Die Familie mit den Schlittenhunden (2013)

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Es gibt seit einiger Zeit eine Bewegung hin zu Dokumentarfilmen, der sich zwar nicht ausschließlich, aber ausdrücklich auch an Kinder und Jugendliche richtet; im Zusammenhang mit der generellen Wiederbelebung, die das Dokumentarische erfahren hat, ist das nur eine konsequente Entwicklung. Wenn die Filme sich an Kinder richten, so geht es oft genug um das Leben von Kindern in anderen Kulturen oder Kontexten – das ist zwar vielleicht ein etwas einfache Perspektive, aber sie ist deshalb weder schlicht noch langweilig. Stattdessen versucht sie oft etwas zu schaffen, was man dem Dokumentarischen auch als ethische Grundlage einschreiben möchte: Den Blick zu weiten auf die Größe und Verschiedenheit unserer Welt, und ihn zugleich darauf zu fokussieren, was uns ähnlich macht.

Am besten gelingt das ganz ohne solchen Pathos, nämlich in den kleinen Geschichten des Alltags. Die Familie mit den Schlittenhunden erzählt deshalb von einer vierköpfigen Familie, deren herausstechende Besonderheit eigentlich nur ist, dass sie zwanzig Kilometer von ihren nächsten Nachbarn und noch wesentlich weiter von der nächsten Siedlung entfernt im kanadischen Norden lebt.

Vater Dave Olesen verdient Geld, indem er Forscher und gelegentlich auch einmal Touristen durch die Gegend fliegt; der Landeplatz für seine kleine Propellermaschine ist die zugefrorene Wasserfläche direkt vor ihrer Haustür. Ansonsten kümmert man sich um das alltägliche Leben, es wird gefischt, Holz gehackt, und an den Werktagen sitzen die zwei Mädchen am Küchentisch und machen Schulaufgaben. Kontakt zum Lehrer gibt es hauptsächlich per E-Mail.

Tochter Annika ist fünfzehn Jahre alt und will beim Junioren-Schlittenrennen von Iditarod teilnehmen; der Film begleitet die Familie, das ist sein Erzählbogen, die Monate des kanadischen Winters hindurch beim Training, auf der gemeinsamen Reise nach Alaska (3500 km mit einem umgebauten Pickup, auf dessen Ladefläche die Hundeboxen aufgesetzt wurden) und bis zum Rennen im Februar 2011.

Das ist selbst dann, als das Rennen für Annika alles andere als glorios verläuft – darauf deuten schon dramatische Ereignisse auf der Reise hin – ganz ohne großes Drama erzählt, keine Helden-, sondern mehr eine Initiationsgeschichte. Vor allem ist es ein Blick darauf, wie Annikas Sicherheit in ihren Entscheidungen und im Umgang mit den Hunden zunimmt: warum sie welche Tiere fürs Rennen wählt, wie sie das Rennen wahrnimmt, und am Ende blickt sie bedauernd auf den Wettbewerb zurück: während des Rennens, sagt sie, waren es meine Hunde, war die Hunde mein Team; nun sind es wieder bloß unsere Hunde.

Die Familienmitglieder berichten sehr unaufgeregt von ihrem Leben in der Einsamkeit; es geht um die Frage, ob den Kindern etwas fehlt ohne größeren sozialen Rahmen, und dass sie dafür eine engere Bindung zur Natur eingehen. Das ist schon allein dadurch spannend, dass es für Menschen des dicht bevölkerten Europas eine eigentlich grundfremde Lebensform ist. Interessant wird das wahrscheinlich für Kinder ab zehn, zwölf Jahren, sofern sie es ertragen, dass vor den Augen der Kamera Wunden verarztet werden müssen, die sich die Hunde gegenseitig zugefügt haben, und einmal ein kleiner Schneehase gehäutet wird; blutiger wird es jedoch nie.

Stattdessen ist das Leben hier ein langer, ruhiger, fest zugefrorener Fluss.

Die Familie mit den Schlittenhunden, Deutschland 2013. Regie: Ralf Breier, Claudia Kuhland. 93 Minuten, FSK 0. Kinostart: 28. November 2013.

Autor: Rochus Wolff

Filmkritiker seit 2004. Vater seit etwas später. (Homepage)

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