um den Drachen schon nachvollziehbar zusammen und zieht sich erfolgreich vom Prolog bis zum Finale hin – aber er ist eben so stringent, dass man ihn auch aus der Entfernung von 75 Minuten schon kommen sieht. Und das meine ich wörtlich: Nur wer überhaupt nicht aufpasst, weiß nicht schon nach wenigen Minuten, an welcher Naht sich der Kampf am Schluss entscheiden wird.

Auch die anderen großen zwei „Überraschungen“ des Films – dass Rocky ein Mädchen und wer ihre Mutter ist – sind schon Meilen gegen den Wind zu riechen. Schlimmer noch, sobald Rocky als Mädchen „geoutet“ ist, spricht sie (zumindest in der englischen Synchronisation) auf einmal zarter, ihre Gestik und ihre Bewegungen werden weniger entschlossen, zaudernder, schamvoller. Und spätestens da hatte mich der Film dann endgültig verloren.

Das stört dann aber auch nicht mehr, denn auch mit den Figuren fiebert man nicht wirklich mit; sie sind letztlich alle nur Abziehbilder ihrer Funktion in der Handlung, ohne eigene Tiefe, ohne Leben und echte Charakterzüge. Mit anderen Worten: so platikartig-starr wie ihre Oberflächen. Schade drum.

Niki und die Feuerblume / The Dragon Spell (Nikita Koshemjaka), Ukraine 2016. Regie: Manuk Depoyan, 85 Minuten. Empfohlen ab 7 Jahren. (Auf dem Schlingel-Filmfestival.)

Poi E: The Story of Our Song (2016)

Es kommt immer wieder vor, dass ich jammern möchte, dass ein großartiger Film gewissermaßen im Programm der Berlinale Generation “versteckt” wird, aber das tut der Sache ja in mindestens zweierlei Hinsicht Unrecht: Zum einen, weil das Programm der Generation in der Regel für sich großartig ist und deshalb selbstverständlich Filme beinhaltet, die nicht nur “als” Kinder- und Jugendfilme Aufmerksamkeit bekommen sollten (und klar, es gibt Ausnahmen). Zum anderen, weil ich dankbar sein sollte, dass so sehenswerte Filme auf diese Weise ein Publikum finden, das für ihre Themen und Inhalte womöglich besonders empfänglich sind.

berlinale_logo Ich kannte die Geschichte von “Poi E”, dem neuseeländischen Hitsong aus den 1980er Jahren, überhaupt nicht (und sicher nicht nur, weil ich damals selbst noch Kind war). In der Art und Weise, wie Tearepa Kahi diese Geschichte erzählt, berührt sie noch einmal besonders: Aufgehängt an Lebensgeschichten, an geteilten Erfahrungen der Maori, an schließlich das Glück weniger von Erfolg als mehr von Anerkennung und Sichtbarkeit. Das ist wunderbar und großartig und doch bescheiden zugleich.

In allen Details habe ich das für das Berlinale-Blog von kino-zeit.de aufgeschrieben.

Und jetzt sollten wir alle dringend den Song im Original-Video anschauen:

(Foto: Sony)

Die Häschenschule – Jagd nach dem Goldenen Ei (2017)

Jeder kennt das Buch Die Häschenschule. Eingängige Reime, bunte Bilder, hübsch anzusehen – das mögen Eltern, und bis zu einem gewissen Alter mögen Kinder das auch, da ist es noch egal, dass die Schul- und Erziehungsideale dieses Buches, sagen wir vorsichtig, etwas antiquiert erscheinen mögen.

berlinale_logo Das mag 1924, als Albert Sixtus die Verse dichtete und Fritz Koch-Gotha seine Zeichnungen dazu entwarf, noch anders gewesen sein; da klang die Geschichte von der ländlichen Hasenschule womöglich noch etwas nach dem untergegangenen Kaiserreich, nur milde nostalgisch, nicht unbedingt veraltet. Will man diese Geschichte in die Gegenwart des Jahres 2017 bringen, muss man sich also etwas einfallen lassen. Eine Modernisierung eigentlich von innen, mindestens aber, als einfachste Lösung, von außen: Ein modernisierender Agent, der die Verhältnisse zum Hopsen bringt.

Und so betritt Max die Bühne, ein ausgesprochener Stadthase – und das Unheil, das sich Die Häschenschule – Jagd nach dem Goldenen Ei schimpft, nimmt nun zunächst auf der Berlinale, demnächst dann auch im Kino seinen Lauf. Ein Film, der es sich in wirklich jeder Hinsicht zu einfach macht und sein kindliches Publikum mal wieder mit dem geringstmöglichen Aufwand abspeisen möchte. Meine ausführliche Erläuterung dazu, warum das wirklich niemand ansehen muss, findet sich auf kino-zeit.de.

(Fotos: Universum Film)

Kinderfilm-Festivals 2017

Auch wenn man das in der “normalen” Filmberichterstattung kaum mitbekommt, gibt es in Deutschland (und außerhalb) eine ganze Reihe von Filmfestivals, die sich exklusiv dem Kinderfilm widmen – auf einige weise ich hier ja immer wieder hin, wenn ich es zeitlich hinbekomme. Vor allem versuche ich ja wenigstens die größten Schätze, die mir dort begegnen, hier auch vorzustellen.

Für das Blog der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (das auch sonst in vielerlei Hinsicht Eure Aufmerksamkeit verdient) habe ich mich mal auf eine Festivalreise durchs Jahr gemacht und aufgeschrieben, auf welche Events ich am liebsten das Jahr hindurch gehen würde. Spoiler Alert: Ich wäre ganz schön beschäftigt. (Und da sind die Festivals für “erwachsene” Filme noch gar nicht dabei.)

Bitte hier entlang: Einmal durchs Festivaljahr.