Maleficent – Die dunkle Fee (2014)

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Maleficent ist ein seltsames Biest von einem Film: ein Märchenfilm der für Kinder nicht taugt (offenbar wurde die deutsche Fassung um vierzig Sekunden gekürzt, um eine FSK-Freigabe ab 6 Jahren zu erhalten, aber die von mir gesehene Fassung taugt, vor allem wegen einer recht brutaler Schlachtszenen, sicher nicht für Kinder unter zehn, eher zwölf Jahren); ein Disney-Film, der eine im eigenen Haus gezüchtete Mythologie dekonstruiert; eine Wundertüte computeranimierter Herrlichkeiten, dem seine eigenen Kreationen zu unheimlich sind, um sie wirklich auszuleben.

Über diesen Film etwas wirklich Brauchbares zu sagen, ohne wesentliche Elemente seiner Handlung preiszugeben, ist nahezu unmöglich. Für alle, die sich vom Film überraschen lassen wollen und/oder ihn sowieso sehen möchten, weil: Disney, oder weil: Angelina Jolie – beides legitime Gründe, Maleficent anzusehen – sei deshalb nur kurz gesagt: Der Film ist ein unvollkommenes Hybrid, unterhaltsam, aber seltsam unabgeschlossen, mit einer Erzählung, die sich nie traut, ganz die Geste von eigener Bedeutsamkeit auszuüben, die die zugrundeliegende Geschichte gerne hätte. Und jetzt am besten aufhören zu lesen, bevor ich in die Details gehe.

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Maleficent rückt – der Name des Films deutet es Kenner_innen des Disney-Kosmos bereits an – die böse Fee aus Dornröschen (weniger aus dem Märchen als namentlich aus dem Disney-Film Sleeping Beauty) in den Mittelpunkt der Erzählung. Was brachte die Fee so auf, dass sie den Fluch über „Sleeping Beauty“ aussprach, der sie eigentlich töten sollte? Und so geht es hier (das Englische mit seinen leicht anderen Begriffen liegt dem zugrunde) um die „fairy“ Maleficent (Jolie), stärkste und größte Elfe eines friedlichen Naturreiches, in dem alle Kreaturen miteinander in Vertrauen und Einklang leben.

Im Nachbarreich leben, ehrgeizig und unehrlich, die Menschen unter ihrem gierigen König, der das Naturreich gerne seinen Ländereien einverleiben möchte. Maleficent, die als Kind Freundschaft mit dem Jungen Stefan geschlossen hat, besiegt den König und seine Truppen in einer Schlacht. Stefan (Sharlto Copley), inzwischen herangewachsen, überlistet die Elfe und beraubt sie im Schlaf ihrer Flügel – der sterbende König überlässt ihm daraufhin seinen Thron.

Maleficent wird durch diese Tat zum moralischen Ebenbild Stefans: mißtrauisch, bösartig, auf Rache sinnend. Die sie dann an Stefans# erstgeborener Tochter ausüben will, mit dem bekannten Fluch – aber dann kommen die Dinge doch etwas anders als erwartet.

Jolie ist natürlich eine perfekte Besetzung für diese Figur, die hier die meiste Zeit als kalte, unnahbare Herrscherin auftritt – die eine Schauspielerin in Hollywood, die man sich zu keinem Zeitpunkt ihrer Karriere als gewöhnliches „love interest“ in einer romantischen Komödie vorstellen konnte (mit der Ausnahme von Mr. & Mrs. Smith natürlich, in dem sich Liebesbezeugungen und Pistolenschüsse aufs Schönste überkreuzen).

Wenn sie in aufwendigen Tricksequenzen zu Beginn des Films über ihr Land und durch die Wolken fliegt, eine behörnte Schönheit mit gewaltigen Flügeln, stellt sich schon die Frage, ob die christliche Rechte in den USA solche Bilder wohl goutieren wird – ein gehörnter, später durch Menschenhand gestürzter Engel, der sich anschließend noch zur eigentlichen Heldin des Films entwickelt?

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Denn Disney macht aus der perfekten, perfekt bösen Antagonistin aus Sleeping Beauty hier eine ganz andere Figur, die von der Unschuld und Weltbegeisterung der verfluchten Aurora (Elle Fanning) verzaubert wird und schließlich unter Tränen versucht, ihren eigenen Fluch aufzulösen – dazu ist sie jedoch machtlos. Es hilft nur „true love’s kiss“ – und wie schon in Die Eiskönigin ist es nicht der traditionell heterosexuelle Kuss zwischen Liebenden, der den Fluch lösen wird, sondern – die Handlung deutet es schon früh an – der Kuss von Maleficent selbst, die gelernt hat, ihre „Little Beastie“ um ihrer selbst zu lieben, anstatt sie wegen ihres Vaters zu hassen.

Es ist interessant zu beobachten, was Disney in seinen zwei letzten großen Filmen ausprobiert: Auf einmal spielt die heterosexuelle Paarbindung (große, alleinige Lebensperspektive noch etwa in Arielle) für die Auflösung des zentralen Konflikts keine wirkliche Rolle mehr. Zugleich spielen die Filme damit insofern, als die Paarbindung für die Figuren selbst immer noch als das gilt, was die Erlösung bringen kann (sie quasi in der Disney-Lebenswelt gefangen sind).

Während aber die heterosexuelle Liebe in Die Eiskönigin ein wesentliches Handlungselement ist (und für die Hauptfigur sogar zur Gefahr wird), so spielt sie in Maleficent nur noch in ironischer Brechung eine Rolle – die erste Begegnung von Aurora und ihrem Traumprinzen(!) ist schon so in stereotype Inszenierung getaucht, dass man sie kaum ernst nehmen kann. Ob das nun allerdings bedeutet, dass wir in Disney-Filmen zukünftig weniger Prinzessinnen sehen werden, die nur darauf warten, den richtigen Kerl zu finden – das bleibt abzuwarten. Interessant ist die Entwicklung allemal.

Mit all dem bleibt Maleficent jedoch ein seltsam unentschlossener Film. Seine Zauberwelten, Maleficents Heimat, kann nicht wirklich bezaubern, dafür wirken viele der Effekte und Kreaturen zu bekannt, ohne wirklich eigene Inspiration. Das ist immer noch gut gemacht, kommt aber etwa an die frei ausufernden (aber auch wesentlich blutigeren) Bilderwelten von Guillermo del Toros Filmen (insbesondere Pans Labyrinth oder Hellboy II) nicht heran.

Und auch die Geschichte der Protagonistin bleibt, obwohl sie ja eigentlich den Gestus des Umsturzes in sich trägt, mit dem eine der grundlegenden Märchenstories aus dem Disney-Kosmos umerzählt wird, eigentlich unvollkommen. Am Ende ist irgendwie alles gut, und wenn sie nicht gestorben sind… und es bleibt eine schöne Erzählung, die davon handelt, dass es keine wirklich bösen Monster gibt; allein, ihr fehlt das Feuer dort, wo es in anderen Geschichten unlöschbar heiß lodert.

Maleficent – Die dunkle Fee (Maleficent), USA 2014. Regie: Robert Stromberg, 96 Min. FSK 6. Kinostart: 29. Mai 2014.

(Fotos: Disney)

Autor: Rochus Wolff

Filmkritiker seit 2004. Vater seit etwas später. (Homepage)

2 Gedanken zu „Maleficent – Die dunkle Fee (2014)“

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