Berlinale Generation 2017: Das vollständige Programm

Das Programm der diesjährigen Berlinale Generation ist nun – nach den ersten Ankündigungen von vor einigen Wochen – komplett.

berlinale_logo Ich werde in diesem Jahr leider, das hat sich inzwischen herauskristallisiert, nicht allzu viele Filme vorab sehen oder gar besprechen können, aber ein paar Hinweise werde ich sicher geben, sobald ich das tun kann.

Hier stelle ich nun die Filme vor, die seit der letzten Meldung noch dazu gekommen sind und die das Programm komplettieren. Es sieht nach einem schönen Jahrgang 2017 aus. Trailer bzw. Filmclips habe ich ergänzt, wo sie auffindbar waren.

Generation Kplus – Kinderfilme

Amelie rennt

Von Tobias Wiemann – Deutschland / Italien

Die eigensinnige Amelie ist die Königin des Fluchens – auf ihre Eltern, die Bevormundung durch Ärzte und vor allem auf ihre Asthmaerkrankung. Während eines Aufenthalts in einer Spezialklinik in Südtirol haut sie kurzentschlossen ab. Riskante Mutproben und das Kribbeln der ersten Verliebtheit machen aus dem Aufstieg zu den traditionellen Bergfeuern eine emotionale Gratwanderung. Eine emotionale Achterbahnfahrt.

Becoming Who I Was

Von Moon Chang-Yong, Jeon Jin – Republik Korea

Angdu ist kein gewöhnlicher Junge, er ist ein Rinpoche. In seinem früheren Leben war er ein bedeutender buddhistischer Meister. Zusammen mit seinem Ziehvater macht sich der Junge eines Tages zu Fuß auf den Weg von Indien ins schwer erreichbare Tibet, das Zentrum seines Glaubens. Fragen des Lebens und der Freundschaft begleiten sie auf ihrer Wanderung durch die atemberaubende Landschaft des entlegenen Hochgebirges. Mit seiner ruhig-konzentrierten Erzählweise wird der über acht Jahre gedrehte Film selbst zu einer fundamentalen Erfahrung.

Estiu 1993 (Summer 1993)

Von Carla Simón – Spanien

Sommer in Katalonien 1993. Für die sechsjährige Frida beginnt mit dem Tod ihrer geliebten Mutter ein neuer Abschnitt in ihrem noch so jungen Leben. In der liebevollen Obhut der Familie ihres Onkels muss sie sich fernab ihrer Heimatstadt Barcelona erst an ihr neues Leben auf dem Land gewöhnen. Momente kindlicher Ausgelassenheit wandeln sich zu nachdenklicher Distanziertheit. Trotz der sommerlichen Farben berühren die ernsten Untertöne dieses Coming-of-Age-Dramas, das in behutsamen Bildern die Folgen der damals noch unberechenbaren Krankheit Aids verhandelt. Carla Simóns (Berlinale-Talents-Alumna) atemberaubender Debütfilm.

Oskars Amerika (Oskar’s America)

Von Torfinn Iversen – Norwegen / Schweden

Das Spielfilmdebüt von Torfinn Iversen basiert auf Motiven und Figuren seines Kurzfilms Levis Hest (Generation 2012). Nun kommt das berührende Porträt einer ungewöhnlichen Freundschaft in voller Länge auf die große Leinwand. Oskars größter Wunsch ist es, in den Ferien zusammen mit seiner Mutter in der Prärie zu reiten. Doch dann kommt alles anders und der Zehnjährige verbringt die Sommerferien auf dem Bauernhof seines mürrischen Großvaters. Oskars einziger Freund ist der Außenseiter Levi, der mit seinem Pony spricht. Um ihrer nüchternen Realität zu entfliehen fassen die beiden einen Plan: Mit dem Boot von Levis Urgroßvater werden sie über den Atlantik nach Amerika rudern.

Piata Loď (Little Harbour)

Von Iveta Grófová – Slowakische Republik / Tschechische Republik / Ungarn

Die zehnjährige Jarka, von der mangelnden Zuneigung ihrer Mutter enttäuscht, findet zwei Säuglinge. Zusammen mit dem achtjährigen Nachbarn Kristian kümmert sie sich liebevoll um das Zwillingspaar und entflieht damit ihren eigenen, dysfunktionalen Familienverhältnissen. Der Film der slowakischen Regisseurin ist eine Romanadaption von Monika Kompaníková, in dem die Kinder die Rollen von Erwachsenen übernehmen. Einfühlsam wird aus der Perspektive der Kinder in dynamischen Bildern dem universellen Wunsch nach einer Familie und Geborgenheit nachgespürt.

Uilenbal (Owls & Mice)

Von Simone van Dusseldorp – Niederlande

Meral ist neu in der Stadt und die erste Freundin, die sie macht, ist ihre kleine graue Mitbewohnerin: die Maus, Peepeep. Meral muss zusehen, wie ihre geliebte neue Freundin von einer Eule weggefegt wird. Trotz der angsteinflößenden Entwicklungen wird es für beide zum Lehrstück über die Herausforderungen und Wunder des Lebens. Mit rockenden Gesangs- und Tanzeinlagen begeistert die niederländische Regisseurin Simone von Dusseldorp das Generation-Publikum.

Der Film (den eine Kollegin mir schon sehr ans Herz gelegt hat) erscheint schon am 23. Februar als Der Fall Mäuserich in Deutschland auf DVD.

Upp i det blå (Up in the Sky)

Von Petter Lennstrand – Schweden

Pottans gestresste Eltern wollten sie eigentlich ins Sommerferienlager bringen, stattdessen findet sich die Achtjährige auf einer Recyclinganlage mit äußerst skurrilen Bewohnern wieder. Gemeinsam bastelt die Truppe an einer selbstgemachten Weltraumrakete, um damit ins All zu fliegen. Fernsehproduzent und Puppenspieler Petter Lennstrand erzählt in seinem Langfilmdebüt mit jeder Menge Humor und Abenteuerlust von unerwarteten Freundschaften und wozu uns diese befähigen.

Wallay

Von Berni Goldblat – Frankreich / Burkina Faso / Katar

Als sein Vater ihn nach Burkina Faso zu Verwandten schickt, freut sich der 15-jährige Ady auf einen lässigen Urlaub im Land seiner Herkunft. Schon beim kühlen Empfang des jungen Mannes wird klar, dass dieser Urlaub nicht nach seinen Vorstellungen verlaufen und keine entspannte Auszeit sein wird. Der Schweizer Regisseur Berni Goldblat nähert sich in seinem Spielfilmdebüt mit dem wachen Auge eines Dokumentarfilmers an die Darstellung des alltäglichen Lebens im westafrikanischen Burkina Faso an.

Alle weiteren (schon vorher angekündigten) Filme der Sektion Kplus findet Ihr hier.

Generation 14plus (Jugendfilme)

Ben Niao (The Foolish Bird)

Von Huang Ji, Ryuji Otsuka – Volksrepublik China

Ihrer fern lebenden Mutter zuliebe sucht die verschlossene Lynn nach Wegen, an der örtlichen Polizeiakademie aufgenommen zu werden. Zugleich wird die 16-jährige in einen kriminellen Strudel um gestohlene Handys verwickelt. Hunang Ji und Ryuji Otsuka (The Warmth of Orange Peel, Generation 2010) erzählen in präzisen Bildern von Isolation und Perspektivlosigkeit in einer chinesischen Kleinstadt, die von Korruption, sexueller Gewalt und der Allgegenwärtigkeit der neuen Medien geprägt ist.

Freak Show

Von Trudie Styler – USA

Irgendwo zwischen David Bowie, Lady Gaga, Freddy Mercury und Oscar Wilde erschafft sich Billy seinen eigenen Platz am glitzernden Himmel der Popkultur. Seine konservative Umwelt findet das weniger fabulös. Billy hält das jedoch von seinem Plan, sich der Wahl zur Homecoming Queen seiner Schule zu stellen, keineswegs ab. Aus einem High-School-Film wird ein so fulminantens wie nuanciertes Drama, für das das Attribut gilt, dass Billy für sich selbst beansprucht: Transvisionär. Neben Alex Lawther brillieren unter anderem Bette Midler, Laverne Cox, Larry Pine und Ian Nelson.

Loving Lorna

Von Annika Karlsson, Jessica Karlsson – Schweden

In Ballymun, einem ärmlichen Vorort von Dublin, gehören Pferde seit Generationen zum Leben dazu. Auch zu dem der 17-jährigen Lorna und dem Alltag ihrer Familie. Lorna will im Anschluss an die Schule Hufschmiedin werden, wenn nur ihre schlimmen Rückenschmerzen nicht wären. Die beiden schwedischen Regisseurinnen zeichnen in einer poetischen Beobachtung das Porträt einer jungen Frau auf der Suche nach Glück, Träumen und ihrem Platz in der Welt.

Não devore meu coração! (Don’t Swallow My Heart, Alligator Girl!)

Von Felipe Bragança – Brasilien / Niederlande / Frankreich

Der Rio Apa ist der Grenzfluss zwischen Paraguay und Brasilien. Er wird zum Dreh- und Angelpunkt dieser modernen, bildgewaltigen und wuchtigen Romeo-und-Julia-Geschichte zwischen dem 13-jährigen Joca und der geheimnisvollen Guaraní Basano. Seine Geschichte einer jungen Amour Fou erzählt Bragança vor dem Hintergrund aktueller Konflikte um Landraub und kulturelle Identität. Das Spielfilmdebüt überzeugt auf der großen Leinwand auch durch sein gelungenes Miteinander von brasilianischen Jungstars und lokalen Laien.

Poi E: The Story of Our Song

Von Tearepa Kahi – Neuseeland

Die unglaubliche Geschichte eines Popsongs in maorischer Sprache, der 1984 in Neuseeland unerwartet die Spitze der Charts stürmte. Damals grenzte es an ein Wunder, dass traditionell inspirierte Musik so erfolgreich sein konnte. Der Sänger Dalvanius Prime, ein massiger Maori mit kräftig-weicher Stimme, der vom Patea Maori Club begleitet wurde, war lange Zeit dem Soul verschrieben. Dann aber begann er auf der Bühne maorische Gesänge mit modernem Beat und Rap zu mischen. Die Medien hätten das am liebsten ignoriert. Doch Song und Video wurden Kult und verhalfen vielen – vor allem jungen – Maori zu einem neuen Selbstbewusstsein.

The Inland Road

Von Jackie van Beek – Neuseeland

Auf einer neuseeländischen Landstraße führt ein Unfall die 16-jährige Tia mit dem werdenden Vater Will zusammen. Zwischen ihnen, Wills schwangerer Freundin Donna und der vierjährigen Lily entspinnt sich ein feingewebtes und elektrisierendes Drama über sichtbare und unsichtbare Wunden. Der wunderbar fotografierte, atmosphärisch dicht inszenierte Film ist das Spielfilmdebüt der Neuseeländerin Jackie van Beek als Regisseurin. Dem Berlinale Publikum ist sie bereits als Komikerin und Schauspielerin (What We Do in the Shadows, Generation 2014) wie auch als Kurzfilmregisseurin (Go the Dogs, Generation 2011) bekannt.

Shkola nomer 3 (School Number 3)

Von Yelizaveta Smith, Georg Genoux – Ukraine / Deutschland

13 Jugendliche einer wiederaufgebauten Schule im südukrainischen Donbass schildern ihre Hoffnungen und Ängste. In streng kadrierten Einstellungen zeigt der Dokumentarfilm sie in ihrer alltäglichen Umgebung, während sie von Erlebnissen erzählen, die sie bewegen, von aufkommender Liebe ebenso wie von persönlichen Verlusten. Der Krieg kommt oft nur am Rande vor und bildet dennnoch einen unumgänglichen Referenzrahmen. Yelizaveta Smiths und Georg Genouxs Film wirkt durch seine puristische Erzählweise umso eindringlicher.

Soldado (Soldier)

Von Manuel Abramovich – Argentinien

Befehlen, Proben von zackigen Märschen und jede Menge Drill. In Argentinen geht ein 19-jähriger Mann zur Armee und wird dort Trommler in einer Militärkapelle. Eine stille aber eindringliche Studie über den Zusammenprall von jugendlicher Individualität und militärischer Uniformität, in der Widersprüche und Ungewissheiten des Erwachsenwerdens im Fokus einer rigiden Ordnung thematisiert werden. Coming-of-Age in einer „totalen Institution“.

Alle weiteren (schon vorher angekündigten) Filme der Sektion 14plus findet Ihr hier.

Autor: Rochus Wolff

Filmkritiker seit 2004. Vater seit etwas später. (Homepage)

6 Gedanken zu „Berlinale Generation 2017: Das vollständige Programm“

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