Ricky – Normal war gestern (2014)

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Wozu dient eigentlich im Film der Nerd-Sidekick, die Nebenfigur mit Hornbrille und sozialen Unzulänglichkeiten? In einer idealen Filmwelt würde diese Figur womöglich die Protagonistin ergänzen durch besondere Fähigkeiten und Geheimwissen, etwas altkluge Ratschläge und womöglich ein generelles Verständnis vom Anderssein. Könnte man sich ja mal vorstellen. Oder so machen.

Rickys nerdiger Freund Simon hingegen erfüllt vor allem eine formale Funktion in einer bestimmten Konstellation, weil er noch ein wenig bizarrer und sozial inepter ist als sein Umfeld und durch seine Fixierung auf die Beobachtung von Vögeln, namentlich Bussarden, leicht ein wenig lächerlich wirkt. Wie das eben so ist, wenn ein Zehnjähriger sehr fokussiert ist.

Dabei ist selbst Ricky (Rafael Kaul), Titelheld von Ricky – Normal war gestern, ja ein bisschen seltsam, wie er sich da unter dem immer gleichen Baum von seinem imaginären Freund Xi-Lao Peng in der Kunst des Kung-Fu unterweisen lässt. Sein älterer Bruder Micha (Jordan Elliot Dwyer) hält seine Kumpane nicht zurück, wenn sie Ricky ärgern, und die Eltern sind sehr mit sich beschäftigt, denn die Familientischlerei läuft nicht mehr gut.

Das ist ostdeutsche Provinz, nicht ordinär und fies, aber auch nicht besonders hoffnungsfroh; Micha und seine Kumpel klauen im örtlichen Supermarkt Bier, Wein, Schnaps, das geschieht en passant und hat auch keine weiteren Folgen. Daraus macht der Film kein großes Drama: Er ist viel mehr damit beschäftigt, dass die Figuren nicht wirklich miteinander sprechen und sich wenig auf einander beziehen, statt in ihren Sorgen zu versinken.

Ein Mädchen (Merle Juschka) bringt dann das Gefüge zwischen den Jungs ziemlich durcheinander, während es in der Familie bröckelt; da wird der Film dann zum stellenweise auch ziemlich aufregenden Drama, mit bedrohlichen Verzweiflungstaten und dem Moment, in dem „Wir könnten einen Stuhl bauen.“ zu einem lebensbejahenden Satz wird. Das ist zwar alles nicht schlecht gemacht, leider sind jedoch die Beziehungen der Figuren untereinander zu dürr, ihre Motivationen einen Hauch zu stereotyp, als dass aus Ricky – Normal war gestern ein wirklich starker Film werden würde.

Ricky – Normal war gestern, Deutschland 2014. Regie: Kai S. Pieck. 92 Minuten, FSK 6. Kinostart: 6. Februar 2014.

(Fotos: Farbfilmverleih)

Autor: Rochus Wolff

Filmkritiker seit 2004. Vater seit etwas später. (Homepage)

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