Kikeriki – Der Hahn ist weg (2014)

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Kikeriki – Der Hahn ist weg ist einer der seltsamsten Animationsfilme, die ich in letzter Zeit gesehen habe. Normalerweise wäre das bei mir ein Kompliment, aber in diesem Fall bin ich mir nicht so sicher. Schon die Erzählhaltung des Films ganz zu Beginn ist irritierend, gerade weil sie so leichtfüßig-unironisch daherzukommen scheint – das aber an der glatten Bilderwelt abperlt.

Es geht also, hach, alles ist gut und schön und soo ländlich!, um dieses Dorf, St.Victor, dessen Bewohner alle an jedem Morgen um vier Uhr geweckt werden, denn da kräht der Hahn des Bürgermeisters. So sind alle stets müde, aber sie nutzen den Tag – weniger als beglücktes carpe diem, eher im Sinne von ora et labora, aber ohne den Gebetsanteil. Das fleißige, aber stets übermüdete Dorf genügt und versorgt sich so selbst, es ist stets genug von allem da, aber alle klagen immerzu über den Hahn.

Als dann der Bürgermeister (der nichts zu tun scheint außer Bürgermeister zu sein, während alle anderen Bäcker, Bauarbeiter, Schreiner, Bauer, Müller sind) bei einer Feier ein Denkmal für seinen Hahn errichten will, kocht die „Volksseele“, wie man das heute meist nennt, ein wenig über; bald darauf wird der Hahn fortexpediert und dem Nachbarort im Tausch gegen einen Esel überlassen.

Endlich herrscht Ruhe, hurra, alle schlafen erst einmal aus. Anstatt dann aber ausgeruht ans Werk zu gehen, frönt man auch tagsüber zunehmend dem Müßiggang – die Leute machen endlich auch mal wieder Pause. Das könnte ja alles super sein. Aber dann macht der Film explizit, was er vorher schon unterschwellig mitschleppte, und dreht total ab.

Aus Kikeriki – Der Hahn ist weg wird dann eine Lobpreisung der Arbeitsmoral: auf einmal kommt die Bäckerei aus dem Nachbarort (dem mit dem Hahn) und verkauft ihre Brötchen auch in St. Victor. Die Bäckerin fürchtet um ihre Existenz, treibt Bauer und Müller wieder zur Arbeit an – doch als sie selbst wieder Brot backen kann, liefert sie sich mit der Konkurrenz eine wilde Preisschlacht. Das freie Spiel der Marktkräfte wird immer schlimmer, bis die Dorfbewohner_innen sich entschließen, ihren Hahn zurückzuholen.

Im Zentrum des Films (das macht ihn so gruselig, so kalt, so plastikhaft auch über die misslungene, flächenhafte Animation hinaus) stehen keine Figuren oder gar Charaktere, sondern nur die Rahmenbedingungen von Arbeit und Produktion sowie die Struktur wirtschaftlicher Beziehungen. So entsteht eine seltsam unentschiedene Parabel aufs kapitalistische Wirtschaften: Sie predigt den Fleiß und die Betriebsamkeit als Tugend, legt aber zugleich nachgerade merkantilistische Ablehnung gegen die Wirtschaftsprodukte von „Außen“ an den Tag. Freier Handel sieht anders aus, calvinistischer Fleiß aber auch (am Ende erfährt man, dass sich das Nachbardorf recht gut mit dem Hahn arrangiert hat: Man steht früh auf, macht aber nachmittags Siesta und kann so abends sogar noch feiern, statt todmüde ins Bett zu sinken).

Am Schluss ist es der Nachwuchs des Hahns, der den Konflikt zwischen den beiden Dörfern beilegt: beide Gemeinden bekommen so ihr Gekrähe zu früher Morgenstunde, die (so scheint es) conditio sine qua non ihrer Wirtschaftskraft zurück, und gehen vermutlich einer friedlichen Koexistenz abgeschotteter Lokalökonomien entgegen. Wir wissen nicht, was Karl Marx dazu gesagt hätte, aber vermutlich dreht er sich jeden Morgen um vier für eine halbe Stunde fleißig und bei hoher Rotationsgeschwindigkeit im Grabe.

Kikeriki – Der Hahn ist weg (Rooster-Doodle-Doo), Kanada 2013. Regie: Pierre Greco, 76 Min. FSK 0. Erschienen auf DVD.

(Fotos: Universal Pictures)

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